Helloween – Eine Bandhistory: Episode 1

In wenigen Wochen ist es soweit - Helloween stehen auf der Pumpkins United-Tour nicht nur mit den fünf Mitgliedern der seit 2004 stabilen aktuellen Besetzung, sondern zum ersten mal seit 1988 wieder mit ihren Ex-Mitgliedern Kai Hansen UND Michael Kiske auf der Bühne. Whiskey-Soda bringt Euch nun einen mehrteiligen Überblick über die Geschichte der Band, der im letzten Teil von einem aktuellen Interview mit Band-Urgestein Michael Weikath beschlossen wird, der uns alles Wissenswerte über die Reunion erzählt hat.

Teenager, die – wie der Schreiber dieser Zeilen – anno 1986/1987 den Heavy Metal für sich entdeckten, kamen schlicht zu spät zur Party. Die NWOBHM war die Musik der Vorgänger-Generation, zwar schön anzuhören, aber bereits der Sound einer vergangenen Epoche. Für Dio und Ozzy Osbourne galt das in noch größerem Maße – die Chancen standen schließlich nicht schlecht, daß sich selbst in der Plattensammlung der Eltern Black Sabbath und Rainbow versteckten. Die Glamwelle war bereits versandet, Ratt und Mötley Crüe hatten ihre hart rockenden Phasen hinter sich und klangen jetzt wie Bon Jovi, Twisted Sister hatten sich bereits aufgelöst. Der Sound dieser Zuspätkommer des Heavy Metal war somit ein Anderer. Vor allem zwei Bands schafften es, hierzulande den Nerv der Metal-hörenden Jugendlichen zu treffen und Musik zu spielen, die zwar die Melodien, das Flair und den musikalischen Anspruch des klassischen Heavy Metals hatten, aber kombiniert mit der Heaviness, Geschwindigkeit und Frische des Thrash Metal: Metallica mit „Master Of Puppets“ und Helloween mit „Walls Of Jericho“ sollten für eine ganze Welle an jungen Metalhörern prägend sein und dafür sorgen, daß Ende der Achtziger auch in Deutschland plötzlich jede Menge dem Underground entspringende Metalbands Chartluft schnuppern durften.

Die Story von Helloween begann bereits Ende der Siebziger des letzten Jahrtausends (!) mit einer Band namens Gentry. Gegründet von einem damals fünfzehnjährigen Gitarristen Kai Hansen und seinem ein Jahr jüngeren Kumpel Piet Sielck, benannte sich die Band 1981 mit der Ankunft einer neuen Rhythmusgruppe – der aus der Punkszene stammende Bassist Markus Grosskopf und Drummer Ingo Schwichtenberg – in Second Hell um. Schon zu Second Hell-Zeiten entstanden unter Federführung von Hansen und Sielck Songs wie ‚Murderer‘, ‚Phantoms Of Death‚ und ‚Victim Of Fate‘, die später auf den ersten Platten von Helloween zu hören sein sollten.Die Band machte sich in der Hamburger Metalszene einen ersten Namen, doch Piet verließ die aufstrebende Truppe, um als Tontechniker zu arbeiten. Hansen, Grosskopf und Schwichtenberg wollten aber in jedem Fall weiterhin miteinander arbeiten und auch die Second Hell-Songs weiterspielen. Als Gentlemen’s Agreement mit Piet einigte man sich darauf, daß die drei zwar das musikalische Konzept und die Songs weiterbenutzen würden, aber unter einem neuen Namen.

Ein gewisser Michael Weikath, Boss der Konkurrenzband Powerfool, versuchte, Kai für seine deutlich weniger heavy agierende Band abzuwerben. Die Powerfool-Kollegen waren aber von Die Hard-Metal-Fan Kai nicht unbedingt begeistert. Stattdessen endete es damit, daß Weikath bei den gerade frisch in Iron Fist umbenannten Kollegen einstieg. Dabei war er zu Beginn nicht unbedingt vollkommen begeistert vom Sound, den Hansen, Grosskopf und Schwichtenberg da fabrizierten:

„Das war wahrscheinlich die schrecklichste und härteste Band, die ich so je gesehen hatte…“

(DVD, Helloween – Live on 3 Continents, SPV 2005) erinnerte sich Weikath bei einem Interview 2005. Speziell der Song ‚Gorgar‘ blieb ihm im Gedächtnis hängen – wenn auch nicht unbedingt im Positiven:

„Das war sehr schlecht – und das hab‘ ich mir aber gemerkt, das hab‘ ich nie vergessen! Und ich hab‘ mir gedacht, das ist irgendwie interessant, daß man sich so einen Müll da so dermaßen merkt, dieses ‚Gorgar Will Eat You…‘. Und ich hab mir immer gedacht, das war ja nun alles nicht schlecht, das war sehr heavy, wenn man jetzt auf den ganzen Blödsinn da noch’n büschen wat Melodisches draufpacken könnt‘ oder so, dann wär das auf jeden Fall ne geile Mischung.“

(DVD, Helloween – Live on 3 Continents, SPV 2005)

Mit Michael Weikath kam ein wichtiges, neues Element zur Band. Der hochgewachsene, schlaksige Gitarrist mit dem tiefschwarzen und staubtrockenen Humor zählte nämlich neben damaligen Metalgrößen wie Accept auch Bands wie Queen, The Sweet und die Beatles zu seinen Lieblingsbands und hatte für die Klischees der Metalszene schon damals nicht viel übrig. Mit Weikaths Einstieg war es dann auch Zeit, den Namen zu ändern, denn in die Motörhead-Schublade, die der Name Iron Fist bediente, wollte man nicht unbedingt gesteckt werden. Drummer Ingo schlug schließlich den Namen Halloween vor, aus dem Kai Hansen das witzigere und eigenständigere Helloween machte. Weikath entwarf das berühmte geschwungene Logo mit dem Kürbis-O, und die Weichen waren gestellt. Die frischgebackenen Helloween taten sich mit dem in der Hamburger Szene als Manager aktiven Limb Schnoor zusammen, der gerade dabei war, seine „andere“ Band, ein Haufen mit satanischen Lyrics spielender Metaller namens Running Wild, an das frisch gegründete Noise-Label des Berliners Karl-Ulrich Walterbach zu verscherbeln. Walterbach zeigte sich von Helloweens Proberaum-Mitschnitten angetan und gab ihnen wie Running Wild die Möglichkeit, zwei Songs zu seinem Underground-Sampler „Death Metal“ beizusteuern.

Helloween nahmen also in Berlin unter der Regie von Horst Müller die Songs ‚Metal Invaders‘ und ‚Oernst Of Life‘ auf. Neben Running Wild und Helloween waren übrigens auch noch die Celtic Frost-Vorläufer Hellhammer und eine nie mehr weiter in Erscheinung getretene Band namens Dark Avenger auf dem Sampler vertreten. „Metal Mike“ Blim urteilte damals im Metal Hammer über Helloweens Beitrag zu „Death Metal“:

„Mit Speed-Metal-Mayhem á la Sweet Savage geht es mit ‚Oernst Of Life‘ und ‚Metal Invaders‘ in den Schlußspurt des tödlichen Metals – haervorragendes Arrangement, herrliches (!) Zusammenspiel der beiden Gitarristen, guter Sänger – den Namen Helloween sollte man sich merken!“

(Metal Hammer, Ausgabe 5, 1984)

Motiviert von der positiven Reaktion auf die Sampler-Beiträge bot Walterbach Helloween einen Vertrag mit der aufstrebenden Plattenfirma an, und da auch ihr Manager Limb Schnoor keine Bedenken hatte, unterschrieb die nach wie vor junge Band den auch sogleich – ohne sich so genau durchzulesen, was der denn beinhaltete. Limb gründete daraufhin die Gesellschaft Helloween Entertainment, die ab sofort das Tourmanagement, die Pressearbeit, den Fanclub und den Merchandise-Vertrieb übernahm. Walterbach machte das Budget für eine EP locker, und so begaben sich Helloween 1985 wieder ins Studio, um mit Harris Johns als Produzenten die selbstbetitelte EP aufzunehmen. Auch wenn Kai gesanglich nicht auf der Höhe war – er hatte sich nämlich pünktlich zur Studioproduktion eine Grippe eingefangen.

„Wenn man sich nichts dabei denkt, halbnackt und voll wie einen Haubitze durch Berlin zu rennen, fängt man sich sowas ein.“

(„Systemstörung – Die Geschichte von Noise Records“, Iron Pages Verlag 2017) erklärte Kai später dem Journalisten David A. Gehlke. Der raue, ungeschliffene, aber dennoch durchaus melodische Gesang von Hansen kam zwar rückblickend durchaus öfter in die Kritik, speziell, nachdem er das Helloween-Mikro abgegeben hatte, doch Kais Gesang passte eben perfekt zu der noch recht wilden und ungezügelten Musik, die die vier Hamburger damals spielten. Für Underground-Verhältnisse verkaufte sich das Mini-Album exzellent – geschätzt 17000 Stück wurden innerhalb kürzester Zeit davon abgesetzt, eine Zahl, die sich in den nächsten Jahren auf 40000 erhöhen sollte. Wenig Wunder also, daß Noise darauf drängten, die Band so bald wie möglich wieder ins Studio zu schicken, um ein vollständiges Album nachzuschieben.

So fanden sich Helloween nach dem Walterbach-Motto „never change a winning team“ nur ein halbes Jahr später wieder bei Harris Johns ein, um das offizielle Debütalbum „Walls Of Jericho“ einzuspielen. Das Album war zwar immer noch genauso rau und kantig wie die EP ausgefallen, lotete aber die Extreme noch weiter aus. Der Opener ‚Ride The Sky‘, bis heute einer der Klassiker des Bandrepertoires, beeindruckte mit einem erstaunlich derben Riff der Slayer-Schule und befand sich auch geschwindigkeitstechnisch absolut auf deren Niveau – dazu kam aber eine im Speed Metal bislang so nicht gekannte, extrem eingängige und lebensbejahende Melodielinie, die sich unbeirrbar im Hirn des Hörers festsetzte. Auch die Länge des Songs – mit 5:54 Minuten genauso lang wie z.B. Queens ‚Bohemian Rhapsody‚ – beeindruckte. Wohl hatte ‚Ride The Sky‘ im Vergleich zum Queen-Klassiker einen recht konventionellen Aufbau, aber das anderthalbminütige, perfekt verzahnte Leadgitarrenmassaker von Hansen und Weikath, das in der Mitte des Songs thronte, war mit seinem Wechsel aus Breaks, zweistimmigen Leads und Soloparts auch keineswegs alltäglich. Auch Markus Grosskopfs gerne unterschätzten, hochmelodischen Bassläufe trugen mit jeder Menge harmonischer Wendungen enorm dazu bei, das Konstrukt vor langweiliger Egobefriedigung zu bewahren – hier war alles offensichtlich is ins Detail auskomponiert. Zusammengehalten und geerdet wurde das von Ingos unnachgiebigem Highspeed-Getrümmer. Kurz, so etwas wie ‚Ride The Sky‘ hatte man vorher noch nicht gehört. Wie Weikath es geplant hatte, funktionierte die Mischung aus Thrash-Energie und Melodie wunderbar.

Weitere Beweise dafür lieferte Michael gleich selbst – mit den ersten beiden, von ihm alleine komponierten Helloween-Songs ‚Guardians‘ und ‚How Many Tears‘. Ersteres basierte auf einem Shanty-artigen Melodieeinfall, und ‚How Many Tears‘ war ursprünglich eine Ballade aus dem Repertoire von Powerfool gewesen, der Helloween ein metallisches Arrangement verpassten. Mit siebeneinhalb Minuten war ‚How Many Tears‘ noch länger als ‚Ride The Sky‘ ausgefallen, und der balladeske Break in der Mitte des Songs gab ‚How Many Tears‘ eine epische Note, die den Song zum Wegweiser nicht nur für die Zukunft von Helloween, sondern generell für ein ganzes Genre machen sollte.

Der kreative wie kommerzielle Erfolg von „Walls Of Jericho“ wurde nur getrübt von Kai Hansens erneuten Stimmproblemen. Während der Aufnahmen zum Album hatte sich Kai regelmäßig an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gebracht, was sich mit unangenehmen Kopfschmerzen rächte – und auf der anstehenden Tour auch mit erheblichen Formschwankungen und sogar Gigabsagen. Somit wurde nach der Aufnahme der auf keinem Album enthaltenen Single ‚Judas‘ beschlossen, Kai würde sich zukünftig auf seine Gitarre konzentrieren – ein hauptamtlicher Sänger müsse her. Besagte Single enthält übrigens in ihrer originalen Zwölf-Zoll-Maxi-Version mit den aus einem vom WDR übertragenen Konzert stammenden ‚Ride The Sky‘ und ‚Guardians‘ die einzigen offiziell veröffentlichten Livemitschnitte der Ära mit Kai Hansen am Mikrofon. Und auch nur da – für die Anfang der 1990er erschienene japanische CD-Single Version wurden nämlich, warum auch immer, stattdessen die Studioversionen mit Publikumsgeschrei unterlegt (!) und sämtliche nachfolgende CD-Fassungen der beiden Songs übernahmen perverserweise diese gefälschten „Livetakes“. Besonders ärgerlich, weil gerade diese beiden Aufnahmen zeigten, das Hansen an guten Tagen sehr wohl in der Lage war, eine exzellente Leistung abzuliefern.


Drei Kandidaten standen für den Helloween-Sängerjob der Folklore nach zur Wahl. Ralf Scheepers von der ebenfalls bei Noise unter Vertrag stehenden Hardrockband Tyran Pace, ein – namentlich nie genannter – Amerikaner und ein gerade mal siebzehnjähriger Jüngling namens Michael Kiske, der zwar mit seiner Band Ill Prophecy bereits ein beeindruckendes Demo aufgenommen hatte, aber vor seiner Helloween-Audition der Legende nach gerade mal einen einzigen Livegig absolviert hatte. Scheepers tauchte zu seiner Audition gar nicht erst auf, der Amerikaner erlitt einen Kulturschock – und Michael Kiske war, wie Weikath ein paar Jahre vorher, alles Andere als beeindruckt von dem, was Helloween da so fabrizierten.

„Für mich klang alles gleich.“

erklärte Kiske später.

„Ich stand eher auf Iron Maiden, Judas Priest und Queensryche. Die entsprachen meinem Verständnis von Metal, nicht dieses Speed-Zeug. Darum meldete ich mich nicht bei ihnen.“

(„Systemstörung – Die Geschichte von Noise Records“, Iron Pages Verlag 2017)

Doch Weikath gab sich nicht so einfach geschlagen und überredete Kiske, doch einfach mal zur Probe zu kommen. Und siehe da, Kiske mußte zugeben, daß sich das Ganze ziemlich perfekt fügte. Etwas skeptischer war hingegen Kais Reaktion. Für seinen Geschmack klang der jugendliche Kiske zu sauber, brav und hoch, zu wenig metal-mäßig. Erst, als die Band mit Kiske an neuen Songs zu arbeiten begann, machte es auch bei Hansen Klick – und er begann, bewußt Songs mit Kiskes Stimme im Hinterkopf zu schreiben. In der Tat löste die Begeisterung einen wahren Kreativschub aus, und Helloween verkündeten ihrem Label, daß ihr nächstes Album ein Doppelalbum werden müsse.

Obwohl Helloween eines von Noises besten Pferden im Stall war, sah Label-Boss Walterbach die Notwendigkeit aber nicht gegeben. Von den Songs, die die Band anschleppte, gefiel ihm nämlich maximal die Hälfte – und speziell die Songs von Michael Weikath empfand er als, je nachdem, wen man fragt, nicht gut genug oder zu weit vom bewährten „Walls Of Jericho“-Stil entfernt. Weikath hatte zur damaligen Zeit allerdings durchaus mit eigenen Problemen zu kämpfen: der Gitarrist hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten, dessen Konsequenzen ihn noch jahrelang verfolgen sollten. Laut Weikaths Aussage spielte Kai für das Album sämtliche Rhythmusparts alleine ein, während er selbst sich erholte und danach seine Soli darübersetzte. Somit sollte das Doppelalbum auf eine Vinylscheibe reduziert werden und vornehmlich auf Kais Kompositionen fußen und die beiden Michaels jeweils nur einen Song beisteuern.

Doch auch Kais neue Stücke verlangten nach einer differenzierteren Produktion als auf „Walls Of Jericho“, weshalb die Band sich entschied, nicht mehr mit Harris Johns zusammenzuarbeiten. Stattdessen engagierten sie den Dänen Tommy Hansen, der seinen Landsleuten Pretty Maids für ihr Debüt „Red Hot And Heavy“ einen der gewaltigsten Gitarrensounds des Genres beschert hatte. Auf Walterbachs Anraten wurde Victory-Gitarrist Tommy Newton als zweites Ohr hinzugezogen, und im Tandem führten sie Helloween zu neuen kreativen Ufern. Schon auf der vorangegangenen Tour hatte die Band mit Jörn Ellerbrock einen (meist hinter einem Vorhang versteckten) Livekeyboarder engagiert, und dieses Mal wurden die Keyboardklänge – im Studio gespielt und arrangiert von Tommy Hansen – integraler Bestandteil der Produktion. Kiskes alter Ill Prophecy-Song ‚A Little Time‘ bekam beispielweise mit Samples aus dem Fairlight-Synthesizer einen psychedelischen Mittelteil verpasst, die Single ‚Future World‘ machte den Tasten mit entschlackten Gitarren Platz, an anderer Stelle fügten die Keyboards eine pseudoklassische Komponente hinzu. Die Gitarrenfraktion gab sich weniger thrashig, die Drums nicht mehr permanent Vollgas und die Basslinien waren so unkonventionell und verspielt wie immer. Mit dem dreizehnminütigen ‚Halloween‘ hatten sie sogar ein komplex arrangiertes Epos am Start, welches den mit ‚How Many Tears‘ begonnenen Weg weiterverfolgte. Mit seiner Mischung aus Speedparts, so eingängigen wie theatralischen Melodien en masse und clever fließenden Rhythmuswechseln und progressiven Breaks ließ ‚Halloween‘ im Direktvergleich Iron Maidens ‚Rime Of The Ancient Mariner‘ – und außer dem gab es ansonsten im Metal noch nichts Vergleichbares – wie ein recht traditionelles Stück Bangerfutter wirken.

Und über allem thronte das majestätische Organ des Neuzugangs Michael Kiske, der vom sonorem Elvis-Timbre bis zu den höchsten Tönen, die eigentlich bislang Geoff Tate und Rob Halford vorbehalten gewesen waren, alle Anforderungen des Materials mit spielerischer Leichtigkeit und trotz seines jugendlichen Alters ungeheuer selbstsicher meisterte. Dazu kam die unverschämt positive Attitude der Band, die mit dem damals vorherrschenden „Satan- und Deibel“-Image der nationalen Konkurrenz rein gar nichts gemeinsam hatte. Eher orientierte man sich am bodenständigeren Auftreten von Bands wie Iron Maiden und fügte dem noch eine gewaltige Dosis schrägen Humors hinzu. Die den Innnenteil des aufwändigen Gatefold-Covers kapernden, albernen Kürbiskopf-Comics des belgischen Grafikers Frederick Moulaert wurden sofort zum Kult und gaben natürlich auch exzellente T-Shirt-Motive ab. Die Verbindung von zeitgemäßen Metal-Sounds, eingängigen Mitsing-Melodien und dem Humor der Band griff so perfekt ineinander, wie es sich kein Plattenfirmenmensch am Reißbrett hätte erträumen können.

„Keeper Of The Seven Keys Part 1“ wurde sofort zum Erfolg und setzte alleine in Deutschland relativ schnell 125000 Exemplare ab. Die Band bekam von Noise allerdings nach wie vor ein Pauschalgehalt von knapp 2500 DM, während Walterbach sich zum Ärger vieler größtenteils noch schlechter entlohnter Noise-Künstler einen nagelneuen weißen Ferrari leistete. Nach einer künstlerisch erfolgreichen, aber kräftezehrenden Tour durch die USA, die dazu führte, daß Kai Hansen Weihnachten 1987 im Krankenhaus verbringen durfte, und einem Auftritt auf den britischen Monsters Of Rock-Festival bezeugte das Iron Maiden-Management Sanctuary Interesse an Helloween, die nach wie vor von ihrem loyalen, aber wenig aggressiven Kumpel Limb Schnoor betreut wurden. Noise stellte sich zwar sofort dazwischen, aber es wurde recht deutlich, daß Helloween Mainstream-Potenzial hatten – nicht wenige trauten der Band gar zu, dauerhaft die Nachfolge von Größen wie eben Iron Maiden anzutreten. Also mußte schnellstmöglich der Nachfolger her. Als „Keeper Of The Seven Keys Part II“ erschien, hatte die Band zwei verschiedene Manager – Limb Schnoor und das Sanctuary-Unternehmen, vertreten durch Harry Mohan.

Diesmal waren die Vorzeichen umgekehrt. Weikath war hochmotiviert und hatte den beim Vorgänger noch abgelehnten ‚Keeper Of The Seven Keys‘ umgeschrieben und fertiggestellt. Der Song war nun ebenso lang wie Hansens Meisterwerk ‚Halloween‘ und hatte Weikath zufolge während seiner Erholungsphase einen therapeutischen Effekt auf ihn gehabt. Neu hingegen waren das rasend schnelle ‚Eagle Fly Free‘ und die poppige Spaßnummer ‚Dr. Stein‘. Dazu steuerte Michael Kiske mit ‚We Got The Right‘ und ‚You Always Walk Alone‘ zwei ebenfalls eher progressiv angehauchte Tracks bei, und Kai Hansen brachte mit dem traditionellen Helloween-Speedie ‚March Of Time‘ und dem an ‚Future World‘ anknüpfenden ‚I Want Out‘ noch zwei weitere Hits mit. Doch die Aufnahmen gestalteten sich nicht mehr so einfach. Weikath und Kiske waren sich relativ einig, daß Helloweens Zukunft nicht unbedingt im Speed Metal lag, Hansen, unterstützt von Label-Boss Walterbach, empfand das Material hingegen als zu riskant und zu weit von den Wurzeln der Band entfernt. Speziell die Spaßnummern ‚Rise And Fall‘, die Weikath bereits für Part 1 geschrieben hatte, und ‚Dr. Stein‘ standen im Zentrum der Diskussionen. Kompliziert wurde das Ganze dadurch, daß ausgerechnet ‚Dr. Stein‘ auch noch die erste Single werden sollte. Im Nachinein genau die richtige Entscheidung: ‚Dr. Stein‘ schaffte es als eine der ganz wenigen Metal-Singles der Achtziger nämlich in die deutschen Single-Top Ten, etwas, das ansonsten maximal Bands wie Europe und Bon Jovi vorenthalten blieb.

Im Fahrwasser von ‚Dr. Stein‘ erklommen Helloween 1988 die Erfolgsleiter somit im Eiltempo. Ein Auftritt in der damals einzigen Pop-Musiksendung „Formel Eins“ half „Keeper Of The Seven Keys Part II“ dabei, bis auf Platz 5 der deutschen LP-Verkaufscharts zu klettern. Auch Metallica schafften es mit dem eine Woche später veröffentlichten „…And Justice For All“, welches ebenfalls den kommerziellen Durchbruch der Band signalisierte, nicht höher. Das zweite Keeper-Album blieb satte sechzehn Wochen in den LP-Charts, während der auch wenig Metal-kompatible Medien wie die Bravo auf die Band aufmerksam wurden. Das rief natürlich eine Menge Nachahmer auf den Plan. Von 1987 bis 1990 konnte man sich in Deutschland gar nicht retten vor Bands, die „melodischen Speed Metal“ spielten und die natürlich alle betonten, ÜBERHAUPT NICHTS mit Helloween am Hut zu haben. Ob Mania, Scanner, Chroming Rose oder Blind Guardian (wobei letztere eher im Fahrwasser der thrashigen „Walls Of Jericho“-Phase schwammen), der neue Metal-Sound schmeckte ganz klar nach Kürbis und fand eine ganze Menge Fans.

Statt sich zu freuen, haderte Kai Hansen allerdings mit seinem Schicksal. Die von Weikath und Kiske eingeschlagene, weniger metallische Richtung behagte ihm nicht, weshalb er bereits während der Aufnahmen zum Album über einen Ausstieg nachgedacht hatte. ‚I Want Out‘, das zur zweiten Single wurde, bezeichnete er später oft als sein Kündigungsschreiben. Eine Bravo-Homestory, unter dem Motto „Bravo besucht die Heavy-Band der Zukunft“ soll angeblich damals das Fass zum Überlaufen gebracht haben – obwohl Kai dafür selbst ganz Rockstar-mäßig mit Cowboyhut neben einem Porzellantiger posierte. Es lohnt sich auf jeden Fall, den Artikel zu googeln – ob Kiske seiner Begeisterung für Alf und Bad News kundtat, Ingo sich als INXS-Fan und Markus als Sauerbraten-Experte outete oder Weikath auf dem Bett mit Tigerfell-Bettwäsche seine sexieste Seite herauskehrte und als Hobby „süße Mädels knuddeln“ angab, als Momentaufnahme der deutschen „Jugendkultur“ im Jahr 1988 unschlagbar… Wie auch immer, fest steht: Kai hatte genug davon, im Laufrad des Musikbusiness zu rennen – und wohl auch davon, stilistisch auf der anderen Seite von Kiske und Weikath zu stehen. Am 8. November – „Keeper II“ stand immer noch in den Top 20 der Charts – spielte das Keeper-Lineup im britischen Birmingham seinen unwiederbringlich letzten gemeinsamen Gig. Kai Hansen hatte die effektiv von ihm und Piet Sielck gegründete Band verlassen. Die Bravo brachte in der selben Woche sogar noch ein Poster der Band.

Michael Weikath hatte aber bereits einen Ersatzmann im Hinterkopf. Jahre zuvor hatte er Roland Grapow in einem Club spielen sehen und sich den Namen sicherheitshalber mal im Hinterkopf abgespeichert. Nach einiger Recherche gelang es ihm, eine aktuelle Telefonnummer zu ergattern, und er bot Roland an, zu einer Audition zu kommen. Schließlich stand im Frühjahr 1989 bereits eine US-Tour (mit Anthrax und Exodus) an, gefolgt von Dates in Japan, wo Helloween ebenfalls Superstar-Status erreicht hatten. Grapows neoklassisch beeinflusster Stil unterschied sich deutlich von dem Hansens, auch seine zurückhaltendere Bühnenperformance kopierte keinesfalls seinen Vorgänger.

Zuerst gab es aber noch einmal Kai Hansen zu hören – auf dem Livemitschnitt namens „Live In The UK“. Besagtes Album geriet wegen des drucklosen Sounds und der Tatsache, daß es einige der wichtigsten Klassiker wie ‚Ride The Sky‘, ‚Eagle Fly Free‘ und ‚A Tale That Wasn’t Right‘ überging, in die Kritik – das Wichtigste aber war ein Detail, das von vielen Fans übersehen wurde. Denn zwar prangte das Logo des Noise-Labels immer noch auf dem Album, aber eben genauso groß die Worte Marketed by, Manufactured by, Distributed by und Printed by EMI. Karl Walterbach hatte für seine drei größten Hoffnungsträger Helloween, Running Wild, Celtic Frost und die Newcomer V2 einen Deal mit dem deutschen Majorlabel abgeschlossen, der idealerweise deren gut geölte Promomaschinerie in viel Geld für seine Brieftasche umwandeln sollte. Das Sanctuary-Management lag derweil Helloween in den Ohren, daß es doch viel besser wäre, selbst einen Vertrag mit der EMI abzuschließen und das Geld für sich zu behalten. Abzüglich der Management-Provision, versteht sich. Da Sanctuarys Top-Act Iron Maiden ebenfalls bei EMI unter Vertrag stand, sollte das kein Problem darstellen. Dachte man so. Walterbach hatte allerdings keinesfalls vor, seinen Goldesel so einfach aus dem Vertrag zu entlassen, weshalb die ganze Sache vor Gericht endete.

In einer ähnlichen Situation hatte sich 1976 auch Bruce Springsteen gefunden. Der war sich im Gegensatz zu Helloween aber offensichtlich bewußt, wie langsam die Mühlen der Justiz mahlen und verbrachte die Zeit zwischen den Gerichtsverhandlungen mit dauerndem Touren. Helloween hingegen traten zwischen Juni 1989 und April 1992 nicht ein einziges Mal in Erscheinung, um sich ihren Fans in Erinnerung zu bringen. Das 1991 in Großbritannien veröffentlichte „Pink Bubbles Go Ape“-Album war in Deutschland aufgrund der ungeklärten Vertragssituation nur als teurer (und tendenziell illegaler) Import erhältlich. Als das Album schließlich ein gutes Jahr später nach der Einigung mit Noise auch offiziell hierzulande in den Plattenläden stand, hatte sich die Musikwelt schwer verändert. Die Helden im härteren Spektrum des Metal waren entweder moderne Groove-Metal-Kisten wie Pantera und Eyehategod oder Death Metal-Kombos wie Death, Cannibal Corpse und Obituary, die sich aus dem Underground herausgeschält hatten. Im kommerzielleren Sektor regierten Funk-Metal und Crossover, und mit Soundgarden, Pearl Jam und Nirvana war der Grunge-Boom in vollem Gange. Und was hatten Helloween im Gepäck, das dem nach klassischen Stoff hungernden Traditions-Metal-Fan munden würde?

Auf Drängen des Managements hatten sich Helloween mit Starproduzent Chris Tsangerides, der auch Judas Priests „Painkiller“ mit modern-brutalem Sound versehen hatte und ansonsten bereits für Thin Lizzy, Y&T und Black Sabbath gearbeitet hatte. Wo bisherige Producer allerdings im Studio mit der Band zusammengearbeitet hatten und noch wichtige Details ausgearbeitet hatten, ging Tsangarides gemäß seiner üblichen Arbeitsweise vor, den Livesound der Band schnörkellos und möglichst kraftvoll und kantig aufzunehmen. Das vertrug sich mit dem bombastischen Speed-Metal-Sound der Band nicht besonders gut, aber fairerweise hatten Helloween sich von dem eh größtenteils abgewandt. Michael Weikath hatte mit dem poppigen AOR-Stück ‚Number One‘ nur einen einzigen Songs alleine komponiert und einen weiteren, das amüsante ‚Heavy Metal Hamsters‘ mit Kiske zusammen. Der Rest des Albums bestand aus Songs von Neuzugang Roland Grapow und Michael Kiske, die zum Großteil eher im Hardrock-Bereich angesiedelt waren. Nur wenige Songs klangen so metallisch wie die erste Single ‚Kids Of The Century‘ oder der klassische Doublebass-Brecher ‚Someone’s Crying‘, der erste Kompositionsbeitrag von Markus Grosskopf, das schräge ‚I’m Doin‘ Fine, Crazy Man‘ ging gar als Komplettausfall durch. Die Verkaufszahlen waren ernüchternd – nicht nur, aber mit Sicherheit eben auch dank der Tatsache, daß die Helloween-Fans in der Gerichts-Pause bei einer Band namens Gamma Ray Trost gefunden hatten. Deren Gitarrist, ein gewisser Kai Hansen, bot nämlich auf dem Debütalbum der Band exakt den Sound, den sich die Helloween-Fans so wünschten.

Im Anschluss an seinen Ausstieg hatte Hansen sich an die Zusammenstellung einer neuen Band gemacht. Auf ein Soloprojekt im klassischen Sinne hatte er nämlich überhaupt keine Lust, und so kontaktierte er einmal mehr Ralf Scheepers, der ja schon sein Wunschkandidat als Helloween-Sänger gewesen war und dessen Band Tyran Pace sich mittlerweile aufgelöst hatte. Durch seinen Ausstieg war Hansen nicht an Sanctuary oder EMI gebunden und verhandelte einen besseren Plattendeal mit Noise, denen er bis 1997 treu bleiben sollte. Das von Piet Sielck produzierte „Heading For Tomorrow“ bestand größtenteils aus den typischen Hansen-Melodic Speed-Krachern, die Helloween so stark geprägt hatten. Mit dem Titelsong gab es auch ein weiteres 13-Minuten-Stück zu hören, das allerdings diesmal seine Länge nicht aus einem progressiv-verschachtelten Aufbau bezog, sondern aus einer ausgedehnten Instrumental-Jam im Mittelteil. Live gab es noch dazu eine Handvoll erprobter Helloween-Klassiker wie ‚I Want Out‘, ‚Ride The Sky‘ und ‚Future World‘ – durchaus nachvollziehbar, daß die Helloween-Fans sich von Gamma Ray perfekt unterhalten fühlten.

Für Helloween selbst sollte es aber noch eine Weile dauern, bis sie sich kommerziell erholt hatten. Label und Management gaben dem schrägen Helloween-Humor die Schuld am Flop von ‚Pink Bubbles Go Ape‘, und man legte der Band nahe, sich für den Nachfolger gefälligst zusammenzureißen und die Albernheiten zu unterlassen. In einem Anfall von, nun ja, Größenwahn hatten die fünf allerdings bereist ganz eigene Pläne geschmiedet. Raus aus dem Metal-Ghetto sollte es gehen, stattdessen schwebte ihnen ein Genregrenzen sprengendes, eklektisches Meisterwerk wie das „White Album“ der Beatles oder „A Night At The Opera“ von Queen vor. Nur auf den typischen Metal-Stoff hatten weder Weikath noch Kiske noch Grapow Bock. Als Produzenten wurden Helloween zusammen mit „Keeper“-Produzent Tommy Hansen aufgeführt, und das im Rückblick Überraschendste am 1993 veröffentlichten „Chameleon“ ist wohl die Tatsache, daß die Band wirklich nur knapp an ihrem höchst ambitionierten Ziel vorbeigeschrammt war.

In 71 Minuten Spieldauer zeigte „Chameleon“ die Band von ihrer verspieltesten und experimentellsten Seite.

„Nix für musikalisch Impotente!“

, wie Michael Kiske augenzwinkernd in einer Fernseh-Reportage für den MDR zu Protokoll geben sollte (TV-Sendung „Top 6 – Eurotops“, MDR, 15.8.1993). Die Metal-Magazine und -Fans zeigten sich aber geradezu entsetzt von den Neuerungen – und jemand anders interessierte sich fünf lange Jahre nach ‚Dr. Stein‘ schlicht und einfach nicht mehr für Helloween. Etwas differenzierter sahen es lediglich die Kollegen vom Rock Hard, deren Jan Michael Dix dem Album 8 von 10 Punkten zusprach: „Ihre allerstärksten Momente hat die Scheibe aber dann, wenn die Weenies so richtig mit ihren Pfunden wuchern: nämlich aus absolut abgefahrenen Ideen schlüssige und eingängige Songs zu machen. Das forsche, dramatisch angelegte ‚Step Out Of Hell‘ und der geniale, mit schlichtweg phänomenaler Melodieführung ausgestattete Groover ‚When The Sinner‚ sind prächtige Beispiele dafür. Fazit: Die Jungs sind zweifellos auf dem richtigen Weg.“ (6)

Hört man das ungeliebte Album mit offenen Ohren und ohne die Erwartung, unbedingt ein Metal-Album zu bekommen, kann man den drei Songwritern Kiske, Weikath und Grapow nur Respekt dafür zollen, in ungewohntem Terrain eine derart gute Figur abzugeben. Das Album strotzt vor großen Melodien, die Gitarren sind jenseits aller Klischees durchweg einfallsreich und in den Leadparts gefühlvoll eingesetzt, und Kiske liefert die wohl beste Leistung seiner ganzen Karriere ab. Es gibt progressive Epen wie Weikaths ‚Giants‘ und ‚Revolution Now!‘, das sich mit seiner Mischung aus „Empire“-Ära-Queensryche, Lenny Kravitz-mäßigen Sechziger-Vibes und einer Prise Pearl Jam durchaus modern präsentierte. Dazu Kiskes ebenso opulentes ‚I Believe‘, welches irgendwo zwischen Dio und Queen schwebte und in das orchestrale ‚Longing‘ überleitete, welches jegliche Genrezugehörigkeit empört von sich weist. Dazu gab’s federleichte Akustiksongs wie ‚In The Night‘ und Weikaths an Mike Oldfield und Songs wie ‚On Horseback‘ erinnernde Kinderlied ‚Windmill‘ (von Drummer Ingo innig gehasst und ‚Shitmill‘ getauft) und mit Bläsern versehene, mit Soul- und Swing-Touch ausgestattete Rocker wie ‚When The Sinner‚ und ‚Crazy Cat‘ – doch der Mittneunziger Metal-Fan wollte davon nichts wissen.

In der Tat ist der große Schwachpunkt von „Chameleon“ auch in erster Linie die Balladenlastigkeit. Es ist deshalb außerordentlich schade, daß die Band ihren ursprünglichen Plan, wirklich ein Doppelalbum abzuliefern, nicht weiterverfolgt hatte. Denn die auf diversen Singles veröffentlichten Outtakes hätten dem Konzept, wie das titelgebende „Chameleon“ die Farben von Song zu Song zu wechseln, deutlich unterstrichen und dem Album darüber hinaus den typischen Helloween-Humor verpasst, der „Chameleon“ leider fast komplett abgeht. Unter diesen Outtakes finden sich einige Songs, die Albumhighlights geworden wären: Markus‘ ‚Cut In The Middle‘ ein knackig-schnörkelloser Metal-Song ist ebenso gelungen wie Weikaths geradezu prophetisches Hörspiel(!) ‚Introduction‘, in dem ein Journalist das „Genie“ von Weikis neuem Song nicht erkennen mag und die dazugehörige Kiss-mäßige Spaßnummer ‚Get Me Out Of Here‘. Ebenfalls von Markus stammt der Status Quo-mäßige Rocker ‚Ain’t Got Nothin‘ Better‘, und auch Rolands Instrumental ‚Oriental Journey‚ und die hörbar im Studio heruntergejammten Songs ‚Red Socks And The Smell Of Trees‘ und ‚I Don’t Care, You Don’t Care‘ hätten dem Album eine Menge Lockerheit gebracht und somit dem Zuhörer einen leichteren Einstieg ermöglicht.

Noch katastrophaler als die Reaktionen auf „Chameleon“ war allerdings die nachfolgende Tour. In einer Trotzreaktion hatten Helloween beschlossen, den kompletten Set aus Material von „Pink Bubbles Go Ape“ und „Chameleon“ zusammenzustellen – erst zum Ende der Shows gab’s mit ‚Future World‘, ‚Eagle Fly Free‘ und ‚Dr. Stein‘ ein paar Klassiker aus der Hit-Phase. Das war nicht unbedingt angetan, die zweifelnde Fanbase wieder ins Boot zu locken, und so sah sich die Band halbleeren Hallen gegenüber. Ein noch größeres Problem hatte die Band mit Drummer Ingo. Dessen Drogenmisbrauch hatte sich nämlich in den letzten Jahren, angeblich unbemerkt von seinen Bandkollegen, zu einem echten Stolperstein entwickelt. Hinzu kam, daß, womöglich als Folge des Drogenkonsums, bei Ingo mittlerweile Schizophrenie diagnostiziert worden war und er sich auf Tour weigerte, seine Medikamente zu nehmen. Nach ein paar katastrophalen Shows in Japan wurde Ingo nach Hause geschickt, um seine Probleme in den Griff zu bekommen und Session-Drummer Richie Abdel-Nabi spielte den Rest der Show. Doch auch zwischen den restlichen Bandmitgliedern hing der Haussegen schief. Speziell Weikath und Grapow gaben Kiske, der die eklektische Ausrichtung von „Chameleon“ forciert hatte, die Schuld am kommerziellen Niedergang der Band. Beide sahen die Zukunft Helloweens nicht in der Weiterentwicklung eines individuellen Sounds, sondern eben im Schritt back to the roots – und die lagen eben im Metal. Da Kiske es recht deutlich machte, daß eine Rückwärtsorientierung für ihn nicht in Frage kam, nahm Weikath heimlich Kontakt mit Pink Cream 69-Sänger Andi Deris auf und schilderte dem das bandinterne Problem – mit der Bitte, doch bei Helloween einzusteigen. Deris hatte mit Pink Cream 69 gerade ein ähnliches Problem: seine Mitstreiter zog es in die nach wie vor populäre Grunge-Ecke, mit der er nun mal gar nichts anfangen konnte. Nach kurzer Bedenkzeit willigte Deris ein, woraufhin Weikath seinen einstigen „Gesinnungsgenossen“ Michael Kiske feuerte – und den musikalisch bereits effektiv ausgeschiedenen Ingo bei der Gelegenheit gleich mit.

Andi Deris sollte sich als das Beste entpuppen, was Helloween seit dem Zerbrechen des Keeper-Lineups passiert war. Andi verfügte über eine sofort wiedererkennbare Stimme, die dank der Erfolge von Pink Cream 69 auch den meisten Hörern bereits vertraut war. Dazu kam, das Andi ein sehr gutaussehender Typ war, der mit seinen Bon Jovi-mäßigen Looks auch auf Fotos immer eine gute Figur machte. Am Allerwichtigsten jedoch: Andi war ein erfahrener Songwriter mit einem höchst eigenen Stil und war es durch Pink Cream 69 gewohnt, komplette Alben im Alleingang zu verfassen. Dem relativ fix nach der Trennung von Kiske und Schwichtenberg – der dauerhaft von Ex-Gamma Ray-Drummer Uli Kusch ersetzte wurde – aufgenommenen „Master Of The Rings“-Album drückte Andi bereits kräftig seinen Stempel auf – indem er auf insgesamt fünf der zehn Songs (plus Intro) bereits Songwriting-Credits bekam. Auch Weikath steuerte zu sieben Songs seinen Senf bei (vier davon im Team mit Deris), drei Stücke brachte Roland ein. Es gab auch wieder ein klassisches Intro wie zu „Keeper“-Zeiten, und laut einem Text im Booklet sollte das Album die Story des Protagonisten aus Weikaths Epos „Keeper Of The Seven Keys“ weiterführen. Zynischere Zeitgenossen bemerkten sehr wohl, daß kein Song des Albums textlich damit irgendetwas zu tun hatte – und „Master Of The Rings“ auch musikalisch nicht viel mehr mit den alten Helloween zu tun hatte als seine beiden Vorgänger. In der Tat war „Master Of The Rings“ ein recht straightes Hardrock-Album und stilistisch nicht allzu weit von „Pink Bubbles Go Ape“ entfernt – den Fans war aber alles Recht, was nicht allzusehr an „Chameleon“ erinnerte. Sympathiepunkte sammelte die Band auch auf der kommenden Tour, die jede Menge lange nicht mehr gespielter Songs in den Vordergrund stellte.

Nur wenig Sympathie verschaffte sich die Band hingegen mit anderen Aktionen. Die erste Single ‚Mr. Ego‘, geschrieben von Roland, widmete die Band Michael Kiske – und auch ansonsten ließen Helloween keine Gelegenheit aus, gegen ihre Ex-Mitglieder Kai, Ingo und Michael zu schießen. Die gaben aber, so gut sie nahmen, wobei Kai dabei immer weit mehr Zurückhaltung erkennen ließ und meist diplomatisch blieb. Das Ganze eskalierte, als sich 1995 Ingo Schwichtenberg das Leben nahm, indem er sich vor einen fahrenden Zug warf. Statt Respekt walten zu lassen, warf man sich nun gegenseitig auch noch die Schuld am Tod des Ex-Kollegen vor – vielen Fans ging das zu weit. Schließlich gab es nicht wenige, die sowohl Helloween als auch Michael Kiske und Gamma Ray weiterhin mochten, auch wenn die Wege sich getrennt hatten.

Währenddessen hatte Kai Hansen nach zwei – wie bei seiner Ex-Band auch – erfolglosen Versuchen, sich vom Helloween-Sound zu emanzipieren, ein neues Lineup für Gamma Ray zusammengestellt. Ohne Ralf Scheepers, der Hoffnungen hatte, bei Judas Priest die Nachfolge von Rob Halford anzutreten, dafür wieder mit Kai selbst am Mikro. Der hatte Gesangsunterricht genommen und beeindruckte auf dem 1995er Album „Land Of The Free“ mit erstaunlich selbstsicherem und druckvollem Gesang – und durchweg großartigen Songs, die denen der „Keeper“-Ära in nichts nachstanden. Ob Speed-Monster wie ‚Man On A Mission‘, Epen wie ‚Rebellion In Dreamland‘ oder Bombastheuler wie die erste Single ‚Land Of The Free‘ – das war der Stoff, hinter dem Helloween-Fans her waren. Speziell das erwähnte ‚Land Of The Free‘ war ein denkwürdiger Song: im Refrain sang nämlich, zum ersten Mal seit „Chameleon“, niemand geringeres als Michael Kiske mit – darüber hinaus übernahm er auch noch auf dem Albumtrack ‚Time To Break Free‘ den Leadgesang.

Helloween machten das einzig Richtige: nicht reden, Musik spielen. Das 1996 erschienene „The Time Of The Oath“ hatte zwar den Keeper auf dem Cover, trug aber diesmal deutlich die Handschrift von Andi Deris. Selbst Drummer Uli Kusch hatte an drei Songs mitgeschrieben. Deris selbst hatte mittlerweile selbst den Spaß an härterem Material gefunden, denn neben einer Handvoll Hardrocksongs im Stil des Vorgängers steuerte er diesmal auch mit dem Drei-Minuten-Auf-Die-Fresse-Opener ‚We Burn‘ und dem thrashigen ‚Before The War‘ die beiden härtesten Songs der Scheibe bei, die beide durchaus an selige „Walls Of Jericho“-Tage erinnerten. Michael Weikath trug mit der Single ‚Power‘ und dem hymnenhaften ‚Kings Will Be Kings‘ auch zwei Höhepunkte bei, und alles in Allem war „The Time Of The Oath“ ein deutlich stimmigeres Album als der Vorgänger, auch wenn es nicht komplett ohne Füller auskam. Das nachfolgende Livealbum „High Live“ zeigte die Band in guter Form, auch wenn Andis Interpretationen der in Original von Kiske gesungenen Songs nicht jedermanns Geschmack trafen. Der veröffentlichte indes sein erstes Soloalbum „Instant Clarity“, auf dem Kai Hansen und damals-Ex-und-heute-wieder Iron Maiden-Gitarrist Adrian Smith Gitarrenparts beisteuerten und auch an ein paar Songs mitschrieben. Musikalisch folgte „Instant Clarity“ wenig überraschend der Linie von „Chameleon“, hatte mit ‚New Horizons‘ und ‚The Calling‘ aber auch zwei knackige Metal-Songs zu bieten. Obwohl Kiske, der zum christlichen Glauben gefunden hatte, eigentlich dem Metal aufgrund dessen Tendenz zu, wie er es empfand, dunklen und menschenfeindlichen Themen mittlerweile eher ablehnend gegenüberstand und dies auch in seinem Buch „Kunst und Materialismus“ sowie auf seiner Webseite www.geisteskind.de freimütig kommunizierte. Das wurde damals zwar sehr hämisch kommentiert, unter Anderem von Grapow und Weikath, ansichts der zu dieser Zeit stattfindenden Exzesse in der nordischen Black Metal-Szene konnten aber auch viele Fans Kiskes Einstellung durchaus nachvollziehen. Die Presse nahm aber Kiskes – mit Sicherheit auch überzogen formulierte – Aussagen gerne aus ihrem Kontext, und so wurde der einstige Wunderknabe der Metal-Szene plötzlich zum „Verräter“ und „Nestbeschmutzer“ deklariert – womit sich in realsatirischer Weise seine Vorwürfe bestätigten.

Nach einer kurzen Verschnaufpause, in der sowohl Andi Deris als auch Roland Grapow eher rockige Soloalben aufgenommen hatten (und Roland noch dazu mit tollem Leadgesang beeindrucken konnte), ging es zurück ins Studio für die Aufnahmen zum nächsten Helloween-Werk. Von außen gab es Druck, sich moderner zu präsentieren – speziell der Name Rammstein fiel ein paar Mal, und so klang Einiges auf dem 1997er Album „Better Than Raw“ ein wenig moderner, als das der geneigte Helloween-Fan gerne gehabt hätte. Der Opener ‚Push‘ beispielsweise spielte mit Pantera-Riffing und extrem hohem (und nicht immer angenehm klingendem) Shouting von Andi und war klar von Judas Priests Nu Metal-Experiment „Jugulator“ beeinflusst, das düstere ‚Time‘ klang wie eine Mixtur aus Pink Floyd, Nine Inch Nails und David Bowie. Vornehmlich Weikath hielt die Fahne des melodischen Helloween-Sounds hoch – auffällig war, das Roland Grapow diesmal überhaupt keinen Songwriting-Credit erhalten hatte und Uli Kusch dafür wieder drei Songs beigesteuert hatte. „Better Than Raw“ sollte auch das letzte Album sein, daß die Band mit Tommy Hansen aufnahm.

Zwei ehemalige Weggefährten von Michael Weikath und Markus Grosskopf machten zur selben Zeit einmal mehr von sich reden. Gentry-Gründer Piet Sielck hatte mit Blind Guardian-Drummer Thomen Stauch und – natürlich – Kai Hansen eine Band namens Iron Savior gegründet, deren Debütalbum fast zeitgleich mit „Better Than Raw“ erschien – auf dem alten Helloween-Label Noise, wo auch immer noch Gamma Ray unter Vertrag standen. Musikalisch gab’s schnörkellosen Heavy Metal mit Judas Priest-Schlagseite, und Piet Sielck überraschte trotz langer Pause als kraftvoller und charismatischer Leadsänger. Auf der kommenden Tour boten Iron Savior neben sämtlichen Songs ihres Debütalbums auch eine Handvoll alter Helloween-Stücke aus der Frühphase. ‚Heavy Metal (Is The Law)‘, ‚Gorgar‘ und ‚Metal Invaders‘ hatten die Fans teilweise seit über zehn Jahren von Helloween nicht mehr live gehört, und entsprechend begeistert war die Reaktion. Um nicht als Helloween-Folgeprojekt abgetan zu werden, gab es in Zukunft bei Iron Savior somit nur noch eigene Songs – auch wenn für’s zweite Album „hochoffiziell“ noch Studioversionen von ‚Metal Invaders‘ und ‚Gorgar‘ eingespielt wurden.

Um aus dem Vertrag mit Castle Communications, bei denen die Band seit „Master Of The Rings“ unter Vertrag stand, herauszukommen, schoben Helloween im Anschluss an die Tour als Support von Iron Maiden (die damals mit „Virtual XI“ ebenfalls in einem kommerziellen Tief steckten), das Coveralbum „Metal Jukebox“ nach. Nach dem verhalten aufgenommenen „Better Than Raw“ rissen die Fans auch „Metal Jukebox“ nicht unbedingt in Millionen aus den Plattenregalen. Die Band unterschrieb einen neuen Plattenvertrag bei Nuclear Blast und überlegte, was wohl als Nächstes kommen könnte. Auf Anraten des Labels beschloß man, es mit dem südamerikanischen Produzenten Roy Z zu versuchen, der auch die Solokarrieren von Ex-Iron Maiden-Stimme Bruce Dickinson und Rob Halford (Judas Priest) mit behutsamer Modernisierung auf Trab gebracht hatte. Das Experiment sollte Helloween einmal mehr fast zum Zerbrechen bringen.

Keine Angst, liebe Fans, wir wissen ja heute, daß Helloween sich auch trotz wiedriger Umstände wieder aufrappeln konnten – aber es geht eben nichts über einen Cliffhanger! Den Rest der Helloween-History gibt’s nächste Woche

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