Modern Life Is War – 900 Dead Ramones in Leipzig

Nachdem sich Modern Life Is War anno 2008 aufgelöst hatten, stand ich dereinst erschüttert vor der Erkenntnis, dass ich eine der besten und wegweisendsten Bands des Melodic Hardcore nie live erleben durfte und dazu wohl auch keine Gelegenheit mehr bekommen würde. Als das Quintett dann 2013, zeitgleich mit der Veröffentlichung eines neuen Albums ihr Comeback bekanntgaben, machte mein Herz einen Freudensprung. Sollte es doch noch Hoffnung geben? Ja, sollte es. Auch wenn ich mich noch bis zu einem milden Apriltag im Jahr 2015 gedulden musste...


Mittwochabend, 14. April 2015. Ich fahre auf fast leeren Landstraßen Richtung Leipzig. Hinter mir versinkt die Sonne als orange-rote Scheibe am Horizont und taucht den Himmel in Feuer. Auf diesen Tag habe ich seit Jahren gewartet. Modern Life Is War geben ein Konzert und ich werde dabei sein. Für mich ein Ereignis monumentalen Ausmaßes!

Angekommen in Connewitz – dem Kreuzberg Leipzigs – stimmte mich die Parksituation vor dem Conne Island schon einmal auf den Besucheransturm ein. Die Show war restlos ausverkauft. Um die 900 Gäste, wie gemunkelt wurde. Als ich am Einlass brav meine Karte abreißen ließ und den Konzertsaal betrat, machte sich bereits die erste Band fertig. Swan Song aus London standen nicht auf dem Flyer und spielten auch nur eine Handvoll Songs. Diese hatten es aber in sich. Leider sah es das Publikum nicht so und so klaffte ein weiter Halbkreis vor der Bühne, der sich, abgesehen von zwei bis drei Feierwütigen, mit gähnender Leere füllte. Der Sänger ließ sich davon jedoch nicht irritieren und gab alles.

Als nächstes hatten Terrible Feelings aus dem schwedischen Malmö ihren Auftritt. Diese Band würde musikalisch aus der Reihe fallen. Das war spätestens dann klar, als der Gitarrist im Cowboy-Hemd und Bolotie die Bühne betrat und ein Keyboard aufgebaut wurde. Der Stil von Terrible Feelings lässt sich als Rock mit Glam-, Country-, und Punkelementen beschreiben. Sängerin Manuela umgab mit tief im Gesicht hängendem Pony, schwarzer Spandexhose und silberner Glitzerjacke ein Hauch von Nena. Die Achtziger ließen grüßen. Die Show ging in Ordnung, obwohl es thematisch nicht zum Rest des Abends passte, was sich auch in der erneuten Passivität des Publikums äußerte.

Die letzte Vorband an diesem Abend waren Birds In Row aus Laval, Frankreich (die Tour war in der Tat international). Die Melodic-Hardcore-Band, die genau wie der Hauptakt beim Label Deathwish Inc. unter Vertrag ist, besteht nur aus drei Musikern. Dass sie deswegen weniger mitreißen konnten als vergleichbare Bands mit einem größeren Aufgebot, war allerdings nicht der Fall. Im Gegenteil. Birds In Row sprühten nur so vor Energie! Wie es Gitarrist und Sänger Bart Hirigoyen bei all dem Gekreische und der Bühnenperformance überhaupt noch schaffte einen geraden Ton auf dem Griffbrett zu treffen, ist mir ein Rätsel. Hier war viel Power und Hingabe dahinter. Im Publikum waren die Reaktionen allerdings abermals eher verhalten. Ob das beim Headliner auch so sein würde?

Dann war es endlich so weit. Die Herren des Abends betraten die Bühne, vor der sich mittlerweile eine stattliche Menschenmasse versammelt hatte. Ich hatte mir bereits einen Platz in der ersten Reihe gesichert und wartete nun bangend auf den Startschuss. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Dann brach der Sturm los. Mit ‚The Outsider‘ eröffneten Modern Life Is War ihr Set und von einem Schlag auf den anderen tobte der ganze Saal. Keine Spur mehr von der anfänglichen Zurückhaltung. Unter einem Reigen aus Papierschnipseln, der sich wie Konfetti über dem ganzen Saal ergoss, flogen nun Menschen im Sekundentakt über mich hinweg oder auf mich drauf. ‚Die Pit ist Krieg‘, dachte ich mir, während ich darum rang, auf den Füßen zu bleiben.

Auch Sänger Jeffrey Eaton ließ es sich nicht nehmen und sprang selbst ins Publikum, um sich von der Masse tragen zu lassen. Überraschender Weise spielten die Jungs aus Iowa zur Gänze Songs ihrer ersten beiden Alben. So gaben sie, mit Ausnahme von ‚Young Man On A Spree‘, das komplette ‚Witness‘-Album zum Besten und darüber hinaus annähernd die Hälfte der Songs von ‚My Love, My Way‘. ‚Fuck The Sex Pistols‘ und ‚Cracked Sidewalk Surfer‘ waren die einzigen Songs der letzten beiden Veröffentlichungen. Dafür gab es viel Nostalgie und einstimmiges Mitgrölen ins Mikro. Beim Klassiker D.E.A.D.R.A.M.O.N.E.S. drohte der Saal endgültig auseinanderzufliegen, während die Frequenz der Stage Dives noch um ein Vielfaches gesteigert wurde.

Nach etwa einer Stunde war der ganze Spuk wieder vorbei. Als Abgesang ertönte ‚Hair Raising Accounts For Restless Ghosts‘. ‚Our rebel hearts will turn restless ghosts. They can never truly kill us and we will never truly die.‘ Amen. Die Messe war beendet. Zugaben gab es keine, was bei vielen für Verwirrung sorgte. Modern Life Is War waren so schnell von der Bühne verschwunden, wie sie gekommen waren. Dafür zeigte Jeff am Ende noch seine kumpelhafte Seite und setzte sich vorne auf die Bühne, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, Hände zu schütteln und das eine oder andere Foto mit sich knipsen zu lassen. Wie ein Popstar fühlte er sich dennoch nicht, wie er energisch zu verstehen gab. Dufter Typ, ganz ohne Allüren.

Ich für meinen Teil war restlos ausgepowert und durchgeschwitzt wie ein Marathonläufer. Meine Ohren klingelten, meine Kehle war wund vom Mitschreien, auf meinem Oberkörper prangten blaue Flecken, mein Shirt war zerfetzt und besprenkelt mit dem Blut irgend eines armen Teufels. Mit anderen Worten: eine rundum gelungene Show! Zur Belohnung steckte mir noch ein Crew-Mitglied einen von Tyler Olesons Drumsticks zu, den ich dankend entgegennahm und nun als Reliquie für die Nachwelt bewahren werde. Das jahrelange Warten hatte sich gelohnt, oder um es mit den Worten von Modern Life Is War zu sagen:

‚It’s heaven and it opens your eyes!‘

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.