Pete Townshend

Who Came First (Deluxe Edition)

  • Artist: Pete Townshend
  • Album: Who Came First (Deluxe Edition)
  • Label: Universal
  • Release: 2018-04-20
  • Medium:
  • Bewertung:0

Die vor einigen Jahren erscheinen „Expanded Editions“ der Soloalben von Pete Townshend waren für einige Fans durchaus leicht enttäuschend ausgefallen. Ja, das Material wurde remastert, und es gab auch einige Bonustracks. Die Aufmachung hingegen war relativ spartanisch ausgefallen und auch im Bereich der Bonustracks klafften noch einige Lücken. Da die guten Stücke in Europa auch nur als teure Importe erhältlich waren, ist die mit „Who Came First“ losgetretene, neue Reihe an Deluxe-Editionen ein sehr willkommenes Projekt.

Townshends erstes offizielles Soloalbum ist dabei eigentlich gar keines: „Who Came First“ versammelte die Highlights zweier zuvor zu Ehren von Petes Guru Meher Baba veröffentlichten Alben und fügte noch ein paar The Who-Demos und zwei neu aufgenommene Songs hinzu. Noch dazu bot das Album auch jeweils einem Song von Ronnie Lane, bei dem Townshend nur Gitarre spielte, und Billy Nicholls, auf dem Pete selbst überhaupt nicht zu hören war. Das Ganze hätte also auch ein unhörbarer Mischmasch werden können. Nun, zugegeben, Billy Nicholls ‚Forever’s No Time At All‘ fällt wirklich aus dem Rahmen und stört den Fluss. Doch die restlichen Songs, inklusive Lanes launigem ‚Evolution‘ bestätigen klar, dass Pete Townshend von 1970 bis 1973 in der Form seines Lebens war. Weit weniger heavy als mit seiner Hauptband, kommen die Songs geradezu folkig, entspannt und gutgelaunt daher, wie es sich auf „Who’s Next“ ja bereits mit ‚Going Mobile‘ angedeutet hatte. Mit ‚Parvardigar‘ vertonte Townshend ein Gedicht Babas, und das Cover des Country-Klassikers ‚There’s A Heartache Following Me‘ wurde ausgewählt, weil es einer der Lieblingssongs des Gurus war.

Nun hatte Townshend bei der Wahl seines Gurus im Gegensatz zu den Beatles richtiges Glück, denn Meher Baba war offensichtlich ein eher genügsamer und entspannter Zeitgenosse, der 44 Jahre lang – bis zu seinem Tod – schwieg und als letzte Worte vor besagtem Gelübde seiner Gemeinde die Worte ‚Don’t Worry, Be Happy‘ hinterließ. „Je größer die Liebe, desto sanfter die Stimme“ predigte er – kein Wunder, dass er beim erwachsen gewordenen Krachmacher Townshend, der ja einst gehofft hatte, zu sterben, bevor er alt wurde, direkt ins Herz traf. Vieles von „Who Came First“ entstammt auch dem ebenfalls von Babas Lehren beeinflussten „Lifehouse“-Konzept, das die Grundlage von „Who’s Next“ gab. So funden sich auf der Bonus Disc die restlichen Townshend-Songs der erwähnten Tribute-Alben an seinen spirituellen Mentor, darunter ein neunminütiges (!) Instrumentaldemo von ‚Baba O’Riley‘, aber auch einige ziemlich feine, vornehmlich von Akustikgitarren getragene Songs wie ‚Sleeping Dog‘ und Cole Porters ‚Begin The Beguine‘. Dazu kommen ein paar spätere Stücke wie das für eine Dokumentation über Baba komponierte ‚Meher Baba In Italy‘, eine in besagtem Film enthaltene Liveversion von ‚Drowned‘ und Townshends eigene, sehr emotionale Version von ‚Evolution‘ – aufgenommen 2004 bei einem Erinnerungskonzert an seinen Freund Ronnie Lane.

Auch optisch steht das Album, ein aufwändiges Vier-Panel-Digipack im DVD-Format mit Slipcase, 24-Seiten-Booklet und Poster, im Zeichen Babas. Man muss es Townshend aber zugute halten, dass er, im Gegensatz zu vielen anderen religiös inspirierten Rockmusikern, zu keiner Sekunde ins Predigen verfällt, sondern das Ganze eher persönlich hält. Bekehrungsversuche gibt es keine – er feiert eben seinen eigenen Glauben und seine Philosophie. Dass er das auch noch mit einer ganzen Menge an tollen Songs tut, sei nur noch einmal am Rande erwähnt. Spätere Townshend-Soloalben waren freilich konzeptionell geschlossener und runder, aber der Gemischtwarenladen „Who Came First“ hat durchaus seinen eigenen Reiz. Ob Meher Baba nun seine selbsternannt göttlichen Finger im Spiel hatte oder nicht.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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