NIGHT OF THE PROG FESTIVAL – Auch 2019 wieder ein Fest der Superlativen

Es ist eines der weltweit größten Festivals, das sich ganz dem Prog und all seinen Spielarten verpflichtet hat, und die wunderbare Atmosphäre ist – neben dem immer wieder spektakulären Line-Up – jedes Jahr ein Grund für viele Fans aus ganz Europa und auch Übersee, zur Loreley zu pilgern. Man kennt sich inzwischen vielfach persönlich, viele Fans verbinden das Wochenende mit einem Urlaub am Rhein, nehmen teilweise weite Anreisen auf sich. Nicht nur aus ganz Europa (mit Schwerpunkt auf den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Frankreich) wird zur Loreley gepilgert, auch aus Nord- oder Südamerika und Asien erfolgt die Anreise. Der gute Ruf der Veranstaltung spricht sich eben herum, zumal das Festival letztes Jahr vom Progressive Rock Magazine zum „Event of the year“ gekürt worden ist.

Im Vergleich zu den ersten Festivals hat sich viel getan und auch verbessert. Wie schon 2018, erfolgt auch dieses Jahr der Einlass am Freitag wieder schnell und entspannt. Selten hat man einen so relaxten und schnellen Einlass bei einem Festival dieser Größenordnung erlebt. Schon auf den Zugangswegen tauschen Helfer die Tickets gegen Bändchen ein, so dass an der Ticketausgabe keine langen Warteschlangen entstehen: Überall zufriedene Gesichter, als die Menge in das Areal strömt. Wie immer erwartet die Besucher dort ein spektakulärer Anblick, eine wunderbare Aussicht hinunter in das zerklüftete Rheintal und natürlich das Versprechen auf drei Tage wunderbare Musik. Wie fast immer spielt auch dieses Jahr der Wettergott mit: Es ist warm, aber nicht zu heiß, teilweise etwas bewölkt, aber immer trocken, und die Abende gibt es wunderbare Sonnenuntergänge über dem zerklüfteten Rheintal zu genießen. Der liebe Gott muss ein Progger sein – und das, obwohl Neal Morse doch dieses Jahr ausnahmsweise gar nicht mit irgendeiner Band im Line-Up vertreten ist.

 

Freitag, 19.07.2019:

Eröffnet wird das Festival pünktlich um 14 Uhr 15 von der niederländisch/britischen Progressive-Rock-Band Dilemma, die kürzlich nach längerer Pause ihr neues Album „Random Act Of Liberation“ vorgestellt hat und gemeinsam mit Sons Of Apollo auf Tour gewesen ist. Mit ihrem neuen Sänger Dec Burke hat die Truppe sofort das immer zahlreicher werdende Publikum auf ihrer Seite. Am Schlagzeug sitzt Collin Leijenaar, der es sich nicht nehmen lässt, im Verlauf des einstündigen Sets das Loreley-Publkum persönlich zu begrüßen: „We’re all here for the love of music. This is family!“ Recht hat er. Gemeinsam mit Bandgründer und Keyboarder Robin Z, Paul Crezee an der Gitarre und Erik van der Vlis am Bass liefern Dilemma eine überzeugende Eröffnungsshow mit klassischem, treibenden Prog-Rock und machen die inzwischen rund 3000 Besucher im Amphitheater bereit für das Festival.

Ursprünglich war als nächstes der Auftritt von In Continuum geplant. Die Band des Sound of Contact Masterminds Dave Kerzner hat jedoch ihr Erscheinen vor einiger Zeit leider absagen müssen. Wir hoffen auf einen Nachholtermin im nächsten Jahr. Der Slot wird jetzt von Special Providence übernommen. Die ungarische Band hat bereits 2015 auf dem Festival gespielt und seinerzeit eine enthusiastische Publikumsreaktion hervorgerufen. So auch heute. Die Band hat mit ihrer rein instrumentalen Mischung aus modernem Jazz, progressivem Rock und elektronischen Elementen ihren ganz eigenen Stil kreiert und schon für Genregrößen wie Haken, Spock’s Beard oder auch Dream Theater die Abende eröffnet. Im Gepäck haben die Osteuropäer heute unter anderem ihr letztes Album „Will“ aus dem Jahr 2017. Der Auftritt des Quartetts wird entsprechend gefeiert. Dabei entpuppt sich der Bassist Attila Fehérvári als äußerst agiler Musiker, der keine Sekunde stillsteht und auch ein paar knackige Soli aus seinem Tieftöner zaubert.

Zsolt Kaltenecker an den Keyboards sorgt für teils sphärische, teils überraschend funkige Töne und ein paar eingesträute „R2D2“-Samples aus Star Wars. Special Providence zeigen, dass sie alle ausgezeichnete Musiker sind und ernten viel verdienten Applaus. So darf es gerne weitergehen. Die nächste Band, Chandelier, dürften viele Progger noch aus den 90er Jahren kennen. Die deutsche Neo-Prog-Band hat damals drei Alben veröffentlicht und sich vor rund 20 Jahren von der Bühne verabschiedet. Jetzt gab es nicht nur eine Wiederveröffentlichung der von Eroc (Grobschnitt) remasterten klassischen Chandelier-Alben, sondern die Band hat sich auch entschieden, für ein einziges Konzert zurück auf die Bühne zu kommen. Damit ist der heutige Auftritt tatsächlich ein ganz besonderes Fest und die einmalige (!) Gelegenheit, Chandelier noch einmal live auf der Bühne zu erleben.

Erwartungsgemäß gibt es einen Querschnitt durch alle drei Alben zu hören, und Frontmann Martin Eden fragt das Publikum, wo es denn die letzten 22 Jahre gewesen sei, erkundigt sich, ob auch jemand vom Mars angereist sei und stellt nebenbei seinen Roman „Commander Pimmel“ vor, eine „Prog-Trash-Novela“, von der es am Merch-Stand auch eine Leseprobe gibt. „Willkommen zum ersten und letzten Chandelier-Konzert nach 22 Jahren! Genießt es, meine Freunde!“ Musikalisch dürften Chandelier für viele einer Überraschung sein, bietet die Band doch extrem eingängigen, packenden Neo-Prog und eine solide Show, mit der sie für zufriedene Gesichter sorgt. Martin Eden in stimmlich guter Verfassung. Man merkt ihm die 22 Jahre seit dem letzten Chandelier-Auftritt nicht an. Schade, dass dieses Konzert eine wirklich einmalige Sache war. Oder vielleicht doch nicht? „Wir sehen uns in 22 Jahren“, verspricht Martin Eden. Zwischendurch holt er für den Song ‚All My Ways‘ noch „Toni Moff Mollo“ (Rainer Loskand) von Grobschnitt auf die Bühne. Die beiden Herren liefern ein stimmiges Duett ab.

Die britischen Urgesteine IQ braucht man eigentlich überhaupt nicht mehr vorstellen. Die Artrocker haben zuletzt 2014 auf dem Festival gespielt. Nach ihrem Gig im Jahre 2014 kehren die Artrocker im Sommer endlich an die Loreley zurück. IQ haben seit längerer Zeit ein neues Album angekündigt. Der Nachfolger zum 2014er „Road Of Bones“ lässt allerdings noch auf sich warten, das elfte Studioalbum ist derzeit in Arbeit. Eine gute Woche vor dem Festival hat die Band endlich Details zum neuen Album preisgegeben. „Resistance“ wird im September 2019 als Doppel-CD erscheinen. Auf der zweiten Scheibe wird Material enthalten sein, das nicht ganz zur Atmosphäre der ersten Disc gepasst hat, verriet Gitarrist Michael Holmes kürzlich.

Das Quintett um Frontmann Peter Nicholls gilt als Wegbereiter der britischen Neo-Prog-Szene und darf dann am ersten Festivaltag auch den meisten und frenetischsten Applaus für sich beanspruchen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Für uns war IQ das Hightlight des Freitags und eigentlicher Headliner.

Für den heutigen Gig gibt es leider gesundheitsbedingt eine kleine Änderung im Line-Up: Bassist Tim Esau musste sich vor wenigen Tagen einer Operation unterziehen und kann heute nicht spielen. Er wird ersetzt durch John Jowitt, der zudem morgen auch mit Tim Bowness auf der Bühne stehen wird. Jowitt ist von 1992 bis 2011 natürlich der Bassist von IQ gewesen, so dass der heutige Gig allein schon deshalb noch eine ganz besondere nostalgische Stimmung bekommt. Zwischendurch darf er sich dafür auch eine emotionale Umarmung von Peter Nicholls abholen. Neben den neuen Songs spielen IQ natürlich auch Klassiker aus den früheren Alben „The Seventh House“ oder „Frequency“.

Zu Beginn der Show mit ‚Breathtaker‘ haben IQ ein paar technische Probleme, und der Bass wummert eine Spur zu stark, aber im Lauf des 2-stündigen Gigs bessert sich der Sound schnell. Michael Holmes an der Gitarre liefert ein paar furiose Soli, und natürlich präsentieren IQ die ersten Songs des neuen Albums „Resistance“. Diese fügen sich wunderbar in das bestehende IQ-Repertoire. Die Band spielt ‚Forever In A Lifetime‘ und ‚Missile‘ vom kommenden Album – das sind Gänsehautnummern, auf deren Veröffentlichung man sich jetzt schon extrem freuen darf. Ansonsten gibt es noch einiges vom „Road Of Bones“ zu hören. Die Engländer präsentieren sich in bester Spiellaune und liefern eine mitreissende Show ab, die mit ‚Subterranea‘ ihr emotionales Finale findet. Es ist einzig und allein ein wenig schade, dass die tollen Videoprojektionen im Hintergrund einfach nicht richtig zur Geltung kommen, weil es noch nicht dunkel genug ist. Ein Problem, das am Sonntag auch RanestRane erheblich treffen wird, aber dazu später mehr.

Zwischen den Auftritten der Bands (und natürlich auch währenddessen) haben die Fans die Gelegenheit, das Areal näher zu erkunden und sich mit Speisen und Getränken zu versorgen. Im Lauf der letzten Jahre ist das Angebot diesbezüglich erfreulicherweise immer weiter angewachsen, neben den obligatorischen Pommes-Bratwurst-Combos sind auch asiatische Nudelgerichte oder Burger-Variationen erhältlich. Einige Stufen hinunter lockt der Biergarten nicht nur mit dem tollen Ausblick auf den Rhein, sondern auch mit diversen Angeboten für das leibliche Wohl der Gäste. Finanziell hält sich das trotz gestiegener Preise alles gerade noch so im Rahmen, wobei sechs Euro für ein belegtes Brötchen, das sich dann „Veggieburger“ nennt, schon an der Schmerzgrenze liegt. Die Qualität ist in Ordnung. Kulinarischen Hochgenuss erwartet hier wohl eh niemand, lecker ist es aber allemal. Aber bitte die Getränkepreise nicht noch weiter erhöhen.

Der Rest des Abends gehört dann natürlich Tangerine Dream. Die deutschen Krautrock- und Ambient-Pioniere haben seit ihrer Gründung im Jahre 1967 über 100 (!) Studioalben veröffentlicht und rund 60 Filmmusiken komponiert. Sie sind ohne Zweifel eine der größten stilbildenden Ikonen der elektronischen progressiven Musik und auch international erfolgreich und sehr bekannt. Der heutigen Headliner-Gig am ersten Festivaltag ist ein exklusiver Auftritt der Elektroniker.

Nach dem Tod des Bandgründers Edgar Froese vor fünf Jahren setzen die verbliebenen Bandmitglieder Froeses Visionen konsequent weiter um. Das letzte Album „Quantum Gate“ basierte noch auf Skizzen und Ideen Froeses und setzte einen discographischen Höhe- und Schlusspunkt (?) im Schaffen der Band, von deren Gründungsmitgliedern und auch ihrer zweiten Formation in den 70ern (u. a. Klaus Schulze) heute natürlich niemand mehr mit dabei ist. Zur aktuellen festen Besetzung gehören Thorsten Quaeschning am Piano und Synthie, Hoshiko Yamane an der E-Violine sowie Ulrich Schnauss am zweiten Synthesizer. Quaeschning, seit 2005 Mitglied bei Tangerine Dream, ist jetzt der musikalische Kopf des Trios und kann kaum über seine Burg aus Keyboards, Synthisizern und aufgebauten analogen Klangerzeugern hinweg schauen.

Alles ist gut aufeinander abgestimmt, zu den wabernden Elektrosounds mit abgrundtiefem Bassfundament werden entsprechcende Projektionen gezeigt, die Bühne ist fast immer von dichtem Rauch aus den Nebelmaschinen eingehüllt. Das Trio improvisiert live auf der Bühne, komponiert quasi direkt beim Spielen im letzten Track des Abends. Nach dem überwältigenden IQ-Auftritt fällt allerdings auf, dass sich das Areal für den Headliner Tangerine Dream merklich geleert hat, und der Applaus ist zwar durchaus vorhanden, aber nicht ganz so laut und enthusiastische wie bei den Briten. Woran liegt’s? Viele der Progger können mit der rein elektronischen Musik nicht so viel anfangen, und auch wenn wir Tangerine Dreams Leistung und Bedeutung für die Szene natürlich neidlos anerkennen, wirkt die Show doch etwas steril im Vergleich zu den agilen Acts davor. Hier wird nicht in die Saiten geschlagen, hier werden Knöpfchen gedreht und Kabel umgesteckt. Dazu kommt, dass niemand der Band auch nur ein Wort an das Publikum richtet. Kein „Hallo“, kein „Danke“, gar nichts. Die drei Musiker kommen auf die Bühne, spielen ihr 2-stündiges Set und gehen wieder. Für alle Elektronikfreunde sicher ein gelungener Auftritt mit einer tollen Video- und Lichtshow, aber für viele (auch für uns) waren IQ der eigenliche Headliner dieses Freitags.

Nach dem großartigen Festival-Auftakt ist gegen Mitternacht Schluss für heute. Die Progger strömen zufrieden in die Nacht hinaus und machen sich auf den Rückweg in ihre Hotels. Einige pilgern auch zum angrenzenden Campingplatz, aber eine Vielzahl der Besucher in doch nicht mehr ganz so jungen Jahren ziehen hier die Übernachtun in bequemen Hotelbetten einem Zelt vor. Da wird dann auf der Rheinfähre oder spätestens am nächsten Morgen im Frühstücksraum des Hotels zwischen Holländern, Franzosen, Engländern und Deutschen weiter gefachsimpelt.


Samstag, 20.07.2019:


Am Samstag strömen die Fans wieder zeitig wieder in die Arena, lassen sich im Areal der steinernen Sitzbänke nieder oder bauen weiter hinten auf dem ansteigenden Gelände im Gras ihre Liegestühle auf. Wie immer geht es auch heute an der Loreley sehr entspannt und relaxt zu. Und während so mancher noch bei den aufgebauten Merch-Ständen nach einem neuen T-Shirt oder der einen oder anderen CD sucht, geht es unten auf der Bühne schon wieder weiter.

F.O.R.S. steht als Abkürzung für „Famous Or Random Stars“, und das 2016 gegründete Quartett aus der Schweiz bezeichnet seine Musik als „Instrumental Sphere Rock“. Letztes Jahr haben die vier Musiker ihr erstes Album namens „Before“ in Eigenregie veröffentlicht, das es gleich auf eine stattliche Länge von 76 Minuten gebracht hat. Die  drei Jungs und das Mädchen liefern qualitativ hochwertigen und hübsch verspielten Instrumental-Sphere-Rock ab, der zur frühen Tageszeit bereits viele Fans angelockt hat und die Menge begeistert. Schon im Intro wissen die tollen Keyboard-Sphären der Dame an den Tasten zu gefallen. Nicht unverdient werden F.O.R.S. im Nachhinein als eine der besten Newcomer-Bands des Festivals genannt. Ein begeistertes Publikum und ein schneller Ausverkauf des mitgebrachten Merchandise und der CDs danken es den Schweizern. Wir sind sehr gespannt auf die weitere Entwicklung dieser spannenden Band.

Der Bassist Harry Schärer dürfte übrigens auch dem deutschen Publikum durch seine diversen Musical-Projekte bekannt sein, so zum Beispiel die „Space Dream“ Trilogie, die als bekanntestes und erfolgreichstes Schweizer Musical gilt und auch in Berlin aufgeführt wurde. Mit F.O.R.S. kehrt der gelernte Rockmusiker quasi zu seinen Wurzeln zurück. Weiter geht es mit Overhead aus Finnland. Die Band hat vor kurzer Zeit ihr fünftes Studioalbum namens „Haydenspark“ veröffentlicht und existiert bereits seit 20 Jahren. Die Finnen stehen für eine höchst eigenständige, extravagante Mixtur, bei der konventionelle Prog-Elemente nur maximal ein Drittel des Ganzen ausmachen. Der Rest setzt sich aus modernen Rock-Elementen und poppigen Parts zusammen, was in der Kombination ein wahrhaft unwiderstehliches Gebräu ergibt.
Dabei zeigt sich vor allen Dingen Frontmann Alex Keskitalo, der auch die Querflöte spielt, äußerst agil und ist die ganze Zeit in Bewegung. Ja, man kann auch mit der Flöte oder dem langen Mikrofonkabel jonglieren. Zum Abschluss des spannenden Auftritts gibt es noch eine elektrisierende Coverversion von King Crimsons „21st Century Schizoid Man“ zu hören. Der Gig ist ein weiterer Höhepunkt dieses an Highlights fast schon übersättigten Festivals. Hut ab, Overhead!

Tim Bowness aus England hat es mit seiner letzten Veröffentlichung bei uns nicht nur zum „Album des Monats“ geschafft, sondern überzeugt durch die Bank weg immer wieder mit spannenden und musikalisch interessanten Releases. Nach der actionreichen Show von Overhead wird es jetzt zur Entspannung sehr viel ruhiger und relaxter, aber die Qualität stimmt natürlich dennoch. Bowness spielt heute erwartungsgemäß Material seines aktuellen Albums, aber auch melancholische Songs aus seinem Schaffen mit „No-Man“, wo er unter anderem mit Steven Wilson und Peter Hammill zusammmegearbeitet hat. Er entschuldigt sich dafür, dass Mr. Peter Hammill heute leider nicht mit dabei ist, aber auch ohne diesen ist es ein gelungener Auftritt und ein schöner ruhiger Gegenpol zur vorhergehenden finnischen Bühnenaction. Am Bass wird Bowness von John Jowitt unterstützt, der damit nach seinem Auftritt mit IQ heute zum zweiten Mal Loreley-Bühnenluft schnuppern darf und sich dabei sichtlich wohl fühlt. Von Bowness wird Jowitt als „the slinky circus seal“ bezweichnet.

Ihm folgt der deutsche Multi-Instrumentalist Thomas Thielen, der unter dem Künstlernamen t. auftritt und nicht nur sehr sympathisch herüberkommt, sondern auch von ausgezeichneten Musikern unterstützt wird. Die Besucher quittieren beide Gigs mit tosendem Applaus. Thielen präsentiert seine aktuellen Studiostücke und schafft es schnell, das Publikum für sich zu gewinnen. Besonders hervorzuheben ist die wunderbare Gesangsstimme des Künstlers, die streckenweise sogar etwas an David Bowie erinnert.

Weiter geht es mit Karcius aus dem kanadischen Montreal. Die Kanadier verschmelzen Rock, Pop, afrikanische Rhythmen, Klassik und Ambient mit Jazz zu einer spannenden Artrock-Performance, die streckenweise an Porcupine Tree erinnert. Sie punkten nicht nur musikalisch, sondern auch durch eine starke, energiegeladene Show, bei der sie eine große Nähe zum Publikum zeigen und sicher viele neue Fans für sich gewinnen können. Besonders der Keyboarder Sébastien Cloutier fällt immer wieder durch Sprungeinlagen und ekstatisches Herumgehampel an seinen Tasteninstrumenten auf.

Am frühen Abend wartet ein weiterer Leckerbissen auf die Fans: Nach ihren Auftritten in den Jahren 2009, 2012 und 2015 kehrern die französischen Kult-Progger Lazuli 2019 zur Loreley zurück. Lazuli wurden bereits 1998 gegründet und bewegen sich stilistisch irgendwo zwischen Rock, Prog und Weltmusik. Mit Horn und Marimba bringen sie viel Abwechslung in die genretypische Instrumentation, nicht zu vergessen das eigens für die Band von Claude Leonetti erfundene Instrument Léode. Leonetti erfand und spielt die Léode, da er durch einen Motorradunfall seinen linken Arm nicht mehr benutzen kann.

Das Quintett hat nicht nur das aktuelle Album „Saison 8“ im Gepäck, sondern spielt sich mit der Songauswahl sofort in die Herzen der versammelten Fans. Gerade bei diesem Auftritt ist die Stimmmung im Publikum fantastisch, Seifenblasen schwirren über die Köpfe, der Sonnenuntergang sorgt wieder einmal für spektakuläre Bilder, und die Musik trifft direkt die Herzen. Von der Konzerteröffnung mit ‚Déraille‘ über Songs wie ‚Les Sutures‘ oder ‚J’attends un printemps‘ jagt ein Highlight das nächste. Als Zugabe versammeln sich alle fünf Musiker um das Marimbaphon und spielen darauf gemeinsam ‚9 Hands Around The Marimba‘ und als Special eine starke Coverversion von Pink Floyds ‚Money‘. Niemand geringeres als Nick Mason steht übrigens hierbei seitlich hinter der Bühne und lauscht gespannt diesem Cover.

Gitarrist Gédéric Byar nimmt mehrfach Tuchfühlung mit der ersten Reihe auf, und die knapp zwei Stunden Konzert vergehen wie im Flug. Lazuli dürfen damit auch sehr gerne noch ein fünftes Mal zur Loreley zurückkehren. Das ist ein rundum gelungener Auftritt gewesen, und es braucht schon einen ganz besonderen Mann, um das für heute noch toppen zu können. Dieser Mann ist der Schlagzeuger einer der berühmtesten Artrock-Bands überhaupt gewesen und braucht wohl niemandem der Anwesenden noch groß vorgestellt zu werden. Nick Mason ist derzeit mit seiner Band „Saucerful Of Secrets“ unterwegs und spielt – natürlich – Pink Floyd Material aus der psychedelischen Anfangsphase der Band. Der 75-jährige Nicholas Berkeley Mason hatte 2016 beim Zusammenstellen der Pink Floyd Compilation „The Early Years“ gemeinsam mit dem Gitarristen Lee Harris die Idee, sich noch einmal näher mit der frühen experimentellen und psychedelischen Phase der Band zu beschäftigen.

Saucerful Of Secrets besteht neben Mason aus weiteren bekannten Musikern: Gary Kemp, als Gitarrist von Spandau Ballet bekannt geworden, spielt auch hier die Gitarre und übernimmt zudem den Gesang. Am Bass: Guy Pratt, seineszeichens der Schwiegersohn des verstorbenen Floyd-Keyboarders Richard Wright. Weiterhin stehen Lee Harris (Gitarre) und Dom Beken Keyboards) mit auf der Bühne. Genau passend zum Konzertbeginn um 22.30 Uhr ist es übrigens auf die Stunde genau 50 Jahre her, dass der „Adler“ von Apollo 11 auf dem Mond gelandet ist. Man sieht auch im Publikum neben all den Band T-Shirts ein paar Apollo-11- und NASA-Hemden. Mason beginnt den Gig entsprechend mit ein paar stimmigen Geräuschsamples, die Assoziationen eben an diese historische Mondlandung wecken, bevor es mit der Kurzfassung von „Interstellar Overdrive“ losgeht.

Jeder im Publikum hat wohl die größten Erwartungen an dieses Konzert – und man darf jetzt schon verraten: Sie werden voll und ganz erfüllt. Dieser Gig dürfte in die Geschichte des Festivals und der Loreley eingehen, denn hier stimmt einfach alles. Ein Gänsehaut-Moment jagt den nächsten, und erwartungsgemäß liefern Saucerful Of Secrets einen Querschnitt durch die frühe Schaffensphase von Pink Floyd. Nummern wie ‚Astronomy Domine‘, ‚Obscured By Clouds‘, ‚Arnold Layne‘ oder ‚See Emily Play‘ dürften vielleicht allen Fans der späteren Floyd’schen Schaffensperioden nicht ganz so bekannt sein, aber wer sich mit den Anfängen der Band beschäftigt hat, weiß natürlich, worum es heute Abend geht und welche Titel auf dem Programm stehen. Als besonderes Schmankerl gibt es zum Beispiel auch den nie wirklich vollendeten Song ‚Vegetable Man‘, von dem es keine offizielle Pink-Floyd-Aufnahme gibt.
Der Auftritt wird begleitet von Videoanimationen und Projektionen, die überwiegend auf Sys Barrett persönlich zurückgehen und jetzt im Dunkeln natürlich auch ihre volle Wirkung entfalten können.

Zwischen den Songs erzählt Nick Mason ein paar kleine Anektdoten, und die Progger im Areal schweben im siebten Himmel. ‚A Saucerful of Secrets‘ und ‚Point Me At The Sky‘ beschließen im Zugabenteil diesen herrlichen Samstag, und es bleibt nur die Frage offen, ob und wie dieser Gig am Sonntag noch überboten werden kann.

Sonntag, 21.07.2019:


Am Sonntag geht es mittags weiter mit der geballten Front norwegischer Prog-Power, vertreten durch die Bands The Windmill und Oak. Los geht es mit The Windmill. Das Sextett um Frontmann, Keyboarder und Gründer der Band Jean Robert Viita lässt sich von der guten Stimmung im Publikum schnell anstecken. Multiinstrumentalist Morten Clason spielt nicht nur Saxophon, Flöte, Gitarre und Keyboards, sondern übernimmt auch noch Gesangsparts. Im Publikum sind viele extra angereiste Fans aus Norwegen vertreten. The Windmill stellen ihre Alben „To Be Continued“ von 2010 und „The Continuation“ von 2013 vor. Ihnen folgen die Landsleute von Oak. Die Truppe hat ihre Wurzeln im Folkrock, liefert heute eine zunächst etwas ruhigere Show ab, die in ihrer zweiten Hälfte ordentlich an Fahrt gewinnt und sehr gut beim Publikum ankommt.

Auch wenn es erst Nachmittag und entsprechend hell ist: Jetzt wird es Kinozeit. Die italienischen Prog-Spezialisten RanestRane haben ihr Erscheinen angekündigt. Die 1998 in Rom gegründete Band ist durch ihre Konzeptalben bekannt, die sich Arthouse-Filme als Thema vornehmen, so zum Beispiel „Nosferatu“ oder die Kubrick-Klassiker „Shining“ und natürlich „2001 – Odyssee im Weltraum“. Entsprechen verschmelzen bei der Live-Performance dann auch die Musik, Filmdialoge und Filmausschnitte auf einer Leinwand zu einem sphärischen Gesamtkunstwerk. Die Italiener präsentieren einen Querschnitt durch ihre Trilogie zu Stanley Kubricks Meisterwerk „2001“, wobei der musikalische Schwerpunkt auf dem ersten Teil „Monolith“ und dem Abschluss „Starchild“ liegt. Der gelungene Auftritt sorgt für viel Applaus. Leider gehen die begleitenden Videoprojektionen mit Filmausschnitten, die gerade hier essentiell wichtig sind, da die Musik doch exakt zum Film synchronisiert und getimed ist, fast vollständig im hellen Sonnenlicht unter. Wir wollen uns natürlich nicht über das tolle Wetter beschweren, aber die Show verliert leider dadurch einiges an ihrer Wirkung. Dennoch: RanestRane überzeugen musikalisch auf der ganzen Linie. Mehr über diese spannende Band könnt ihr übrigens in Kürze bei uns lesen, denn wir haben die Gelegenheit genutzt, noch ein wenig mit den Italienern im Interview zu plaudern.

Als nächstes sind die Schweden von All Traps On Earth an der Reihe, die ihr Debütalbum vorstellen. Bei der Band handelt es sich um ein neues Projekt der Änglagard-Musiker Johan Brand, Jonas Engdegard, Linus Kase und Erik Hammarström, die hier mit Unterstützung weiterer Musiker einen sehr spannenden, komplett aus der Reihe fallenden Auftritt abliefern. Durch den exzessiven Einsatz diverser Saxophone, Flöten und Klarinetten wird die avantgardistische Musik sehr jazzig, teilweise chaotisch, gewollt kantig und auf jeden Fall anders. Uns hat es sehr gut gefallen, aber im Publikum tauchen auch ein paar gegenteilige Meinungen auf.

Die Briten von Anathema (oder wie sie sich jetzt schreiben: Ana_thema) sind alte Bekannte des Festivals und standen zuletzt 2014 auf der Loreley-Bühne. Die Brüder Vincent (Vocals, Guitar, Keys), Jamie (Bass) und Danny Cavanagh (Guit, Key, Voc) werden unterstützt durch die Sängerin Lee Douglas und Drummer Daniel Cardoso, während Percussionist John Douglas heute nicht mit dabei ist.

Die Band aus Liverpool legt mit ‚San Francisco‘ los und spielt sich mit Highlights wie ‚Thin Air‘, ‚Springfield‘ und ‚A Natural Disaster‘ erwartungsgemäß in die Herzen der Fans. Anathemas Musik mag nicht jedermanns Sache sein, einige halten den Act gar für langweilig, aber man muss ganz objektiv feststellen, dass die Briten eine hervorragende Show abliefern und ihre Fans problemlos durch ausgezeichnete Spielfreude und starke Publikumsnähe erreichen. Im Abendlicht ist die Stimmung auch heute wieder auf dem Höhepunkt, die Musiker machen immer wieder Ausflüge direkt in den Fotograben und an den Bühnenrand, gehen mit ihren Fans auf Tuchfühlung und liefern ein rockiges Set ab.

Den krönenden Festival-Abschluß des Sonntags gibt es dann noch die Steve Hillage Band. Der 1951 in London geborene Stephen Simpson Hillage wurde in den frühen 70ern insbesondere als Gitarrist von Gong bekannt. Nach verschiedenen Soloprojekten, seiner Tätigkeit als Produzent und seinem Bandprojekt System 7, kehrt Hillage auf dem Night Of The Prog Festival zu seinen Wurzeln zurück. Der Brite steht heute seit über 40 Jahren erstmals wieder mit altem Gong-Material auf der Bühne. Begleitet wird er dabei natürlich – wie könnte es besser passen? – von Gong in der aktuellen Besetzung, das heißt auch, dass das Energiebündel Kavus Torabi (Knifeworld) an Gitarre und Gesang mit dabei ist. Gemeinsam liefern Gong und Hillage eine wunderbare Show ab. Das Prog-Urgestein Hillage spielt altes Solo- und Gong-Material, zum Beispiel „Green“ aus den 70ern, ein Song, der damals nie live aufgeführt wurde. Die Zeitreise durch die Anfänge von Gong funktioniert, unterstützt von psychedelischen Projektionen und einer herausragenden und sehr bunten Lightshow, ganz hervorragend und begeistert die Fans, die nach Anathema nicht bereits das Areal verlassen haben. Dabei wird Steve Hillage erwartungsgemäß fast – aber eben auch nur fast – die Show gestohlen von Kavus Torabi, der ein furioses Solo nach dem anderen auf die Bühne legt und einmal mehr an der Loreley glänzen darf.


Das Night Of The Prog Festival hat einen sehr guten Ruf. Warum das so ist, konnte der Veranstalter Winfried Völklein von WIV Entertainment auch 2019 wieder eindrucksvoll unter Beweis stellen. Die Mischung aus Prog, Artrock, Newcomern und ein paar Urgesteinen der Szene sowie Auftritten, die man in dieser Form wohl nicht noch einmal zu sehen bekommen wird, sind ein Teil des Erfolgsrezepts. Dazu kommen die spektakuläre Location und natürlich eine Prog-Fan-Gemeinde, die inzwischen wie eine große Familie ist. Man kennt sich, freut sich immer wieder auf das nächste Jahr und feiert drei Tage lang gemeinsam anspruchsvolle Rockmusik. Wir freuen uns schon jetzt auf den nächsten Sommer, wenn das Festival vom 17. bis 19.07.2020 auf dem Prog-Rock Loreley steigt. Wer ganz schnell ist, hat im Moment noch bis Ende Juli die Gelegenheit, attraktive und preisreduzierte „Early Bird“ Tickets zu erwerben. Bands sind bisher noch nicht angekündigt, aber wenn es soweit ist, werdet ihr es natürlich bei uns erfahren.


Bericht und Fotos: Michael Buch

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Michael

Michael kam über die Konzertfotografie zu Whiskey-Soda und verbindet das Bildermachen gerne mit Konzertberichten und CD-Rezensionen. Als Chefredakteur für den Bereich Bluesrock mag er aber auch viele aus dem Blues entsprungene Genres wie diverse Metal-Spielarten. Daneben landen gerne Progressive- und Classic Rock und Americana auf seinem Drehteller, bevorzugt auf klassischem Vinyl. Wenn dann noch Zeit bleibt, findet ihr Michael bevorzugt im (Heim)Kino oder natürlich irgendwo da draußen zum Fotografieren. 

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