Kategorie: reviewep

Early Aught

Zurzeit gibt es viele Gründe, mindestens melancholisch, wenn nicht gar depressiv zu werden. Die Sonne ist nicht zu sehen, es ist kalt, das Jahr geht zu Ende. Na und Lockdown, sowieso. Da passt, was uns Blunt Razors mit ihrer Debüt-EP „Early Aught“ (Deathwish) vorlegen. Schwermut pur, aah.

Es scheint eine Art Katharsis zu sein, was Gared O’Donnell und Neil Keener gemeinsam in Quarantäne-Zeiten durchgemacht haben. Die Songs, die dabei entstanden, wollten mit ihrem elegischen Gewand nicht so richtig in das Repertoir von Planes Mistaken For Stars passen, in denen die beiden Musiker hauptamtlich aktiv sind. Also wurde kurzerhand ein neues Projekt namens Blunt Razors gegründet. Und dessen Timing könnte besser nicht sein. Wenn uns etwas durch den Winter helfen kann, dass ist es „Early Aught“.

Denn die Songs sind absolut entspannend, und trotzdem voller Spannung. Das geht bei der musikalischen Vorgeschichte des Duos wohl auch kaum anders. O’Donnells Gesang hat bekanntermaßen etwas von einer Rasierklinge, razor, ist jetzt aber zurückhaltend, leicht gepresst. Und das gilt auch für die Musik. Die sechs traurig-schönen Songs lassen innehalten und wühlen trotzdem auf. Sie können helfen, nach einem harten Tag runterzukommen; tragen aber die Gewissheit in sich, dass der Kampf am nächsten Tag weitergeht.

You were hungry, I was starving
we two puzzles needed solving
You were hungry, I was starving
we two storms begging calming

Ein Sturm, der darum bettelt, sich legen zu dürfen. Das Bild passt nicht nur zu den Blunt Razors, sondern auch zu Kate Bush. Deren „Under Ice“ hat sich das Duo aus Peoria / Illinois nämlich zum Abschluss seiner EP vorgenommen. Das hat seine Logik

Eine gleichmäßige Sounddecke, auf die sich ein leicht coriger Beat, minimalistische Riffs und der brüchige Gesang legen – tatsächlich erschöpft sich das Konzept mit den sechs Songs von „Early Aught“. Aber bis dahin hat es seinen Zweck voll erfüllt. Wie gesagt, Blunt Razors haben ein perfektes Timing.

 

Blunt Razors Homepage
Blunt Razors bei Bandcamp

Deathwish

Take The Ride

Enttäuschung.  

Nicht, weil die EP „Take The Ride“ (Eigenproduktion) schlecht wäre, sondern weil es eben nur eine EP mit lediglich vier Songs ist.

Kingsborough stammen aus der Nähe der kalifornischen Metropole San Francisco und versprühen mit ihrer Musik Westcoast-Flair. Relaxter Vintage-Blues für lange Autofahrten – nicht nur über die kalifornischen Highways. Schon der Opener ‚So High‘ macht extrem viel Laune mit seiner stimmungsvollen Mischung aus Southern Rock, bluesigem Rock’n’Roll und Roots. Die folgende balladenhafte Nummer ‚Open Invitation‘ explodiert nach verhaltenem Beginn im Verlauf mit groovenden Gitarren.

Frontmann Billy Kingsborough überzeugt mit seiner markanten Stimme, die amerikanische Kritiker schon mit Joe Cocker verglichen haben. Gitarrist Alex Leach liefert Großartiges: Riffs irgendwo zwischen ZZ Top, The Black Keys und Led Zeppelin.

Die Boogie-Nummer ‚Only Light‘ wird von ausgezeichneten Jam-Passagen dominiert, nicht ganz so eingängig wie die ersten beiden Songs, aber hier zeigt sich das breite songwriterische Spektrum der Amerikaner. Der vierte und leider schon wieder letzte Track ‚Across The Headlights‘ hat dann noch einmal Ohrwurmqualitäten. Mit seiner Mischung aus treibendem Rock, dezentem Country-Blues und Gute-Laune-Vibes lädt er uns Europäer ein, zumindest ein bisschen „California Dreaming“ zu betreiben. Diese EP macht Lust auf mehr Kingsborough und das nächste Studioalbum – und  natürlich auf die angekündigte Tour, wenn die Kalifornier auch bei uns ihren Roadtrip starten im Auftrag des Rock’n’Blues.

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Shake Up The Shadows

­Das Bangen hat ein Ende. Mit der Ankündigung einer neuen EP Anfang des Jahres meldeten sich Hot Water Music in ihrer angestammten Zusammensetzung zurück. Per aktuellem, unkommentiertem Bandfoto durften wir uns über die Rückkehr von Chris Wollard ins Bandgefüge freuen. Kurz nach Veröffentlichung des letzten Albums ‚Light It Up‘ (2017) hatte er sich noch aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen und auf der nachfolgenden Tour durch Chris Cresswell (The Flatliners) vertreten lassen.

Nun ist er augenscheinlich wieder da, fit für die Tour zum 25-jährigen Bandjubiläum, die in Amerika bereits läuft und Europa im November auf dem Programm hat. Zudem ist die Band so inspiriert, dass sie nun mit ‚Shake Up The Shadows‘ fünf neue Songs präsentiert.

Was hier in knapp 15 Minuten Spielzeit geboten wird, war in seiner Qualität wie auch Solidität durchaus vorhersehbar. Die EP steht ganz im Zeichen der vorangegangenen beiden Alben. Erneut zog die Band wie auch bei ‚Light It Up‘ ihren Live-Sound-Mann Ryan Williams für die Produktion hinzu. Der vereint ein Songwriting und Arrangements, die man zuverlässig, mit böser Zunge hingegen nivelliert nennen kann – deren Professionalität und Treffsicherheit man aber anerkennen muss. Das basiert auf einem eingespielten, gut bekanntem Teamwork, in dem gesangsmäßig Chuck Ragan für die Midtempo-Songs zuständig ist und Chris Wollard mit ‚Denatured‘ eine Prise Uptempo-Punkrock einstreut.

Es gibt wenig, was auf der glatten tonalen Oberfläche von ‚Shake Up the Shadows‘ Wellen schlägt. Kaum Jemanden in der breiten Fangemeinde wird das aber stören. Denn Hot Water Music liefern erneut ab. Keiner wird enttäuscht. Aber auch niemand überrascht. Umso bitter-süßer dürften sich die Jubiläumskonzerte im Herbst gestalten, bei denen ‚No Division‘ und ‚Caution‘ komplett gespielt werden – Alben, als noch ein etwas frischerer Wind im Hause HWM wehte.

Don’t Do It Donnie/The Scream

23 Jahre mussten wir auf knapp 2 Minuten neue Musik von Sacred Reich warten. Dank der regelmäßigen Festival-Auftritte der Thrash-Metal-Legende in den letzten Jahren ist der Hunger nach neuen Songs kaum noch auszuhalten. Und dann gibt es satte 2 Minuten.

Hin und her gerissen zwischen überschwänglicher Euphorie und maßloser Enttäuschung, läuft ’Don’t Do It Donnie‘ bestimmt schon zum zehnten Mal. Der Songs ist gut, aber zu kurz. Viel zu kurz. Wir wollen mehr Sacred Reich! Sehr Hardcore-lastig, also gradlinig und geradeaus, mit einem kurzen Midtempo-Part kommt der Comeback-Song aus den Boxen gepfeffert. Vom Sound und der Struktur her könnte ’Don’t Do It Donnie‘ vom 1993er-Album ”Independence“ stammen, was mit Sicherheit am alten und wieder neuen Schlagwerker Dave McClain (ex-Machine Head) liegt. Dieser trommelte schon auf ”Independence“ und auch dem letzten Album der Jungs aus Phoenix. Von Thrash Metal kann man aber nicht sprechen, dafür bringt der Song eine gehörige Portion angepisste Energie rüber. Was immer man von einem neuen Sacred-Reich-Song erwartet, er ist nicht überragend, aber typisch, eingängig und steigert die Vorfreude auf das komplette Album bis zur Schmerzgrenze.

Und dann ist da noch ein Song der Crossover-Amis von Iron Reagan, der mehr oder weniger im Ohr hängen bleibt. Eher weniger. ’The Scream‘ ist einfach zu schablonenhaft, um die notwendige Power, die ein Hardcore-Song braucht, abzuliefern. Just another hardcore-song. That’s all.

Wegen des erhobenen Zeigefingers in Richtung Donnie und dem klassischen Crass-Artwork, nur andersherum, schwarz auf weiß, lohnt sich der Sieben-Zoller. Im August gibt es dann die Vollbedienung.

Rock and Roll

Rainforce sind zumindest im Bezug auf ihre Internationalität absolute Exoten. Musikalisch steht die Schweizerisch-Deutsch-Maltesische Hardrock-Truppe klar in der Tradition klassischer Genre-Vorreiter wie Alice Cooper, AC/DC oder Krokus, aber auch von White-Metal-Bands wie Petra, Bride, Whitecross oder Stryper. Nach ihrem Debüt „Lion’s Den“ 2017 haben die vier Jungs mit „Rock and Roll“ nun eine EP mit vier neuen Songs veröffentlicht. Whiskey-Soda erlebte die Jungs bei ihrem allerersten (!!) Live-Auftritt am Elements of Rock Festival 2019 in energiegeladener Topform und knöpfte sich im Anschluss besagte EP für eine Rezension vor.

Der Titeltrack ist ein beatgetriebener Hardrock-Kracher, der vor neben der wandlungsfähigen Stimme von Frontmann Jordan Cutajar und dem simpel-groovigen Riff getragen wird. Cutajar ist hier klar im Fahrwasser von AC/DC, der Songtext verweist mit Zitaten auf moderne Klassiker des White-Metal. ‚In Good Hands‘ ist ein gesungenes Gebet mit einem catchy Chorus, das weniger rauh als der Opener daher kommt, aber nichtsdestotrotz die Füsse des Hörers wippen lässt. ‚Stay Strong¨ ist eine ehrfürchtige Verbeugung in Richtung Bride, in den 90ern eine der absoluten Grössen der christlichen Rockmusik-Szene. Die groovige und eher gemächliche Nummer glänzt wie bereits die anderen Songs vor allem durch die tolle Stimme von Cutajar, aber auch die Gitarrenarbeit von Bandleader Andy La Morte wissen zu gefallen. Die Akustik-Ballade ‚Lost Sheep‘ ist der musikalisch uninteressanteste Song, auch wenn der zweistimmige Chorus durchaus seinen Reiz hat.

Rainforce sind eine talentierte, junge Hardrock-Band, der man nicht nur, aber vor allem im Live-Setting die unbändige Spielfreude und Frische anmerkt, die zu 100% aufs Publikum überspringt. Der auch in anderen Bands (Nomad Son, Frenzy Mono, ex-Pylon) aktive maltesische Sänger Jordan Cutajar ist mit seiner Hammerstimme das Ausrufezeichen der Band, der wir gutes Gelingen beim weiteren Bekanntwerden wünschen.

Lux Tenebris

Nach einer kurzen kreativen Auszeit sind die Blackened Grinder aus Triest zurück. Und das mit einem dreifachen, monströsen Bang! Die Welt steht an einem Abgrund und The Secret zelebrieren den Untergang in den düstersten Tönen und Stimmungen, die man sich vorstellen kann.

Wenn The Secret einen in die nächste Welt begleiten, dann kann man sich getrost und vertrauensvoll in die Hände der Italiener begeben. Es wird einem nichts passieren, genau wir Frank Cotton in Hellraiser. Die Welt ist eine Lüge, die aus einem dunklen Herzen kommt. Doch das Licht im Dunklen zeigen uns The Secret. Langsam bauen sie die schwermütige Stimmung auf, aus der das Licht aus dem dunkeln Nichts heraus drängt. Die Spannung, die in dem knapp sechsminütigen atmosphärischen und strukturlosen Intro ‚Vertigo‘ aufgebaut wird, entlädt sich wie ein Lichtbogen aus 200.000 Volt in ‚The Sorrowful Void‘. Über die verzweifelten, kehligen Vocals, den dumpfen Blastbeats und dem monotonen Groove zum langen Ausklang der Songs thront wie schon jeher der massive, rasende und schneidende Gitarrensound, der kaum zu bändigen ist. Auch der letzte Song ‚Cupio Dissolvi‘ ist ein irrer Mahlsturm, wie er herrlicher und tödlicher nicht sein kann.

Die zerstörerische Wucht mit der The Secret ihre Wiederauferstehung feiern ist an tiefschwarzer Dramatik kaum zu überbieten. Die knapp 19 Minuten auf „Lux Tenebris“ sind ein Licht im Dunkel der oft so stumpfen Schwarzen Gemeinde.

https://thesecretsl.bandcamp.com/music

Divisions

Wie haben es Kollegen so schön beschrieben? Stevie Nicks und Ryan Adams gehen zusammen mit den Allman Brothers auf Sauftour. So ähnlich klingt tatsächlich die Band Vaudeville Etiquette, die Americana, Roots, Country und Classic Rock zu einem höchst stimmungsvollen Cocktail mixen.

Vaudeville Etiquette stammen aus Seattle im Nordwesten der USA und legen mit „Divisions“ eine neue EP vor, die da anknüpft, wo das letzte Album „Aura Vista Motel“ aufgehört hat. Die Leadvocals werden dabei auch jetzt wieder sowohl von Frontfrau Bradley Laina als auch von Tayler Lynn übernommen, was für viel Atmosphäre und Abwechslung sort. Das sorgt auf der leider mit nur vier Songs sehr kurz geratenen EP nicht nur für Gänsehaut-Momente, sondern hebt die Band auch weit aus der Masse ähnlicher Folk- und Country-Acts heraus.

Eine kurze EP mit leider nur vier Songs. Aber die Qualität stimmt auf jeden Fall. Die zweite Nummer, das stylische ‚Ontario‘, klingt, als hätte sich Alanis Morissette mit einer groovenden Countryband zusammengetan. ‚White Horse‘ besinnt sich auf die Rootsrock-Wurzeln der außergewöhnlichen Band, und das abschließende ‚Swamp Witch‘ überzeugt durch bluesige Rockriffs und knisternde Atmosphäre. Vaudeville Etiquette schreiben, wie immer bei dieser außergewöhnlichen Band, die Abwechslung ganz groß. Und so macht diese EP nicht nur gehörig Lust auf die nächste Tour oder das nächste vollständige Album, sondern kann auch so gefallen.

Hungry Ghost

Die Blues Pills sind in den letzten Jahren konsequent ihren Weg gegangen und haben sich zu einem der angesagtesten Bluesrock-Acts entwickelt. Das ist nicht nur dem guten Songwriting und Frontfrau Elin Larssons prägnanter Stimme zu verdanken, sondern auch Dorian Sorriaux, dem begnadeten französischen Gitarristen. Der wandelt jetzt auf Solopfaden und veröffentlicht mit „Hungry Ghost“ eine EP.

Wer jetzt aber glaubt, das Ergebnis klänge nach einer Neuauflage der schwedischen Bluesrocker mit männlichem Gesang, der liegt weit daneben. Dorian Sorriaux liefert mit dieser EP vier ruhige und sehr entspannte Songs im Akustikgewand ab, die eine relaxte Singer-/Songwriter-Atmosphäre verbreiten und sparsam instrumentiert sind. Der Schwerpunkt liegt auf der unaufgeregten Akustikgitarre, die nur selten von einigen anderen Instrumenten wie ein paar verhallten Streichern begleitet wird. Der Franzose überzeugt mit einer einprägsamen Stimme mit vier ruhigen Songs, die vom Blues Pills Kollegen Zack Anderson im heimischen Studio in Örebro / Schweden aufgenommen und produziert wurden.

Hier gibt es weder Blues, noch psychedelische Spielereien, keine verzerrten Gitarren, sondern sehr persönliche, teils melancholische Musik mit persönlichen Texten. Sorriaux entfernt sich bewusst weit vom Blues Pills Stil, und das ist gut so, kann er doch so zeigen, dass er weit mehr als nur ein ausgezeichneter Gitarrist ist, sondern auch außergewöhnliche Singer-/Songwriter-Qualitäten besitzt. Damit spricht das Album alle an, die es auch gerne mal sehr ruhig und zurückhaltend mögen und erinnert vom Stil her ein wenig an frühe Neil Young Aufnahmen.
Leider bietet die EP nur vier Songs mit einer Gesamtlänge von knapp 15 Minuten. Schade, denn die Qualität stimmt absolut, aber der Quantität müssen wir noch etwas arbeiten. Wir dürfen uns jedoch jetzt schon auf einen Longplayer freuen, den der Gitarrist und Sänger hoffentlich bald folgen lässt. Vielleicht dann auch noch mit etwas mehr Abwechslung, denn obwohl die vier Tracks unbestreitbar alle sehr ansprechend geworden sind, so stellt sich noch nach einer Viertelstunde ein gewisser Gleichklang ein, da die Songstrukturen relativ ähnlich sind. Wer damit leben kann, dem sei dieser hungrige Geist auf jeden Fall empfohlen.