The Delta Saints – ‚Wir sind nicht Justin Bieber!‘

Nashville wird als die Countrymusic-Hauptstadt der USA bezeichnet. Aber von dort kommt neben Country auch jede Menge anderer Musik. Rock, Blues, Folk, Roots - in Nashville verschmelzen die Genregrenzen. Wird man automatisch Musiker, wenn man in Nashville aufwächst? Nun, das wohl nicht, aber man hat dort jeden Abend die Qual der Wahl, auf welches Konzert man denn nun gerade mal gehen soll. Aus Nashville stammt die 2007 gegründete Bluesrock Band The Delta Saints, die Swamp- und Delta-Blues mit treibendem Rock und grooviger Gospel-Attitüde verbindet. Wir haben die Jungs nach dem Konzert im norddeutschen Worpswede getroffen.


The Delta Saints bezeichnen ihre Musik als „Bourbon-getränkten Bayou-Rock“, und Gitarrist Dylan Fitch nennt den Stil „Cosmic Voodoo Rock’n’Roll“, wobei der Rest da mehr zu „Psychedelic“ als zu „Cosmic“ tendiert. Aber wer wird sich schon über Details streiten? Fest steht, dass die Musik in keine starre Schublade passt – und das ist gut so. Eben haben die fünf Jungs noch die Music Hall im beschaulichen Künstlerdorf Worpswede bei Bremen zum Beben gebracht, danach mit ihren Fans am Merchstand geplaudert und CDs und Poster signiert, und nun können sie sich endlich im gemütlichen Backstage-Bereich ausruhen und das Catering genießen. Der Tag war anstrengend genug. Morgens ging es aus Isernhagen bei Hannover hinüber in die Niederlande, wo die Band nachmittags auf einem Bluesfestival gespielt hat, und von dort dann gleich wieder „on the road“ und auf den Weg nach Worpswede. Richtig relaxen dürfen die Jungs auch jetzt nach dem Konzert noch immer nicht, denn ein neugieriger Journalist hat da noch ein paar Fragen…

The_Delta_Saints_5.jpgThe Delta Saints sind schon zum siebten Mal (!) auf Europatour. Mit „Bones“ ist vor wenigen Wochen der zweite Longplayer erschienen. Vor fünf Jahren wurde ein Auftritt im legendären „WDR Rockpalast“ mitgeschnitten und auf DVD veröffentlicht. Damit dürfte das Quintett und seine Musik dem einen oder anderen bereits bekannt sein. Aber wir haben die Amerikaner natürlich dennoch geben, sich unseren Lesern kurz vorzustellen. „Wir kommen aus Nashville, Tennessee“, fasst Leadsänger Ben Ringel zusammen, der live nicht nur durch seine wunderbare Stimme, sondern auch durch das Spiel auf der Resonatorgitarre überzeugt und mit seinen Bluesslides viel zum Sound der Saints beiträgt. „Die Leute bezeichnen uns gerne als Bluesband. Obwohl wir bluesige Musik spielen, denke ich, dass wir außerhalb des Genres stehen, das allgemein als ‚Blues‘ bezeichnet wird. Darum haben wir uns auf die Bezeichnung ‚Psychedelic Voodoo Rock’n’Roll geeinigt.“

Aber man muss The Delta Saints und ihren Stil auch gar nicht in ein bestimmtes Genre zwängen. Die Einflüsse von Bands wie The Black Keys, Band Of Horses oder The White Stripes sind unüberhörbar, zwischendurch fühlt man sich aber auch mal an Led Zeppelin erinnert. Trotz der musikalischen Wurzeln in den 70er Jahren ist der Sound modern und druckvoll, was nicht zuletzt an dem soliden Rhythmus-Fundament von Bass und Schlagzeug liegt. Zum ersten Mal in Europa mit dabei ist Vincent „Footz“ Williams, an den Drums der jüngste Neuzugang der Saints. Er stieß erst vor rund drei Monaten zur Band, nachdem der bisherige Drummer Ben Azzi ausgestiegen war. „Footz hat wirklich einen besonders schnellen rechten Fuß an den Drums“, lobt Dylan Fitch seinen Bandkollegen. „Er hat dieser Band sehr viel Energie gegeben. Gerade das Schlagzeug ist so ein integraler Bestandteil unseres Sounds und wie wir live rüberkommen.“ Vorgänger Ben Azzi hatte The Delta Saints verlassen, weil ihm das Touren auf Dauer zu anstrengend wurde. „Ben ist ein fantastischer Schlagzeuger.“ stellt Frontmann Ringel fest. „Es ist uns wichtig, dass er glücklich ist. Wir sind nicht im Streit auseinander gegangen.“

The_Delta_Saints_8.jpg „Aber von den aktuellen Veränderungen in der Band zurück zu deren Anfängen. The Delta Saints wurden im Jahre 2007 gegründet. Frontmann Ben Ringel erinnert sich: „Damals sind David (Supica, der Bassist, Anmerkung der Redaktion) und ich sowie unser damaliger Gitarrist alle gemeinsam auf die Universität von Nashville gewechselt. Wir kamen alle von anderen Schulen und Universitäten und haben uns dort getroffen. Wir waren also ‚Die Neuen‘ und wollten gemeinsam Musik machen. Aber eigentlich ging es ja nur darum, Kumpel zu finden, um zusammen ein Bier trinken zu gehen.“ Was zunächst als College-Band begann mit der Absicht, lediglich ein paar Songs zu schreiben und Liveauftritte zu absolvieren, wuchs schnell, als sich die Qualitäten der jungen Band in Nashville herumsprachen. In den nächsten zwei Jahren entstanden die EPs „Pray On“ und „A Bird Called Angola“. „Wir gingen ja noch zur Uni oder hatten ganz normale Jobs in Restaurants und Cafés“, fährt Ben Ringel fort. „Niemand von uns kam damals auf den Gedanken, hauptberuflich Musiker zu werden. Es hat sich alles im Laufe der Jahre entwickelt. Damals war es einfach nur ein Spaß, an einem Freitag Abend für Freibier und Benzingeld auf der Bühne zu stehen.“

Gitarrist Dylan Fitch, der übrigens seine eigenen Tonabnehmer für den Sechssaiter entwickelt und baut, hat zuvor in einer Reggea-Band gespielt. „Es ist so schwer, wenn Du jung und in einer Rockband bist. Du kannst nicht reich damit werden, manchmal reicht es noch nicht einmal aus, um deine Schulden zu bezahlen. Ich stieß ungefähr zu den Zeitpunkt zu The Delta Saints, als sie anfingen, wirklich professionell Musik zu machen. Ich wollte unbedingt auf Tour gehen.“ Wenn man in der Musikstadt Nashville aufwächst, bekommt man es vielleicht ein wenig in die Wiege gelegt, Musiker zu werden. Aber eigentlich war Fitch nicht vorbelastet – weder Vater noch Mutter sind Musiker. „Ich habe lediglich herausgefunden, dass Musik genau das ist, was ich machen wollte. Meine Eltern haben mich sehr bei diesem Wunsch unterstützt. Es hat also wirklich nichts damit zu tun, dass ich aus Nashville stamme, sondern vielmehr damit, dass ich wunderbare Menschen um mich herum habe, die mich unterstützt und mir geholfen haben, meinen Traum zu verwirklichen.“

The_Delta_Saints_9.jpg „Nach den beiden EPs und der im WDR Rockpalast aufgenommenen DVD stand das erste Album der Amerikaner auf dem Programm: „Death Letter Jubilee“ wurde 2013 veröffentlicht und über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert. Die Musiker erklären, dass im Prinzip auch die Aufnahme der neue Platte „Bones“ in Eigenregie finanziert wurde. „Beide Alben habe wir zunächst selbst finanziert“, berichtet Dylan Fitch. „Als wir damit fertig waren, haben wir nach einem Weg gesucht, sie zu veröffentlichen. Bei ‚Death Letter‘ konnten wir kein Label finden, dessen Verträge zu unserer Zufriedenheit gewesen wären. Wir waren noch so jung und es war das erste Album. Wir wären ganz vom Label abhängig gewesen, und das wollten wir nicht. Also haben wir die Veröffentlichung über Kickstarter finanziert. Bei ‚Bones‘ haben wir den Produzenten und die Aufnahmen wiederum selbst bezahlt, aber dann beschlossen, das Album einem größeren Publikum zugängig zu machen. Wir brauchten also einen Vertrieb und ein Label.“

Dennoch ist „Bones“ ein Album geworden, das zu 100 Prozent den musikalischen und kreativen Wünschen der Band entspricht, wie Fitch verrät. „Wir hatten ja schon alles fix und fertig, als wir es dem Label vorlegten. Und genau so wird es auch mit unseren zukünftigen Platten aussehen: Wir nehmen alles auf und produzieren die Platte, und dann kümmert sich das Label darum, es genau so unter die Leute zu bringen.“ Frontmann Ben Ringel fährt fort und stellt fest, dass „Bones“ das erste Album der Amerikaner ist, das wirklich ohne jeden Kompromiss entstanden ist. „Wenn man jung ist, versucht man immer, so wie diese oder jene Band zu klingen und wird beim Songwriting von anderen beeinflusst. Auf dieser Platte haben wir gar nicht erst versucht, wie jemand anderes zu klingen. Dies ist genau unser Album geworden.“

The_Delta_Saints_13.jpg „Das hört man „Bones“ und den Songs darauf auch jederzeit an: Ehrlicher, bodenständiger Bluesrock. Nein, „Psychedelic Voodoo Rock’n’Roll“. Oft beschwört die Musik Bilder im Kopf des Zuhörers herauf, und im Titelsong haben die Amerikaner teils mit lautmalerischen Elementen gearbeitet. ‚Be the wind at the willow / rattle them bones‘ heißt es im Titeltrack der neuen Platte. Und deutlich ist das Knochenrasseln in den Percussions zu vernehmen, während das Keyboard leise vor sich hin heult wie der Wind an der alten Weide. „Es geht darum, dass jeder Hörer sein eigenes Bild im Kopf zeichnet“, verraten uns Fitch und Ringel. „Das muss nicht notwendigerweise das gleiche Bild sein, das wir beim Songwriting in unseren Köpfen hatten, aber gute Musik sollte diese Bilder und Stimmungen irgendwie transportieren.“ Das schaffen The Delta Saints mit ihren Songs ohne jeden Zweifel. Das Songwriting der Amerikaner folgt keinen starren Regeln. Manchmal sind Texte zuerst da, dann wiederum musikalische Ideen wie eine Melodie oder ein bestimmtes Riff. „Manche Songs fingen sogar als Drum-Groove oder Drum-Loop an.“

Wichtig ist der Band beim Schreiben der Stücke jedoch, dass alle Mitglieder in den Schaffensprozess integriert werden. Es existiert ein gemeinsamer Respekt vor den Fähigkeiten der einzelnen Musiker, und diesen Zusammenhalt sowie die Kreativität jedes einzelnen hört man der Band sowohl live als auch auf dem neuen Album an. „Bones“ ist übrigens über einen Zeitraum von rund einem Jahr entstanden, da es den Saints immer nur möglich war, für wenige Tage am Stück ins Studio zu gehen. Der Name The Delta Saints ist seinerzeit eher aus der Not heraus gewählt worden. Delta Blues war schon immer ein Element der Musik dieser Band, auf den EPs sogar noch mehr als heute. Da bot sich der Name „Delta“ natürlich an. Als „Heilige“, also „Saints“, sehen sich Ben Ringel und seine Mannen allerdings nicht wirklich an. „Der Name ist mehr ironisch“, stellt der Frontmann fest. „Wenige Wochen vor einem Gig mussten wir uns einen Bandnamen überlegen. Wir hatten also zwei verschiedene Listen mit jeweils einem Begriff, und so sind wir schließlich bei ‚Delta‘ und ‚Saints‘ gelandet. Eigentlich gefällt mir der Name überhaupt nicht.“

The_Delta_Saints_11.jpg „Aber dennoch – der Name klingt cool, und die Saints werden in Europa gefeiert und kommen bei ihrem Publikum gut an – besser noch sogar als in ihrem Heimatland, wie Ben Ringel berichtet. „Die Europäer mögen diese Art von Musik sehr gerne. Roots, Blues, Americana, das ist hier wirklich gerade ziemlich angesagt. Außerdem ist es in Europa viel einfacher, die Leute dazu zu bewegen, zu einem Konzert einer neuen oder unbekannten Band zu gehen. Das passiert bei uns in den Staaten eher selten. Gerade in Nashville existiert ein Überangebot. Jeder dort hat irgendwie mit Musik zu tun, jeder ist in irgendeiner Band.“ Da interessiert uns natürlich auch, ob es ein Unterschied ist, vor amerikanischem oder europäischen Publikum aufzutreten. Wie Ben Ringel verrät, muss man gar nicht so weit über den Atlantik schauen, um Unterschiede zu erkennen. „Selbst in Europa – ja selbst innerhalb von Deutschland – ist das Publikum immer ganz verschieden“, verrät uns der Sänger. „Zum Beispiel waren die Leute heute hier in Worpswede ja doch eher reserviert und standen oder saßen die meiste Zeit still da. Das muss ja nicht heißen, dass es ihnen nicht gefallen hätte. In Hamburg ist die Menge mal sehr viel lauter gewesen, und ich erinnere mich noch an einen Gig, den wir vor einiger Zeit in der Nähe von Stuttgart hatten. Das war das lauteste und wildeste Publikum dort, das wir jemals gehabt haben. Es ist also immer ganz unterschiedlich.“ Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Das Musikerleben ist eben wie ein Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was für ein Publikum man bekommt.

The_Delta_Saints_12.jpg „Bei einem Konzert der Saints weiß das Publikum allerdings ganz klar, was es bekommt: Ehrliche und mitreißende Musik, eine groovige Mischung verschiedener Stile und 100 Prozent Rock’n’Roll. The Delta Saints freuen sich immer wieder, wenn sie in Deutschland sein dürfen. Sie bedanken sich bei allen ihren Fans und Konzertbesuchern und insbesondere bei den Whiskey-Soda-Lesern. „Solche Magazine helfen uns auf unserem Weg, und wir wissen das wirklich sehr zu schätzen. Wenn Euch unser Album gefallen hat, dann redet darüber mit anderen und kommt zu unseren Shows. Nur durch Euren Support können wir weitermachen. Wir brauchen Leute wie Euch, die sich für uns begeistern und diese Begeisterung mit anderen teilen. Leider sind wir nicht Justin Bieber, von daher brauchen wir Euch und die Mundpropaganda!“

Na, das ist doch auch gut so. Justin Bieber und Cosmic Psychedelic Voodoo Rock’n’Roll? Nein, lieber nicht. Den Job überlassen wir gerne The Delta Saints, denn der steckt in ihren Knochen. Let them rattle your bones.

Interview, Übersetzung und Fotos: Michael Buch

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