TYLANGIR – Vom Aletschgletscher in die internationale Folk-Metal-Szene

Heavy Metal wurde immer wieder totgesagt und -geschrieben. In den 1990er Jahren war es der Grunge- und Alternative-Rock, der das Ende der schwermetallischen Klänge besiegeln sollte. In den 2000er Jahren sollte das aufkommende Internet mit seinen Filesharing-Plattformen der Musikszene angeblich das Genick brechen und in den 2010ern wurde vergeblich nach den legitimen Erben der großen Genre-Veteranen gesucht. All dem zum Trotz ist die Szene durch ihre leidenschaftlichen Fans auch 2022 ein weltweites Phänomen und hat sich sprichwörtlich bis in den letzten Winkel der Welt verbreitet.

Solch ein entlegener Winkel ist auch das Schweizer Oberwallis, bekannt vor allem für das Matterhorn, den Aletschgletscher und seine zahlreichen Skigebiete. Von hier stammt die Folk-Metal-Band Tylangir, deren Musiker ihre Heimat mit einem augenzwinkernden Vergleich beschreiben:

«Das Wallis ist für die Schweiz so etwas wie Gallien für die Römer bei Asterix und Obelix: Umgeben von mächtigen Bergen, abgeschnitten von der Außenwelt und so eigensinnig und rebellisch wie die raue Natur.»

Und natürlich gibt es sie auch hier: Eine kleine, lebendige und solidarische Metal-Subkultur, zu der sich Tylangir mit dankbarem Stolz zählt. Dreh- und Angelpunkt ist der Moshpit Music Club in Naters. „Eigensinnig und rebellisch wie die raue Natur“ ist das Wallis und seine Bewohner also – wenn sich das nicht mit Heavy-Metal-Klängen verbinden lässt! Und genau das hatten die sieben erfahrenen Musiker von Tylangir im Sinn, als sie ihre Band gründeten. Für die Hälfte der Band begann die musikalische Sozialisation allerdings traditionsgemäß im Zugposaunenchor der Dorfmusikgesellschaft. «Scheint ein üblicher musikalischer Werdegang im Oberwallis zu sein», schmunzelt Sänger Lukas. Doch nichts ist jemals wirklich umsonst.

Heute bläst er das selbst aus einem vom Fluss Rotten angespülten Steinbockhorn hergestellte «Rollibock-Horn» in einigen Tylangir-Songs. Und natürlich mit derben Growls dem Publikum am Bühnenrand die Haare aus dem Gesicht!

Internationale Anerkennung für Debütalbum „Ur-Chraft“

Neben Lukas hat auch Samuel (Clean-Gesang, Flöten, Violine, Bouzouki) bereits in zahlreichen musikalischen Projekten mitgewirkt. Harfenspielerin Juliana hat langjährige Erfahrung in der klassischen Musik und ist mit ihrem Instrument in jedem Lied des neuen Albums vertreten.  Gitarrist Manuel, Bassist Yannik und Schlagzeuger Aaron spielen alle in weiteren Bands und Lead-Gitarrist Pascal ist gar Berufsmusiker. Aber ihr aller Herz schlägt für Tylangir. Dieses Herzblut zeichnet das während der Pandemie unter erschwerten Bedingungen produzierte Debüt-Album «Ur-Chraft» spürbar aus. Nicht nur aus dem Rest der Schweiz (der «Üssärschwiz»), sondern auch aus den Niederlanden, Griechenland und den Vereinigten Staaten hat das Erstlingswerk der Band Lob und Anerkennung beschert. Die Musiker erzählen von der Entstehung:

«Das Album Ur-Chraft gibt uns jetzt, da wir es realisiert haben, sehr viel Kraft. Es hat uns aber auch einiges an Kraft und Nerven gekostet. Der Weg dorthin war lang und manchmal steinig, da wir alles außer den Drums in Eigenregie in unserem Proberaum aufgenommen und produziert haben. Nur den Mix und das Mastering haben wir in fremde Hände gegeben. Nicht zuletzt hat uns die Pandemie dazu gezwungen, Take für Take einzeln aufzunehmen, da wir weder zusammen proben noch zu siebt im selben Raum sein durften.»

«Das Konzept des Albums baut vor allem auf dem Song «Ur-Chraft» auf, der für die vier Elemente und die ursprüngliche Kraft hinter dem Leben steht. Er steht sinnbildlich für unsere Musik, bildet den Hintergrund für zahlreiche Walliser Sagen und verbindet somit alle unserer Lieder.»

Zum lyrischen Konzept schreibt die Band auf ihrer Webseite, dass sie die heidnischen Wurzeln (der Walliser) Volkserzählungen ergründet und textlich neuinterpretiert. Sänger Lukas erläutert, was das konkret bedeutet und wie er beim Verfassen der Texte vorgeht:

«Die Walliser Sagen bilden überwiegend den thematischen Rahmen der Texte – wobei ich aber deren Inhalte, Leitmotive und Figuren untersuche und zu deuten versuche. Dies wird natürlich durch meine eigene Perspektive beeinflusst, welche durch Erfahrungen mit indigenen Kulturen, die noch in einer lebendigen animistisch-schamanischen Kosmologie eingebettet sind, geprägt und geformt wurde. Bei vielen Sagen, vor allem denen mit moralischen Botschaften, wurde offensichtlich versucht, christliche Werte zu vermitteln. Oft verbirgt sich aber unter diesen übergestülpten Schichten ein alter heidnischer Kern oder zumindest Bruchstücke davon. Da wird es interessant für mich und ich beginne durch Literaturrecherchen, Vergleiche mit anderen Erzähltraditionen oder der Mythologie und schließlich meinen eigenen Erfahrungen, der Sache auf den Grund zu gehen.»

Als offene oder verdeckte Religionskritik möchte Lukas das allerdings keinesfalls verstanden wissen, vielmehr ist es ihm «… ein Anliegen durch Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und Geschichte, einen Neu-Zugang zu schaffen zu den vorchristlichen Wurzeln. Vielleicht lassen sich dort Antworten oder Inspiration für die Fragen der heutigen Zeit finden?»

Walliser Sagen und Legenden in urigem Walliserdeutsch

Zentrales Element und Alleinstellungsmerkmal von Tylangir sind die in Walliser Mundart verfassten Texte, die wunderbar zum Stil der Musik passen. Dieser Aspekt stand jedoch keinesfalls von Anfang an fest. Über die musikalische Ausrichtung war sich die Band recht früh einig, die lyrische Orientierung war aber offen und kam erst durch die Initiative von Sänger Lukas zustande, der etwas später zur Band gestossen war. Sam erinnert sich:

«Bereits in seiner zweiten Probe erschien Lukas mit drei Songtexten, verfasst in urchigem Walliserdeutsch. Als wir die Texte vor der Probe durchgelesen haben, waren wir etwas skeptisch, ob sich unsere raue Muttersprache mit der Musik verbinden lassen würde. Nach den ersten gesungenen Zeilen war für uns jedoch klar, dass sich unsere Musik in keiner anderen Sprache ausdrücken lässt.»

«Wir sind uns bewusst, dass die meisten Hörer ausserhalb des Wallis mit unseren Texten Mühe haben. Für uns steht die Authentizität unserer Musik mit all ihren Inhalten aber im Vordergrund. Zudem ist es in der Folk-Metal-Szene ja etabliert, in der Muttersprache zu singen – sei dies norwegisch, finnisch oder was auch immer.»

Das Walliserdeutsch hat auch im Rest der deutschsprachigen (genauer: alemannischsprachigen) Schweiz den Ruf, nicht nur aufgrund seiner besonderen Aussprache, sondern auch vieler eigenständiger Wörter und Grammatik schwer verständlich zu sein. Erklärt werden können die vielen linguistischen Besonderheiten sprachhistorisch vor allem durch die isolierte Lage des Kantons zwischen den Berner und Walliser Alpen. Nichtsdestotrotz hat die Mundart einen grossen Charme und Tylangir nahmen die Herausforderung gerne an, unsere Leser mit ein paar walliserdeutschen Redewendungen vertraut zu machen.

«Gerne benutzen wir in unseren Proben Wörter wie «plampugoolig» (grabschgeil) oder «ranggaglig» (in etwa dasselbe) und gehen nach der Probe «ga laffu» (saufen) bis wir «pumpuhegl» (total besoffen) sind», führt die Band aus und bestätigt damit gleich zwei Klischees auf einen Streich. Nämlich das nicht nur der gemeine Metalhead einem Bierchen, sondern auch der Walliser an und für sich einem (oder mehreren) Gläschen «Wissu» (Fendant, Walliser Weisswein) nicht abgeneigt ist.

Doch zurück zu den Texten von Tylangir, die Lukas anhand der beiden Songs «Sippuschgattär» und «Quatämbärchind» näher beschreibt: 

«Das Wort «Sippuschgattär» lässt sich aufteilen in «Sippa» = Sippe/Familie und «schgattu» = spotten. Ein «Sippuschgattär» ist also ein «Sippenspötter» – jemand, der über seine Familie herzieht, sie verrät. Das Lied handelt von solch einem Spötter, der seine Sippe durch sein Verhalten schlussendlich ins Elend führt. Eine Textpassage beschreibt das sehr gut:

In iischäs Tälli bringsch dü z’Eländ / In unser Tal bringst du das Elend

Und Brüädär chriägt gägu Brüädär / Und Bruder kämpft gegen Bruder

Nummu wills dich värzännt / Nur weil es dich gelüstet

Na dem wa diär nit khert / Nach dem, was dir nicht gehört

Hesch nisch alli ins Värdärbu gchert… / Hast du uns alle ins Verderben geführt

Ein Quatämbärchind ist ein Kind, das in den Tämpernächten geboren wurde. Im alten Wallis war der Glaube früher weit verbreitet, dass Kinder, die in dieser speziellen Zeit auf die Welt kamen, übersinnliche Fähigkeiten hatten. Sie konnten unter anderem mit den Toten Kontakt aufnehmen. Man sagte auch, sie wüssten mehr als andere und waren irgendwie unheimlich und suspekt. Im Text begegnet so ein Quatämbärchind einer verstorbenen Seele und spricht sie an mit der Frage: Was geschieht im Jenseits, wenn wir Menschen sterben? Darauf antwortet die Seele:

Wenn z Fleisch värfühlt, müäsch dü gah / Wenn das Fleisch zu faulen beginnt, musst du gehen

In d’ Unnärwält, du Wurzlä nah / In die Unterwelt, den Wurzeln entlang

Zrug inä Schooss vadär Müättär Ärda / Zurück in den Schoss von Mutter Erde

Tylangir erklären ihre Zauberformel

Auf der Bandwebseite steht: «Tylangir steht für eingängige und volkstümliche Melodien begleitet von wuchtigen Gitarrenriffs. Die Spannweite der Songpalette reicht von akustischen Folkliedern bis hin zu harten und schnellen Metalsongs.»

Die beiden Stilrichtungen greifen ineinander zu einem stimmigen Ganzen – man hat nie das Gefühl, dass der eine oder andere Stil nur dazu dient, den jeweils anderen zu akzentuieren. Sie stellen eine kunstvoll verwobene Einheit dar. Ob das besonders schwierig war, haben wir die Band gefragt:

„Die Stilrichtungen haben sich einfach natürlich zusammengefügt und sind harmonisch verschmolzen. Es braucht aber schon das richtige Fingerspitzengefühl und es hilft sicher, dass wir unsere Lieder immer Zusammen schreiben. Jeder bringt sich ein. Wir sind eine basisdemokratische Band, das widerspiegelt sich vielleicht auch in den Songs in denen es kein Gegeneinander gibt oder geben sollte. Zu Beginn steht entweder ein Gitarrenriff oder eine Melodie der Folkinstrumente. Um dieses Hauptthema herum entsteht der Song Stück für Stück, bis er schlussendlich durch den thematisch passenden Text abgerundet wird. Dieser Prozess ist sehr zeitaufwändig und es ist ein wahres Abenteuer, bis ein Song dann wirklich in seiner Gänze da steht.“

Und dann sind da noch die Instrumente. Denn was ist schon eine Folk-Metal-Band ohne Folklore-Instrumente? Im Fall von Tylangir sind das neben der Harfe, Violine und Flöten auch einige Besondere, die man nicht im nächsten Fachgeschäft erwerben kann. Harfenspielerin Juliana beschreibt die grundlegende Rolle ihres Instruments: 

«Die keltische Harfe ist gewissermassen die Konstante der Folk-Parts in unserer Musik. Sie wird als einziges Folkinstrument in jedem Lied eingesetzt und bildet sozusagen einen Teppich, auf dem die anderen Folkinstrumente aufbauen.»

Sänger Lukas ergänzt über Horn und Trommel:

«Das Rollibock-Horn ist ein vom Fluss Rotten angespültes Steinbockhorn, aus dem ich ein Instrument hergestellt habe. Die Trommelschläger, die ich im Lied Quatämbärchind benutze, sind Oberschenkelknochen eines Wildtieres (unsere Hunde spüren gerne Schädel und Knochen auf). Die Hirschfell-Rahmentrommel durfte ich mit Unterstützung eines Kundigen ebenfalls selbst bauen.»

Symbolkräftiges Cover-Artwork und Zukunftspläne

Abgerundet wird das stimmige Erstwerk der jungen Schweizer von einem wundervollen, symbolbeladenen Cover-Artwork. Tierschädel, Runen und einiges mehr sind da zu sehen. Lukas geht im Detail auf die einzelnen Elemente ein:

«Das Cover-Artwork symbolisiert die alles verbindende, durchdringende Urkraft in der Natur, um die es im für das Album namensgebenden Song «Ur-Chraft» geht. Der Bergkristall symbolisiert das Element Erde, die Feder steht für das Element Luft, die Kerze ist ein Symbol für das Feuer. Die beschnitzten Hölzer unter dem Schädel stehen für das Element Wasser. Dabei handelt es sich um «Tässlä», Kerbhölzer, mit denen in alten Zeiten Ansprüche auf Besitztümer wie zum Beispiel Wasserrechte geregelt wurden. Jedes Band Mitglied hat seine eigene «Tässlä» gestaltet und geschnitzt und somit etwas Persönliches im Album Artwork verewigt. Die echten «Tässeln» sind an unseren Konzerten zu sehen; sie hängen an einem Widderschädel, der sozusagen unser Maskottchen ist (er repräsentiert als fünftes Element den «Rollibock»).»

Tylangir haben gerade ein wunderbares, international beachtetes, erstes Album veröffentlicht. Am 14. Mai steigt im heimischen Moshpit-Club in Naters die Album-Release-Party, bei der Tylangir zweifellos eindrucksvoll beweisen werden, was für eine talentierte Truppe junger Musiker sie sind. Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, ist aber nicht das Ding der Schweizer Musiker. In Samuels Instrumentensammlung warten neben Geige, Flöten und der irischen Bouzouki noch weitere Instrumente auf ihren Einsatz bei Tylangir. Und es gibt sogar schon ambitionierte Pläne für ein neues Projekt:

„Unser gerade erschienenes Debüt-Album war zu Beginn als Doppelalbum geplant. Der zweite Teil des Albums sollte dabei in Form von Sagen-Hörspielen einige unserer Songtexte thematisch wieder aufgreifen. Während der Produktion des Musik-Albums wurde uns jedoch bewusst, dass wir dem Sagen-Hörspiele-Teil nicht die Aufmerksamkeit zukommen lassen konnten welcher er verdient hat. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, das Sagen-Hörspiel in ausgereifter Form zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen.“

Tylangir sind :

Aaron Hutter- Schlagzeug

Juliana Kräuchi – Harfe

Lukas Sarbach – Gesang, Perkussion, Naturhörner

Manuel Jossen – Rhythmus Gitarre

Pascal Zenklusen – Lead Gitarre

Sam Eyer – Clean-Gesang, Flöten, Violine, Bouzouki

Yannik Borter – Bass

 

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Fotos: Stefan Maurer, Tylangir, Sven Scheffel

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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