TIM VANTOL – Von der Depression zu den „Better Days“

Tim Vantol gilt eigentlich als fröhlicher Mensch, der seine Musik liebt. Doch im Interview wird deutlich, dass das, was man von einem Menschen öffentlich sieht, nicht immer dem inneren Gemütszustand entspricht. Denn der Weg zu seinem vierten Album „Better Days“ war für den Singer-/Songwriter aufgrund einer Depression steinig, wie er im Interview zugibt. Außerdem spricht Tim Vantol über die Corona-Krise und warum er Internet-Konzerte gar nicht mag.

Rückblickend waren die letzten drei Jahre und damit die Zeit zwischen dem letzten Studioalbum „Burning Desires“ und seinem neuen Werk „Better Days“ für Tim Vantol grundsätzlich gute Jahre. Vor allem die Heirat seiner langjährigen Freundin war ein Highlight. Es lief jedoch auch mit seiner Musik gut. Das 2017 erschienene „Burning Desires“ brachte ihm neue Fans und größere Shows ein.

„Da war mehr los als sonst“,

wie der Singer-/Songwriter kurz und knapp rückblickend feststellt. Kein Wunder also, dass er gespannt ist, was sein neues Album „Better Days“ mit sich bringen wird. Einen zu großen Gewinn an Popularität wünscht er sich aber nicht. Stattdessen schätzt er es, dass er Schritt für Schritt populärer wird, denn dann

„weiß man, wie man dort hingekommen ist“.

Als gute Möglichkeit, neue Fans zu gewinnen, sieht Tim Vantol die Gelegenheiten bei großen Bands als Support zu spielen. So soll er 2021 im Vorprogramm der Toten Hosen auftreten:

„Die Shows sind mega. Das sollte viel helfen. Gerade Support-Shows mache ich gerne. Ein guter Weg, um neue Leute kennenzulernen, vor allem wenn man eine neue Platte veröffentlicht.“

Das Herz eines Künstlers sind jedoch die eignen Shows und die Personen, die nur wegen der eigenen Songs kommen. Man merkt Tim Vantol deutlich an, dass er genau für diese Live-Darbietungen Musik macht:

„Ich finde jede einzelne Person krass, die zu einer Show kommt und ich kann mich immer noch freuen, obwohl im Publikum nur zwei Personen stehen.“

Einen derartigen Fall erlebte er 2019 in Tschechien, von dem er immer noch lebhaft erzählt. Er trat in einer kleinen Stadt auf. Im Publikum befanden sich nur zehn Personen, von denen er vermutet, dass acht von ihnen eigentlich Freunde der Vorband waren. Doch statt frustriert zu sein war er begeistert, dass überhaupt jemand gekommen ist, und dachte sich:

„Krass, ich bin jetzt in Tschechien, an einem Ort, an dem ich noch nie war und da gibt es einfach zehn Leute, die sich die Mühe machen, zur Show kommen. Und solange ich noch den Mindset habe, macht mir das alles Freude.“

Lieber ein Album mit Konzept als Singles

Natürlich gehören die Studioarbeit und das Schreiben neuer Songs ebenso zum Musikerdasein. Angesprochen auf die Tatsache, dass die erste Single „5 Inch Screen“ aus „Better Days“ ein wenig klingt, als sei sie bewusst für die Live-Performance komponiert, verneint Tim Vantol dies:

„Alles Songs werden dafür geschrieben, sie live aufzuführen. Das ist am Ende das Ziel. Aber ich versuche immer ein abwechslungsreiches Album zu schreiben. Verschiedene Genres und verschiedene Tempi. Es gibt ein paar Balladen, ein paar Punksongs, ein paar Rocksongs, Popsongs, ein bisschen Folk.“

Dabei liegt ihm das Albumkonzept sehr am Herzen. In seiner Heimat Holland würden viele Musiker nur Singles rausbringen. Dies sei für Spotify klug, aber

„da bin ich old shool. Ich möchte ein Album rausbringen. Das finde ich viel cooler. Ich will einfach alle Songs sofort hören. Denn manchmal sind es mehr als nur Songs, sie sind eine Geschichte, ein Konzept.“

Aus diesem Grund steht der Singer-/Songwriter Streaming-Diensten zwiegespalten gegenüber. Zum einen hatte er schon Besucher auf seinen Konzerten, die ihm gesagt haben, dass sie ihn durch Zufall in irgendeiner Streaming-Playlist gehört haben. Ohne diese wären sie nie auf ihn aufmerksam geworden. Andererseits bedeuten Streaming-Dienste einen

„Overkill an Musik. Du kannst einfach alles hören. Man braucht den Song gar nicht mehr zu Ende zu hören. Das ist schade, aber auch ein Luxus.“

Ähnlich ist seine Meinung zu sozialen Medien wie Facebook oder Instagram. Er profitiert als Werbemaßnahme von diesen, setzt sich in „5 Inch Screen“ allerdings kritisch mit ihnen auseinander. Im Refrain sagt er mit leicht ironischem Unterton, dass auf einem kleinen Bildschirm einfach alles besser aussehen würde.

„Wir verarschen mit Social Media unser ganzes Umfeld. Auch ich tue das. Wir machen das aber teilweise unbewusst. Wenn du bei Instagram etwas postest, ist es immer ein schönes Bild. Du wirst nie einfach eine Wand posten und sagen ‚Gib mir einen Like!‘. So funktioniert es einfach.“

„Better Days“ als Verarbeitung einer Depression

Die meisten seiner Songs handeln jedoch von persönlichen Erfahrungen. Das gilt auch für die Lieder auf „Better Days“. Hinter diesen steht vor allem die Verarbeitung seiner Depression, die ihn in den letzten Jahren sehr gequält hat. Vor der Außenwelt hatte er seine Krankheit versteckt gehalten. Nur seine engste Familie wusste Bescheid. Zwischenzeitlich hatte der gebürtige Amsterdamer eine neue EP geschrieben, die jedoch so depressiv war, dass er zu dem Schluss kam:

„Die kann ich nicht rausbringen. Das bin ich nicht“.

Den einzigen Ausweg sah er darin, eine Lösung zu finden und das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dabei kämpften manchmal Kopf und Herz gegeneinander, was er im vorletzten Track „You will never“ des neuen Longplayers thematisiert.

„Das ist einer der wichtigsten Punkte beim Kampf mit der Depression. Man denkt so viel nach, wer man ist und was man ist. Aber manchmal ist es wichtig, dass man dem Herz folgt. Du musst danach suchen, dass du selber glücklich bist, sonst kannst du auch dein Umfeld nicht glücklich machen.“

Das gilt ebenfalls für die Performance auf der Bühne. Hier sieht er eine Verantwortung des Künstlers gegenüber dem zahlenden Publikum:

„Als Musiker musst du auf die Bühne gehen. Das kannst du nicht mit scheiß Laune machen. Ich habe mich immer gefreut auf der Bühne zu stehen. Sobald man aber zu Hause ist, in der realen Welt, hatte ich immer zu kämpfen. Es gibt Momente, in denen es einem beschissen geht. Auch auf der Bühne. Aber ich bin der Meinung, das dürfen die Leute nicht sehen oder man ist ehrlich und sagt, wie es ist und sagt, dass man es versucht.“

Er selbst glaubt, dass während der Zeit seiner Depression das Publikum ihm dies nicht angemerkt habe. Mitverantwortlich war dafür seine Band, die ihn bei seinen Live-Auftritten unterstützt. Denn bei den Bandmitgliedern handelt es sich um langjährige Freunde von ihm.

Aus all diesen Erfahrungen der letzten Jahre speist sich also „Better Days“. Tim Vantol wollte bewusst das Positive aus dieser überstandenen schwierigen Zeit herausbringen. Allerdings ist es nicht sein Ziel, Menschen in einer ähnlichen Situation zu beeinflussen,

„jedoch ist es ein Traum, den Menschen mit meiner Musik helfen zu können. Auch wenn es nur eine Person sein sollte.“

Aufgrund des Titels wird Tim Vantol häufig gefragt, ob das neue Album wegen der Corona-Krise so entstanden ist. Die Parallelen sind allerdings nur Zufall. Denn die Songs wurden bereits im Januar im Studio aufgenommen, als Corona in Europa noch kein großes Thema war. Allerdings stellt er fest, dass

„viele Songs von der Platte so gut zu der aktuellen Situation passen. Das macht es für mich wieder cooler. Die Songs sind persönlich, aber ich versuche es offen zu lassen und werde es nicht im Detail erzählen.“

Jedoch ist er gewarnt worden, das Album mitten in der Krise zu veröffentlichen, da die Corona-Krise möglicherweise negative Auswirkungen haben könnte. Dennoch entschied er sich gegen die Einwände von Freunden und Familie:

„Ich wollte neue Musik für die Leute rausbringen. Gerade in diesen Zeiten. Ich hoffe, dass es den Leuten gute Laune bringt.“

Streaming-Konzerte – „Ich schaue in einem Handy meine eigene Fresse an“

Ob er bald wieder Konzerte spielen wird und wie dann die Planungen aussehen, kann Tim Vantol derzeit noch nicht sagen:

„Das ist nicht nur für mich blöd. Das ist für alle blöd. Auch für die, die es veranstalten. Das muss unglaublich scheiße sein. Du arbeitest ein ganzes Jahr dran und dann kann es nicht stattfinden.“

Die durch Corona in Mode gekommenen Streaming-Konzerte sind für ihn kein Ersatz für echte Live-Konzerte, obwohl er selbst zwei Streaming-Sessions gespielt hat:

„Ich mache das gerne für die Leute, aber mir macht das nicht so viel Spaß. Ich habe da nichts von. Ich schaue in einem Handy meine eigene Fresse an, das brauche ich nicht. Man kann zwar danach auch ein Bier trinken, aber das ist komplett anders.“

Deswegen hegt er für die Zeit nach Corona eine andere Hoffnung:

„Man realisiert jetzt, wieviel Glück wir mit dem haben, was wir machen können. Ich hoffe, dass wir es doppelt schätzen und feiern werden. Ich habe aber auch Angst, dass wir es genauso schnell wieder vergessen.“

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Dominik

Groß geworden mit Punkrock und Power-Metal, weiterentwickelt mit Alternative und Thrash-Metal, erwachsen geworden mit ein bisschen Progressive-Metal. Und dennoch bleiben die All-Time-Favorites klassisch: Bad Religion, Die Toten Hosen, Machine Head, Iron Maiden, Blind Guardian, Faith No More.... und aus unerfindlichen Gründen mit einer heimlichen Zuneigung zu J.B.O. 

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