Magenta

We Are Seven

  • Artist: Magenta
  • Album: We Are Seven
  • Label:
  • Release: 2018-11-02
  • Medium:
  • Bewertung:2

Christina Booth ist halt, man kann es nicht anders ausdrücken, einfach niedlich. Da vergibt man ihr als Fan so Einiges – beispielsweise, dass sie nun auch das IPad (Disclaimer: auch andere Marken sind im Handel erhältlich) als Teleprompter am Mikroständer befestigt hat, obwohl das einfach kacke aussieht. Oder… dass auf der visuellen Ausgabe des aktuellen Magenta-Livealbums ein paar Mal ihre Stimme klar, laut und deutlich erklingt, obwohl sie sich nicht einmal in der Nähe des Gesangsmikros befindet. Auch die Gitarrenparts von Chris Fry sehen nicht immer so aus, wie man sie tatsächlich hört – und da er nicht annähernd so knuffelig ausschaut wie Christina, gibt’s hier für ihn stellvertretend den warnenden Finger.

Aber, Spaß beiseite, das Nachbearbeiten und Overdubben von Livematerial gehört eben dazu und ist meiner bescheidenen Meinung nach auch meist den unbearbeiteten, fehlerbehafteten Takes vorzuziehen. Das Gleiche gilt für gesampelte Backing-Stimmen – obwohl Magenta mit Sicherheit auch in der Lage wären, die selbst zu singen. Auch wenn die Band sich nicht allzu geschickt dabei anstellt, diese „Bescheisser-Tricks“ auf ihrer DVD zu verstecken, ändert das nicht viel am Unterhaltungswert der Scheibe. Zwar stehe ich für gewöhnlich nicht allzu sehr auf die „komplettes Album am Stück spielen“-Masche, aber da das letzte Magenta-Album „We Are Legend“ einfach ein ziemlicher Hammer war, will ich hier gar nicht anfangen zu meckern. Speziell, weil die Livetakes genauso kraftvoll und dynamisch daherkommen wie die Studioversionen. Neben den Stars der Band, Christina und Robert „Oldfield 2.0“ Reed muss hier nun endlich auch einmal die supertighte und energiegeladene Rhythmusgruppe Dan Nelson und Jon „Jiffy“ Griffiths erwähnt werden – der aktuelle Magenta-Livesound wäre nur halb so packend ohne deren traumwandlerisch sicher verzahntes Spiel. In der zweiten Hälfte gibt’s mit „Seven“ (von 2004) dann noch ein weiteres komplettes Album als Livetake, und da kommen die Qualitäten der beiden Groove-Buddies ganz besonders zum Tragen. Da ist ein ganz neuer Drive, eine ganz unerwartete Frische, die den Songs wie ‚Gluttony‘ oder ‚Lust‘ unerwartet neues Leben einhauchen. Der – beim Original nicht unberechtigte – Vorwurf an „Seven“, sich zu stark an den Großen Alten wie Yes, ELP und Mike Oldfield zu orientieren, wird dank der beherzt rockenden Interpretationen zu einem guten Stück entkräftet. Robert, Chris und Christina sollten die beiden gut festhalten – ein absoluter Glückgriff für die Band.

Zu den beiden komplett gespielten Alben kommen mit dem Opener ‚Speechless‘, der aus dem Fundus von Robert und Christinas Dance-Projekt (!) Trippa stammt und den unumgänglichen ‚Prekestolen‘ und ‚The Lizard King‘ (seltsamerweise in den „Seven“-Set integriert) noch drei Extrasongs, und zwei Gastmusikerinnen an Querflöte und Oboe geben dem Gig einen weiteren besonderen Anstrich und „a beautiful warmth“ (Christina). Auch der Sound ist – erwartet jemand von Robert Reed etwas Anderes? – perfekt und glasklar ausgefallen. Trotz Overdubs, Samples und Studiofein gibt es aber noch genug Liveflair, dass sich „We Are Seven“ auch für die lohnt, die die beiden Studioscheiben bereits besitzen. Klar, es gibt wahrlich schon genug Livemitschnitte von Magenta, da gibt’s keien Diskussion. Da die Band sich allerdings bekanntlich selten in unsere Gefilde verirrt und diese Situation durch das Brexit-Debakel eher noch verschlimmern dürfte, sind diese bei den deutschen Magenta-Fans auch immer willkommen – und im Gegensatz zu manch anderer Prog-Band, die ihre Fans inflationär mit Liveshows überschwemmt, stimmt hier auch immer die Qualität.

Für alle Magenta-Fans ist das hier also ehedem ein No-Brainer, generell sollten aber alle Freunde von melodischem Symphonic- und Neo-Prog hier zuschlagen. Magenta haben sich nämlich, ähnlich wie Big Big Train, in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt und müssen ohne Diskussion zu den ganz Großen der heutigen Szene gezählt werden. Das Album ist – wie große Teile des Backkatalogs der Band – über den Webshop von Just For Kicks zu beziehen – als Doppel-DVD und als Doppel-CD.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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