Tracer – Weniger Facebook und Twitter, mehr Rock’n’Roll!

Das hervorragende dritte Studioalbum "Water For Thirsty Dogs" soll für Tracer der nächste Schritt auf der Erfolgsleiter werden. Die drei Australier arbeiten seit rund zehn Jahren hart dafür, dass die Konzerthallen langsam größer werden und der Name Tracer auch in Europa immer bekannter. Warum sich die Strapazen lohnen und soziale Netzwerke nerven, verrät Frontmann Michael Brown alias Mike im Interview mit Whiskey-Soda-Redakteur Philip Dethlefs.


Philip: Mike, ich muss ehrlich sein. Euer erstes Album („Spaces In Between“) hat mir gut gefallen. Mit dem zweiten („El Pistolero“) bin ich nicht so ganz warm geworden. Und das neue gefällt mir wieder richtig gut. Was war eure Herangehensweise bei diesem Album?

tracer01.jpgMike: Es wieder so zu machen wie beim ersten Album! [lacht] Wir hatten dieses Mal wieder mehr Zeit für den Feinschliff und um die Songs richtig zu entwickeln, während wir bei „El Pistolero“ nur zwei Wochen hatten, in denen wir uns richtig intensiv ums Schreiben kümmern konnten. Jetzt waren es etwa fünf Monate. Wir saßen zusammen, haben gejammt und ausprobiert. Es war ein bisschen unheimlich, denn wir hatten ja dieses Mal keinen Produzenten. Also mussten wir auf uns selbst vertrauen, es so machen, wie wir es als Produzenten machen würden. Wir haben viel ausprobiert und viel diskutiert. Und das Resultat hört ihr auf „Water For Thirsty Dogs“.

Philip: Höre ich da raus, dass ihr mit „El Pistolero“ selbst nicht so zufrieden wart?

Mike: Das waren wir tatsächlich nicht, ganz und gar nicht. Wir hatten die großartige Gelegenheit mit Kevin Shirley zu arbeiten. Hätten wir zu der Zeit schon ein gutes Management gehabt, hätten die uns geholfen zu sagen, was hätte gesagt werden müssen: Dass wir nicht genug Zeit haben, um es richtig zu machen. Statt dessen haben wir gedacht: Wir haben diese tolle Gelegenheit, das müssen wir irgendwie hinkriegen und schnell die Songs schreiben. Hätten wir mehr Zeit gehabt, um mit Kevin an Bord die Musik zu schreiben und sich kreativ aufeinander einzustellen, dann wäre es sicher ein deutlich besseres Album geworden. Wir sind trotzdem stolz auf „El Pistolero“, sonst hätten wir es nicht rausgebracht. Aber mit „Water For Thirsty Dogs“ fühlen wir uns als Musiker deutlich mehr verbunden und das zeigt sich auch in der Qualität der Songs.

Philip: Und was hat es mit dem Titel auf sich?

tracer03album.jpgMike: Das war die Schuld unseres Tourfotografen Benon. Eines Tages hat er uns Fotos gezeigt, die er gemacht hat. Fotos, die nichts mit Bands zu tun haben. Und das war ein Bild von einem Eimer auf einem Feld. Auf dem Eimer stand geschrieben „Water For Thirsty Dogs“ [dt. „Wasser für durstige Hunde“]. Wir fanden das total cool, weil es so metaphorisch klingt. Das hat dann das gesamte Album inspiriert. Es geht darum herauszufinden, was Menschen heutzutage von der Musik erwarten und von einer neuen Rockband wie uns. Classic Rock können wir nicht sein, dafür sind wir zu neu, von Klassikern kann man also nicht sprechen. Unser Anspruch war es, modernen Rock zu machen, der aber nicht nach dem Müll von heute klingt.

Philip: Das heißt, eure Musik ist das Wasser, und die durstigen Hunde sind das Publikum?

Mike: [lacht] Naja, um genau zu sein, in der Vergangenheit haben uns Plattenfirmen und Produzenten ständig gezerrt und in Richtungen geschoben, in die wir nicht wollten. Da fühlte es sich so an, als würden wir ihnen das Wasser geben. Die Plattenfirmen waren die durstigen Hunde. Aber die andere Version klingt irgendwie netter. Im Endeffekt war aber der Titel zuerst da, der Rest ist Interpretationssache.

Philip: Mit „Homeward Bound“ habt ihr erstmals auch eine radiofreundliche oder auch kommerziellere Nummer im Programm. War das das Ziel? Damit ins Radio zu kommen?

tracer02.jpgMike: Ja, im Prinzip schon. Der Rest des Albums ist ja trotzdem noch düster. Aber je älter wir werden, desto mehr stellen wir fest, die Welt ist nicht nur finster. Zwei von uns haben jetzt eine Freundin. Und da dachten wir, es wäre doch nett, mal ein Liebeslied zu schreiben oder einen Song darüber, dass wir sie vermissen, wenn wir auf Tournee sind. Dabei kam „Homeward Bound“ raus – Akkorde statt Riffs, mit einem starken Fokus auf der Melodie. Im Anschluss dachten wir: Wow, sowas haben wir noch nie gehabt. Ob das funktioniert? Egal, wir hauen es raus. Und es hat funktioniert.

Philip: Das heißt, der Song wird auch im Radio gespielt?

Mike: Zumindest in England läuft „Homeward Bound“ wohl ganz gut. Ansonsten weiß ich es gar nicht, weil wir ja gerade auf Tournee sind.

Philip: Ihr seid mit Tracer jetzt etwa zehn Jahre am Start. Wie zufrieden seid ihr mit dem, was ihr bis jetzt erreicht habt?

Hier geht es weiter mit dem zweiten Teil des Interviews!

(Fotos: BJWOK alias Benon Julius William Otto Koebsch)


Mike: Wir sind nie zufrieden. [lacht] Aber im Ernst, es wäre netter gewesen, wenn die Entwicklung etwas schneller fortgeschritten wäre. Wir machen das, wozu wir Lust haben und spielen die Musik, die wir hören wollen. Mehr können wir nicht erwarten. Ich hoffe aber, dass uns mehr und mehr Leute folgen. Darum geht es ja auch bei dieser Tour im Vorprogramm von Apocalyptica. Wir werden sehen.

Philip: Das Geschäft läuft heute anders als in den 70er und 80er Jahren …

Mike: Ja, ich wünschte es wär noch so wie früher. Dann wäre alles viel einfacher für uns.

Philip: Wie läuft denn das Geschäft für euch?

tracer04.jpgMike: Ich hab keine Ahnung. Das lass ich die anderen machen. [lacht] Jedenfalls ist es wirklich hart. Denn man kann sich nicht mehr auf Plattenverkäufe stützen. Alles läuft online und es kommt darauf an, wie gut du die Fans mit einbeziehst auf Facebook und Twitter und all diesem Mist. Ich hab das nie nachvollziehen können, weil ich immer ein direkter, persönlicher Typ war. Ich mag Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Wenn ich dich als Person leiden kann, ist das super, dann verstehen wir uns. Was allerdings den Online-Kram angeht, bin ich eher zynisch. Mir ist natürlich klar, wie wichtig das ist, damit wir weiter Musik machen können. Deshalb lerne ich stetig dazu. Eigentlich will ich aber nur auf der Bühne stehen und es krachen lassen. [lacht] Je mehr wir das können und je weniger wir twittern müssen, desto besser ist das für den Rock’n’Roll.

Philip: Und wie läuft das Tournee-Leben für euch? Auch das ist ja härter geworden. Die Zeiten, in denen die Plattenfirma alles bezahlt haben und man in den besten Hotels absteigt, sind definitiv vorbei – außer für Bands wie die Rolling Stones.

Mike: Tja. Wir müssen wohl einfach anfangen, Songs zu schreiben wie die Rolling Stones. [lacht laut] Tourneen sind hart, aber sie machen Spaß. Da ist schon unsere siebte Tour hier. Ein paar Mal hatten wir Glück und wurden in den Tourbus eingeladen, wodurch das Leben unterwegs sehr bequem war. Dieses Mal sitzen wir mit sechs Leuten zusammen in einem Kleinbus. Da fängt es schnell an schlecht zu riechen. Nach ein paar Wochen wachsen Dinge an der Innenwand und man vermisst sein Zuhause. Andererseits ist es wie ein Camping-Ausflug. Außerdem spielen wir dank Apocalyptica jeden Abend vor 1000 Leuten oder mehr. Das ist es wohl wert.

Philip: Zum Schluss ein Blick in die Glaskugel. Wo wollt ihr in zehn Jahren stehen?

Mike: Ich sag es mal so: Wir erleben gerade die Tournee mit Apocalyptica. Wir sehen, wie groß ihre Bühne ist und wie viele Tickets sie verkauft haben. Wenn wir das hier in Europa auch schaffen könnten, und zwar nicht erst in zehn, sondern in drei oder vier Jahren, dann wäre das ziemlich perfekt.

Philip: Viel Erfolg dabei und alles Gute.

Mike: Vielen Dank!

(Fotos: BJWOK)

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