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NOISEHAUSEN FESTIVAL – Vom Schlagerstrudel in die Regenschlacht in den Dauer-Moshpit (Teil 1)

Donnerstagabend, 18 Uhr: Das Noisehausen Festival öffnet seine Pforten – und der Himmel seine Schleusen. Klar, das Wetter könnte besser sein. Aber das Noisehausen wäre nicht das Noisehausen, hätte Veranstalter Andi Baierl nicht mit Gratis-Ponchos für alle vorgesorgt. Abzuholen am Merch. Also tummelt sich trotz Regen eine kunterbunte, allerdings noch übersichtliche Ponchowichtelmenge vor der Bühne, um den ersten Act des Festivals zu sehen: Pressyes aus Österreich nehmen die Anwesenden mit auf einen indiepoppigen Roadtrip mit 70ies-Flair. Schon bald wird im Regen getanzt und gesungen.

Das scheint den Wettergott gnädig zu stimmen, denn während der Umbaupause für den Hauptact dieses Abends lässt er die Sonne durch die Wolken spitzeln. Das liefert bereits einen Vorgeschmack dessen, was Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys abliefern werden: deutschsprachigen Italo-Pop-Schlager, in seiner Professionalität hochironisch, kitschig und überzogen dargeboten, und genau deswegen so genial. Aber dazu später mehr. Denn besagter Sonnenstrahl taucht den gesamten Bühnenaufbau – ein pittoreskes italienisches Örtchen mit Gelateria und Tabakladen irgendwo am Gardasee – in honigwarmes Licht. Das rosafarbene Schlagzeug thront auf einem Modell der legendären venezianischen Rialtobrücke, den Bühnenrand säumen Zitronenbäumchen aus Plastik. Mehr Italien-Sehnsuchts-Gefühl geht nicht.

Lasst die Italo-Schlager-Kernschmelze beginnen!

Das Intro ertönt. Die Eurovisionshymne geht über in Carl Orffs „Oh Fortuna“, dazu erzählt eine Stimme vom Band, was das Publikum in der nun anstehenden Schlagermesse erwartet – nämlich eine Veranstaltung für den Feuilleton und den Plebs – und dann geht es direkt fulminant auf der „Brennerautobahn“ in Richtung Süden. Das inzwischen deutlich angewachsene Publikum fackelt nicht lange und eröffnet den ersten Schlagerstrudel des Abends. Für Nicht-Eingeweihte: Das ist ein Circle Pit in gemächlichem Schlagertempo. Selbst die ob des Dargebotenen verstörtesten Zuschauenden können irgendwann nicht anders und müssen mitklatschen und -wippen.

Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys entzünden ein Festival der guten Laune und Liebe, das seinesgleichen sucht. Die Fans sind zu 100 Prozent textsicher, schwelgen in Hits wie „Baci“, „Bella Napoli“, „Velocitá“, „Capri 82“ oder „Cosenza bei Nacht“. Nach anderthalb Stunden verzückter Extase, ausgiebigem strudeln und lautstarkem Mitsingen verabschieden sich Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys mit weißen Rosen von ihren Anhänger*innen. Wir dürfen an dieser Stelle Wikipedia zitieren: „Hinter der Band steckt eine hochprofessionelle Mannschaft, die es versteht, ihre Fans extrem eng an sich zu binden […] Keine Band schafft es so gut, das Lebensgefühl des Italo Schlagers mit der Authentizität und Selbstverständlichkeit einer Indie-Band in Einklang zu bringen […].“. Das unterschreiben wir so.

Tag 2: Vom Schlagerstrudel in die Regenschlacht

Noch leicht beseelt vom Vortag geht’s am Freitagnachmittag zurück aufs Festival-Gelände. Eines steht schon zu Beginn fest: Der Poncho wird heute zum Standardkleidungsstück, denn ein feiner, aber ausdauernder Regen begleitet die Veranstaltung von Beginn an. Den Anfang machen Brew Berrymore auf der Backyard Stage. Feinster Indie-Rock bringt die doch bereits in ansehnlicher Menge vertretenen Menschen zum Tanzen. Die Stimmung ist gut, der Regen – egal.

Das setzt sich im Anschluss auch auf der großen Bühne fort, der Hawkins Stage. Hier eröffnet Elena Rud, die sich getrost Noisehausen-Veteranin nennen darf. Spielte sie letztes Jahr noch auf der Backyard Stage, präsentiert sie ihre sehr intimen und selbstbewussten Indie-Pop-Songs nun auf der großen Bühne. Elenas Lieder handeln von großen Gefühlen, üblen Enttäuschungen – und von ihrer schweren Depression, die sie auf der Bühne mutig offen anspricht. Überhaupt ist mentale Gesundheit auf dem gesamten Festival immer wieder Thema. Auch Marie Kobylka, Frontfrau der fulminanten Indie-Pop-Formation Cosby, thematisiert ihre psychischen Probleme und liefert gleich noch die emotional sehr mitreißende musikalische Therapie dazu.

Mit Wiener Schmäh und Hammondorgel geht’s auf der großen Hawkins Stage funky weiter: Voodoo Jürgens lassen dem Groove freien Lauf und liefern eine musikalische Beschau des alltäglich Banalen, die nicht mit Ironie, Doppeldeutigkeit und Tiefsinn geizt. Das Zepter übergeben sie an die Alex Mofa Gang. Jetzt wird’s zum ersten Mal richtig laut, denn die Berliner Punk-Formation geht von Anfang an in die Vollen. Die Sportgitarren am Anschlag, bringt die Gang die Menge vor der Bühne zum Wogen. Ein Meer weißer Ponchos (die kostenlosen, wir erinnern uns) hüpft wie Schaumkrönchen auf dem Ozean auf und ab. Als Frontmann Sascha der Crowd ein Getränketablett übergibt, dieses anschließend besteigt, um einen Salto ins Publikum zu absolvieren, gibt’s endgültig kein Halten mehr. Getoppt wird diese Aktion erst deutlich später am Abend.

Siiingiiing in the rain, I’m siiiinging in the raaaaaain…

Da der Regen dieselbe Ausdauer an den Tag legt wie das Publikum, sind das Gelände und die Anwesenden zu fortgeschrittener Stunde bereits gut durchfeuchtet. Da passt es hervorragend, dass die Leoniden mit ihrer energiegeladenen Indie-Rock-Performance das gesamte Areal zum Kochen bringen. Vor und auf der Bühne ist über eine Stunde lang pure Eskalation angesagt. Während die Musiker*innen sich mit allem, was sie haben, in ihre Show werfen, lässt sich das Auditorium in Sachen Abfeiern nicht lumpen. Einem Keyboard wird dieses extrem hohe Energielevel wohl zu viel: es quittiert den Dienst und wird zur Strafe von Frontmann Jakob inmitten der Menge zu Schrott geschlagen. Linke Reihe anstellen, jeder nur ein Trümmerteil, bitte! Danach geht es heiter weiter mit dem zuvor begonnenen Circle Pit.

Derart aufgewärmt sind nun alle heiß auf den Headliner: Royal Republic aus Schweden geben sich die Ehre. Doch das Wetter macht mit dem Einsetzen des Intros allen Anwesenden erst mal einen dicken, nassen Strich durch die Rechnung. Es regnet, als gelte es, das weltweite Wassermangelproblem an Ort und Stelle zu lösen. Durchweichte Hosenbeine und Sneakers, kapitulierende Ponchos, ein See vor und auf der Bühne – es sieht aus, als fiele der Gig ins Wasser. Nach 15 sehr langen und sehr feuchten Minuten ist der Spuk vorbei.

Der Himmel reißt auf, der Mond schiebt sich vor die Wolken, die Bühne wird in Ordnung gebracht, das Intro ertönt erneut – und Royal Republic föhnen mit „Fireman & Dancer“ auch den allerletzten Regentropfen fort. Zeremonienmeister und Frontmann Adam entschuldigt sich kurz fürs Wetter, um mit seinen Mannen direkt in vollem Tempo weiter zu rocken. „Like A Lover“, „Stop Movin‘“, „Full Steam Spacemachine“ … die Schweden ballern eine Power-Rock-Nummer nach der anderen raus – und sind plötzlich verschwunden. Licht aus, Band weg. Äääähm… Ah! Da sind sie ja wieder! Am Mischpult, bewaffnet mit Akustik-Gitarre und Mundharmonika, geben sie „Boomerang“ und den Klassiker „Addictive“ in einer mehrstimmigen Country-Folk-Version zum Besten. Knaller! Durch die Menge geht’s zurück zur Bühne und anschließend mit dem Gaspedal am Anschlag durch den Rest des Sets. Zum Abschluss gibt’s noch eine Thrash-Metal-Kostprobe nebst einer Hommage an Lemmy Kilmister, bevor einige Drumsticks, Picks und eine völlig durchweichte, in Fetzen hängende Setlist im Publikum neue Besitzer finden. Jetzt erst mal nach Hause, Klamotten trocknen und die wund getanzten Füße ausruhen. Weiter mit dem zweiten Teil.

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Text & Fotocredit: dieChris & Melanie

Fotocredit Titelbild: Ulrich Hilbel

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