NAZARETH – Die harten Jahre

Irgendwas ging mit der Geschichtsschreibung in Sachen "Siebziger-Jahre-Hardrock" gründlich schief. Die "Dreifaltigkeit des Siebziger-Hardrock", Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin, kennt heute noch jeder, der sich für Rockmusik interessiert. Dass die Ära 1971-1976 aber noch eine ganze Menge anderer bemerkenswerter Bands hervorbrachte, die nicht nur qualitativ mit den Alben der Großen Drei mithalten konnten, sondern auch auf die nachfolgende Generation einen ähnlich großen Einfluss ausübten, wird gerne übersehen - Bands wie Uriah Heep, Blue Öyster Cult, Thin Lizzy oder UFO sind dazu verdammt, mit ihren oft eher untypischen Singlehits diverse "Best Of Dad Rock"-Sampler aufzufüllen.

Zu dieser Gruppe muss man auch das aus Dunfermline, Schottland, stammende Hardrock-Urgestein Nazareth zählen. Obwohl deren Klassiker-Alben hörbar und von den Protagonisten offen zugegeben als Ideengeber für AC/DC, Guns N’Roses, Rose Tattoo, Motörhead und die komplette rotzigere Seite der NWoBHM dienten, wird die Band gerne vergessen – oder aufgrund ihrer Hitsingles ‚Love Hurts‘ und ‚Dream On‘ als nette Balladen-Kombo verurteilt. Mit der Neuauflage von sechs klassischen Nazareth-Alben auf farbigem Vinyl soll dieser Bildungslücke Abhilfe geschaffen werden. Es dürfte kein Zufall sein, dass mit „Razamanaz“, „Loud’n’Proud“, „Rampant“, „Hair Of The Dog“, „Expect No Mercy“ und „No Mean City“ die wohl heaviesten Alben hierfür ausgewählt wurden. Whiskey-Soda blickt für Euch nun zurück auf die wilden Siebziger, in denen Nazareth ihre besten Platten ablieferten und auch kommerziell gesehen ihre Blütephase hatten.

Bei Top Of The Pops 1973

Als Dan McCafferty (voc), Manny Charlton (gtr), Pete Agnew (bs) und Darrell Sweet (dr) 1972 von ihrer gerade absolvierten Europatour im Vorprogramm von Deep Purple zurückkehrten, war eindeutig Katerstimmung angesagt. Obwohl Nazareth sich in den vier Jahren ihres Bestehens regelmäßig als exzellente Liveband bewiesen hatte, verkauften sich ihre Platten nur schleppend. Obwohl die Band schon zuvor mit Größen wie Rory Gallagher und Atomic Rooster in den großen Hallen aufgetreten war, wußte ihr Label nicht viel mit der Band anzufangen. Pegasus Records sah in Nazareth lediglich eine etwas härter aufspielende elektrische Folk- und Country-Rock-Band, und so klangen auch große Teile der ersten beiden Platten. Die Fans hingegen bejubelten die Band vor allem für ihre eher Rock-orentierten Liveshows. 1973 übernahm Tony Stratton-Smith, Boss des kultigen Charisma-Labels, das unter Anderem Genesis, Van Der Graaf Generator und Monty Python betreute, die Kataloge und Verträge der Pegasus-Bands für das neue Charisma-Sublabel Mooncrest. Wo die hauptsächlich im Folkbereich agierenden anderen Bands klar zu vermarkten waren, bereiteten ihm Nazareth einiges Kopfzerbrechen. Die Schwierigkeit bestand zu nicht unbeträchtlichem Teil darin, dass die ersten beiden Nazareth-Alben zwar exzellente Musik boten, aber stilistisch enorm uneinheitlich klangen. Roger Glover, der als Bassist von Deep Purple schon mitverantwortlich für deren Transition vom braven Sixties-Pop der Mark-I-Phase zum Hardrock-Meilenstein „In Rock“ gewesen war, gab der Band den entscheidenden Tipp: „You should make a heavy record!“ riet er der Band, und er selbst bot sich auch gleich als Produzent für dieses „heavy“ausgefallene Album an. Deep Purple waren damals eine DER Bands der Stunde, und die Idee, das dritte Album von einem „großen Namen“ produzieren zu lassen, gefiel der Band enorm. Das Label hingegen war sich nicht allzu sicher, ob es sich lohnte, Glovers hohe Produzentengage zu zahlen – Nazareth galten eben bereits als ein „lost cause“. Ausgerechnet das Demo eines neuen, erneut ziemlich Country-lastigen Songs namens ‚Broken Down Angel‘ schaffte es, Mooncrest schließlich doch zu überzeugen – nach Meinung der Labelbosse hatte der Song Hitpotenzial.

„Razamanaz“ erschien im Mai 1973 und war vermutlich nicht das, was dem Label aufgrund des besagten Demos vorgeschwebt war. Für Nazareth aber war das Album ganz eindeutig der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Auch wenn die Folk- und Country-Elemente nicht komplett verschwunden waren, hatte Glover die Band genau so produziert, wie sie live klang: dreckig, roh, laut und emotional. Keine Experimente mit Streichern, Synthesizern oder Chören wie auf den Vorgängern, sondern bodenständiger No-Frills-Hardrock, eingespielt innerhalb von gerade mal zwei Wochen. Glover hatte unter Anderem den mit einer enormen stimmlichen Reichweite gesegneten Sänger Dan McCafferty dazu ermutigt, nicht nur in seinem höchsten Register, sondern auch deutlich aggressiver als bisher zu agieren. Dadurch klang McCaffertys Stimme noch rauer als bislang und wurde zu dem nervenzerfetzenden, angepissten Keifen, das die Band ab sofort dominieren sollte und für Sänger wie Brian Johnson, Jimmy Barnes und Axl Rose zur Blaupause wurde. Im Vergleich dazu klangen der in ähnlichen Höhen, aber eher feminin agierende Robert Plant und sogar „motormouth“ Noddy Holder (Slade) vergleichsweise harmlos. Somit blieb der Band überhaupt nichts anderes übrig, als ihre Amps auf maximale Belastbarkeit zu testen, wenn sie nicht von ihrem Frontmann in Grund und Boden geschrien werden wollten.

Dan McCafferty

Schon der eröffnende Titelsong von „Razamanaz“ zeigte klar, wo die Reise hinging. Mit einem bei Deep Purples ‚Speed King‘ „geborgten“ Riff und einem an Led Zeppelins ‚Rock And Roll‘ erinnernden, tierisch nach vorne treibenden Uptempo-Schlagzeug kreierten Nazareth aus vertrauten Mitteln sofort etwas Neues und Eigenständiges. Hier war kein Platz für Klassikspielereien wie auf ‚Speed King‘ oder Plant’sches „oooh, yeah!“-Gestöhne, das war Arbeiterklassen-Rock der derbsten Kajüte. Die Neueinspielung des in einer poppigeren Version bereits auf dem Vorgängeralbum enthaltene ‚Woke Up This Morning‘ als stampfender Riff-Rocker und das von jaulender Slidegitarre dominierte ‚Bad Bad Boy‘ gehören noch heute zu den Standards jeder Naz-Show. Die neugefundene Härte und die simpel-eingängigen Melodien sorgte dafür, dass der gemeine Hardrock-Fan direkt eine neue Lieblingsband hatte, und Nazareth galten fortan als zuverlässige Gute-Laune-Kapelle mit bodenständigem Arbeiterklassen-Image und rau-herzlichem Riffrock – quasi die Ideal-Mixtur aus der Partytauglichkeit von Slade und dem bluesigen Hardrock von Led Zeppelin. Zum kommerziellen Knackpunkt sollte aber, wie es das Label vorausgesehen hatte, der Abschlusstrack des Albums werden: ‚Broken Down Angel‘ wurde in der elektrifizierten „Razamanaz“-Fassung zum ersten Singlehit und brachte die Band zu Top Of The Pops und in die Top Ten der britischen Charts. Die Band tourte zum ersten Mal als Headliner, und der Erfolg von ‚Broken Down Angel‘ zog das Album bis auf Platz 11 in den UK-LP-Charts.

Noch im gleichen Jahr schob die Band den Nachfolger „Loud And Proud“ hinterher. Der wurde nach dem Motto „never change a winning team“ wieder von Glover produziert und bot weiterhin knochentrockenen, partytauglichen Hardrock, den die Band während ihres unermüdlichen Tourens nochmals weiter verfeinert hatte. Mit der Eröffnungssalve ‚Go Down Fighting‘ und ‚Not Fakin‘ It‘ gab’s gleich zwei treibende Uptempotracks, speziell ‚Not Fakin‘ Out‘ mit seiner konsequent in Vierteln durchgeprügelten Snaredrum erwies sich als wichtiger Ideengeber für das, was ein paar Jahre später in der NwoBHM passieren sollte. Wo ‚Broken Down Angel‘ vom Vorgänger nur im UK erfolgreich gewesen war, schafften es Nazareth mit ‚This Flight Tonight‘, der riffgetragenen Adaption eines Joni Mitchell-Songs, einen europaweiten Singlehit zu landen und unter Anderem in Kanada die Top 30 zu knacken. Für viele Fans war aber das Highlight des Albums ein Anderes: das abschließende ‚The Ballad Of Hollis Brown‘. Im Original von Bob Dylan stammend, machten Nazareth aus dem wortreichen Folkblues eine düstere, fast durchweg auf einem Akkord verbleibende psychedelische Dröhnung, die den Hörer auf einen neunminütigen Horrortrip mitnahm – ein deutlicher Kontrast zum launigen Rest der Scheibe.

Nazareth standen zu dieser Zeit kreativ gesehen eindeutig „gut im Saft“. Schon im April 1974 erschien mit „Rampant“ das dritte Nazareth-Studioalbum innerhalb eines Jahres, in dem die Band noch rund 250 Livegigs absolviert hatte. Das war damals übrigens nicht sonderlich ungewöhnlich, auch Bands wie Queen veröffentlichten ihre ersten Alben im Halbjahrestakt. Roger Glover teilte sich die Produzenten-Pflicht diesmal mit Gitarrist Manny Charlton. Im Vergleich zu den Vorgängern zeigte sich „Rampant“ etwas variabler im Sound, was auf Charltons Einfluss zurückzuführen war: die Band wollte vermeiden, als eindimensional wahrgenommen zu werden. Von den mittlerweile typischen Rockern wie ‚Shanghai’d In Shanghai‘ (ein weiterer Singlehit) über die spacige Version des Yardbirds-Klassikers ‚Shapes Of Things‘ bis zur zarten Ballade ‚Sunshine‘ schafften es Nazareth, ihre stilistische Weiterentwicklung ohne Qualitätsverluste an den Mann zu bringen. Dabei half unter Anderem Glovers ehemaliger Bandkollege Jon Lord, der zu einigen Songs Keyboards beisteuerte. Außerhalb Großbritanniens wurde „Rampant“ übrigens erstmals von der Plattenfirma Vertigo veröffentlicht, die unter Anderem auch Black Sabbath und Uriah Heep unter Vertrag hatten. Nur der Durchbruch in den USA wollte Nazareth immer noch nicht gelingen. Deshalb beschloss Manny Charlton, drastischere Maßnahmen zu ergreifen.

Manny Charlton

Und so nahm er für den Nachfolger „Hair Of The Dog“ das Produktionszepter alleine in die Hand. Erstmals verstrich ein komplettes Jahr zwischen zwei Nazareth-Alben, und die Entspannung tat dem Endergebnis hörbar gut. Im Vergleich zu den Vorgängern präsentierte sich der Sound abgeschlackter und vor allem die Gitarren nochmals deutlich heavier. Der Titelsong, dessen Cowbell-Drum-Intro unzählige Hardrock-Bands inspirieren sollte – beispielsweise Twisted Sisters ‚We’re Not Gonna Take It‘ – sollte eigentlich, wie das Album, „Son Of A Bitch“ heißen – das war dem Label aber doch zu heikel, weshalb man sich auf das Wortspiel „Hair Of The Dog“ („heir of the dog“ – „son of a bitch“) verlegte. Das hatte noch dazu die Verbindung zu einem alten englischen Anti-Kater-Rezept („have hair of the dog that bit you“ – nimm einen Schluck von dem, was Dich umgehauen hat) und schien also vordergründig unschuldig genug. Das Album erschien auch erstmals in den USA bei Vertigo. Wo deren amerikanische Vertretung mit den Heavy-Brettern wie ‚Miss Misery‘ oder dem an Led Zeppelins ‚Black Dog‘ angelehnten ‚Changing Times‘ keinerlei Probleme hatten und auch das neunminütige Psychedelic-Blues-Experiment ‚Please Don’t Judas Me‘ mit Gastauftritt vom angehenden Wunderdrummer Simon Phillips an den Tablas passte den Amerikanern genauso gut ins Konzept wie den Europäern. Nur die einzige Ballade des Albums, ein bluesiges Cover von Randy Newmans ‚Guilty‘, fand wenig Anklang: der Song war schließlich erst ein paar Monate zuvor veröffentlicht und noch zu frisch in den Ohren der Rockfans, um ein „Reboot“ zu bekommen. Stattdessen packte das Label in den USA ein Outtake auf die Scheibe: die Coverversion des alten Everly Brothers-Schmachtfetzen ‚Love Hurts‘.

Besagtes ‚Love Hurts‘ wurde auch noch gleich als Single ausgekoppelt, woraufhin die Europäer schlauerweise nachzogen. Die Geschichte dürfte bekannt sein – ‚Love Hurts‘ wurde weltweit zum Hit und etablierte die Band auch in den USA. Dummerweise brachte ‚Love Hurts‘ der Band aber auch den Ruf einer „Balladenband“ – was für manche hochgezogene Augenbraue beim Hören des Albums führte. Um auf den Erfolg von ‚Love Hurts‘ aufzubauen, gab es im Anschluss eine erste „Greatest Hits“-Scheibe zu kaufen. Nicht zum letzten Mal machten Nazareth daraufhin einen kräftigen musikalischen Fehler. Da speziell Pete Agnew von der Hardrock-Ausrichtung der Band nicht viel hielt und auch Manny Charlton der Überzeugung war, Nazareth sollten sich mehr am Softrock von Little Feat oder den Eagles orientieren, um in den USA endgültig zu Superstars zu werden, fielen die beiden Nachfolgeralben deutlich kommerzieller und balladenlastiger aus. Es kam wie erwartet: die europäischen Fans begannen sich aufgrund des Stilwechsels langsam, von der Band abzuwenden, und für die Fans des harmonischen Westcoast-Sounds klangen auch die weichgespülten Nazareth immer noch zu hausbacken und simpel. Erst mit dem 1977er Album „Expect No Mercy“ sollten Nazareth wieder zu ihrem vertrauten Hardrocksound zurückkehren – bis dahin hatten sie aber so ziemlich alles, was sie sich von 1973 bis 1975 erarbeitet hatten, wieder verspielt.

Pete Agnew

Besagtes „Expect No Mercy“ hatte allerdings eine holprige Entstehungsgeschichte. Die erste Version des Albums gefiel der Band nicht, weshalb sie sich entschloss, ein paar Parts noch einmal neu aufzunehmen und das komplette Album noch einmal abzumischen. Unter Anderem wurde der treibende Titelsong erst bei den zweiten Sessions aufgenommen und wertete ohne Frage das komplette Album noch einmal auf. Aufgrund dieses Problems war „Expect No Mercy“ noch nicht veröffentlicht, als Nazareth mit Lynyrd Skynyrd auf US-Tour gingen. Besagte Tour endete für die Southern-Rocker bekanntlich tragisch: am 20. Oktober stürzte das Flugzeug der Band ab und ein Großteil von Band und Crew kamen dabei ums Leben. Nazareth waren nur deshalb nicht bei ihren Kollegen an Bord, weil sie an diesem Tag noch ein TV-Interview hatten und zum nächsten Tourtermin nachreisen mussten.

Waren bislang alle Songs von Nazareth Bandkompositionen (oder Coversongs), wurde diesmal bei gut der Hälfte des Albums Manny Charlton, der auch wieder wie seit „Hair Of The Dog“ üblich Produzent der Scheibe war, als alleiniger Komponist aufgeführt. „Expect No Mercy“ hatte auch die „Ehre“, eines der ersten Rockalben mit einem Coverartwork des Fantasy-Zeichners Frank Frazetta zu sein. Der auf dem Originalartwork zu sehende Penis eines Schwertkämpfers wurde für die LP allerdings wegretuschiert. Na, so gibt’s wenigstens keine häßlichen Schwertschwinger-Unfälle.

Ein weiteres Fantasy-Cover zierte den Nachfolger „No Mean City“. Rodney Matthews hatte zwar zuvor bereits Artworks für Thin Lizzy, Amon Düül II oder Brinsley Schwarz gezeichnet, und seine Artworks für Michael Moorcocks „Elric“-Romanreihe waren schon damals Kult. Das kriegerische Monster „Friendly Fred“, das er für „No Mean City“ anfertigte, wurde in der Folge zu einer Art Maskottchen für Nazareth und fand sich selbst Jahrzehnte später immer noch auf Merchandise-Artikeln wieder – das „Skull’n’Wings“-Design von Freds Gürtelschnalle gab’s beispielsweise gerade im letzten Jahr auf dem „Loud And Proud“- Boxset und, in veränderter Form, auf dem Cover des „Tattoed On My Brain“-Albums zu sehen. Das stimmungsvoll-düstere Backcover, welches dem Albumtitel Rechnung trug, halfen Matthews dabei, für die gerade aufkeimende NWoBHM zur ersten Adresse für Albumdesigns zu werden. Ob Tygers Of Pan Tang, Diamond Head, Praying Mantis, Bitches Sin oder die Melodic-Rocker Magnum, alle wollten plötzlich ein Rodney Matthews-Cover. Das war aber nicht die einzige Verbindung, die „No Mean City“ zur NWoBHM hatte.

Ende der 1970er mit Zal Cleminson (2.v.r)

Denn musikalisch zog die Band auf ihrem 1979er Album die Härteschraube selbst im Vergleich zum Vorgänger noch einmal ein gutes Stück an. Dafür hatten Nazareth sich erstmals ein weiteres Bandmitglied angelacht: an der zweiten Gitarre fand sich der ebenfalls aus Schottland stammende Zal Cleminson. Der war keineswegs ein Unbekannter: bei der Sensational Alex Harvey Band hatte er schon zuvor sein immenses Talent als Gitarrist und ab deren „Tomorrow Belongs To Me“-Album auch immer mehr als Songschreiber bewiesen. Auf ‚No Mean City‘ steuerte er den Song ‚Simple Solution Part 1 & 2“ bei – einer von fünf gnadenlosen Hardrocksongs an der Grenze zum frühen Heavy Metal. Ruhiger klangen nur die die AOR-Nummer ‚Whatever You Want Babe‘ die obligatorische Ballade ‚Star‘, und das folkige, mitgröhlbare ‚May The Sunshine‘ . Der sechseinhalbminütige Titelsong wurde von der kompletten Band komponiert und passte wunderbar in eine Reihe mit den anderen Naz-Epen wie ‚Please Don’t Judas Me‘ und ‚Morning Dew‘ – nur heavier, und die derben ‚What’s In It For Me‘, ‚Just To Get Into It‘ und das schleppende ‚Claim To Fame‘ fanden damals auch die Metal-Fans ziemlich knorke.

Darrell Sweet

Besagtes Metal-Publikum war aber nicht unbedingt bevorzugte Zielgruppe der Band, und speziell Pete Agnew sparte in der Presse nicht mit Spitzen gegen die jungen Kollegen wie Saxon, Iron Maiden oder Def Leppard. Nazareth wollten nicht nur als Urväter des harten Rocks gesehen werden, sondern nach wie vor zurück an die Spitze des Pop, dorthin, wo sie mit ‚This Flight Tonight‘ und ‚Love Hurts‘ gewesen waren. Das führte in den nächsten Jahren zu einigen seltsamen stilistischen Experimenten – so waren auf dem Nachfolgeralbum „The Fool Circle“ Reggae- und sogar Disco-Elemente zu hören, auch in AOR-Gefilden und mit Synthie-Klängen versuchte sich die Band zu modernisieren. Das konnte aber nicht darüber hinwegtrösten, dass kreativ spätestens nach dem Livealbum „‚Snaz“ (1981) und dem überraschend guten AOR-Album „2XS“ (1982) die Luft bei Nazareth ziemlich ‚raus war und die stilistische Irrfahrt auch die Fans vergraulte. Die einstige Arena-Band war Mitte der Achtziger wieder zur Club-Band geworden. Manny Charlton verließ die Band im Jahr 1990, und trotz der gutklassigen Alben „No Jive“ und „Move Me“ konnten Nazareth auch in den Neunzigern nicht mehr an ihre alten Erfolge anknüpfen. Drummer Darrell Sweet starb im Frühjahr 1999, und Dan McCafferty reichte aus gesundheitlichen Gründen 2013 seine Kündigung ein. Pete Agnew leitet als einzig verbliebenes Originalmitglied weiterhin eine unter dem alten Bandnamen firmierende Besetzung, die 2018 mit „Tattoed On My Brain“ sogar ein neues Album veröffentlichte.

Nazareth 2008

Dank der aktuellen Re-Releases kann man sich aber nun die Highlights der Bandgeschichte in Vinyl-Fassung wieder ins Regal stellen – sogar in farbigem 180g-Vinyl, remastert, in fantastischer Pressqualität und mit subtil, aber effektiv aufgehübschten Replikas der originalen Erstauflagen. Und für Hardrock-Fans sind die entsprechenden Alben – „Razamanaz“, „Loud’n’Proud“, „Rampant“, „Hair Of The Dog“, „Expect No Mercy“ und „No Mean City“ – schlicht und einfach Pflichtalben.

Fotos: BMG/Universal

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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