Comebacks, große Entdeckungen und eine Reise an den Südpol: Daniels Jahresrückblick 2021

Was für ein Jahr. Das zweite Mal in Folge abgesagte Sommerfestivals und Clubkonzerte, die Politik weitgehend ratlos, die Gesellschaft scheint so verunsichert wie Jahrzehnte nicht. Wird es sich jemals wieder wie früher anfühlen, in einer dicht gedrängten Menge voller glücklicher Schreihälse seine Lieblingsband abzufeiern? Keine einfache Frage, und um der vielen Fragezeichen könnte man schon etwas pessimistisch werden. Oder man lenkt den Blick auf das, was positiv war: Die wenigen Live-Konzerte haben noch mehr Freude gemacht und nicht wenige Bands haben die nervige Pandemie genutzt, um neue Musik zu machen. Und da waren für jeden Geschmack jede Menge Perlen dabei, Corona hin oder her. Hier sind die Alben, die mich 2021 am meisten beeindruckt oder schlicht und ergreifend die meiste Zeit auf meinem virtuellen Plattenteller verbracht haben. (Die Reihenfolge ist nicht als Ranking gemeint).

Helloween – Helloween

Ich war nie ein echter Fan von Helloween, obwohl ich natürlich in der Metalszene sozialisiert bin und Songs wie «I want Out», «Dr. Stein» oder «Future World» auch 1990 in der Schuldisco mitgegrölt habe. Umso mehr haben mich die Hamburger mit ihrem neuen, alten Lineup und einem erstklassigen Powermetal-Album beeindruckt. Obwohl die Jungs nie ganz weg waren, darf man daher getrost von einem Comeback sprechen, das auch mit Platz 1 in den Deutschen Albumcharts belohnt wurde. Und weil ich die Herren noch nie Live erleben durfte, stehen sie auf meiner Live-Wunschliste für das neue Jahr ganz oben. Viele Pumpkinheads dürften mit mir die Daumen drücken, daß die geplante Tour stattfinden kann.

Gojira – Fortitude

Das neueste Album «Fortitude» der Exil-Franzosen Gojira war einmal mehr wegweisend. Die Herren Duplantier und ihre Mitstreiter schaffen es immer wieder, intelligenten, groovigen und relevanten Metal zu machen, der zeitlos ist. Über die Jahre hat die Band es geschafft, stetig zu wachsen, was ihre Fangemeinde jenseits der Prog-Gemeinde betrifft. Die Band hat ein authentisches, soziales und politisches Bewusstsein für die Zukunft, ohne moralisierend zu sein. Stattdessen wird Geld für Umweltschutz gesammelt. Wenn jemand für mich die Frage nach den großen, relevanten Metalbands für die Zukunft stellt – für mich gehören Gojira ganz nach oben, und nicht Sabaton und Volbeat.

Archspire – Bleed the Future

Die Kanadier Archspire sind der Irrsinn! Die Band schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit und einem genialen Sinn für Humor, die derbsten und verfrickeltsten Riffs und Growls des Jahres abzuliefern. Es ist atemberaubend, in welchem Tempo und Brutalität die Cannucks ihre ganz eigene Spielart des technischen Death-Metals abliefern. Zugegeben, als Mittvierziger muss ich nach einem Durchgang «Bleed the Future» ein Weilchen an die Sauerstoff-Flasche. Aber das ist es mir das verdiente Album des Monats November wert!

Nervosa – Perpetual Chaos

Die Brasilianerinnen von Nervosa sind nach einer Umbesetzung zum Quartett angewachsen und es scheint, als seien sie auch noch angepisster als früher. Ich habe die Mädels schon immer geschätzt, aber « Perpetual Chaos » mit seinem rohen Charme der frühen Slayer haben mich definitiv zu einem Fan gemacht! Für mich das Death-Thrash-Album des Jahres.

Mastodon – Hushed and Grim

Mit « Hushed and Grim » erreichen die grandiosen Mastodon ebenfalls neue Höhen. Exzellente Musiker verarbeiten auf dem ersten Doppel-Album der Bandgeschichte einmal mehr persönliche Tragödien. Das Ergebnis ist so vielseitig, verspielt und gehaltvoll, daß man Mühe hat, alles aufzunehmen und zu « verdauen ». Dieses Album braucht Zeit, Hingabe und Geduld um es in seiner Gänze zu erfassen. Nicht leicht in Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspanne Vieler nicht mehr so groß ist. Dieses Album hat aber genau das verdient wie kein anderes in diesem Jahr. Hinsitzen, Kopfhörer auf und los geht die Entdeckungsreise !

Luna’s Call – Void

Dieses Quartett aus Mittelengland hat ihr ursprünglich 2020 erschienenes Zweitwerk 2021 beim französischen Underground-Label Listenable Records neu veröffentlicht. Zum Glück, sonst wäre mir dieser Leckerbissen mit ziemlicher Sicherheit entgangen. Die Truppe spielt progressiven Death-Metal mit symphonischen Elementen, der Opeth in ihrer mittleren Schaffensphase ähnelt. Wer mir ein Werk der letzten Jahre zeigen will, das Progressive Rock dermaßen stimmig mit Death Metal verknüpft hat, muss definitiv tief graben. Wer noch immer enttäuscht ist, daß Opeth sich vom Death Metal verabschiedet haben, der findet hier die ebenbürtigen Erben. Unbedingt im Auge behalten, was die vier Gentlemen aus Lincolnshire in den nächsten Jahren so treiben. «Void» war unser Album des Monats April und meine persönliche Entdeckung des Jahres.

Eternity’s End – Embers of War

Fleißbiene Christian Münzner hat mit seinem dritten Album mit Eternity’s End endlich ein stabiles Band-Lineup erreicht, was man dem Album absolut anmerkt. Wunderbare 80er-Powermetal-Reminiszenzen, nerdige Sci-Fi- und Fantasy-Themen, eine ordentliche Ladung Neoklassische Anleihen und das beste Gitarren-Duo des Jahres vereinen sich auf «Embers of War». Wem Helloween zu geradlinig oder vorhersehbar war und stattdessen Shred-Bands, Symphony X, aber auch Dragonforce liebt, findet hier alles für sein Glück.

Live-Highlight: Cellar Darling und Tylangir in Luzern

Live gab es eine Durststrecke von März 2020 bis August 2021 zu bestehen. Und auch danach gab es noch enttäuschende Absagen. Wohl dem, der sich in der Eidgenossenschaft niedergelassen hat. Die Handvoll Konzerte, die ich besuchen konnte, wurden zwar nicht ganz so akribisch ausgewählt wie normalerweise, waren aber tatsächlich jedes Einzelne eine wahre Freude. Das absolute, persönliche Live-Highlight war aber das am wenigsten erwartete.

Lange herbeigesehnt, hatte ich Mitte September die Möglichkeit, erstmals die wunderbaren Cellar Darling bei ihrem einzigen Konzert in 2021 in ihrer Heimatstadt Luzern zu erleben. Der mir bisher unbekannte, winzige Club Südpol war so unscheinbar wie charmant, der Check-In mit Covid-Zertifikat zügig und unkompliziert. Mit rund 50 Besuchern hatte der spätsommerliche Abend von Anfang bis Ende eine heimelige Wohnzimmer-Atmosphäre. Was keinesfalls amateurhaft bedeutet. Cellar-Darling-Frontfrau Anna Murphy ist schließlich auch Musikproduzentin und so war der Sound ausgezeichnet. Die drei Musiker präsentierten das Beste aus ihren bisher zwei Alben, emotional, progressiv und auf musikalisch höchstem Niveau. Keyboard, Querflöte und Drehleier waren genauso prominent vertreten wie Murphys Gänsehaut-Stimme, Merlin Sutters kraftvolle Drums und Ivo Henzis Gitarren.

Die Überraschung des Abends war aber das wunderbare Folk-Death-Metal -Septett Tylangir. Die Walliser besingen in ihrer selbst für andere Schweizer schwer verständlichen Mundart ihre regionalen Sagen. (Wer die Herausforderung annehmen möchte, kann sich ja mal an einem Lyric-Video der Band versuchen!) Die Instrumentierung mit Flöten, Harfe, Laute und diversen traditionellen Folklore-Instrumenten neben Gitarren und Schlagzeug ist wahrlich beeindruckend. Genauso wie die Spielfreude und der Charme der Dame und der sechs Jungs. Das Debütalbum steht noch aus und dürfte für Freunde von ungewöhnlichem Folk-Death-Metal eine Vormerkung mehr als wert sein.

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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