Kategorie: reviewlive

MEH SUFF!-Festival 2021- Wie in alten Zeiten

„Weisste noch, früher?“ Nur allzu oft hat man den Satz in den letzten Monaten gehört. Er bezog sich auf die Zeit, als Corona nur als Biersorte bekannt war. Als Masken zu Karneval getragen wurden und Festivalbesuche möglich waren. Dieses „früher“ konnte unser Redakteur Andre am vergangenen Wochenende auf dem Meh Suff!-Festival in der Schweiz erleben.…

LAINEY WILSON – Exklusiver Showcase zur Albumveröffentlichung

Wenn eine Plattenfirma mit blumigen und vielversprechenden Worten den Promo-Gig einer – zumindest in Europa – weitgehend unbekannten Künstlerin bewirbt, hat eine solche Veranstaltung den Hauch einer musikalischen Wundertüte. Die amerikanische Country-Sängerin Lainey Wilson hat zu einem Online-Showcase anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Longplayers „Sayin’ What I’m Thinkin’“ (BBR Music Group) eingeladen. Um Punkt 19.00…

RED HOT CHILLI PIPERS – Wild im Kilt

Ausverkauft! Nicht nur Bands, Veranstalter und Clubbesitzer hören diese Aussage sehr gerne, auch der Konzertbesucher kann sich freuen – natürlich nur dann, wenn er vorher noch eins der begehrten Tickets ergattern konnte. Ausverkauft bedeutet für alle Beteiligten eine prall gefüllte Location und entsprechend aufgeladene Atmosphäre. Die Band weiß, dass eine große Nachfrage für diesen Abend…

NIGHT OF THE PROG FESTIVAL – Auch 2019 wieder ein Fest der Superlativen

Es ist eines der weltweit größten Festivals, das sich ganz dem Prog und all seinen Spielarten verpflichtet hat, und die wunderbare Atmosphäre ist – neben dem immer wieder spektakulären Line-Up – jedes Jahr ein Grund für viele Fans aus ganz Europa und auch Übersee, zur Loreley zu pilgern. Man kennt sich inzwischen vielfach persönlich, viele…

BLACK LUNG – Heavy Fuzz zum Tourauftakt

Die niederschmetternde Diagnose des Arztes lautet: Schwarze Lunge. Aber kein Grund zur Panik, handelt es sich doch bei Black Lung um eine spannende Band aus der US-Metropole Baltimore, über die wir in den letzten Wochen schon mehrfach berichtet haben. Höchste Zeit also, die Jungs nach unserer Albumrezension und dem Interview auch mal live unter die…

(K)Ein Sommermärchen: ROCKHARZ 2018

Die deutsche Nationalelf ist unlängst aus der WM in Russland ausgeschieden, die Übertragungen parallel zum Liveprogramm also obsolet, wenn das eigentliche Highlight parallel zur WM stattfindet: Das 25. Rockharz Open Air! Wie weltmeisterlich schlägt sich das beschauliche Festival am nördlichen Harzrand zum Jubiläum? Das Rockharz 2018 ist immerhin als heißer Favorit in die Festivalsaison gestartet…

Hotel Cantaffordit

Man hat ja von Split-Alben gehört. Andy Tillison und Jonas Reingold haben das Konzept nun auf den Kopf gestellt und stattdessen ein Joint-Album aufgenommen. Das hat nichts (oder nur wenig) mit Rauchwaren zu tun, sondern eher mit der Tatsache, dass sich ihre Bands The Tangent und Karmakanic personell sowieso stark überschneiden und keine der Bands auf eigenen Füßen eine Tour auf die Band stellen konnte. Also hat man sich als TangeKanic zusammengetan, mit dem gemeinsamen Repertoire beider Bands getourt und dabei auf eigene Kosten eine Livescheibe als Souvenir mitgeschnitten.

Die liegt nun unter dem Titel „Hotel Cantaffordit“ als „Official Bootleg“ vor und kann und sollte von jedem Fan der beteiligten Musiker (neben Andy und Jonas noch Luke Machin, Göran Edman und Steve Roberts) sofort eingetütet werden. Denn obwohl beim Sounds hörbar nichts nachgebessert oder auf Stadionsound gebürstet wurde, bekommt man hier eine großartige Performance von fünf Überzeugungstätern geboten, die hörbar jede Menge Spaß am gemeinsamen Musizieren hatten. Wie zu erwarten, gibt es natürlich auch hier eine Mixtur aus klassischem Prog, kauzigen Canterbury-Sounds und waschechte Fusion-Klänge zu hören, mit hohem Instrumental-Anteil. Luke Machin stellt dabei ein weiteres Mal seine enormen technischen und musikalischen Fähigkeiten unter Beweis – definitiv eines der größten Talente der jüngeren Prog-Generation und nach wie vor viel zu wenig beachtet. Apropos Technik: zwar ist der ehemalige Yngwie Malmsteen– und John Norum-Sänger Göran Edman (Karmakanic) ohne Diskussion der technisch bessere Sänger, die beeindruckenderen Vocals hingegen legt trotzdem die selbstbekennende Nicht-Stimme Tillison hin. Wer beim unveröffentlichten ‚Sanctuary In Music‘, geschrieben und gespielt unter dem aktuellen Eindruck des Massakers beim Harvest Music-Festival in Las Vegas, keine Gänsehaut bekommt, sollte sich ernsthaft aufs Vorhandensein einer Seele untersuchen lassen. Zu diesem gemeinsamen Track gibt es noch drei Songs jeder Band: ‚A Spark In The Aether‘, ‚Doctor Livingstone (I Presume)‘ und ‚Two Rope Swings‘ von The Tangent sowie ‚God, The Universe And Everything Else No-One Cares About‘, ‚Steer By The Stars‘ und als Hidden Track eine gekürzte Fassung von ‚Send A Message From The Heart‘ von Karmakanic. Das ist natürlich für einen umfassenden Karriereüberblick zu wenig, so etwas war hier aber auch nicht Sinn der Sache. „Hotel Cantaffordit“ richtet sich nicht an neue Fans, sondern an all die, die beide Bands mögen und sich über die gemeinsamen Neuinterpretationen freuen können.

Klar, eine 77-Minuten-CD ist eigentlich zu wenig, gerade mal ein Appetithappen, aber in Zeiten, in denen „die üblichen Verdächtigen“ pro Tour mindestens ein Livealbum plus eine CD ‚raushauen, dazu noch Downloads jeder Show, hat dieser Mitschnitt in seiner Exklusivität trotzdem jede Menge Charme. Anders gesagt: wo Andy Tillison beteiligt ist, gibt’s eben nichts nach Standard – aber immer allerhöchste musikalische Qualität. Ab in den Just For Kicks-Webshop und das – limitierte – Ding eingetütet!

Live Power

Im Spätsommer 2016 legte der norddeutsche Gitarrist Marcus Deml mit seiner neu gegründeten Formation The Blue Poets ein hervorragendes selbstbetiteltes Debütalbum vor, das quasi live im Studio aufgenommen wurde. Elf kompromisslose Tracks ohne nachträgliche Basteleien, ohne Oberdubs, einfach direkt eingespielt und mit Gänsehaut-Garantie für die Ewigkeit festgehalten. Aber auch live auf der Bühne haben The Blue Poets immer eine tolle Figur gemacht und auch für 2018 weitere Gigs angekündigt. Was liegt als näher, als jetzt ein Live-Album auf den Markt zu werfen?

Nach nur einer regulären Veröffentlichung jetzt schon eine Live-Scheibe als Nachfolger zu einem bereits ohne viel nachträgliche Bearbeitung aufgenommenen Album, da stellt sich natürlich die Frage nach den hörbaren Unterschieden zum Debüt und dem Sinn dieser Veröffentlichung. Nun, machen wir es ganz kurz: Es hat sich voll und ganz gelohnt. Natürlich klingen die Songs live noch einmal eine Spur roher, direkter und speziell beim Gesang noch rauer. Vielfach werden die Songs natürlich auch ausgedehnt und mit Gänsehaut-Soli verziert, wie es sich für eine ordentliche Live-Performance eben gehört. Die anklagende Nummer ‚For A God‘ gewinnt in ihrer packenden Version auf diesem Album noch einmal erheblich gegenüber der schon tollen Studioversion. Sehr schön auch das Gary Moore Tribut mit ‚Song For Gary‘ und ‚Oh Pretty Woman‘. Einzig und allein das Publikum, dessen Applaus durchaus zwischen den Songs zu hören ist, hätte man sich vielleicht noch ein Spur lauter und direkter in der Abmischung gewünscht, denn auch das gehört zu einem guten Live-Album dazu. Auch fehlen ein paar Ansagen der Musiker, diese hätten noch mehr zur Atmosphäre der Aufnahmen beigetragen, die übrigens auf insgesamt drei Gigs entstanden sind.

Eine Liveaufnahme soll insbesondere die Stimmung beim Konzert transportieren, und dass schafft „Live Power“ dennoch sehr gut. Jede Sekunde ist authentisch, voller musikalischer Hingabe, und man hört förmlich das Herzblut rauschen, das die vier Musiker bei der Performance in ihre Songs fließen lassen. Dreiviertel der 12 Tracks stammen vom erstklassigen Debütalbum, und es ist faszinierend, auf die feinen und teils auch enormen Unterschiede zur cleanen Studioversion zu achten.

Der Titel „Live Power“ ist vielleicht nicht sonderlich kreativ für ein Album, aber im Grunde beschreibt er doch perfekt, wobei es sich hier handelt, und damit passt er dann ja doch wieder genau. Ein Live-Album voller Power, voller echter Gefühle und vor allen Dingen voll mit treibendem, kraftvollen Bluesrock, der sich in keine Sparte pressen lässt.

With The 21st Century Symphony Orchestra & Chorus

Foreigner melken die Kuh so kompetent wie keine andere Band. In den letzten zehn Jahren hat die Band zwar nur ein vollständiges Studioalbum veröffentlicht, aber mehr als ein Dutzend (!) Live-, Akustik- und Re-Recording-Scheiben, DVDs und „offizielle“ Compilations. Selbst bei einer Band mit einem derartig hochwertigen Backkatalog wie Foreigner kann man ruhig sagen, dass das ein wenig übertrieben ist.

Aber, wo ich gerade den Backkatalog erwähnte: is‘ ja nich‘. All diese Veröffentlichungen enthalten nämlich mehr oder weniger die selben Songs – und das sind im Prinzip die gleichen Klassiker, die die Band auch schon 1981 bei RockPop In Concert spielte. Natürlich, ohne ‚Juke Box Hero‘, ‚Cold As Ice‘, ‚Feels Like The First Time‘, ‚Urgent‘ oder ‚Waiting For A Girl Like You‘ geht eben keine Foreigner-Show vorbei – doch wie viele (marginal) verschiedene Versionen dieser Songs braucht der Fan?

Nun also alles nochmal mit Orchester. Dave Egger und Chuck Palmer haben zu diesem Zweck den Songs orchestrale Arrangements verpasst. Neue Facetten holen die beiden aber nicht aus den Songs heraus – in den meisten Fällen beschränken sich die orchestralen Einlagen auf das Mitspielen der Keyboardpassagen oder sogar lediglich auf ein Intro. Das ist aber vielleicht auch ganz gut so, denn wenn zum Beispiel bei ‚I Want To Know What Love Is‘ das Orchester einmal in den Vordergrund treten darf, kippt die ganze Chose leider über die süß-schleimige Kitschgrenze ins Schlagerhafte. Und nicht ins ironische Guildo- und Dieter Thomas-Ding, auch nicht ins jugendlich-sexy getarnte Party-Revier von Helene und Vanessa, sondern zu Roland Kaiser und Howard Carpendale anno 1982. So richtig funktionieren tut das Ganz eigentlich nur bei einem Song: ‚Starrider‘ klingt mit der – hemmungs- und schamlos überladenen! – Orchestrierung wie direkt von Michael Kamens „Highlander“-Soundtrack entkommen und sorgt für echte Gänsehaut.

Und genau da liegt der Hund begraben. Die hier dargebotenen, musikalisch eher relativ simplen Singlehits von Foreigner haben im Gegensatz zu den progressiveren Kollegen wie Styx, Kansas oder Yes eben von Natur aus wenig Anlage fürs Orchestrale – so bleibt im Bestfall ein Nebeneinanderherspielen, im schlimmsten Fall eben auch mal die Entgleisung. Hätte die Band sich wenigstens ein wenig mehr Mühe bei der Auswahl der Songs gemacht – mit ‚Girl On The Moon‘, ‚Spellbinder‘, ‚Real World‘, ‚Blinded By Science‘, ‚Tremontane‘ oder ‚Ready For The Rain‘ befinden sich durchaus Songs im Backkatalog der Band, die sich für die Orchesterbehandlung angeboten hätten. Aber dafür hatten sich Jones und Co ja aus der Sicherheitszone begeben und eventuell sogar nochmal proben müssen. Also bleibt’s beim Rehash der selben Songs wie auf den letzten Livescheiben – und einer außer für Foreigner-Alleskäufer und denen, die die Songs von Foreigner gerne extrakuschelweichgespült haben möchten, trotz des natürlich perfekten Handwerks recht uninteressanten Veröffentlichung.

Live At Fillmore East 1968

Lange Zeit galt eine offizielle Veröffentlichung der Fillmore East-Gigs aus dem Sommer 1968 als höchst unwahrscheinlich. Was das erste Livealbum von The Who hätte werden sollen, war dank nur rudimentärer Erfahrung im Aufzeichnen von Livekonzerten als unbrauchbar abgetan. Auszüge der Bänder schafften es dennoch auf Bootlegs, und so wurden die Aufnahmen in Fankreisen immer legendärer – obwohl diese Versionen klanglich teils ziemlich unerträglich klangen, machten clevere Schwarzpresser ein ordentliches Zubrot damit.

Nun ist das Material, restauriert und neu gemixt, endlich auf CD erhältlich. Klanglich ist das Ganze immer noch eher was für echte Fans – ja, fünfzig Jahre ist das her, was erwartet man da? Rogers Vocals stehen oft ziemlich weit im Hintergrund, auch die Drums gehen im Gesamtsound ein wenig unter. Aber: vorliegendes Album ist sowieso eher ein Fall für The Who-Experten und -Historiker. Und die finden hier so Einiges! Von der brutalen Hardrock-Maschine von „Live At Leeds“ war die Band nämlich damals tatsächlich noch ein gutes Stück entfernt. Als die Aufnahmen gemacht wurden, standen The Who immer noch am Rande ihrer Artpop-/Pop-Art-Phase, in der sie die Charts mit simplen, aber schrägen Songs wie ‚Happy Jack‘ oder ‚I’m A Boy‘ gestürmt und damit unter Anderem Pink Floyd-Boss Syd Barrett und David Bowie entscheidend beeinflussten. Gerade Roger Daltrey sang über weite Strecken noch weit weniger aggressiv als nur zwei Jahre später, und auch optisch war die Band damals noch in ihrer Carnaby Street-Phase. Daltreys Lockenmähne war noch nicht zu sehen, ebensowenig Townshends Vollbart und Arbeiter-Overall, stattdessen gab’s Rüschen, Samt und, im Falle Daltrey, mit Dippedy-Doo glattgekämmte Popperfrisuren. Die besagten Chart-Singles sind natürlich ebenfalls vertreten, ebenso wie Entwistles ‚Boris The Spider‘ und „Tommy’s parents“, die Mini-Oper ‚A Quick One While He’s Away‘. Einen Rückfall in die frühen „Maximum R&B“-Tage gibt’s mit ‚Fortune Teller‘ und gleich drei Eddie Cochran-Covers – ja, und natürlich ‚My Generation‘. Das geht gleich satte 33 Minuten lang und stellt zusammen mit dem immerhin elfminütigen ‚Relax‘ und ‚Shakin‘ All Over‘ den Ausblick in die Zukunft der Band dar. Die den Songs angegliederten Jams klingen nämlich weit härter und kompromissloser als das eigentliche Songmaterial, und gerade Townshend beginnt hörbar die Reise vom kontrollierteren, durchaus noch bluesbeeinflussten Spiel der Mittsechziger zum brutalen Prä-Punk-Geschrubbe. In den 33 Minuten der ‚My Generation‘-Jam werden dann auch schon diverse Fragmente aus „Tommy“ ausprobiert, Cream zitiert und zum Ende gibt’s das damals kultige Instrumentenzerdepper-Massaker, das auf Konserve natürlich deutlich weniger beeindruckend klingt, als es vor Ort sicher war.

Auch wenn „Live At The Fillmore East 1968“ nicht mit „Live At Leeds“ gleichziehen kann – hat das jemand ernsthaft erwartet? – ist es doch für The Who-Fans ein unumgänglicher Pflichtkauf, der die Band an einem wichtigen Scheideweg zeigt. Raus aus den Sixties, ab in ein neues Jahrzehnt! Hier wurde das Fundament nicht nur für „Tommy“ gelegt, sondern auf lange Sicht auch bereits für die „heilige Trilogie“, bestehend aus „Live At Leeds“, „Who’s Next“ und „Quadrophenia“. Neulingen sei aber zumindest Vorsicht geraten, trotz Restauration kann das Material heutigen Klangansprüchen natürlich nicht genügen. Die Energie und bisweilen gewalttätige Performance wirkt aber eben gerade deshalb immer noch und werden jeden Fan der Briten ohne Frage mit einem fetten Grinsen zurücklassen.