Grobschnitt

Kinder und Narren/Fantasten (Vinyl Reissues)

  • Artist: Grobschnitt
  • Album: Kinder und Narren/Fantasten (Vinyl Reissues)
  • Label:
  • Release: 2019-04-12
  • Medium:
  • Bewertung:Kinder und Narren: 2-/Fantasten: 3

„Huch, jetzt kommen die Gruselplatten!“ meinte ein Grobschnitt-Fan auf Facebook etwas respektlos, als die letzte Staffel der „Black & White“-Serie von Luxus-Vinylreissues der Band angekündigt wurde. Ja, die letzten vier Grobschnitt-Alben haben unter Fans nicht den besten Ruf – schon auf „Illegal“ und „Razzia“ hatte die Band sich von damals aktuellen musikalischen Strömungen – unter Anderem der Neuen Deutschen Welle – beeinflusst gezeigt, auf „Kinder und Narren“ und „Fantasten“ nahmen die Synthies und die poppigen Elemente nach Meinung vieler Fans der Prog-Ära von Grobschnitt aber überhand. Die beiden Alben werden nun im Rahmen der „Black & White“-Serie in schickem Doppel-Vinyl wiederveröffentlicht – ein Grund, die Alben mit etwas Abstand noch einmal neu zu bewerten.

„Kinder und Narren“ entstand aus dem Wunsch, nach den textlich eher zeitgemäßen, sich mit durchaus realen Themen beschäftigenden Vorgängern ein weiteres Fantasy-Konzeptalbum im Stil von „Rockpommel’s Land“ zu machen. Das Konzept von „Kinder und Narren“ ähnelt dann auch dem des 1976er Albums in vielerlei Hinsicht: Fantasie und Individualismus siegen über Konformitätszwang. Musikalisch haben die beiden Alben aber nur wenig miteinander zu tun. Wieso auch? Schließlich gab es auch zuvor keine zwei Grobschnitt-Alben, die gleich klangen, und von der Besetzung von „Rockpommel’s Land“ waren ehedem nur noch die Urgesteine Lupo (gtr) und Wildschwein (gtr, voc und erstmals Saxophon) übrig. Nachdem Keyboarder Volker Kahrs alias Mist, der zu seiner Zeit hauptsächlich für die symphonischen Prog-Elemente verantwortlich zeichnete, die Band bereits nach dem „Illegal“-Album verlassen hatte, war auch vor „Kinder und Narren“ noch Eroc ausgestiegen, der nicht nur Drummer und Soundguru der Band war, sondern auch sowohl mit seinem Faible für Experimentelles (seine berühmten „Analog-Samples“) als auch mit seinem anarchischen Humor enorm prägend für den Grobschnitt-Sound war. So sollte es auch nicht verwundern, dass „Kinder und Narren“ musikalisch eher geradlinig ausgefallen war und der berüchtigte Grobschnitt-Humor in den Hintergrund rückte. Progressive Elemente gab es freilich nur noch wenige, aber der Vorwurf, es würde sich bei „Kinder und Narren“ um „Schlager“ oder „Synthie-Pop-Gedudel“ handeln, ist natürlich Blödsinn. Es handelt sich dabei um ein gut produziertes, typisches Deutschrock-Album aus den Mittachtzigern, das eingängige Hooklines, fantastische und durchaus bissige Gitarren von Lupo und – im Vergleich zu BAP, Lage oder Maahn – atmosphärisch recht unkonventionell daherkommt . Gerade in den Instrumentalpassagen ist durchaus immer noch ein progressiver Einschlag zu hören – wenn auch näher am damals aktuellen Neoprog oder den straighteren Saga-Songs.  Mit ‚Könige der Welt‘ und dem Beinahe-Singlehit ‚Wie der Wind‘ finden sich auch zwei absolute Grobschnitt-Klassiker auf dem Album, die mit jedem der alten Songs problemlos mithalten können.  Für das Reissue wurde das Album um das von sanften Synthies untermalten Spoken-Word-Titelstück erweitert, das von der „79:10“-Box bereits bekannt ist. Der Hammer kommt aber auf der weißen Bonus-LP: mit der bislang unveröffentlichten 1984er Version der dritten und letzten Inkarnation des Bandklassikers ‚Solar Music‘ unter dem Titel ‚Sonnentanz‘ gibt es für alle, die das Studioalbum zu poppig finden, eine ordentlich krachende Portion Prog, bei der Grobschnitt beweisen können, dass sie auch ohne Bär, Eroc und Mist eine absolute Livemacht waren.

Nach ungewohnt langer Pause – drei Jahre! – erschien dann 1987 mit „Fantasten“ der Nachfolger. Für alle die, denen schon „Kinder und Narren“ zu poplastig klangen, waren harte Zeiten gekommen: abgesehen von den kurzen Instrumentaltiteln,  dem ausgedehnteren ‚Film im Kopf‘ und dem relativ rockigen ‚Komm und tanz‘ gab’s diesmal wirklich extrem poplastige Klänge zu hören, die bisweilen recht deutlich über die Kitschgrenze schrammten. Speziell ‚Hallo Mama‘ ist textlich wie musikalisch doch ein wenig grenzwertig ausgefallen. Die große Inspiration schien auch in Sachen Performance zumindest teilweise im Urlaub gewesen zu sein – abgesehen von ein paar engagierten Lupo-Soli gab es nur wenig, was musikalische Zungenschnalzer. Die auf der Bonus-Vinyl enthaltenen Livetakes (erneut bislang unveröffentlicht) von ‚Sonnentanz‘ und ‚Komm und tanz‘ zeigen hingegen, dass die Band auch 1988 zumindest auf der Bühne noch zu Großem in der Lage war. Gerade die achteinhalbminütige Version von ‚Komm und tanz‘ legt nahe, dass das Album mit einer weniger glatten, organischeren Produktion weit Grobschnitt-typischer und wohl auch – kolossal subjektiv – besser geklungen hätte.

Apropos Klang: natürlich wurden die Alben wieder von Eroc gemastert, so dass der „alte Zauberer“ irgendwie dann jetzt doch an allen Grobschnitt-Werken beteiligt war. Der Klang ist entsprechend absolut exzellent. Die Livetakes sind natürlich keine 2019er Super-Digital-Keimfrei-Mitschnitte, es handelt sich um über dreißig Jahre alte Aufnahmen, da gibt’s kein Drumherum. Dank der Aufbereitung durch Eroc klingen die Songs aber trotzdem schön transparent, kraftvoll und bringen vor allem jede Menge Liveflair und Dampf mit sich. Natürlich kommen die Scheiben im Gatefold, es gibt Liner-Notes, Texte, Fotos – und das Begleitheft zu „Kinder und Narren“, welches die Story hinter den Texten erläuterte, wurde natürlich auch reproduziert. Wie beim Rest der Serie ist die Pressqualität absolut untadelig, dank der gefütterten Innersleeves wird das wohl auch erfreulich lang so bleiben.

Auch wenn der musikalische Inhalt der Studioalben für traditionelle Grobschnittfans etwas gewöhnungsbedürftig sein wird, durch das exzellente Bonusmaterial und die schöne Aufmachung laden auch die vermeintlichen „Gruselplatten“ zum Wiederentdecken ein und erhalten eine definitive Aufwertung.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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