The Who

Live At Fillmore East 1968

  • Artist: The Who
  • Album: Live At Fillmore East 1968
  • Label: Polydor
  • Release: 2018-04-20
  • Medium:
  • Bewertung:2+

Lange Zeit galt eine offizielle Veröffentlichung der Fillmore East-Gigs aus dem Sommer 1968 als höchst unwahrscheinlich. Was das erste Livealbum von The Who hätte werden sollen, war dank nur rudimentärer Erfahrung im Aufzeichnen von Livekonzerten als unbrauchbar abgetan. Auszüge der Bänder schafften es dennoch auf Bootlegs, und so wurden die Aufnahmen in Fankreisen immer legendärer – obwohl diese Versionen klanglich teils ziemlich unerträglich klangen, machten clevere Schwarzpresser ein ordentliches Zubrot damit.

Nun ist das Material, restauriert und neu gemixt, endlich auf CD erhältlich. Klanglich ist das Ganze immer noch eher was für echte Fans – ja, fünfzig Jahre ist das her, was erwartet man da? Rogers Vocals stehen oft ziemlich weit im Hintergrund, auch die Drums gehen im Gesamtsound ein wenig unter. Aber: vorliegendes Album ist sowieso eher ein Fall für The Who-Experten und -Historiker. Und die finden hier so Einiges! Von der brutalen Hardrock-Maschine von „Live At Leeds“ war die Band nämlich damals tatsächlich noch ein gutes Stück entfernt. Als die Aufnahmen gemacht wurden, standen The Who immer noch am Rande ihrer Artpop-/Pop-Art-Phase, in der sie die Charts mit simplen, aber schrägen Songs wie ‚Happy Jack‘ oder ‚I’m A Boy‘ gestürmt und damit unter Anderem Pink Floyd-Boss Syd Barrett und David Bowie entscheidend beeinflussten. Gerade Roger Daltrey sang über weite Strecken noch weit weniger aggressiv als nur zwei Jahre später, und auch optisch war die Band damals noch in ihrer Carnaby Street-Phase. Daltreys Lockenmähne war noch nicht zu sehen, ebensowenig Townshends Vollbart und Arbeiter-Overall, stattdessen gab’s Rüschen, Samt und, im Falle Daltrey, mit Dippedy-Doo glattgekämmte Popperfrisuren. Die besagten Chart-Singles sind natürlich ebenfalls vertreten, ebenso wie Entwistles ‚Boris The Spider‘ und „Tommy’s parents“, die Mini-Oper ‚A Quick One While He’s Away‘. Einen Rückfall in die frühen „Maximum R&B“-Tage gibt’s mit ‚Fortune Teller‘ und gleich drei Eddie Cochran-Covers – ja, und natürlich ‚My Generation‘. Das geht gleich satte 33 Minuten lang und stellt zusammen mit dem immerhin elfminütigen ‚Relax‘ und ‚Shakin‘ All Over‘ den Ausblick in die Zukunft der Band dar. Die den Songs angegliederten Jams klingen nämlich weit härter und kompromissloser als das eigentliche Songmaterial, und gerade Townshend beginnt hörbar die Reise vom kontrollierteren, durchaus noch bluesbeeinflussten Spiel der Mittsechziger zum brutalen Prä-Punk-Geschrubbe. In den 33 Minuten der ‚My Generation‘-Jam werden dann auch schon diverse Fragmente aus „Tommy“ ausprobiert, Cream zitiert und zum Ende gibt’s das damals kultige Instrumentenzerdepper-Massaker, das auf Konserve natürlich deutlich weniger beeindruckend klingt, als es vor Ort sicher war.

Auch wenn „Live At The Fillmore East 1968“ nicht mit „Live At Leeds“ gleichziehen kann – hat das jemand ernsthaft erwartet? – ist es doch für The Who-Fans ein unumgänglicher Pflichtkauf, der die Band an einem wichtigen Scheideweg zeigt. Raus aus den Sixties, ab in ein neues Jahrzehnt! Hier wurde das Fundament nicht nur für „Tommy“ gelegt, sondern auf lange Sicht auch bereits für die „heilige Trilogie“, bestehend aus „Live At Leeds“, „Who’s Next“ und „Quadrophenia“. Neulingen sei aber zumindest Vorsicht geraten, trotz Restauration kann das Material heutigen Klangansprüchen natürlich nicht genügen. Die Energie und bisweilen gewalttätige Performance wirkt aber eben gerade deshalb immer noch und werden jeden Fan der Briten ohne Frage mit einem fetten Grinsen zurücklassen.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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