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Psychotic Symphony

Dream Theater und Mike Portnoy. Dream Theater. Mike Portnoy. Was wurde nicht alles geschrieben über die unrühmliche Trennung des Ausnahmedrummers von DER Progressive Metal Band, die inzwischen sieben Jahre zurück liegt. In dieser Zeit war der Schlagzeuger vermutlich der aktivste Rock- und Metalmusiker überhaupt. Es ist kaum möglich, all die Bands und Projekte aufzuzählen, in denen der Mann mit dem gefärbten Ziegenbart seither involviert war. Und doch: Vermutlich ist das Album seiner neuesten Band Sons of Apollo DAS Werk, auf das alle Aktivität der letzten Jahre hingeführt hat. Hinführen musste. Vielleicht brauchte Portnoy auch einfach so lange, um sich dem für ihn sehr schmerzlichen Kapitel wieder anzunähern. Denn „Psychotic Symphony“ ist ohne den kleinsten Zweifel das Album, mit dem er sich seinen Wurzeln als erfolgreicher Musiker so sehr nähert wie noch nie seit seinem Ausstieg bei Dream Theater.

Natürlich wäre es nicht Portnoy, wenn er für die neue Band nicht ein beeindruckendes Line-Up auf die Beine gestellt hätte. Wer das durchaus beachtliche Rauschen im Blätterwald nicht mitbekommen hat: Ex-Dream-Theater-Keyboarder Derek Sherinian ist dabei, Billy Sheenan (ehemals bei David Lee Roth und Mr.Big), mit dem Portnoy bei den Winery Dogs spielt, übernimmt den Bass. Ron Bumblefoot Thal (von 2006 bis 2015 Gitarrist bei Guns n‘ Roses) ist für die Gitarren zuständig und am Mikrophon legt Jeff Scott Soto (Journey, Yngwie Malmsteen, Axel Rudi Pell) eine deutlich metallischere Stimme an den Tag als der Oberpirat James LaBrie. Wobei das natürlich wie so häufig Geschmackssache ist. Das das Debütalbum der erfahrenen Metal-Musiker dagegen ein großer Wurf geworden ist, eine Tatsache. Vorausgesetzt, man mag ausgefeilten, im Besten Sinne klassischen Progressive-Metal.

Mit einem cinematisch-bedrohlichen Keyboard-Intro mit orientalischen Touch und Thals Gitarrenjaulen beginnt das Album stilsicher. ‚God of the Sun‘ wurde der Opener getauft und dauert über elf Minuten. Sotos Stimme setzt natürlich bei aller Klasse der vielschichtigen Komposition und der Meisterschaft der einzelnen Musiker eine wichtige Marke. Der Mann hat eine kräftige, dunkle Stimme – die die Emotionen des Songs geschmackvoll und sehr dynamisch rüberbringt. Der Stimmumfang ist dabei durchaus auch innerhalb der einzelnen Songs groß. So groß, daß Song Nummer zwei, ‚Coming Home‘, mit einem schrillen Kreischen einsetzt. Dann ist da die Melodik der Songs, die auffällt. Die Refrains bleiben hinterlassen nicht nur Eindruck, sondern bleiben auch hängen. ‚Signs of Time‘ zeigt dann das, was nach Meinung vieler progressiven Metal im Kern ausmacht. Vielseitig-Komplexe Rhythmen und Taktarten. An die kann man(n) sich durchaus auf eine angenehme Art und Weise gewöhnen, wenn man sich darauf einlässt. Also auch diesen Aspekt haben die Jungs drauf. Check. Sehr cool neben den groovigen Rhythmen bei ‚Labyrinth‘: Portnoy, Sherinian und Thal liefern sich kleine, abwechselnde „Konversationen“. Amüsant-unterhaltsame Schlagabtäusche von meisterhaften Musikern. Check.

‚Alive‘ ist eine recht konventionelle Rock-Ballade in langsamem Tempo, mit langen Gitarrensequenzen, die mit viel Sustain gespielt werden. ‚Lost in Oblivion‘ schlägt dann wieder eine deutlich andere Richtung ein. Das drängend-beunruhigende Flair des Songs gefällt, das hier hat etwas manisches, etwas theatralisches. Wirklich gut. ‚Figaro’s Whore‘ ist ein Mischung aus selbstreferenziellem Augenzwinkern und eine lockere Verbeugung an Mozart, 64 Sekunden Eigenmotivation, mit fettem Grinsen vorgetragen. ‚Divine Addiction‘ dagegen ist eine ehrfürchtig-launige Hommage an die klassischen Prog-Bands Genesis, Yes und Konsorten. Sherinians Keyboard klingt wie eine echte 70er-Orgel – aber der ganze Song atmet dieses Lebensgefühl. ‚Opus Maximus‘ kommt am Ende, Nomen est Omen. Hier schlagen Portnoys Transatlantic durch – mit aller Kraft. Ein wundervoller, irgendwie pathetischer Song mit ausufernden Keyboard- und Gitarren-Soli, gespielt in mehreren Akten. Andere Gruppen hätten aus dem Material vermutlich drei oder vier Songs gemacht – so oft wechselt die Stimmung und das musikalische Thema – aber trotzdem oder gerade deswegen ist das hier groß. Vorausgesetzt man mag es ausufernd.

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