betty blue

(Post-)Punk, Deutschpunk, Garage, Lo-Fi, Alternative, Emo, Indie, Americana... Hauptsache mit Gitarre! Fühlt sich am wohlsten bei New Model Army-Konzerten. Zum Entspannen gerne Old School-Jazz und Son Cubano. ¡Viva!

Surrounded

Some people have a landscape written in their bones.

Er hätte gar nicht vorgehabt, ein weiteres Soloalbum aufzunehmen, erzählt Justin Sullivan im ausführlichen Interview für den Video-Podcast Couch Riffs. Zentral sei eigentlich die Arbeit mit seiner Band New Model Army, der derzeit seine ganze Loyalität gehört. Aber dann – kam der Lockdown, und Sullivan saß zu Hause, allein mit seiner Gitarre, aller Pläne beraubt. Damit bestätigt sich einmal mehr, dass in Sachen Kreativität und musikalischer Output diese eigenartigen Zeiten doch für etwas gut sind.

When you have to change your life is when you know you’re living.

Wer das erste Solowerk „Navigating By The Stars“ kennt, dessen Veröffentlichung ganze 18 Jahre zurückliegt, der dürfte ein seliges Lächeln auf den Lippen gehabt haben bei der Ankündigung von „Surrounded“ (earMUSIC). Und wird nicht enttäuscht. Der Zweitling löst ein, was das Debüt als Versprechen hinterlassen hat. Die Basslinie von „Amundsen“ zum Beispiel knüpft fast nahtlos an „Twilight Home“ an, dem Opener von „Navigating By The Stars“. Wieder gibt es auf „Surrounded“eine Stunde lang fesselnde Geschichten, starke Bilder, die fast greifbare Szenen heraufbeschwören und Naturgewalten, denen sich der Erzähler mit stoischer Ruhe ergibt.

Grey skies, dry stone walls, stretching all the way to the western islands
Where the rebels have the best songs and you know them line by line.

Aber eines ist auch ganz deutlich zu hören: der Altersunterschied. Sullivans Stimme ist jetzt gesetzter, tiefer, rauer – eben so, wie es die Natur bei einem inzwischen 65-Jährigen richtet. Was hingegen schon lange da ist und als Markenzeichen des Texters Justin Sullivan gelten kann, das sind die Menschlichkeit und Weisheiten, die er ganz nebenbei in seine Geschichten einstreut und die immer eine Erkenntnisgewinn garantieren.

The looked at me like they could not understand
That I’d die for a cause but not kill for it.

„Surrounded“ ist voller wunderbarer Melodien, in die sich ganz tief eintauchen lässt. Klare Höhepunkte sind „Stone and Heather“, „Unforgiven“ und „Sea Again“. Viele der Stücke bekommen eine ernste, bisweilen geheimnisvolle Note durch das großartige Bassspiel. Auch Violine, Harfe und Cello entfalten auf zurückhaltende Art eine faszinierende Wirkung. Erst dank dieser wohl dosierten Arrangements, die sich Sullivans von einer Reihe Musikerfreund*innen hat beisteuern lassen, wird das ganze Potential jedes einzelnen der 16 Songs freigelegt. Zum Glück hatten weder Sullivan noch Lee Smith, der Mann am Mischpult, Angst vor einer guten Prise Pathos, der im Zweifelsfall von den mitunter dramatischen Texten geerdet wird.

They took me to a commune farm where everyone smiled,
They were pure and kind and sure
I felt their goodness surrounding me and headed for the door.

Auch alle Mitglieder von New Model Army haben ihren musikalischen Beitrag auf „Surrounded“ geleistet. Dem Album folgt im Sommer zunächst eine Solotour von Justin Sullivan. Weil es aber irgendwie auch eine Angelegenheit der family ist, könnte sich der ein oder andere Song problemlos in die Playlist der kommenden New Model Army-Konzerte einfügen.

It only lasts a moment but what a moment it has been.

 

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Oktober Promotion

ILLEGALE FARBEN – Das Beste aus dem Lockdown machen

Ist das noch Post-Punk? Mit dieser Frage schickten Illegale Farben ihr drittes Album in die Welt hinaus. Die Band aus Köln war mutig genug, die Veröffentlichung nicht nur mitten in den Lockdown zu legen. „unbedeutend ungenau“ präsentiert zudem einen deutlich anderen Sound, als man es bisher von dem Fünfer gewohnt war. Sänger und Texter Thomas…

Coral Island

Die Corona-Pandemie hat den Musikern und Fans viel genommen. Fehlende Live-Konzerte und persönliche Begegnungen sind da nur die offensichtlichste Lücke, die – vorübergehend – gerissen wurde. Mit einem Jahr Lockdown hinter uns und einem langsam heller werdenden Licht am Ende des Tunnels wird aber immer deutlicher, dass uns auch etwas gegeben wurde: Zeit. Zeit für uns selbst und für das, was wir lieben und sonst vernachlässigen müssen. Typische Lockdown-Alben sind nicht nur kontemplativ und introvertiert. Sie sind häufig auch lang und mit einem gut durchdachten Konzept ausgestattet.

„Coral Island“ (Run On Records) von The Coral ist so ein Konzeptalbum, in dem viel Arbeit und Zeit steckt. Es ist eine Art Hör-Musical und versetzt uns in das fröhlich-unbeschwerte Leben auf besagter Insel. Ein Erzähler führt in altmodischem Englisch und malerischer Sprache durch eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten. Weniger als ein Doppelalbum hätte es nicht sein können, dieses zehnte Werk der Band aus Merseyside im Nordwesten Englands. Es scheint die Unsitten der Vor-Corona-Welt überwinden zu wollen, in der Rockalben in der Regel kaum noch länger als eine halbe Stunde sind.

Mit leichtfüßigen Surf-Melodien, einem behaglichen Retro-Sound und einer blunigen Sprache ist das Album nur auf den ersten Blick leicht verdaulich. Der Psychedelic-Pop der Briten ist bewusst altmodisch aber nicht altbacken. The Coral beschwören eine Welt, die es lange nicht mehr gibt. Bar, Jukebox, Petticoats, Amüsierbetriebe, alles analog und in entschleunigtem Tempo – „the golden age has yet begun“. In allem schwingt die Melancholie des nahegelegenen Meeres mit. „Coral Island“ ist schwerst nostalgisch, aber nicht weinerlich. Ein bisschen zu sorglos vielleicht, aber so ist gelungenes Entertainment oft.

Es braucht Ruhe und Zeit, sich einem solchen Album zu widmen. Damit kehrt aber ein bisschen mehr Kunst ins Geschäft zurück Hier wird von der Hörerschaft mal wieder etwas gefordert – eben nicht nur ganze 54 Minuten seiner Zeit, sondern auch Aufmerksamkeit und vor allem die Phantasie, sich auf dieses Kopfkino-Erlebnis einzulassen. Dafür wird den Hörer*innen freilich auch etwas gegeben: gut durchdachte Unterhaltung nämlich und ein sinnliches Erlebnis, das eine längere Halbwertzeit hat als so viele andere, auf die Schnelle produzierte Erzeugnisse der Musikindustrie.

 

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Wagmüller PR

DINOSAUR JR. – Video zu „Garden“, Live-Stream angekündigt

Dinosaur Jr. werden ihr neues, nun schon 12. Studioalbum am 23. April bei Jagjaguwar veröffentlichen. Nach bester Bandtradition hat für zwei der zwölf neuen Songs nicht J Mascis, sondern Bassist Lou Barlow den Gesang beigesteuert. Einer davon ist „Garden“, der als zweite Vorabsingle dient. Das dazugehörige Video entstand in Massachusetts. Regie führte Barlow in Zusammenarbeit…

MANNEQUIN PUSSY – Neues Video, EP im Mai

Die aus Philadelphia stammende Indie-Punk-Band Mannequin Pussy kündigt für den 21. Mai mit „Perfect“ eine neue EP auf Epitaph an. Die von Will Yip produzierte 5-Track-Veröffentlichung folgt auf das 2019 erschienene hochgelobte Album „Patience“, das in diversen Jahreshitlisten – auch bei Whiskey Soda – landete. Mit „Control“ präsentiert das Trio die erste Single. Regie für…

Saturday Moon

Das Video zum Song „Saturday Moon“ ist zwei lebenserfahrenen Frauen gewidmet, die – wie es im Abspann heißt – Chantal Acda durch ihre anmutige Art beeinflusst haben. Deren Würdigung ist visuell auf eine Art und Weise umgesetzt, die auch musikalisch das gesamte neue Album der Belgierin prägt: Spartanisch arrangiert und auf das Wichtigste reduziert, kommt eine starke weibliche Persönlichkeit zum Tragen.

Das passiert aber nicht extrovertiert, sondern fast wie durch die Hintertür. Mit ihrer sanften, aber bestimmten Art gewinnt Chantal Acda schnell das Vertrauen der Hörenden. Choreografisch perfekt platziert, wirkt der Opener hymnisch und schafft eine einlullende Stimmung. Die meisten Songs von „Saturday Moon“ (Glitterhouse Records) sind voll schöner Melodien. Gleichzeitig haben sie aber auch einen beunruhigenden Unterton. Acda erzählt starke Geschichten, die nicht immer gut ausgehen und oft von einer gewissen Besorgnis geprägt sind. Das kann dann schon mal in ein fast verzweifeltes Lamento von nur zwei Zeilen münden: „I can’t stay here, he said. He couldn’t recall the conversation anymore.“

Die folkig-jazzigen Arrangements auf „Saturday Moon“ sind von hervorragender Qualität. Das Album ist mit Hilfe von 18 Musiker*innen entstanden, unter anderem mit Mitgliedern der Band Low. Trotzdem folgt es Acbas Motto „weniger ist mehr“, das sie besonders dem Stück „Disappeare“ zuschreibt. Dessen Text hätte sie mit zwei gegensätzlichen Gefühlen geschrieben, fährt die Musikerin fort: auf der einen Seite Unglaube und Protest, auf der anderen Seite Hoffnung und Freude. Das gesamte Album vermittelt eine Ahnung davon, dass Acba genauso ihr Leben meistert.

Vor allem aber ist sie tief romantisch. „The Letter“ etwa erzählt die Geschichte zweier Liebenden, die Jahre lang auf sich warten – und das vergeblich. Das Bild dieser Beziehung wirkt wie aus einem anderen Jahrhundert und enthüllt eine eher konservative Sicht auf die Liebe, die von Treue, Zurückhaltung und viel Unausgesprochenem begleitet wird. Hinzu kommen spirituelle und naturreligiöse Motive, so wie in „Back Against The Wall“: „Another year has passed, still looking at the tree, and I think that it is looking back at me. This is what we forgot, touch the wooden skin, feel the warmth within.“ Der archaische Rückgriff auf „the ground th we held dear“ lässt Einen, eine gewisse historische Sensibilität vorausgesetzt, dann fast schon innerlich erstarren.

So berechtigt Acbas Sorge über den Zustand der Welt ist – ihre Fluchtszenarien müssen nicht für alle Hörer*innen als Lösungsansätze oder gar Lebensphilosophie taugen. „Saturday Moon“ bietet durchaus ein intensives Hörerlebnis, das die reale Welt außen vorlässt und hilft, sich auf sein Inneres zu konzentrieren. Ein solcher Rückzug kann für den Augenblick heilsam sein. Man scheint aber gut beraten zu sein, sich nicht ganz darin zu verlieren.


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Starkult

MY BLOODY VALENTINE – Album-Reissues über Domino

Beim Domino in Berlin ist man ganz aus dem Häuschen, denn ab sofort gehören die legendären Shoegazer My Bloody Valentine zum Label-Portfolio. Zunächst werden nun alle drei Studioalben plus die Compilation „EP’s 1988-1991 and Rare Tracks“ neu veröffentlicht. Digital sind sie seit dem 31. März erhältlich, physisch wird am 21. Mai nachgeschoben. „Isn’t Anything“ und…

The Seed, The Vessel, The Roots And All

Es ist die Ironie dieser Zeit: New Pagans haben im vergangenen Jahr den Northern Ireland Music Prize als bester Live-Act entgegengenommen. Und können nun, da sie ihr Debütalbum veröffentlichen, nicht live spielen. Man darf aber zuversichtlich sein, dass eine Tour angesetzt wird, sobald dies möglich sein wird. Denn Frontfrau Lyndsey McDougall hat einen langen Atem. Schon als Kunststudentin wollte sie Anfang des Jahrtausends in einer Band singen. Damals hat sie nicht die richtigen Mitstreiter*innen gefunden. Und so hat es gut ein Jahrzehnt gedauert, bis sie die New Pagans zusammenbrachte.

Deren Erstling also, „The Seed, The Vessel, The Roots And All“ (Big Scary Monsters), gibt zunächst einmal eine gute musikalische Kulisse ab. Von dem Album geht ein angenehm positiver Kick aus. Die weiblichen Vocals sind expressiv, die Riffs mitunter hypnotisch. McDougall benennt ihre Einflüsse mit 90er-Jahre-Held*innen wie den Pixies oder The Smashing Pumpkins. Die Songs der Band erinnern aber vor allem an den Britrock besagter Dekade. Bands wie Sleeper krauchen da aus längst archivierten Erinnerungsschichten hervor.

In dieser Hinsicht holt „The Seed, The Vessel, The Roots And All“ also durchaus eine mittelalte Hörerschaft ab. New Pagans legen aber auch großen Wert auf ihre Botschaften. Und da wird es speziell. Die elf Songs bestehen aus einer eher heiklen Kombination von netten Melodien, aufbäumender Dynamik, skeptischer Zurückweisung und unbedingtem Empowerment. Das, worüber gesungen wird, erinnert stark an Teenagerleiden. Aber diesem Alter sind die fünf Musiker*innen schon längst entwachsen. Ihr Einstehen für feministische Themen in allen Ehren, in den Lyrics jedoch beschäftigen sie sich vor allem mit sich selbst. Im Ergebnis haben wir es mit verkopften, leicht paranoiden, oft entrückten und manchmal einfach unverständlichen Texten zu tun. Als Hörer*in muss man sich dem schon sehr nahe fühlen, um sich da wirklich reinzuknien.

Im Endeffekt wendet sich „The Seed, The Vessel, The Roots And All“ an eine ziemlich eng gefasste Zielgruppe. McDougall arbeitet viel mit Abgrenzung – bis zu einem Grad, den man eigentlich nur Teenagern verzeihen würde. Zeilen wir „Christian boys are the worst I know“ mögen im archaisch geprägten, katholischen Nordirland ihre Berechtigung haben. Einer Frau Mitte Dreißig mit derart emanzipatorischen und inklusiven Ansprüchen sollte man heutzutage aber schon zutrauen können, ein paar Schritte weiter zu sein.

Wer sich auf diese Rhetorik einlassen kann, wird sich sehr wahrscheinlich als Teil eines ausgewählten Kreises fühlen. Menschen, die anhaltend damit kämpfen, ihren Platz im Leben zu finden, sich meist unverstanden und eigentlich nur im engsten Kreis ihrer Peergroup aufgehoben fühlen, finden in New Pagans sicher ein paar gute Freunde mehr.

 

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Fleet Union

JUSTIN SULLIVAN – Zweites Soloalbum erscheint im Mai

Justin Sullivan, hauptberuflich Sänger und Frontmann von New Model Army, veröffentlicht mit „Surrounded“ am 28. Mai sein zweites Soloalbum – 18 Jahre nach seinem stimmungsvollen Debüt „Navigating By The Stars“. Das neue Werk ist eine Sammlung von sechzehn Songs, die in den ersten Wochen des Lockdowns 2020 geschrieben wurden. Allesamt großartige Kompositionen, die Sullivans Liebe…

MOSCOW DEATH BRIGADE kündigen neue EP an

Moscow Death Brigade, die Sturmhauben-tragende Techno/Rap/Punk-Crew aus Russland, veröffentlicht am 9. April 2021 eine neue EP mit dem Titel „Flares Are Burning“ auf allen gängigen digitalen Plattformen. Die 7-Inch Vinyl erscheint im Mai über Fire and Flames Music (Deutschland) und Rebel Sound Records (USA). Die gesamte Platte ist im akustischen Stil gehalten, die MCs Boltcutter…