Itchy Poopzkid – ‚Scheiße, es gibt kein Musikfernsehen mehr!‘

Sie sind die nervigen Gören des Punk, die gerne mit dem Finger auf Unbequemes zeigen, gleichzeitig laut ihre Wut darüber herausschreien und, wenn nötig, genüsslich ein wenig in der entstandenen Wunde herumpulen. Itchy Poopzkid nehmen kein Blatt vor den Mund wenn es darum geht, Ignoraten die Augen öffnen zu wollen - freilich ohne den moralinsauer erhobenen Zeigefinger, denn verkrampfte Weltverbesserer möchten die drei Schwaben keinesfalls sein. Wir trafen Gitarrist Sibbi und Schlagzeuger Max zum ebenso launigen wie ernsthaften Interview.

Passenderweise habt Ihr Eure sechste Platte mit ‚SIX‘ betitelt – ein Indiz für eine Art stille Bilanz, die Ihr für Euch nach bald 15 Jahren Bandgeschichte gezogen habt?

Sibbi: Ehrlich gesagt wollten wir mit diesem schlichten Titel einfach nur das Hauptaugenmerk auf die Musik legen und vermeiden, dass die ersten vier Fragen bei Interviews sich ausschließlich auf den Sinn des kryptischen Albumtitels beziehen. Mit ‚Six‘ ist direkt klar, was gemeint ist. Aber der Satz ‚bald 15 Jahre Bandgeschichte‘ macht mir gerade mal wieder deutlich, wie alt wir schon sind! (lacht)

Eure erste Single ‚Dancing in the Sun‘ handelt von einer perfekten Welt, in der es allen gut geht. Ihr macht die Welt selbst ein bisschen besser, indem Ihr Euch für Sonar Sucks und Sea Shepherd einsetzt. Vielen Leuten sind solche Dinge leider völlig egal. Wie würdet Ihr versuchen, einen Ignoraten davon zu überzeugen, dass es allen besser geht, wenn jeder auch nur einen kleinen Beitrag leistet, um Missstände auszuräumen?

Max: Du sagst schon ziemlich genau, worum es uns geht. Wir wollen niemandem vorschreiben Dinge zu tun oder zu lassen, und uns erst Recht nicht als große ‚Weltverbesserer‘ aufspielen. Es geht uns um ein gewisses Bewusstsein für die Dinge, die so passieren, und wenn jeder nur ein kleines bisschen auf gewissen Dinge achten würde, wäre schon viel geholfen. Ignoranz ist natürlich ein schlimmer Feind, deshalb haben wir im Video zu ‚Dancing in the sun‘ relativ drastische Bilder verwendet, die vielleicht doch den ein oder anderen aufmerken lassen.

In ‚I Gotta Get Away‘ geht es darum, die Reißleine zu ziehen, bevor man völlig ausflippt. Was macht Euch so richtig wütend?

Sibbi: Da gibt es einige Dinge. Viele haben wir, wie eben beschrieben, in ‚Dancing in the sun‘ angesprochen. Es gibt aber auch eher unscheinbarere Dinge, die mich auf die Palme bringen. Unpünktlichkeit zum Beispiel. Vielleicht sollte ich darüber mal ein Lied schreiben: ‚Why the hell are you five minutes late, bitch‘. Wird sicher ein Hit in Hip Hop Kreisen.

itchys_klein.jpgIn ‚Plastic‘ beschäftigt Ihr Euch mit der allgegenwärtigen Oberflächlichkeit, die uns umgibt. Ist es Eurer Meinung nach für Teenies und junge Leute heute schwieriger als früher, sich abzugrenzen und eine eigene Identität zu finden – entgegen dem, was die Medien als Ideal propagieren?

Max: Ich glaube nicht. Wenn man sich wirklich von etwa abgrenzen will, hat das meiner Meinung nach auch nicht viel mit dem Äußeren zu tun, sondern mit dem was man denkt und macht. Oberflächlichkeit wird es wohl leider immer geben, deshalb sollte man ruhig mal auf das ein oder andere scheißen. Also jetzt so im übertragenen Sinn …

Sibbi: Oder auch nicht so im übertragenen Sinn …

Im Promozettel zu ‚SIX‘ steht, dass Ihr ganz bewusst nicht auf Deutsch singen wollt – gegen den aktuellen Trend. Die Donots, mit denen Ihr ja eng verbunden seid, haben Ihre neue Platte erstmals auf Deutsch aufgenommen und prompt einen Traum-Einstieg in die Charts geschafft. Wie findet Ihr das?

Sibbi: Das finden wir super, weil die Donots zu unseren absoluten Lieblingsmenschen gehören, wobei sie mit dem letzten englischen Album auch nur einen Platz schlechter in den Charts waren, nebenbei bemerkt. Wir haben auch überhaupt nichts gegen Bands, die sich entscheiden, jetzt deutsch zu singen. Das ist deren gutes Recht. Solange es von innen heraus kommt ist alles super. Wenn jemand von der Plattenfirma oder dem Umfeld dazu überredet wird, dann ist es eher nicht so super. Wir selbst fühlen uns einfach wohl mit der englischen Sprache und wir glauben auch, dass wir auf diese Weise noch viel zu sagen haben. Was aber nicht heißt, dass wir vielleicht später auch mal in einer anderen Sprache singen werden. Ob das Französisch, Deutsch oder Italienisch ist, steht allerdings noch in den Sternen.
Zum ersten Mal gibt es mit ‚How to Survive as a Rock Band‘ ein Buch von und über Euch. Wie kam es zu der Entscheidung, ins Autorengeschäft einzusteigen?

Sibbi: Autorengeschäft. Hört sich super an. Ich sollte mir gleich ne Visitenkarte drucken lassen mit der Unterschrift ‚Musiker, Plattenfirmenchef, Autor‘. Herrlich. Also die Entscheidung ist eher gewachsen. Wir haben seit dem ersten unserer mittlerweile 800 Konzerte eigene Konzertberichte verfasst, mit ein paar Zeilen über das Konzert und sehr vielen Zeilen über alles was drumherum passiert ist. Viele Fans haben immer wieder gefordert, dass wir daraus ein Buch zusammenstellen sollen. Wir haben bei den Überlegungen dann festgestellt, dass wir in 14 Jahren Bandgeschichte fast alles mitgemacht haben, was im Musikbusiness möglich ist: Shows vor keinem Publikum, Shows vor 30.000 Leuten, Übernachtungen im schimmeligen Club, Touren im Luxus-Nightliner, TV-Shows, usw. Deshalb haben wir aus dem Buch einen Ratgeber für junge Bands gemacht, den wir mit den Konzertberichten gespickt haben. Herausgekommen ist ein echt sehr amüsanter und interessanter Einblick hinter die Kulissen des Musikgeschäfts.

Plant Ihr weitere Buchprojekte?

Sibbi: Vorerst ruhen wir uns auf den Lorbeeren unseres Erstlingswerkes aus.

Ihr haltet über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter viel Kontakt zu Euren Fans. Welche negativen Erfahrungen hattet Ihr damit schon?

Max: Eigentlich wenige bis keine. Wir sind ja glücklicherweise keine Teenieband, die dann Terror vor der eigenen Wohnung hat. Im Netz gibt es ja immer so tolle ‚ingorieren‘-Knöpfe, die kann man im Falle eines Falles benutzen.

Sibbi: Wir haben uns ja auch schon vor langer Zeit gegenseitig gesperrt.

Wenn man Eure Facebook-Posts verfolgt, merkt man schnell, dass Ihr eine gesunde Portion Selbstironie und Humor besitzt. Wie wichtig ist das Eurer Meinung nach im nicht gerade zimperlichen Musikgeschäft?

Sibbi: Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen hilft, glaube ich, nicht nur im Musikgeschäft sondern allgemein im Leben. Wir machen das vor allem aus dem Grund, weil wir gerne lachen und uns schnell langweilen, weshalb wir irgendwie schauen müssen, dass erst gar keine Langeweile aufkommt. Über sich selbst lachen hilft da äußerst gut. Außerdem sind wir nur ein paar Typen, die das riesige Glück haben, hauptberuflich Musik zu machen.

Auf einer kleinen, feinen Clubtour werden die neuen Songs das erste Mal live getestet. Gibt so ein Warm-Up eine gewisse Sicherheit für die Festivalsaison und die große Tour im Herbst?

Max: Pah, sowas brauchen wir doch schon lange nicht mehr! – Nein im Ernst, wir hatten einfach tierisch Bock, mal wieder eine kleinere, schweißtriefende Clubtour zu spielen. Mit Bier, Schweiß und Rock’n’Roll. Klar, die neuen Songs nicht direkt vor einem riesigen Publikum spielen zu müssen ist ein angenehmer Nebeneffekt, keine Frage.

Sechs Alben, über 800 Konzerte, ein MTV-Contest, ein Buch – die Messlatte hängt hoch. Wie wollt Ihr Euch künftig noch selbst toppen?

Sibbi: Zwölf Alben, 1600 Konzerte, zwei Bücher und … scheiße, es gibt kein Musikfernsehen mehr. Dann muss was anderes herhalten. Wie lassen es euch als erstes wissen.

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