Miozän: Surrender Denied – Aufgeben ist keine Option

Vor 25 Jahren pflasterten Miozän-Aufkleber jede Ecke im Heidekreis Soltau-Fallingbostel. Kurz darauf bereits den ganzen Norden, das erste Demo „Offer Resistance“ hatte inzwischen Kultstatus in der Hardcore-Szene. Es folgten fünf Alben und jede Menge Konzerte in ganz Europa bis zum Jahrtausendwechsel, als Miozän das Zeitliche segnete. Vereinzelte, ausverkaufte Konzerte blieben die einzige Erinnerung an das einstige Hardcore-Flagschiff. Als ein Motor für eine Reunion musste wie so oft ein Schicksalsschlag herhalten: Bei Ur-Basser Frank wurde Krebs diagnostiziert und die Unterstützerkampagne "Surrender Denied" zeigte, wie groß der Zuspruch für die Band in der Hardcore-Community noch immer ist. Der erste neue Song, der aus der Kampagne seine Kraft schöpfte, wurde geschrieben, live gespielt und machte Hunger auf mehr.

Inzwischen liegt ein neues Album auf dem Plattenteller und wird von allen Seiten gefeiert, was Ur-Shouter Kuddel überrascht, aber auch sehr freut. Miozän sind wieder da! Besser als zuvor! Seinen Stolz auf „Surrender Denied“ kann Frontmann Kuddel nicht verbergen, wenn er feststellt, dass sogar die wenigen schlechten Reviews das fünfte Album gut dastehen lassen. Und sieht er selber und die Band das ebenso?

„100 Prozent! Sicher hat jeder noch mal die eine oder andere Stelle, an der er viellicht doch lieber Hü anstatt Hott gemacht hätte, aber prinzipiell voll zufrieden. Wir hatten auch noch nie so ein Studio! Das war schon der Kracher. Den Erfahrungen im Studio nach, sagt eigentlich jeder von uns nur: Wow!“

1.jpg „Für „Surrender Denied“ wurde zum ersten Mal auch eine Vorproduktion gemacht, was nur verdeutlicht wie professionell und zielgerichtet die vier Jungs an die Sache gegangen sind:

„Die Vorproduktion war auch eine Bedingung der Jungs, die produziert haben. Die wollten vorher schon was hören, da die beiden – Eike in Hamburg und Alex in Bad Kösen in Thüringen – auch in einer anderen Liga produzieren und mixen. Das war schon ein Standard, den wir noch nie hatten. Aber cool.“

Die Suche nach einem Studio und den richtigen Leuten dazu lief auch anders ab als erwartet. Keine alten Szene-Kontakte wurden bemüht, sondern als alte Helloween-Fans entschlossen sich Frank und Kuddel, bei Kai Hansen anzufragen. Dessen Studio in Hamburg war aber kurz zuvor abgebrannt. Neuling Kniffel stellte letztlich den Kontakt zu Eike Freese her.

„Über Eike ist dann auch der Kontakt zu Alex zu Stande gekommen, der völlig begeistert war: Boah, Miozän! Die kenne ich von früher.‘ Der ist eben ein altes Hardcore-Kid, mit dessen alten Bands wir auch schon mal gezockt hatten. Das war also gleich so etwas wie eine Herzensangelegenheit für ihn. Das ging ziemlich easy über die Bühne. Danach haben wir noch kurz über den Aufwand gesprochen und dann hatten wir auch schon eine gemeinsame Linie. Und das hat sich ja bezahlt gemacht.“

Im Fall des neuen Labels Demons Rum Amok kam der Kontakt ebenso unerwartet zustande, nämlich über den alten Rawside-Drummer, der sich bei Frank und Kuddel gemeldet hatte:

„Bieker mailte uns, dass in Stuttgart mit DRA alte Fans von uns sitzen, die was mit uns machen möchten. Und da wir ziemlich faul sind, haben wir uns einfach mal bei denen gemeldet. Wir haben kurz mit denen darüber gesprochen, was die sich vorstellen und wie die arbeiten. Auch hier waren wir uns recht schnell einig. Wir haben es dann auch gelassen, zu gucken, wo wir noch einen größeren Deal bekommen können. Hat beim Schnacken gepasst und das war’s. Wenn’s passt, dann passt es.“

2.jpg „Bei der Suche nach einem Label hat keiner aus der Band auf einen Deal bei einem der großen Labels geschielt. Auch auf spätere Anfragen hat sich der Hardcore-Vierer an ihren ersten Handschlag mit DRA gehalten, wie es sich für eine Hardcore-Band gehört.

„Klar, mit Miozän zurück kannst du auch ein großes Label bekommen. Aber dann? Da bist du auch eine unter vielen Bands, One in a Million. Und was bringt dir das? Nichts! Mit DRA haben wir uns unseren Ambitionen angepasst, schließlich wollen wir noch in der Szene bleiben, mit den Leuten aus der Szene was machen. Möglichst wenig Business, dafür umso mehr Spaß! Bei einem großen Label bekommst du nachher vorgeschrieben, jetzt tourt erst mal zehn bis zwölf Wochen. Das will keiner von uns. Insofern passt das mit DRA.“

Aufgrund Franks Leidensgeschichte ist „Surrender Denied“ ein besonderes und besonders emotionales Album geworden:

„Na klar, die Motivation war schon sehr hoch. Und von Frank hängt eine Menge Herzblut drin. Genauso wie vom Rest der Band. Wenn wir schon eine (neue) Platte machen, dann soll die schon jeder von uns geil finden. Auf keinen Fall sollte das so eine Geschichte sein wie: „Die alten Herren machen nochmal schnell eine Platte.“ Schon gar nicht in Zeiten, in denen eine Reunion die nächste reitet. Wir wollten auch nicht da tehen wie alte Herren, die anstatt ein Motorrad zu kaufen, eine Platte gemacht haben. So als Hobby, weil sie nichts Besseres zu tun haben. Die Platte sollte auch nicht klingen wie Miozän ’89, sondern wie Miozän 2017, mit dem dazugehörigen Sound und Studio und allem, was so dazu gehört. Ich finde, das ist uns geglückt. Und wenn ich die Reviews lese, dann sind wir mit der Meinung nicht alleine.“

So richtig einordnen möchte Kuddel das neue Album aber nicht, da er schon sieht, dass sich die Zeiten geändert haben seit dem 2000er-Album „Thorn In Your Side“.

„Die neuste Scheibe ist immer die Geilste. Den Sound mal außen vor gelassen (solch einen Sound hätten wir vor 18, 19 Jahren nicht hinzaubern oder bezahlen können) und ohne den Ex-Mitgliedern auf die Füße treten zu wollen, ist das Album songwriting-technisch das Ausgereifteste, was wir jemals gemacht haben. Und das ist zu großen Teilen Kniffels Verdienst. Er bringt einfach neue Ideen, Sichtweisen und auch ein anderes handwerkliches Können ein, obwohl er bis dato so gut wie gar nichts mit Hardcore am Hut gehabt hatte. Er hat die Materie, die Scheiben, mit denen wir ihn zur Orientierung eindeckt haben, in Rekordzeit aufgesogen. Und somit hat er einen großen Anteil an der Weiterentwicklung, dass wir zeitgemäßer rüber kommen. Wir haben ihm auch zu verstehen gegeben, Melodien sind okay, aber Solos sind nicht Punk. Haben ihm gesagt, das ist zu solomäßig, aber das und das passt. So haben wir ziemlich schnell einen gemeinsamen Nenner gefunden und sind als Band zusammengewachsen.“

3.jpg „Aber auch der neue Mann an der Schießbude wird von Kuddel gewürdigt. Für Tomek, der schon mit Frank bei den Hannoveraner Streetpunkern Cracks And Scars sowie bei den Skastern Maskapone die Kessel bearbeitete, ist eine Hardcore-Band ebenso neue Materie wie für Kniffel. Besonders das hohe Tempo stellte die erste Herausforderung dar, die er aber nach viel Training gemeistert hat. Auch Tomek ist mit der Aufgabe in die Band gewachsen. Als letztes stieß SFA-Hardcore-Veteran, Ex-Freedom-Begins-Basser und The-Brascos-Gitarrist Outso – geködert mit einem Kasten Bier – an der zweiten Gitarre erst vor kurzem zur Band. Seine Feuerprobe auf der Bühne beim Heimspiel im Walsroder Jugendzentrum hat er mit Bravour bestanden.

„Wir kennen Outso zwar schon seit 100 Jahren, aber so richtig auf dem Schirm, so gitarrentechnisch und gemessen, an dem, was wir meinten zu suchen, hatten wir ihn nicht. Von The Brascos wussten wir ja, dass er dort klampft, aber wir haben ihn nicht mit Miozän in Verbindung gebracht, bis uns ein Kumpel auf diese nahetliegende Möglichkeit gestoßen hat. Wir haben ja auch bundesweit nach einem Gitarristen gesucht. Also, hat sich Kniffel ein paar Mal mit ihm hingesetzt und es hat gepasst. Menschlich sowieso. Ein Sechser im Lotto.“

Gegen den Vorwurf die Retro-Schiene zu fahren und von den alten Geschichten zu leben, wehrt sich Kuddel dann doch: „

Das ist schon gar nicht mehr Retro, das ist gelebte Geschichte. Und noch besser ist, dass wir alle Jungs von nebenan sind. Kniffel ist ja auch hier um die Ecke, in Kirchboitzen, aufgewachsen. Das ist schon cool.“

Jetzt, da die Band vollzählig ist, stehen vermehrt Live-Aktivitäten auf dem Plan. So spielen Miozän zum ersten Mal in ihrer Geschichte in Griechenland und gleich als Headliner auf einem Festival.

„Das ist schon eine coole Nummer als Samstags-Headliner zu spielen. Indoor, 30 Bands, große Halle. Puh!“, zeigt sich Kuddel überrascht und geehrt. Eine großangelegte Tour ist aber nicht in Planung, sondern eher die typischen Wochenendausfahrten, um die kleinen Clubs zu Rocken oder auch das ein oder andere Festival wie das „Endless Summer Festival“.

Trotz des fast ausschließlich positiven Feedbacks zum Album und der Reunion im Ganzen bleibt die Band zurückhaltend.

„Uns ist klar, dass die Veranstalter auch erst mal gucken, wie viel Substanz die Reunion-Geschichte hat und wie das Album ankommt. Das muss ja alles erst mal die Runde machen. Es ist eben noch viel Mund-zu-Mund-Propaganda bevor das alle mitkriegen. Wir sehen das so, dass wir uns erst wieder ein gewisses Standing erspielen müssen. Und das ist okay für uns. Schließlich sagt die Welt nicht: Boah, wir haben 17 Jahre lang ungeduldig auf Miozän gewartet. Jetzt rollen wir mal den roten Teppich aus. Ist nicht so. Es wäre auch vermessen, das zu glauben. Wir sind zwar alle hochmotiviert, live spielen zu wollen. Wir haben aber auch zwei Daddys in der Band. Da müssen wir eben gucken, in welches Zeitfenster Konzerte rein passen. Das muss halt alles in den Dienstplan passen. Ich persönlich bin schon bereit etwas mehr zu opfern, wenn die Geschichte ein richtiger Hammer wäre. Aber vier oder fünf Wochen mit einem Bus durch die Gegend zu kutschieren, da habe ich keinen Bock drauf. Das habe ich schon alles gehabt, was echt cool war. Es müssen aber schon besondere Aktionen sein. Es darf keine Routine aufkommen. Und schon gar nicht, dass man sagt: Scheiße, wir müssen morgen spielen. Schließlich verdienen wir damit kein Geld. Zwei Mal im Monat mit den Jungs los fahren, Klassenfahrt für alte Herren. Super!“

4.jpg „Zum Schluss wirft Kuddel noch einen Blick auf die alten Zeiten in Vergleich zur Szene im digitalen Zeitalter und wird sich bewusst, dass gerade die Mund-zu-Mund-Propaganda und die persönlichen Kontakte die Szene damals ausgemacht haben:

„Das Internet mit Facebook und Co. ist schon ein großer Vorteil. Du hast eine schnellere Verbreitung. Aber auf der anderen Seite hast du auch eine völlige Übersättigung mit Bands. Gute und Schlechte. Sollte ich heute gegen gefühlte 1.000 Bands antreten und mich durchsetzen, wo willst du deinen Platz finden? Da haben wir Glück, dass wir uns schon einen gewissen Status erspielt und erarbeitet haben. Die Zeit ist schnelllebiger geworden und die Bands ein Stück weit beliebiger. Du kannst am Tag hundert neue Bands entdecken und zu ebenso vielen Konzerten gehen. Und davon sind ein Drittel so, dass du sagst: Wow, von denen würde ich mir eine Platte kaufen. Die digitale Zeit ist Fluch und Segen zugleich.“

Interview: Kristian Habermann
Redaktion: Daniel Frick
Fotos: Christian Zimmermann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.