Bigelf – Von antiken Instrumenten, Jedi-Kräften und gebrochenen Knochen

Welchen Anteil am Erfolg einer Band hat die Optik? Slipknot und Hämatom machen mit schrillen Masken auf sich aufmerksam und schon der Altmeister aller Gruselrocker, Mr. Alice Cooper, legte den Grundstein seiner Karriere nicht nur mit schrägem, damals ungewohnten Rock, sondern nicht zuletzt mit theatralischen Shows und Outfits, die schockten. Eine echte Punkband hat gefälligst mit Irokese und Nieten aufzutreten, um ihre Identifikation mit der Szene zu belegen. Metalheads tragen Kutte, Schwarzes Shirt und lange Haare. Doch wo läuft die Grenze zwischen Marketing und Authentizität? Eins ist sicher: Der Zylinder, die wallende Mähne und der Eyeliner von Damon Fox der Psychedelic-Doomer Bigelf lenkt Blicke auf sich. Umso mehr, wenn der Pianist und Sänger am Bühnenrand steht und links und rechts ein Keyboard bedient und exstatisch dazu singt. Dann merkt man, daß hier das Gesamtpaket überzeugt! Doch wer ist der Mann hinter dem Zylinder? Wie sieht er seine Band und seine Musik im Musikgeschäft als Ganzes? Der irgendwie aus der Zeit gefallen wirkende Kalifornier hat mit unserem Metal-Chef Daniel über diese und andere Fragen geplaudert und dabei tief und persönlich blicken lassen.

Entspannt floatet der Retro-Rocker in das muffige Backstage-Büro des Z7 in Pratteln, nur um mit einem

„Riecht ja beschissen hier, lasst uns in den Tourbus gehen“

auf dem Absatz umzudrehen und uns zielstrebig durch den Backstage-Bereich dorthin vorangeht. Nein, er trägt ihn nicht in seiner Freizeit im Tourbus, den Zylinder, den Gehrock und den Eyeliner. Trotzdem wirkt der sympathische Vierziger weder underdressed noch demaskiert. Der Mann ist ein Musiker, der seine Prägung durch die Musik und Optik der großen Bands der 70er auch in seinem Freizeitlook ausdrückt, ohne daß es aufgesetzt wirkt.

1.jpg

„Die Bands, die heute Stoner-Doom-Prog-Siebziger-Rock machen und die ja gerade in den letzten ein, zwei Jahren total angesagt sind, tragen lange Haare und Schlaghosen. Sie kleiden sich so, wie Sabbath und Deep Purple damals rumgelaufen sind. Wir haben das schon Anfang der 90er gemacht. Denn diese ganze Stoner-Sache ist eigentlich in den 90ern entstanden, sie ist nur jetzt wieder groß geworden. Damals hatten Wolfmother den Stein ins Rollen gebracht, da haben die Leute begonnen zu verstehen, daß man wie Led Zeppelin klingen und gleichzeitig Platten verkaufen kann. Dann gab es Saint Vitus und Nebula. Heute werde ich teils als einer der Paten dieser Bewegung gesehen, was ich natürlich fantastisch finde. Leute haben mir schon gesagt: 1971 wärt ihr sicherlich richtig berühmt gewesen. Das ist schon eine gewisse Tragik bei Bigelf. Wir waren entweder 30 Jahre zu spät oder 10 Jahre zu früh mit unserem ganz eigenen musikalischen Ding. Als wir unser neues Album gemacht haben, haben mir Leute gesagt: Ihr solltet unbedingt so ’ne Retro-Platte machen, das passt total zu Euch. Und ich dachte nur: Na super, das machen wir doch schon. Wir machen schon lange dieses Stoner-Retro-Ding. Und wir kochen auch in der Progressive-Suppe mit. Darum geht’s doch sowieso: Alle Zutaten in die Suppe zu hauen und dann richtig abzuschmecken, anstatt zehn weitere Blues-Rock-Songs zu machen. Ich habe nie behauptet, daß Bigelf originell seien, aber wir sind innovativ, denn wir unterscheiden uns von unseren Wurzeln! Die Kombinationen, die wir machen, findest du bei keiner anderen Band. Die Beatles und noch mehr dazu, das war immer unser Ziel, dieser Hybrid-Stil. Vielleicht ist das ein Grund, warum wir nicht mehr Leuten gefallen. Den Metalheads sind wir zu soft, den Popfans zu satanisch, den Proggern sind wir zu Glam-mäßig und den Glam-Freunden zu anspruchsvoll. Obwohl wir eigentlich all diese Genres ansprechen, haben wir noch nicht das eine Rezept gefunden, um bei einem größeren Publikum anzukommen. Irgendwo da draußen wartet das auf uns, ich weiß es. Also gehen wir auf die Bühne und machen weiter unsere Musik.“

Gemeinsam mit all den Widrigkeiten, die die bereits 1991 gegründete Band seither überstanden hat, sehr frustrierend, daß man „nicht so richtig landen konnte“, obwohl „es“ doch da war. Man hat im Vorprogramm von Dream Theater auf der „Progressive Nation Tour 2009“ ein großes, potentiell neues Publikum erreicht. Er lag in der Luft, der kommerzielle Durchbruch. Die Kritiker haben die Musik seiner Band immer gemocht und ihr ein sehr großes Potential zugesprochen. Trotzdem spielt Bigelf noch immer in kleinen Clubs vor nicht selten weniger als 50 Zuschauern. DER Beweis, daß es eben nicht nur um die Musik alleine geht. Daß es immer noch „Musikgeschäft“ heißt und die wirtschaftlich-professionellen Anteile dazugehören, ob man das nun mag oder nicht. Ungünstige Marketingbedingungen, der Tod von Gründungsmitglied A.H.M. Butler-Jones und der Ausstieg von Bandmitgliedern, die Liste der Rückschläge ist lang.

„Sicher ist es frustrierend, unsere ganze Karriere ist eine einzige Frustration“, sinniert Fox bequem in die Lounge im Tourbus gefläzt. „Es ist einfach so und es gibt keine einzelne Person in der ganzen Maschinerie, die daran schuld ist. Wir haben ja schon lange vor 2009 viel getourt, auch in Europa. Als wir dann für sieben Shows mit Dream Theater auf Tour waren, mit einem neuen Album, dachte ich mir: Jetzt ist es soweit. Es kamen weniger Leute als ich erwartet hatte. Man weiß dann nie so richtig, woran es lag. Ist es der Wettbewerb, sind zu viele andere gute Bands auf Tour? Liegt es am Promoter, ist es der falsche Club, weil Leute schlicht nicht in diesen oder jenen Club gehen, um sich Rock’n’Roll-Stoner-Rock anzusehen? Ich krieg immer wieder E-Mails von Leuten, die mich fragen: Warum spielt ihr nicht im Club in meiner Stadt? Aber ich habe ja bei weitem nicht die Kontrolle über jeden einzelnen Aspekt des großen Ganzen. Also versuchen wir noch immer das Beste daraus zu machen und hoffen, daß es beim nächsten Mal besser sein wird. Ich weiß einfach nicht, warum dieser ganze Kram passiert. Irgendjemand trifft es eben immer und klar ist das enttäuschend, wenn einem immer wieder das Potential zu mehr zugesprochen wird aber es einfach nicht passiert. Eine Sache ist aber auch wahr über Bigelf: Trotz allem haben wir es irgendwie geschafft, relevant zu bleiben. Irgendwie, trotz aller musikalischen Trends die in dieser Zeit gekommen und gegangen sind, sind wir immer noch da. Wir sind relevant, wir sind leidenschaftlich und auf eine eigene Art sind wir immer noch „neu“. Und das ist wirklich cool, obwohl es ja schon Fluch und Segen in einem ist.“

6.jpg „Die Musik von Bigelf, von der Band selbst als „Psychedelic Doom“ beschrieben, wird vom neuen Label Inside Out, das besonders für Progressive Rock bekannt ist, vertrieben. Produziert hat es Damon Fox selbst, mit tatkräftiger Unterstützung von Tausendsassa Mike Portnoy, der seine Unterstützung angeboten hatte, als Fox mit ihm über das irgendwie im Raum stehende Ende der Band gesprochen hatte. Portnoy, bekennender Fan der Band hat die Drums auf dem Album mit eingespielt und bei der aktuellen, kleinen Europa-Tour auch einige Konzerte mitgespielt. Warum sie gerade zu Inside Out gegangen wären und das Album nicht komplett selbst auf die Beine gestellt hätten, beispielsweise mit einer dieser Tage so populären Crowdfunding-Kampagnen, frage ich den inzwischen absolut ins Interview vertieften Meister der Tasten.

„Wir waren zu dem Zeitpunkt keine rund laufende Maschine. Die Band befand sich in einer Art Schlafzustand und ich war mir nicht mal sicher, ob man es eigentlich noch als Band bezeichnen konnte. Ich hatte diesen Gedanken losgelassen, einfach um irgendwie zu überleben. Aber ich habe überlebt und wir hatten tatsächlich über eine Crowdfunding-Kampagne nachgedacht. Aber eigentlich wollte ich keine reine Hausmannskost auf die Beine stellen. Wir brauchten wirklich ein Label wegen der Strukturen. Über die Jahre haben wir so viel Zeit in Bigelf investiert und ich wollte dann nicht mit einem fertigen Album dastehen um dann auch noch den Vertrieb völlig auf eigene Faust zu übernehmen. Mit Inside Out haben wir nun einen anständigen Partner dafür an unserer Seite. Wir können wieder neu Kontakt zur Prog-Szene aufnehmen, Portnoy ist auf der Platte – also von dem Punkt aus gesehen, an dem wir vor zwei Jahren standen ist das definitiv ein Fortschritt, denn man will ja das Beste aus dem machen, was man schon erreicht hat. Was das Genre betrifft, ist das so eine Sache. Ich finde nicht, daß wir notwendigerweise völlig in die Prog-Schublade passen. Auch wenn wir mit Dream Theater und Porcupine Tree auf Tour waren. Für mich ist Bigelf keine Prog-Band. Wir sind aber auch keine der Retro-Bands wie Kadavar oder Ghost, die gerade so in sind. Allerdings haben wir vermutlich die gleichen Wurzeln. Und ich sehe Bigelf eher so als als eine Prog-Band. Wir machen keinen Prog. Es ist einfach innovative, intelligente Rockmusik. Jetzt, wo wir bei Inside Out sind, sehe ich vor meinem inneren Auge die Prog-Heads ihre Köpfe kratzen. Ich habe ja schon gesagt, wir sehen auch nicht wie eine Prog-Band aus. Prog-Bands haben historisch gesehen keinen „Look“. Nimm Pink Floyd. Die ultimative Psychdelic Band, origineller Prog, langsam, sanft. Die Jungs sehen nicht aus wie Jimmy Page, Chris Robinson oder Nikki Sixx. Aber Bigelf schon. Trotzdem: Auch wenn wir unseren Look haben, uns geht es um den Rock’n’Roll. Und darum ging’s im Prog ebenfalls nie. Er hat Schminke und einen Zylinder. Aber er hat auch ein Mellotron. Moment mal. Das muss Peter Gabriel sein. Das ist die Verbindung, die die Leute machen. Weißt du, welches die abgefahrendste Band da draußen ist? Hawkwind! Die sind wie Hawkwind, weil die auch so abgefahren sind. Oder Arthur Brown oder so. Wenn die Leute meinen – solange sie es mögen, das ist das einzige was für mich zählt. Und wer uns nicht mag – auch gut. Ich versuch einfach, auf meine Art eine Verbindung zu den Leuten herzustellen.“

„Als ich anfing Musik zu machen, war ich nicht sehr glücklich mit der Metal-Szene oder der Synthie-Pop-Szene. Meine Wurzeln liegen in allen möglichen Arten von Musik. Ich bin mit den Beatles und Zeppelin aufgewachsen, Uriah Heep, der ganze Kram. Ich war kein besonders großer Prog-Fan. Wenn man sieben Jahre alt ist, legt man nicht „In The Court Of The Crimson King“ auf. Das ist Musik, die man frühestens als Teenager entdeckt. Aber mit ‚Highway To Hell‘ und ‚Stairway To Heaven‘ kann jeder was anfangen, oder? Ich hab als Kid aber auch RUN DMC und Depeche Mode geliebt. Als die 80er zu Ende gingen und die 90er begannen, gab es für mich eine Nische. So gesehen machte das, was wir dann schließlich taten, Sinn. Ich wollte schon immer was retro-mäßiges machen, aber ich hatte zu der Zeit keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Es war so eine abstrakte Vorstellung, Musik zu machen die nicht wie das klang, was die meisten anderen gerade machten. Also hab ich 1988 angefangen, mit Ideen rumzuspielen. Daraus wurden später die Songs ‚Falling Bombs‘ und ‚Change‘. Sie waren eine Art Blaupausen für Bigelf, ich habe sie ’87 und ’88 geschrieben. Dann landete Lenny Kravitz mit ‚Let Love Rule‘. Dann kamen die Black Crowes. Spätestens da wußte ich, okay, das passt. Es machte Sinn. Ich kannte ja auch etliche von den Jungs, weil wir alle von der Westküste kamen. Also fingen wir an, Rock Musik mit Prog-Elementen, Doom-Elementen und Glam-Elementen zu machen. Aber das Hauptelement, und ich glaube, daß das in dieser Kombination bis heute keine andere Band hat, ist ein ästhetisches Element.“

3.jpg „Dann ist Bigelf nun mit all dem bei dem Progressive-Label Inside Out Music angekommen und ist kein Progressive-Rock? Nicht mal ein bißchen? Nun, man kann natürlich endlose Diskussionen darüber führen, was Prog überhaupt ausmacht, denn darunter versteht durchaus auch jeder etwas anderes. Warum er denn Bigelf nicht als Prog-Band sehe, möchte ich von dem Mann wissen, der später am Abend mit den Herren Mike Portnoy und John Wesley sowie Basser Duffy Snowhill ein erstklassiges Konzert aufführen wird.

„Gibt es bei Bigelf Prog-Elemente? Natürlich! Wir passen mit unserem rohen, Rock’n’Roll, den komplexen Arrangements, der Orgel und dem Mellotron genau in die Definition von italientischem Prog von 1971. Sind die frühen Sachen von King Crimson ähnlich wie Bigelf? Auf jeden Fall! Es gibt definitiv viele Verbindungen von Prog und Bigelf. Ist Bigelf insgesamt gesehen eine Prog-Band? Nein! Weil das die Bands wie Yes, Kansas, Rush, Marillion oder Dream Theater sind. Der wahre Ursprung von Progressive Rock war Jazz, der mit Rock und Klassik vermischt wurde. Laßt uns was verrücktes machen und Jazz mit Rock verbinden. Genau das haben Emerson, Lake & Palmer gemacht. Das haben sie damals alle gemacht. Auch die Beatles. Sie haben klassische Musik kopiert! Keine große Sache! Der Blues macht das auch. Die meiste Rock-Musik, zum Beispiel Led Zeppelin ist Blues mit Schlaghosen und Theremins. Ein brillantes Konzept! Das braucht man auch, und trotzdem finde ich nicht, daß wir ins Prog-Schema passen. Manche Prog-Freunde scheinen uns zu mögen, weil wir lebendig sind und weil es so viel zu entdecken gibt. Aber es ist nicht so, daß ich mich hinsetze und am Reißbrett alles konzipiere. Ich stürze mich einfach in den Kaninchenbau und suche das Kaninchen. Da suche ich dann das Kaninchen. Manchmal brauche ich ein Jahr – oder ich finde es gar nicht, aber so macht man ein gutes Album. Immer wieder schreiben mir Leute und sagen: Mann, jetzt hab ich das Album zehn Mal angehört und hab diese oder jene coole Stelle gefunden. Danke vielmals! Mir geht’s da aber nie in erster Linie darum, wie gut wir spielen. Für mich sind der Geist der Platte, die konzeptionellen Ideen, die verschiedenen Lagen der Klänge und solche Dinge das Zentrale. Für mich waren auch „Revolver“ und „Sergeant Pepper“ progressiv. Die Beatles waren definitiv progressiv bevor Rush es waren. Sie haben jede Menge abgefahrenen Scheiß gemacht, den niemand je zuvor gemacht hatte. Genau das sollte die Definition von „Progressiv“ sein. So gesehen sind wir dann doch wieder progressiv, denn wir haben 17 verschiedene Musikarten in einem Song. Auf der anderen Seite ist das Prog-Publikum teils auch etwas snobby. Um Frank Zappa zu hören, muß man etwas in der Birne haben. Die Jungs sind es gewohnt, daß jede Menge unterschiedliche Noten in ihre Ohren eindringen. Bei Rockern ist das glaube ich nicht so. Die wollen einfach rocken und gut ist. Und das ist schon ein totaler Unterschied!“

8.jpg „Immer wieder betont Fox die Bedeutung der Rock’n’Roll-Attitüde und des Looks, des Gefühls, spielerisches Niveau beinahe als nebensächlich! Doch die Musikalität ist da, nicht zuletzt die bereits erwähnten akrobatischen Fähigkeiten des Mannes mit dem Zylinder, das Mellotron links und die Hammondorgel rechts zu spielen und dazu auch noch zu singen! Meint er das wirklich so? Nebensächlich? Ist das Bescheidenheit? Hat der Mann zu viel Spacerock gemacht? Ist es bewußtes, Marketing-Understatement? Ob er schon einmal darüber nachgedacht habe, sich nur auf die Tasteninstrumente oder das Singen zu konzentrieren und stattdessen noch jemanden in die Band zu holen, fragen wir den Kalifornier. Oder ob er genau damit nicht eines der Markenzeichen der Band preisgebe?

„Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich wahrscheinlich schon für das Mikrophon entscheiden. Es ist doch so: Singen tue ich ja bereits und einfach nur Keyboard zu spielen ist mir zu einfach. Wobei alles zusammen zu machen, immer noch die größte Herausforderung ist. Ich kann das noch lange nicht wirklich gut! Das ist also wirklich schwer. Richtig proben kann ich das auch nicht, ich werde nur besser darin, wenn ich Konzerte spiele. Ich kann das nicht üben, denn ich brauchen den Raum und die Atmosphäre der Shows. Man geht da raus und es passieren all diese Dinge. Es ist richtiger Jedi-Scheiß! Knöpfe drücken und Singen. Wenn niemand anderer da wäre, könnte ich das gar nicht! Ich verbinde mich dann mit dem Publikum und ich sehe nicht auf die Tasten. Meine Hände finden irgendwie ihren Weg. Das ist mal Prog! Jeder schaut zu und meine Augen sind geschlossen! Aber ich fühle es in diesem Augenblick einfach. Sobald ich irgendwas machen muss, was nicht geplant war, beispielsweise etwas umschalten – dann passieren mir sofort Fehler. Beim Singen ist das alles anders. Da kann man sich voll drauf konzentrieren. Wenn wir Videos drehen spiele ich kein Keyboard und das gefällt mir eigentlich sehr. Nur das Mikrophon zu haben und dieses Element total zu entdecken ist schon sehr cool, aber ich tue es gar nicht so oft. Ich weiß also eigentlich gar nicht so viel darüber. Und was zusätzliche Musiker betrifft: Grundsätzlich bin ich schon sehr aufgeschlossen. Wir waren mal eine zeitlange eine fünfköpfige Band, in der ich der zweite Gitarrist war. War nur ’ne relativ kurze Periode 2002. Was mir irgendwie schon gefallen würde wäre ein Gitarrist, der auch Keyboard spielen kann. Dann könnte ich ein paar Songs performen und mich mehr auf der Bühne bewegen. Aber im Grunde denke ich, daß Bigelf in der jetzigen Form sehr gut funktioniert. Was es genau ist, kann ich dir auch nicht sagen, aber die Leute machen diese irrwitzigen Vergleiche. Ich krieg jede Menge Mails, in denen Leute auf Jules Verne, die Zeitmaschine, Wizard of Oz erwähnen. Sogar der verdammte Willy Wonka kommt ihnen bei mir in den Sinn. Ich liebe das! Wenn die Leute das mit dem Verbinden, was sie sehen und hören, dann bin ich super-happy. Manche vergleichen mich mit einem Professor, keine Ahnung, wie sie darauf kommen. Vielleicht wegen der vielen Worte und der vielen Dinge, die auf der Bühne passieren.“ Lachend fügt der Mann mit der Jesus-Frisur hinzu: „Das witzige an all dem ist, daß ich mir immer denke: Die schauen dir nur zu, weil die sehen wollen, wie du verkackst. Schafft er es oder verkackt er’s? Beim nächsten Mal jagt er alles hoch und wird zurück in die Steinzeit geblasen!“


2.jpg „In seinem Lounge-Sessel im Tourbus wirkt Fox wie ein absolut gechillter Musik-Freak, später auf der Bühne wie ein Fisch im Wasser, völlig in seiner eigenen Welt. Am Bühnenrand stehen Hammond-Orgel und Mellotron und auch ein Miniatur-Jedi-Meister Yoda in Gestalt einer Gummifigur ist dabei. Portnoy hat sein Schlagzeug im Hintergrund relativ bescheiden gehalten und auch ansonsten ist wenig Schnickschnack zu sehen. Einzig die seltenen Instrumente und Fox Look hat so etwas wie Show-Qualitäten. Und das von einer Band, die von sich behauptet, dass es neben dem Rock immer auch um das visuelle gehe?

„Ich hätte so viele Ideen, Mann. Ich hätte meine Tasteninstrumente gerne auf einer Hebebühne, so dass ich von einer Seite der Bühne zur anderen fahren könnte. So würde ich jeden immer sehen können. Ach, wenn ich das Geld hätte, würde ich viele coole Sachen machen. Hologramme von Cello spielenden Piraten – ich könnte ewig weiter verrückte, coole Ideen spinnen. Wir spielen ja recht viel an der US-Westküste, da haben wir einen Typen an der Hand, der auf unseren Konzerten eine Laser-Show zu unserer Musik macht. Das ist voll abgefahren Mann, die Leute werden davon absolut weggeblasen! Es ist wie bei Pink Floyd. Aber so einen Lasertypen immer und überall verfügbar zu haben, ist leider eine ganz andere Sache. Momentan sieht es so aus, dass ich mit Bigelf sprichwörtlich ums Überleben kämpfe. Ich liebe was ich tue absolut, aber ich muss eben auch davon leben. Unsere Show ist so wie schon immer: Roher, harter Rock’n’Roll mit Leidenschaft. Wenn wir es mit unseren Plattenverkäufen und den anderen Einnahmen irgendwann auf ein Level wie Dream Theater schaffen könnten, das wär was! Dann lass ich die Puppen tanzen, mein Lieber! Momentan ist unser Ruf aber noch grösser als unser Erfolg. Solange das so ist, müssen wir eben das Beste draus machen. Es geht letztlich doch darum, Musik zu machen und glücklich damit zu sein.“

4.jpg

„Ich fühle mich wohl, vor Leuten zu spielen. So was wie klassisches Lampenfieber kenne ich nicht. Es ist eher das drumherum. Meine Instrumente, mein Cockpit, wird der ganze Krempel funktionieren? Es ist ein bisschen so, wie 20 Teller gleichzeitig zu jonglieren. Ich meine, Mike Portnoy ist dabei – auch wenn wir keine Band sind. Klar, wir spielen zusammen und er ist eh der Beste. John Wesley ist auch noch ganz kurzfristig mit auf Tour gekommen, ein ganz besonderes Bigelf-Paket, dass es so wohl nie wieder geben wird. Die Jungs sind natürlich absolute Profis, aber da wir keine Band sind, fehlt manchmal die intuitive Kommunikation, so wie man das in einer gewachsenen Band hat. Vor zehn Jahren sind wir einfach raus gegangen und haben gespielt. Aber das hier ist eine ganz andere Sache. Man kennt sich dann auf Live-Ebene eben doch nicht so gut, aber man muss ja trotzdem kommunizieren. Da muss man dann schon sehr gut aufpassen. Aber manchmal, das habe ich ja schon gesagt, schalte ich dann in den Autopilot. Das ist dann ein anderer Bewusstseinszustand. Mir hilft das zum Glück, aber das heisst noch nicht, dass mir Mike und John dann damit folgen. Das ist also schon ’ne echte Herausforderung, bei der ich ein bisschen nervös werde, wenn ich ehrlich bin. Es ist eben eine kleine Tour, eine kleine Crew und alle helfen überall mit, damit das Budget passt. Ich helfe beispielsweise auch beim Ein- und Ausladen mit und so weiter. Das Wichtigste ist, dass mein alter Scheiss mitmacht. Manche meiner Instrumente sind aus den Sechzigern!“

Ein Musiker durch und durch? Was er denn sonst so mache, wenn er Zeit und Muse habe, frage ich Damon Fox zum Abschluss des Gesprächs. Ein bisschen Zeichnen manchmal, oft auch Artworks für die Band. Meditation wolle er schon lange einmal ausprobieren, Samurais und die Philosophie des Zen hätten ihn schon immer interessiert. Im inneren Gleichgewicht zu sein, Frieden zu fühlen, das reize ihn daran. Und sich nicht so sehr der dunklen Seite der Dinge hinzugeben. Dunkle Seite? Es war doch schonmal von Jedi-Kräften die Rede in diesem Gespräch. Es ginge also darum, ein guter Jedi zu sein, und kein böser Sith-Lord, frage ich den Tastenzauberer.

9.jpg

„Es mag vielleicht peinlich klingen, aber ja, ich versuche im Einklang mit der Macht zu sein. Aber manchmal geht es nicht um Meditation, sondern einfach nur darum, entspannt zu sein. Ich war gerade in Australien und ich liebe das Meer. An meinen freien Tagen bin ich dann am Strand gesessen. Da war dieser eine Strand, mit Korallenriffen und diesen kleinen Pools. Es war einfach wunderbar! In diesen Momenten zählt einfach gar nichts anderes, obwohl das Schwimmen zwischen Korallen für einen Keyboarder durchaus seine Risiken hat. Genauso wie Skateboarden. Das liebe ich ja auch. Ich bin in L.A. aufgewachsen und habe noch die Dogtown-Ära mitbekommen, obwohl ich eigentlich zu jung dafür war. Es war soooo cool, ich habe die ganzen Berühmtheiten gesehen, Tony Alva, Stacy Peralta und so. In meinem Kopf fühlt es sich noch genauso an wie damals, wenn ich auf einem Board stehe. Es geht nicht um die Höhe, um die Tricks oder das alles. Es geht um den Style. Und da ist ein Helm natürlich verboten, das geht gar nicht. Sonst fühlt es sich einfach nicht genauso an. Wenn ich dann abgehe, so ohne Schoner und Helm…. Das ist das Beste. Aber was mein Manager dazu meint, kannst du dir ja denken!“

schliesst Fox das Interview lachend ab.

There’s also the raw, english version of the Interview available. Click here.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.