TIM VANTOL – Ein Abend im tiefsten Niederbayern

Böse Zungen könnten behaupten, dass Pfarrkirchen irgendwo im niederbayerischen Nirgendwo liegt. „Pfarrkirchen? Dorf? Stadt? Loch?“, fragte der aus der Punkrockszene stammende Singer-/Songwriter Tim Vantol deswegen scherzhaft sein Publikum. Auf die leicht entrüsteten Reaktionen erwiderte der gebürtige Holländer, dass er ebenfalls in einem „Loch“ bei Berchtesgaden lebe. Das wiederum führte zu allgemeiner Zufriedenheit. So einfach kann es manchmal sein, sich mit dem Publikum zu solidarisieren.

Aber unabhängig davon, wie der kleine niederbayerische Ort eingestuft werden soll, bot er ein großartiges drumherum. Die Location namens „Theatron“ war eine Art Mini-Amphitheater mitten in den schönen Auen des Flusses Rott. Um keinen kalten Hintern auf den halbrunden Betonbänken zu bekommen, verteilten die Organisator*innen kostenlos Sitzkissen und für die Raucher To-Go-Aschenbecher. Hinzu kam ein symbolischer Ticketpreis von 5 €, der nur genommen wurde, um die ganzen Corona-Formalitäten durch vorherige Kontaktdatenvermittlung zu vereinfachen. Um die Gage für die Bands zu erhöhen, war es dem Publikum überlassen, weiteren Mammon zu spenden. Hoffentlich taten sie dies auch, da davon einiges im Portemonnaie der Gäste übriggeblieben sein sollte. Denn die Getränkepreise waren äußerst fair und die Schlangen an den Ständen angenehm kurz. Erwähnt werden muss ebenfalls, dass alle freiwilligen Helfer*innen super freundlich waren! Bevor es also um die Musik geht, muss an dieser Stelle ganz herzlich den ehrenamtlichen Veranstalter*innen von TU ES e.V. und Lightning Bird e.V. gedankt werden. Ihr habt eine hervorragende Veranstaltung mit großem Wohlfühlcharakter auf die Beine gestellt!

Aber natürlich steht an so einem Abend eigentlich die Musik im Mittelpunkt. Als erstes spielten Swallow’s Rose aus dem Bayerischen Wald. Die Vorbilder der Jungs waren schnell herauszuhören: Einfach alle Gruppen, die hauptsächlich von der amerikanischen Westküste stammen und eingängigen Skate-Punk und Melodycore spielen. Hätten sie nicht erzählt, dass sie aus dem schönen Mittelgebirge stammen, hätten sie auch über den Teich geflogen sein können. Sicherlich wäre etwas mehr Bühnenpräsenz schön gewesen, aber was soll’s? Nach dem langen Winter endlich wieder laute Musik, gleichgesinnte Menschen in Band-Shirts und einfach gut gemachter melodischer Punkrock: Da kam bei den ersten Akkorden das Grinsen ins Gesicht und es blieb bis zum Ende der gut 45 Minuten Spielzeit! Es war ein bisschen wie nach Hause gekommen, selbst wenn man mit Niederbayern sonst wenig am Hut hat.

Nach kurzer Umbaupause mit sehr guter Musik – vielen Dank an den/die Musikaufleger*in für Hot Water Musics „Drag My Body“ und Bad Religions „God Song“! – trat mit Tim Vantol der Headliner des Abends auf. Ohne Band, dafür mit Akustikgitarre ausgestattet trug er seine Songs mit gewohnt wunderschöner rauer Stimme vor. Für seine Setlist schöpfte er die gesamte Bandbreite seiner vier Alben aus: von ruhig, melancholisch oder traurig bis hin zu schnell und mitreißend. Allerdings erwähnte der Wahl-Bayer vor dem Titeltrack seiner aktuellen Scheibe „Better Days“, dass es keine gute Idee gewesen sei, ein Album während einer Pandemie zu öffnen. Das stimmte für einen kurzen Moment traurig. Was bleibt einem Musiker noch, wenn keine Konzerte mehr gespielt werden dürfen und die Leute aufgrund der belastenden Umstände keine Muse für eine Musik finden? Das ist tragisch, zumal „Better Days“ sein vielleicht bisher stärkstes und ausgeglichenstes Album ist.

Von dieser Tatsache ließ sich Tim Vantol jedoch nicht die Laune verderben. Auch nicht davon, dass er während seines Auftritts das Publikum überhaupt nicht sehen konnte, wie er mehrfach erwähnte. Die Scheinwerfer waren so hell, dass er nur geblendet wurde. Trotzdem trug er seine Lieder mit so viel Spielfreude vor, dass die gesamte Zeit über gute Stimmung herrschte und mitgeklatscht oder gesungen wurde. Besonders gut kamen natürlich Hits wie „Nothing“ an. Nach Versionen auf Englisch und Deutsch fragte der Singer-/Songwriter, ob jemand aus einem anderen Land käme. Der erste ruf war „Kanada“. Das wiegelte er jedoch ab. Die Sprache – vermutlich französisch – hätte er schonmal probiert und sei daran gescheitert. Also wiederholte er seine Frage. Plötzlich rief jemand soetwas wie „Real Madrid“. Tim Vantol fragte, woher genau die Person komme. Die Antwort war „Guadalajara“, was allerdings bekanntlich in Mexiko liegt. Das sorgte für kurze Verwirrung. Der Musiker wandte sich daraufhin an seinen guten Freund und Merchandiser Hector, der aus Spanien stammt. Richtigerweise verneinte Hector, dass Guadalajara in Spanien liegt. Letztlich war es aber egal und aus „Nothing is what it seems“ wurde kurzerhand „Nada es lo que parece“. Vielleicht hätte er es aber gar nicht so kompliziert haben müssen. „Nothing“ warad auf niederboarisch fei a schee gwenn.

Für den gebürtigen Holländer, der sich sichtlich darüber freute, endlich wieder live auftreten zu können, bot der Abend noch ein privates Highlight. Es war die erste Show, bei der seine im vergangenen Sommer geborene Tochter Mila anwesend war.

Nach gut 75 Minuten beendete Tim Vantol den Abend, um anschließend noch eine Zugabe zu spielen. Dafür verließ er die Bühne und stellte sich in die Nähe des Publikums, um ganz ohne Verstärker zu spielen. Laut eigener Aussage war es das erste Mal an diesem Tag, dass er die Zuschauer*innen sehen konnte. Viele standen daraufhin auf und gingen ein paar Schritte in Richtung Bühne. Das erhöhte beiderseits nochmal die Stimmung, obwohl alle sichtlich bemüht waren, die Mindestabstände einzuhalten.

Abgeschlossen wurde die Darbietung schließlich mit einem der bekanntesten Songs von Tim Vantol: „And if we go down, we’ll go together // And if you would fall, I would pick you up // And one day it all gets better // If we go, we’ll go together!“

Er bildete ein passendes Ende und war ein bisschen das Motto des Abends: Vereine, die völlig uneigennützig Kultur zu den Menschen bringen und Musikern in diesen Zeiten Auftrittsmöglichkeiten geben. Eine Band und ein Solo-Künstler, die in ländliche Regionen fahren, um einfach wieder vor Menschen auftreten zu können und ihnen Freude zu bereiten. Ein Publikum, das viel Spaß hatte und hoffentlich viel Geld für alle Beteiligten gespendet hat, damit solche Veranstaltungen wiederholt werden können. Genau so bleiben Szenen in schweren Zeiten wie diesen am Leben. Danke!

Fotos: Marina Zeiler

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Dominik

Groß geworden mit Punkrock und Power-Metal, weiterentwickelt mit Alternative und Thrash-Metal, erwachsen geworden mit ein bisschen Progressive-Metal. Und dennoch bleiben die All-Time-Favorites klassisch: Bad Religion, Die Toten Hosen, Machine Head, Iron Maiden, Blind Guardian, Faith No More.... und aus unerfindlichen Gründen mit einer heimlichen Zuneigung zu J.B.O. 

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