DEINE COUSINE – „Ich kann nur den großen Appell nach draußen geben: KAUFT TICKETS!“

Die Wahl-Hamburgerin Ina Bredehorn ist vor drei Jahren ausgezogen, um sich unter dem Namen „Deine Cousine“ jede Menge Familienzuwachs zu erspielen. Das gefeierte Debüt „Attacke“ erschien kurz vor Pandemiebeginn, nun legt die gelernte Industriemechanikermeisterin mit „Ich bleib nicht hier“ den Nachfolger vor. Nach einer erfolgreichen Tournee als Sängerin in Udo Lindenbergs Panikorchester durch die ganz großen Hallen der Republik, telefonieren wir mit Ina zwei Wochen vorm Release der neuen Platte.

Guten Morgen Ina – wo erwischen wir Dich gerade?

Guten Morgen zurück, ich sitze im Bus. Wir haben gestern beim „Rock am Beckenrand“ – Festival gespielt und ich bin jetzt auf dem Weg zu einem Videodreh.

Deine neue, zweite Platte steht in den Startlöchern. Oft wird gesagt, das zweite Album ist das schwierigste. Wie ist Deine aktuelle Stimmungslage kurz vor der Veröffentlichung?

Meine Stimmungslage ist super, denn ich bin sehr, sehr zufrieden! Ich kann auch unterschreiben, dass das zweite Album das schwierigste ist, aber: Auch wenn es lange gedauert hat, ich habe den Kampf gewonnen!

Wie würdest Du unseren Leserinnen und Lesern Deine Musik und vor allen Dingen die neue Platte beschreiben?

Hui, das fällt mir ehrlich gesagt super schwer, meine eigene Musik zu beschreiben. Ich sage immer, ich mache die Musik, die mir fehlt. Ich mag einfach so energetische Musik. Was mich am meisten stört, dass oft Melodiebögen nicht ausgesungen werden. Das stört mich als Hörerin. Ansonsten soll Deine Cousine eine Emotion für jede Lebenslage sein, deshalb kann man das auch nicht über einen Kamm scheren. Es sind nicht nur punkartige Sachen dabei, sondern auch immer gefühlige Sachen, denen sich die Männer in der Branche so jetzt vielleicht nicht widmen würden.

Zum Thema Männer wollte ich ohnehin noch kommen…

Oh Gott!!! (lacht)

Nicht Deine Männer natürlich, sondern das Thema Männerbranche.

Ich weiß…ich muss immer und überall diese Fragen beantworten, weil ich gefühlt die einzige Frau in der Branche bin. Fangt doch mal an, Männern diese Fragen zu stellen!

Du kommst aus einem reinen Männerberuf und in der Musikbranche bist Du als eine der wenigen Frauen unterwegs. Wie siehst Du die aktuelle Diskussion, die ja u.a. von Carolin Kebekus und ihrem „DCKS“ – Festival prominent vertreten wird?

Also, ich finde die Diskussion, wo die Frauen in der Branche sind, und warum da so ein großer Unterschied zwischen Männern und Frauen ist, sehr richtig zu führen, weil das Problem prinzipiell im Aufbau und der Förderung losgeht. Aber auch in den fehlenden Rollen-Modellen, weil wir lange keine Frauen auf den Bühnen gesehen haben. Dann überlegen sich auch kleine Kinder weniger, Sängerin oder Musikerin zu werden, weil sie sich an Männern orientieren müssen. Beim Fußball ist es das Gleiche: Bis vor zwei Jahren hast du das Ronaldo-Plakat an die Wand gehängt und nicht unbedingt das von einer Frau. Deshalb müssen wir da andere Rollenbilder schaffen. Ich glaube aber nicht, dass es mit so einer „artgerechten Haltung“ wie auf dem Carolin-Kebekus-Festival funktioniert, sondern es funktioniert nur, wenn wir zusammenarbeiten. Wir Frauen sind ja nicht das Problem, sondern Männer, die uns die Sachen nicht zutrauen. Das heißt, es müssen Sachen gemeinsam gemacht werden, damit man merkt: „Aha!“

War das in Deinem alten Job auch so?

Meine Kollegen hatten früher Vorurteile gegen Frauen im Job, bis sie mit mir gearbeitet haben. Natürlich nicht alle, aber die meisten fanden es ganz okay, weil ich einfach auch keinen schlechten Job gemacht habe.  Und diese Vorurteile können wir nur gemeinsam ausräumen.

Ob „Kiez oder Kinder“ (von der ersten Platte), „Küsschen links“, „Kaputtgeliebt“, und natürlich auch „369“ – Deine Texte wirken total authentisch. Wieviel echte Ina-Lebensgeschichte ist in Deinen Texten und wie entstehen Deine Lieder?

Da ist…oh, das ist schwer zu sagen. Es ist sehr viel echte Ina-Lebensgeschichte drin. Wenn ich es prozentual sagen müsste, wahrscheinlich so 90%. Man kommt als Künstlerin natürlich nie ganz drum herum, dass man auch mal einfach ein Lied schreibt, weil man irgendein Thema hat, das einem gefällt. Aber es ist so, dass mir das sehr schwerfällt, und ich eigentlich fast nur aus meinem Leben schreiben kann. Das klingt so scheiße pathetisch, aber ich kann eigentlich fast nur aus meinen eigenen Erfahrungen schreiben. Dazu bin ich auch zu wenig Songwriterin, so von außen. Ich meine, ich mach das ja, weil ich etwas zu sagen habe. Ich habe meinen alten Job hingeschmissen, weil ich mich ausdrücken wollte, und das findet sich noch mehr auf dem zweiten Album.

Wann habt Ihr angefangen, die Lieder zu schreiben?

Das lässt sich so einfach leider nicht sagen, denn das ist ja immer ein Prozess. Im Prinzip ging das Schreiben mit dem ersten Album los, weil teilweise da Ideen entstanden sind, die dann weiterverarbeitet wurden. Das ging die ganze Zeit über, teilweise habe ich Texte für eine andere Musik geschrieben, die schon kurz nach dem ersten Album da waren. Dann gefiel uns die Musik nicht, und wir haben sie im Studio nochmal komplett neu gemacht. So etwas wie „369“ ist eine Idee, die schon ganz lange herum lag, ich mich aber nie getraut habe, sie in Worte zu fassen. Da gab es vier Sätze und der Rest war in meinem Kopf. Ich brauchte im Studio dann die Unterstützung, das so hinzubekommen, dass ich happy bin.

Also eher eine schwierige Geburt?

Manche Ideen gehen ganz einfach aus einem heraus und sind dann komplett da, andere Ideen quälen sich. Ich hab´ so ein paar textliche Ideen liegen, die wahrscheinlich noch zwei bis drei Jahre rumliegen werden, bis ich weiß, wie ich die ausdrücken möchte – was ist der Kern, und wie komme ich da musikalisch ran?

Deine aktuelle Single „369“ erinnert an Deine Vergangenheit auf dem platten Land, wo es bis heute noch dreistellige Telefonnummern gibt. Du bist vor etwa zehn Jahren von dort in die Großstadt nach Hamburg gezogen. Deine neue Platte hast du nun im vermutlich ländlichsten Studio der Republik (Anmerkung: Das Principal-Studio ist im münsterländischen Dorf Ottmarsbocholt – von den Einwohner*innen liebevoll „Otti-Botti“ genannt) aufgenommen – wie war es wieder zurück zwischen Kühen und viel Nichts, statt im lauten Trubel, aufzunehmen?

Das war ehrlich gesagt großartig, weil man sich da einfach komplett konzentrieren kann. Man war einfach raus aus diesem ganzen Alltagskram. Die erste Platte haben wir in Hamburg aufgenommen, und dann jeden Abend nach Hause fahren, dann doch nochmal die Post aufmachen, die Küche aufräumen müssen, das reißt einen dann ganz schön raus. Und Otti-Botti ist einfach ein schönes Einod. Wir waren wirklich teilweise zwei bis drei Wochen am Stück da. Man ist komplett nicht mit anderen Dingen, sondern nur mit der Platte beschäftigt. Das hat mir ehrlich super gefallen. Nach einer Woche habe ich erst gemerkt, dass es so richtig losgeht. Ich hätte noch vier Wochen dortbleiben können!

Aber so weit, dass du wieder aufs Land ziehen würdest, würdest du jetzt auch nicht gehen?

Auf gar keinen Fall! Ich werde das auf diese Studio-Sessions beschränken. (lacht)

Wie fiel die Wahl auf Vincent Sorg als Produzenten, der ja schon Größen wie Die Toten Hosen oder Fury In The Slaughterhouse – die Du beide in diesem Sommer supportet hast – produziert hat?

Ich hatte das erste Album schon komplett aufgenommen und Vincent dann gefragt, ob er das mischt. Das wollte er aber nicht, weil wir schon mitten im Producing waren. Er sagte, wenn er das macht, dann steigt er viel früher in den Prozess ein. Wie kommt man an Vincent? Ich habe mich einfach auf dem deutschen Markt umgeguckt, welche Platten gefallen mir, klingen gut und ich mag den Sound, und da bin ich sehr, sehr schnell bei Vincent gelandet.

Du bist mit deiner eigenen Karriere vor drei Jahren und der ersten Platte durchgestartet, kurz nach Veröffentlichung und den ersten Shows gab es allerorten gute Kritiken und dem Weg nach oben stand nichts im Weg. Ein paar Monate später fing Corona an. Wie hast Du als Newcomerin, die gerade am Durchstarten war und ihr Album spielen wollte, diese Zeit erlebt?

Diese Zeit war für uns alle beschissen, manche merkten das ein bisschen weniger, andere mehr. Ich, aus meinem Newcomer-Status heraus, hatte noch Glück, dass wir es geschafft haben, mit dem ersten Album einen gewissen Punkt zu überschreiten, und dass schon ein paar Leute wussten, dass es das gibt, weil ich glaube, wäre es ein bisschen kleiner gewesen, und nicht schon 9000 Leute zur ersten Tour gekommen, dann hätte ich direkt wieder einpacken können. So gab es eigentlich schon Leute, die sich mit Deine Cousine identifiziert haben und die Musik toll fanden. Dadurch gab es den Mut, da weiterzumachen.  Ich weiß gar nicht, wie oft wir in dieser Zeit gesagt haben: „Gott sei Dank, ist das Album schon 2019 rausgekommen!“ Wäre es 2020 rausgekommen, hätte ich direkt wieder zusammengepackt, und wäre wieder zurück aufs Land gezogen.

Du warst bei „Attacke“ im beinahe biblischen Alter von 33 Jahren. Warum hat es bis dahin gedauert, dass Du Dich vollkommen der Musik widmest?

Ich bin sehr konservativ groß gewordenen in einem Arbeiterhaushalt, und da sind wir wieder beim Thema von vorhin: Ich hatte keine Vorbilder in meinem nahen Umfeld, die Musik gemacht haben. Dass das wirklich als Job geht, das wusste ich nicht – das war irgendwie unvorstellbar.  Ich habe immer Musik gemacht, mein Leben lang. Aber alle Leute, die beruflich Musik gemacht haben, waren entweder Musikschullehrer oder haben in Coverbands gespielt. Das war nicht das, was ich wollte. Ich habe aber auch kein Abitur gemacht, das heißt, Musik zu studieren, war ganz weit weg. Ich habe erst mit 24 Jahren Leute in Hamburg kennengelernt, bei denen ich gesehen habe: Krass, man muss nicht berühmt sein, sofort im Fernsehen und irgendwie ein großer Star sein, um Musik machen zu können. Man muss trotzdem nicht in einer Musikschule arbeiten – nichts gegen den Job! – aber ich wusste einfach nicht, dass das geht.  Dann ist es natürlich auch die Erziehung der Eltern, die gesagt haben: „Lern was Vernünftiges!“ Ich wäre vielleicht wirklich gerne der Rebell gewesen, der mit 14 seine Sachen gepackt hätte, aber das war ich einfach nicht.

Trotzdem hat es noch fast zehn Jahre gedauert…

Ich habe dann gedacht: Wenn ich es jetzt nicht noch nochmal probiere, dann habe ich wahrscheinlich mit 40 Depressionen, und schicke meine Tochter zum Gesangsunterricht. Das wollte ich auch nicht. Also habe ich es noch einmal versucht, auch wenn es dann noch ein paar Jahre gedauert hat, bis das Album kam. Aber jetzt ist ja alles gut! Außerdem ist das große Ziel – und da sind wir wieder Thema Vorbilder – dass wir mal langsam von diesem Punkt wegkommen, dass Frauen in der Musikbranche 18 sein und straffe Haut haben müssen. Wenn ich jetzt eine der Menschen sein darf, die das mit 40 noch machen, und Leute zu Konzerten kommen, dann würde ich mich freuen!

Im Frühsommer warst Du erneut mit dem großen Udo Lindenberg und seinem Panikorchester auf Tournee. Was ist für dich als Künstlerin schwieriger oder anspruchsvoller: Als „kleines Rädchen“ in der Großproduktion, wo man auf den Punkt liefern muss, damit die choreografierte Show für den Superstar rundläuft oder als Frontfrau, wo man sein eigenes Publikum animieren muss, aber insgesamt freier in der Performance ist?

Also: liefern muss man in beiden Situationen! Bei meinen eigenen Sachen muss ich es sogar noch mehr. Von daher ist das für mich die spannendere, aber auch die anstrengendere Variante. Außerdem sind die Hotels bei Deine Cousine einfach nicht so schön!

Du hast in diesem Sommer Fury und die Hosen supportet, zwei musikalisch gänzlich unterschiedliche Bands. Wie hat das entsprechend sehr verschiedene Publikum Dich und Deine Musik aufgenommen?

In beiden Fällen wurden wir vom Publikum total toll aufgenommen. Ich glaube, dass man das immer unterschätzt. Ich glaube nämlich, dass es große Schnittmengen von Menschen gibt, die einfach musikinteressiert sind, und zu vielen Konzerten gehen. Natürlich haben wir die Sets ein bisschen angepasst, bei Fury nicht die totalen Punk-Nummern gespielt, bei den Hosen nicht die Pop-Songs.

Was ist Dir persönlich näher?

Ich glaube, die Menschen, die irgendwo schon einmal bei Deine Cousine waren, wissen: Es ist nicht 100% Geballer, und es kann nicht zu jedem Song gemosht werden; es gibt auch Balladen dazwischen, die eher aus der Fury-Welt kommen. Ich möchte das beides haben: die absolute Zerstörung, aber auch sich in den Armen liegen.

In wenigen Wochen startet Deine Tournee, die Dich durch die ganze Republik schicken wird. Aktuell hört man überall von schleppenden Vorverkaufs-Zahlen und teilweise Absagen von ganzen Konzertreisen. Wie läuft es gerade bei Dir?

Bei uns ist es so, dass die Tour stattfinden kann, wir merken aber auch, dass die Menschen sehr verhalten sind, und dass wir nicht an die Zahlen von vor Corona rankommen, obwohl der Act Deine Cousine eigentlich größer geworden ist. Außerdem haben wir noch keinerlei Erfahrung, was Abendkasse angeht. Ich kann nur den großen Appell nach draußen geben: KAUFT TICKETS! Die Bands brauchen die Sicherheit, und wenn Ihr euch erst eine Woche vorher entscheidet, ist es unter Umständen schon zu spät, und die Tour muss abgesagt werden. Das ist bei uns glücklicherweise nicht der Fall, wir würden uns aber auch freuen, vor vollen Hallen zu spielen.

Liebe Ina, wir von Whiskey-Soda wünschen Dir alles Gute, einen erfolgreichen Release und eine noch tollere Tour. Wir sehen uns hoffentlich coronafrei in Bochum!

Ich freue mich und vielen Dank!

 

 

Deine Cousine – Tour 2022

14.09. Saarbrücken, Garage

15.09. Frankfurt am Main, Das Bett

16.09. Köln, Kantine

17.09. Bochum, Rotunde

21.09. Stuttgart, Im Wizemann

22.09. CH – Zürich, Werk21

23.09. München, Backstage Halle

24.09. AT – Wien, Chelsea

29.09. Berlin, Hole44

30.09. Leipzig, Werk 2

01.10. Bremen, Modernes

02.10. Dresden, Puschkin

05.10. Hannover, Musikzentrum

06.10. Münster, Sputnikhalle

 

Tickets gibt es hier.

 

Homepage der Künstlerin

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Fotocredits: 1 Ronja Hartmann, 2, 4, 5Wollo@Whiskey-Soda, 3, 6 Wolfgang Zac

Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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