The Tangent

Proxy

  • Artist: The Tangent
  • Album: Proxy
  • Label:
  • Release: 2018-11-16
  • Medium:
  • Bewertung:2

Es liegt perverserweise in der Natur der meisten Progfans, jegliche musikalische Veränderung oder gar Fortschritt erst einmal abzulehnen. Unter Anderem traf dieses Paradoxon auch The Tangent, die mit ihrem letzten Album „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ auf höchst geteilte Meinungen stießen. Wo einige wenige sich an der ungewohnt düsteren, bisweilen relativ aggressiven Stimmung des Albums, das sich mit den Folgen des Themas Brexit für Zwischenmenschliches beschäftigte, und den Experimenten mit Hip Hop (!), Punk und Spoken-Word-Performances erfreuten, war der Tenor der Stimmen doch eher negativ.

Mit „Proxy“ rudert unser aller Lieblingsquerdenker Andy Tillison nun zumindest auf den ersten Eindruck ein Stück zurück. Der eröffnende Titelsong gibt sich mit seiner klaren und hart formulierten Antikriegsmessage zwar textlich genauso unbequem wie der Vorgänger, bietet aber musikalisch perfektes Futter für all die, die The Tangent nach den ersten paar Alben eventuell aus den Augen verloren haben. Purer Jazzrock gemischt mit kauzigem Retro-Prog, quasi Soft Machine meets Steely Dan und The Flower Kings. Auch das nachfolgende ‚The Melting Andalusian Skies‘ zeigt sich sehr jazz-affin – in der Tat, beide Songs sind aufgrund der entspannten Performance definitiv näher am traditionellen Jazz als am Progressive Rock. Das gelingt dank der exzellenten Musiker (neben Andy himself u.a. Theo Travis, Jonas Reingold und Luke Machin) ganz hervorragend, lässt aber den widerborstigen Stachel der letzten paar The Tangent-Scheiben ein wenig vermissen. Apropos Steely Dan: Wenn Donald Fagen jemals einen neuen Partner suchen sollte, mit dem funkigen ‚A Case Of Misplaced Optimism‘ empfiehlt sich Andy Tillison schon einmal als einzig denkbarer Kandidat für den Job. Einen besseren Steely-Dan-Song haben wir seit (mindestens) 1977 nicht mehr gehört. Groovt, jazzt und proggt – nice!

Den experimentierfreudigen Andy gibt’s aber auch noch – im Albumhighlight ‚The Adulthood Lie‘. Da treffen nämlich die typischen The Tangent-Klänge auf tanzbare Elektronik, heruntergestimmte und bisweilen dissonante Bratgitarren, Double-Bass-Drums und dazu die für „Proxy“ dominierenden relaxten Jazz-Klänge, diesmal mit starkem Big-Band-Schlag – und ein klassisches Seventies-Prog-Finale in bester Yes-Manier gibt’s noch obendrauf, wenn auch hier in der Mitte des Songs – aber wer will es Andy verbieten, das Finale schon in der Mitte des Songs zu bringen? Viel Glück dabei! Dazu kommt eine höchst eingängige Gesangslinie, die sich beim ersten Durchgang bereits festhakt. Der Rausschmeißer ‚Supper’s Off‘, in einer Frühversion bereits auf dem Fanclub-Album ‚L’Étagère Du Travail‘ enthalten, ist eine rockige Uptempo-Nummer, die vordergründig ein wenig an Songs wie ‚GPS Culture‘ oder ‚A Spark In The Aether‘ erinnert, die aber in melodischer Hinsicht im Direktvergleich diesmal leider eher unspektakulär daherkommt.

Also, gute Nachrichten für all die, denen die letzten Alben von The Tangent zu verspielt und experimentell ausgefallen waren – Andy Tillison konzentriert sich mit „Proxy“ wieder auf den Jazzrock- und Canterbury-lastigen Sound der frühen Alben. Obwohl das natürlich auf nach wie vor enorm hohem Niveau passiert, muss man allerdings ein wenig bekritteln, das gerade dieses Unberechenbare, dieser Überraschungsfaktor den letzten Alben einen besonderen Kick verliehen hat, der diesmal nur auf ‚The Adulthood Lie‘ so wirklich zu verspüren ist. Aber auch ein „gewöhnliches“ Tangent-Album raucht eben immer noch 90 Prozent der Genrekollegen in der Pfeife…

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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