Wieviel Melancholie verträgt ein Jahr? Danielas Rückblick auf 2020

Acht Eimer Hühnerherzen haben es auf ihrem „album“ im März beinahe prophetisch ausgedrückt: „Melancholie ist das, was bleibt.“ Fast möchte man dem für einen Rückblick auf das Jahr 2020 nichts hinzufügen.

Dann aber doch. Schließlich gab es noch viele andere Veröffentlichungen, die eine Krise zu überstehen helfen, die uns alle gehörig fordert. Die dem Kulturbetrieb einen Schlag versetzt, von dem wir noch nicht wissen, wie heftig er sich eigentlich auswirkt. Da uns dieses Jahr nicht zuletzt eine Lektion in Solidarität verpasst hat, soll an dieser Stelle von aller Konkurrenz abgesehen und keine Hitparade runtergezählt werden. Hier also eine frei, aber nicht wahllos zusammengestellte Rückschau.

Alben, die in Erinnerung bleiben

Cable Ties und Spice sind irgendwie gegensätzlich. Aber bei beiden kommen die Songs von Herzen. Die Australier*innen von Cable Ties machen mit „Far Enough“ ordentlich Druck, sind rastlos, driften aber auch gern leicht psychedelisch ab. Vor allem fordern sie die Hörenden mit einer eindringlichen Stimme, die man so schnell nicht aus dem Ohr bekommt. Dagegen ist Spice anzumerken, dass sich die Mitglieder viele Jahre lang im US-Underground mit Punk und Hardcore ausgelassen haben und nun eine Art Gelassenheit des mittleren Alters einsetzt. Bei ihrem neuen Bandprojekt geht es vielleicht gediegener zu, aber an Tiefe und Melodien fehlt es kein bisschen.

Ähnlich verzerrt, aber wesentlich shoegazig-verträumter haben Bambara ihr Album „Stray“ gestaltet. Deren Mix aus Gothic und Post-Punk findet sich auch bei Girls In Sythesis. Deren Debüt „Now Here’s An Echo From Your Future“ konnte sein im Titel gegebenes Versprechen so nicht einhalten, weil es eines der vielen Releases war, das wegen Corona terminlich nach hinten verschoben wurde. Die Zukunft in die Zukunft verlegt – es schadete den Newcomern aus London mitnichten. Ihre Songs kennen keine Saison.

Mit dem anhaltenden Lockdown ist es gar nicht so einfach, NICHT in Depressionen zu verfallen. Dem Hang zu melancholischen Songs ist diese Stimmung wiederum sehr zuträglich. Musikalische Fluchtwege und Trost bieten diesbezüglich vor allem Frauen, die starke Texte in sanften Songs verpacken und mit Witz und Selbstironie über den Dingen stehen. Nein schweben. Als da wären: Fenne Lily mit „Breach“, Stella Sommer mit „Norther Dancer“, Sometimes With Others mit „Nous“ und Gordi mit „Our Two Skins“. Das Non plus ultra an Lockdown-Elegie haben zu Jahresende Blunt Razors mit „Early Aught“ geliefert.

Aus deutschen Landes kam 2020 auch wieder einiges Interessantes bezüglich Punkrock in all seinen Spielarten. Erinnert werden soll an „Lebe dein Traum“, das Debüt von Rong Kong Koma, ebenso an Oiros „Mahnstufe X“ und Rocket Freudental, die auf „Erdenmenschen weggetreten“ zügellos und avantgardistisch rummachen. Wer dazu einen stabilen Gegenpol braucht, dem sei „In A Box“ empfohlen,das melodieverliebte Debütalbum von KID DAD aus Paderborn. Besonderer Erwähnung soll an dieser Stelle Tim Tiebel mit seinen Tieren der Einsamkeit zukommen. Die sind schon vor der Corona-Krise nicht mehr auf Partys gegangen sind und fabrizieren stattdessen wunderschöne und gewitzte Akustik-Songs. Mehr davon für 2021!

Konzerte im Schaukelstuhl

Fast schmerzhaft ist es, einem musikalischen Jahresrückblick auf 2020 auch eine Live-Sektion einzufügen. Versuchen wir es humoristisch und resümieren ganz neue Erfahrungen. Online-Konzerte im Schaukelstuhl hab‘ ich vorher noch nicht erlebt. Immerhin gab es so die Möglichkeit, einige Künstler direkt finanziell zu unterstützen. Und die virtuelle Fanbase ist nicht zu unterschätzen. Beim „Global Gathering“, das News Model Army am 24. Oktober aus Anlass ihres 40. Bandgeburtstags gestreamt haben, sollen bis zu 25.000 Fans weltweit zugesehen haben. Die ausgiebigst genutzte Chat-Funktion hat die Streamtechnik und Konzertübertragung bisweilen überfordert, aber den Leuten ein Zusammengehörigkeitsgefühl verschafft.

Ein weiteres Lockdown-Konzert lief ohne Live-Übertragung ab, wurde aber als sehr besonderes Album veröffentlicht. Die großartige Cash Savage hat mit ihren Last Drinks die Hamer Hall in Melbourne geentert und ein irre intensives Hörerlebnis geschaffen, das bei herkömmlichen Konzerten wohl so nicht möglich gewesen wäre.

Das Schönste an 2020 war und ist… der Ausblick auf 2021

Ins neue Jahr gehen viele mit dem festen Glauben daran, dass all die Konzerttickets, die jetzt noch traurig an der Pinnwand hängen, endlich zum Einsatz kommen. Die Normalität, die wir kannten, wird aber wohl auf absehbare Zeit nicht wiederherzustellen sein. Eher bekommen R.E.M. ihr spätes Recht mit der 1987 ausgesprochenen Warnung „it’s the end of the world as we know it“. Oder wer hat keine Bedenken, dass sein Lieblingsclub nicht wieder auf- oder ein kleines geliebtes Label doch noch dichtmacht?

Trotzdem soll am Ende dieses Rückblicks ein positiver Ausblick stehen. Viel versprechende Veröffentlichungen kündigen sich an. Schon zu Jahresanfang steht ein Debüt in den Startlöchern, das genreübergreifend für große Erwartungen sorgt. Black Country, New Road aus London gelten nach nur zwei Single-Veröffentlichungen als absoluter Geheimtipp. Sogar die Leute vom Guardian und der New York Times blicken gespannt auf den 5. Februar, wenn der Erstling „For The First Time“ erscheinen wird. Eine Bande blutjunger Briten, die gekonnt und mit großer Ernsthaftigkeit Post-Punk mit Jazz verbinden – das gibt Hoffnung.

Den gleichen Termin hat Tamara Lindeman mit ihrer Weather Station für die Veröffentlichung ihres neuen Albums „Ignorance“ gewählt. Und für das Frühjahr ist das Debüt von Spoon and the Forkestra angekündigt. Die zwei Singles des Duos aus Hamburg/Mannheim lassen Großes hoffen. Damit sei uns allen ein Ende der Konzert-Abstinenz, viel gute Musik und ja, auch, beste Gesundheit für 2021 gewünscht!

 

Foto: Fenne Lily by Nicole Loucaides

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