Kategorie: reviewep

Don’t Do It Donnie/The Scream

23 Jahre mussten wir auf knapp 2 Minuten neue Musik von Sacred Reich warten. Dank der regelmäßigen Festival-Auftritte der Thrash-Metal-Legende in den letzten Jahren ist der Hunger nach neuen Songs kaum noch auszuhalten. Und dann gibt es satte 2 Minuten.

Hin und her gerissen zwischen überschwänglicher Euphorie und maßloser Enttäuschung, läuft ’Don’t Do It Donnie‘ bestimmt schon zum zehnten Mal. Der Songs ist gut, aber zu kurz. Viel zu kurz. Wir wollen mehr Sacred Reich! Sehr Hardcore-lastig, also gradlinig und geradeaus, mit einem kurzen Midtempo-Part kommt der Comeback-Song aus den Boxen gepfeffert. Vom Sound und der Struktur her könnte ’Don’t Do It Donnie‘ vom 1993er-Album ”Independence“ stammen, was mit Sicherheit am alten und wieder neuen Schlagwerker Dave McClain (ex-Machine Head) liegt. Dieser trommelte schon auf ”Independence“ und auch dem letzten Album der Jungs aus Phoenix. Von Thrash Metal kann man aber nicht sprechen, dafür bringt der Song eine gehörige Portion angepisste Energie rüber. Was immer man von einem neuen Sacred-Reich-Song erwartet, er ist nicht überragend, aber typisch, eingängig und steigert die Vorfreude auf das komplette Album bis zur Schmerzgrenze.

Und dann ist da noch ein Song der Crossover-Amis von Iron Reagan, der mehr oder weniger im Ohr hängen bleibt. Eher weniger. ’The Scream‘ ist einfach zu schablonenhaft, um die notwendige Power, die ein Hardcore-Song braucht, abzuliefern. Just another hardcore-song. That’s all.

Wegen des erhobenen Zeigefingers in Richtung Donnie und dem klassischen Crass-Artwork, nur andersherum, schwarz auf weiß, lohnt sich der Sieben-Zoller. Im August gibt es dann die Vollbedienung.

Theme From Doctor Who

Progfans können extrem seltsame Typen sein. Es gibt da Personen, die Marillion wegen einer Sequenz in einem 36 Jahre alten, seit 35 Jahren nicht mehr gespielten Song nach wie vor als Genesis-Klon abtun, aber Magenta-Boss Robert Reeds „Sanctuary“-Alben feiern, die nun tatsächlich und mit voller Absicht von Komposition über Performance bis zur Produktion pure Mike Oldfield-Klone sind. Manche gehen dabei gar soweit, die Kopie über’s Original zu stellen… ja, auch wenn Oldfield zugegebenerweise seit 1992 kein volles Album mehr herausgebracht hat, das sich mit seinen Klassikern der ersten zwanzig Jahren messen kann, würde diese Einschätzung wohl auch besagter Robert Reed selbst wundern.

Mit der vorliegenden EP macht Reed nun also Appetit auf „Sanctuary III“ und stellt gleichzeitig seine Mitstreiter Tom Newman und Les Penning (beide auch ehemalige Oldfield-Sidekicks) vor. Jeweils zwei Solotracks der Drei sind hier vertreten, und als Aufhänger die gemeinsame Coverversion des Titelthemas der britischen SciFi-Kultshow Doctor Who – natürlich im Oldfield-Stil. Sozusagen ein Mini-„Ummagumma“ ohne Livetracks. Der Titeltrack ist natürlich in vielerlei Hinsicht perfekt für solch ein Vorhaben geeignet. Das Original, komponiert von Ron Grainer und umgesetzt von Delia Darbyshire, gilt nämlich als einer der wichtigsten Impulsgeber der elektronischen Musik und ist aufgrund der Langlebigkeit der Serie (seit 1963 bereist der Doctor bereits das Universum) eben auch lupenreines britisches Kulturgut. Und derzeit im UK in aller Munde, weil mit Jodie Whittaker erstmals eine Frau eine Inkarnation des Titelhelden darstellt. Rob, Tom und Les halten sich klar an die tonale Struktur und das Arrangement, verzieren aber alles mit typischen Oldfield-Sounds: das Bhodhran, die typische Gitarre, Vocoder-Sounds, Les‘ Flöte, Glockenspiel – ganz ähnlich zu Oldfields eigenem Arrangement der Titelmusik von Blue Peter, einer ähnlich langlebigen und kultigen UK-Kinderserie, die sogar einige Personalüberschneidungen mit Doctor Who hatte und immer wieder Behind-The-Scenes-Berichte über die Serie zeigte. Der ‚Tom Newman Happy Mix‘ klingt etwas kraftvoller und kommt mit Sprachsamples, während Reeds eigener ‚BBC Mix‘ folkiger und zurückhaltender klingt – ziemlich cool sind sie alle beide.

Die – fast alle bereits veröffentlichten – Solotracks sind hingegen nicht viel mehr als eine nette Dreingabe. Am Interessantesten dürfte Reeds ‚Indigo‘ sein, ein Preview aufs in den Tagen erscheinende „Sanctuary III“, das zwar immer noch klar nach Oldfield klingt, aber sich nicht mehr unbedingt an spezifische Kompositionen anlehnt, sondern mit eigenständigerer Melodieführung und mehr von Reeds „üblichem“ musikalischen Stil punkten kann. Das lässt wirklich erwartungsvoll auf das Album warten. Der zweite unveröffentlichte Song, Tom Newmans ‚Happy Chickens‘ ist ein kurzes, folkiges und wohl lustig gemeintes Akustikgitarren-Stück mit Bauernhof-Geräuschkulisse, „Dideldam“-Gesang und gepfiffener Melodie, die mich zumindest etwas an den ollen Flipper erinnert. Na, da nehme ich doch lieber weiter den Doctor und seine TARDIS.

Prog- und Oldfield-affine Doctor Who-Fans dürften sich also über diese EP ziemlich freuen – nur die Tatsache, daß man für recht wenig Unveröffentlichtes in einer schnöden Stecktasche ohne viel Info gleich ’nen Zehner lockermachen muss, stößt ein wenig sauer auf. Immerhin spart man sich eine Menge UK-Porto, wenn man die EP bei den Nordlichtern von Just For Kicks bestellt – was der Zielgruppe hiermit ausdrücklich empfohlen sei. Den ersten Schwung CDs hat Reed nämlich gleich noch perönlich signiert.

Live Via Satellite

Das Rolling Stone Magazine hat das fünfte Studio-Album „Duende“ der texanischen Americana-Formation The Band Of Heathens auf Rang 31 unter die 50 besten Genre-Veröffentlichungen des Jahres 2017 gezählt. 70er-Jahre-Retro traf dort auf an die Stones erinnernde Grooves, viel Gefühl und sorgte so für viel Freude beim Zuhören. Darauf beließen es die Texaner aber nicht beruhen, sondern legten mit der EP „Live Via Satelite“ nach, die jetzt veröffentlicht wird.

The Band Of Heathens ist eine absolute Live-Band, die sehr gerne unterwegs auf Tour ist. Für diesen Frühsommer ist eine Europatour geplant, und zur Einstimmung darauf haben die Jungs im Januar diesen Jahres in New York live ims letzten Jahres live im Studio Songs aus „Duende“ und weiteres Material gespielt, das direkt im „Outlaw Country Channel“ gestreamt wurde und jetzt seinen Weg auf eine kleine, aber feine EP gefunden hat. Country, Rhythm’n’Blues, Rock’n’Roll und ganz viel rootsy Americana verschmelzen hier zu einem stimmungsvollen Gesamtergebnis, das man im anbrechenden Sommer sehr gerne unterwegs im Auto hört, das gute Laune verbreitet und fünf Songs lang den Alltag vergessen macht. Neben drei Tracks aus „Duende“ haben sich auch zwei gelungene Cover auf die EP geschlichen: Neal Youngs ‚Alabama‘ sowie die Dave Rawlings Nummer ‚Ruby‘, eine tolle Ballade, der die Band locker ihren eigenen Stempel aufdrückt.

Durch diese beiden gelungenen Cover wird diese EP damit auch für alle interessant, die das letzte Album der Amerikaner bereits zu Hause im Regal stehen haben. Alle anderen dürfen sowieso bedenkenlos zuschlagen, wenn ihnen mal wieder der Sinn nach schnörkellosem Roots-Rock, Americana und ein paar Country-Klängen steht.

Hellbound Heart

Der große Horror-Punk-Hype ist schon lange Vergangenheit, doch es gibt noch viele Bands, die sich unermüdlich den klassischen Geschichten über Vampire, Monster, Mörder und immer wieder Liebe widmen. In diesem Genre sind die Grenzen zwischen Punk-Rock, Rockabilly und Psychobilly fließend, ebenso wie Realität und Fiktion. Was zählt ist die Romantik, textlich und musikalisch. Stellar Corpses haben 2007 als Psychobilly-Kapelle den Respekt für die Toten eingefordert, elf Jahre später spielen sie zuckersüßen Punk-Rock und lieben weiterhin den Tod.

Auf „Hellbound Heart“ kommen sie mit den fünf enthaltenen Pop-Punk-Songs dem Meister Nim Vind verdächtig nahe. Die Lieder gehen runter wie Bonbons, haben aber auch einen ähnlich langen Nachgeschmack. Spätestens beim Zähneputzen ist er verschwunden. Wenn einem nach etwas mit Biss steht, dann kann man ruhig „Hellbound Heart“ in der Player schieben. Schließlich stimmen die hymnischen Melodien, die Chöre, die schwärmerischen Lyrics und die Grusel-Atmosphäre der Filme aus den 50er Jahren. Beim überaus flotten Rausschmeißer ‚In Her Lover’s Arms‘ gibt es dann noch den slappenden Bass, so dass alle Merkmale für eine gute Horror-Punk-Veröffentlichung vorliegen. Das einfältige Artwork mit dem leuchtend grünen Skull will sich nicht so recht mit einem „Hellbound Heart“ in Einklang bringen lassen. Für den Vorgänger „Dead Stars Drive-In“ hatte man sich noch wesentlich mehr Bezug zum Titel gegönnt.

Die vierte Veröffentlichung der Psychos aus Santa Cruz ist wie der Kurzfilm vor dem Hauptfilm, man nimmt ihn mit, er verkürzt die Zeit und ist doch eigentlich gar nicht so schlecht, besser als Werbung oder Trailer, die das Beste am Film bereits zeigen.

Silent Angel: Fire And Ashes Of Heinrich Böll

Eric Andersen ist ohne Frage eine der wichtigsten Gestalten der amerikanischen Folkszene. Er war bereits in den Sechzigern im Greenwich Village dabei, Anfang der Siebziger half er, den typischen Laurel-Canyon-Folkrock-Sound zu prägen, und nach einer längeren Pause kehrte er Ende der Achtziger mit von der Kritik regelmäßig abgefeierten Alben zurück. Daß Eric nie so erfolgreich wie Bob Dylan und Joan Baez oder so legendär wie Phil Ochs wurde, lag, nun ja, aber immer auch ein wenig an ihm selbst. Denn großartigen Werken wie „Bout Changes’n’Things“ (1966), „Blue River“(1972), „Ghosts Upon The Road“ (1989) oder den im Trio mit Rick Danko (The Band) und Jonas Field veröffentlichten Scheiben standen immer wieder durchschnittlichere bis richtungslose Alben wie „Avalanche“ (1969) oder „Midnight Son“ (1980) entgegen, die die Fans bisweilen schwer auf die Probe stellten.

Seit einigen Jahren widmet sich der seit den Achtzigern in Oslo lebende Andersen nun Tributen seiner liebsten Poeten und hat bereits ein von Lord Byron inspiriertes Album und eine EP im Geiste von Albert Camus aufgenommen. Diesmal ist nun ein deutscher Dichter dran: „Silent Angel: Fire & Ashes Of Heinrich Böll“ ist zwar wieder nur eine EP geworden, aber Freunden eher ruhiger Folk-Klänge sehr ans Herz zu legen. Vorausgesetzt, man schafft es, sich nicht von dem schlicht häßlichen Praktikantenjob-Artwork abschrecken zu lassen. Oder dem Intro ‚Wenn das Wasser vom Rhein gold’ner Wein wär‘, von Akkordion und authentisch deutscher Volksmusikstimme vorgetragen. Hat man die Nerven, das zu überstehen, warten nämlich vier exzellente Songs, die natürlich allesamt schwer von der mittlerweile wunderbar abgelebten und eindringlichen Stimme leben. Die passt zu den Songs, die, dem Thema folgend, allesamt in der Zeit des zweiten Weltkrieges angesiedelt sind – auch wenn man sich gelegentlich fragt, ob nicht doch der eine oder Andere aktuelle Bezug aufgetaucht sein könnte. Andererseits wiederholt sich eben alles… Auf eingängige Melodien wie bei „Ghosts Upon The Road“ muss man freilich hier verzichten, die Songs sind eher Stimmungsbilder, nicht unähnlich dessen, was Bob Dylan auf „Time Out Of Mind“ (allerdings ohne die hippe LoFi-Produktion) oder Bruce Springsteen auf „Devils And Dust“ abgeliefert haben. Gerade den deutschen Andersen-Fans dürfte ein Song wie das sarkastische ‚Thank You, Dearest Leader‘ durchaus schwer im Magen liegen – somit dürfte die Mission im Sinne des Herrn Böll durchaus erfolgreich sein.

Unterm Strich also eine sowohl von der Botschaft als auch der Musik empfehlenswerte Scheibe, die sich Fans von Bob Dylan, Richard Thompson oder auch Tom Waits definitiv vormerken sollten. Fans von Andersen sowieso – aber das wissen sie auch ohne weiteren Hinweis.

Könige Im Exil

Eine junge Band legt ihre erste EP vor. Soweit nichts wirklich Berichtenswertes. Auch, dass sich das Bremer Quartett den deutschen Texten verschrieben hat, ist nicht ganz so ungewöhnlich. Wenn die selbstbetitelte EP der Könige Im Exil dann jedoch im Player rotiert, horcht man schnell auf, denn für eine Debüt wird hier außergewöhnlich hohe Qualität geboten. Die vier Musiker um den Frontmann und Gitarristen Robin Liedtke, der auch fast im Alleingang Musik und Texte geschrieben hat,  geben sich nicht mit den vielleicht zu erwartenden drei Punkrock-Akkorden zufrieden, sondern greifen mit Songs wie ‚Motor Für Alles‘ oder ‚Einseitige Polygamie‘ nach etwas sperrigeren Alternative-Rock-Gefilden. Was dieses EP so besonders macht: Dieser Griff gelingt überraschend gut. Im Soundgarden oder Alter Bridge-Stil mit deutschen Texten wird hier ein spannendes Debüt präsentiert, das kraft- und druckvoll daher kommt und mit viel Punch und Spielfreude dargeboten wird.

Das Quartett bezeichnet sich selbst als „Heavy Pop Rock Band“, wobei die poppigen Parts dann doch eher im Hintergrund bleiben: Alternative trifft auf Hardrock, ein paar raue Punk Attitüde sind durchaus vorhanden, und alles ist für ein Debüt wirklich sehr gut produziert. Die sechs oft mehrstimmig vorgetragenen Songs des Erstlings sind abwechslungsreich, eingängig, ohne generisch zu wirken, die Texte sind lyrisch, manchmal bissig, dann wieder melancholisch wie in der berührenden Halb-Ballade ‚Land in Sicht‘.

Könige Im Exil wurden 2015 gegründet und existieren in der aktuellen Besetzung seit letztem Jahr. Die EP kann via Facebook oder E-Mail direkt bei den Königen bezogen werden. Man darf sehr gespannt sein, wohin der Weg die vier Bremer führen wird. Im Auge behalten werden wir diese Könige auf jeden Fall.

Get Ready For The Getdown

Schon nach der ersten Sekunde von „Get Ready For The Getdown“ weiß man, dass SweetKiss Momma zurück sind. Unverkennbar ist sie einfach, Frontmann Jeff Hamels Stimme und seine typische Art zu singen. Die Band aus der amerikanischen Kleinstadt Puyallup in der Nähe der Nordwest-Metropole Seattle legt eine weitere EP vor und folgt damit den Fußspuren ihrer letztjährigen EP „What You’ve Got“. Gleich am Anfang wird klar, worauf wir uns auch diesmal einstellen dürfen: Kernigen, gitarrengetriebenen Südstaaten-Rock, der durch The Black Crows, die Allman Brothers Band und natürlich Lynyrd Skynyrd inspiriert wurde.

Alles also beim (guten) Alten? Nicht ganz, denn im Laufe der leider mit fünf Songs viel zu kurzen EP wagen sich die Southern-Rocker auch mal in neue Gefilde und räumen zum Beispiel den Keyboards viel Raum ein. Jeffs Ehefrau Kim darf ebenfalls Vocals beisteuer, und der fast schon psychedelische Track ‚Woman Of Wickedness‘ zeigt die Band von einer ganz neuen Seite, wenn treibender Blues mit ölender Hammond-Orgel auf fast schon Zeppelin-artige Gitarrenwände trifft. Das geht genau so gut unter die Haut wie in den Gehörgang. Bravo!

Am Schluß kehren Jeff Hamel und seines Jungs zu ihren Wurzeln zurück. SweetKiss Momma ist ursprünglich als Gospel-Band entstanden, wie ihr auch in unserem Interview nachlesen könnt. ‚Between The Flood And The Fire‘ beginnt als von tollen Gesangsharmonien getriebener Gospel und hätte zum Ende noch mal ein echtes weiteres Highlight werden können, wenn sich der Song nicht nach einem grandiosen Auftakt in einem instrumentalen Part verhaspeln würde. Man wünscht sich, dass hier nach dem Break noch einmal der Gospelgesang zurückkommt, wss jedoch leider verwehrt bleibt. Aber auch so bleibt eine weitere gelungene EP, die das Herz eines jeden Southern-Rockers höher schlagen lässt und definitiv Lust auf die kommende Europatour macht.

Cold Dark Place

Was tun, wenn von zwei Kompositions-Sessions hochwertiges Songmaterial übriggeblieben ist, das nicht so richtig zu den Alben passt, in deren Kontext sie erdacht wurden? Na klar, eine EP bietet sich an. Mastodon nimmt man diese Geschichte hier ab, nicht zuletzt, weil die vier Songs von „Cold Dark Place“ von Sound und Stimmung sehr gut zusammen gehen. Das wundervoll düstere Album-Cover tut sein übriges beim überraschend dem letzten Album „Emperor of Sand“ nachgeschobenen Extended Play. Vier Songs sind das, mit einer Spielzeit von rund 20 Minuten. Die erinnern oft an die ruhigeren Elemente von „Crack The Skye“, sind aber eingängiger und geradliniger als der Gesamteindruck, den das exzellent-progressive Album von 2009 hinterliess. Gleichzeitig sind die Lieder nicht so melodiös wie viele Songs der letzten beiden Alben.

‚North Side Star‘ hat mit seinem fast hypnotischen Einstieg etwas von einem Schlaflied. Der längste Song auf dem Release überrascht mit jazzigen Spielereien, einer Trompete und weiblichen Vocals, die die von Brend Hinds Stimme dominierte Stimmung aufbrechen. ‚Blue Walsh‘ ist tricky, düster und sludgy. Die Gitarren sind nicht so stark verzerrt, so dass die Härte nicht durch die Riffs zustande kommt, sondern durch die bedrückende Stimmung. ‚Toe To TOES‘ ist leichter und hat einen tollen Groove, Hinds Gesang ist hier besonders rauh, dafür geht es in der zweiten Hälfte versöhnlich-melodisch zu. Der Titelsong beginnt mit einer Akustikgitarre und fällt mit klagendem Gesang in melancholische Tiefen, um zum Ende durch ausufernde Classic-Rock-Soli ein versöhnliches, gelungenes Ende zu nehmen.

„Cold Dark Place“ funktioniert gut als Gesamtes, wenn auch nicht so rund wie die letzten Alben. Aber dafür ist es ja eine EP, die sich zwischen die Alben einordnet – auch vom Sound der. Der Titel ist Programm bei den melancholischen Wiegenliedern, die Brend Hinds dominiert. Metal ist das nicht, aber trotzdem zu 100% Mastodon.

Trading Dollars For Souls

Das Städtchen Zweibrücken liegt genau dort, wo die Pfalz ins Saarland mündet und seine Bewohner verfügen über eine sehr eigene Mixtur aus saarländischer Entspanntheit und pfälzischer Maulfaulheit. Nicht unbedingt der Boden, auf dem man erwartet, daß cooler, angepop-ter Punkrock entstehen würde.

Die Debüt-EP der Zweibrücker Band Cash No Credit bringt uns aber genau den, und das sogar ziemlich gut. In ‚Summersong‘ geben sie dabei die Marschrichtung vor: „we don’t give a fuck if it’s ordinary punk rock“. Warum sollten sie denn auch? Über weite Strecken erschaffen die Jungs nämlich höchst launigen, nun ja, Sommersound mit höchst eingängigen Hooklines. ‚Right Now, Right Here‘, der erwähnte ‚Summersong‘, ‚What I Meant To Say‘ und ‚Get Up On Stage‘ schwimmen zwar durchaus im Fahrwasser von mittleren Bad Religion oder, für die GANZ Alten, Stiff Little Fingers, bringen aber genug melodisches Potenzial und dank der – speziell für einen Newcomer! – erstaunlich selbstsicheren Stimme von Aron Domann durchaus eine eigene Note.

Leider aber wechselt die Band in der zweiten Hälfte der Scheibe ein wenig die Marschrichtung und versucht sich an düstereren, Hardcore-beeinflussten Klängen, die leider – inklusive des eher kraftlosen Alibi-Geshoutes – ziemlich klischeehaft ausgefallen sind. Das offen gesagt ziemlich öde ‚Revolution‘ mit staubigem Neunziger-Crossover-Flair ist dabei aber tatsächlich der einzige Totalausfall. Die anderen drei Songs haben zwar nicht ganz die Klasse der Eröffnungssalve, doch ‚Get Away‘ und ‚Enough Is Enough‘ wären durchaus gelungen, wäre da nicht das Tough-Guy-Klischee-Gebrüll, das eher ziemlich aufgesetzt klingt, als wolle man es unbedingt auch jedem Recht machen. Diesen Eindruck verstärkt dann noch das abschließende, Billy Talent-mäßige ‚Price We Pay‘ – nun ja, es gibt Abwechslung, und es gibt stilistisches Vertun. Cash No Credit tendieren in der zweiten Hälfte von „Trading Dollars For Souls“ leider zu Letzterem, da die Songs leider jede Menge Klischees verbraten und somit einfach weit weniger originell klingen. Da hätte eine 7inch mit den ersten vier Tracks einen deutlich geschlosseneren und besseren Eindruck gemacht.

Trotzdem sollten sich Underground-Punkrocker den Namen der Band definitiv merken. Die erste Hälfte der Scheibe offenbart nämlich eine Band, die definitiv ein außergewöhnliches Talent für große Hooklines und clever-melodische Gitarrenlinien hat – und die trotz traditioneller Zutaten schon jetzt überraschend eigenständig tönt. Sollte die Band sich also ein wenig mehr auf ihre Stärken konzentrieren und nicht versuchen, es unbedingt allen potenziellen Zuhörern Recht zu machen, darf man auf das nächste Album der Jungs echt gespannt sein. Dank der tollen ersten Songs auch noch eine – knappe – Zwei.

Sun

Alle Wege führen nach Rom, aber manchmal führen diese Wege auch von Rom zurück, beispielsweise in die Schweiz. So für die beiden Brüder Samuele und Mattia Zanella, aufgewachsen in der italienischen Hauptstadt, die es schließlich nach Norden verschlagen hat. Die Brüder begannen als Singer/Songwriter, orientieren sich mit ihrer Band jetzt aber immer mehr zum Alternative-Rock, in den gerne ein paar folkige Elemente mit einfließen dürfen.  „Sun“ ist die dritte EP der aufstrebenden Brüder, und wenn auch über allem immer noch der Folkrock-Spirit schwebt, so haben sich auch eine ganze Menge poppige, radiotaugliche Passagen in die fünf Songs geschlichen.

Das muss aber niemanden abschrecken, denn The Two Romans liefern mit der EP ein Kleinod der guten Laune ab, bringen den vergangenen Sommer noch einmal zurück und machen so richtig Lust auf ein hoffentlich bald kommendes komplettes Album, denn nach knapp 20 Minuten versteckt sich diese Sonne leider schon wieder. Aber wenn sie denn dann scheint, tut sie das leuchtend und kraftvoll, wärmend und mit italienischem Flair. Die Brüder laden zum Mitwippen ein, und die schmissigen Refrains von Stücken wie ‚y‘ oder ‚A Men‘ fordern das Mitsingen geradezu heraus.

Ein kleiner Happen, der Lust auf die kommende Tour der beiden Römer macht, ein Stück vergangener Sommmer, das sofort gute Laune verbreitet, aber auch ein griffiger Beweis für die hohe Qualität, mit der die Musiker hier zu Werk gegangen sind. Wer den kommenden Herbst mit folkigem Pop und eingängigen Melodien, die aber nie in die Banalität abdriften, vertreiben will, für den führen ab sofort alle Wege wieder einmal nach Rom. Oder in die Schweiz. Hauptsache, zu diesen beiden Römern.