Tiger Moth Tales

The Depths Of Winter

Je älter man wird, desto weniger sieht man in der Jahreszeit Winter etwas Schönes. Früher aufstehen, weil man Schnee schaufeln muss. Winterreifen kaufen. Ständig putzen, weil niemand die Füße abstreift und den ganzen Klumpatsch in die Wohnung schleift (potenziert sich mit jedem Kind im Haushalt). Da erscheint es sehr gewagt, sich wie Multi-Instrumentalist Peter Jones mit seinem Projekt Tiger Moth Tales an ein Konzeptalbum über die Schönheit des Winters zu machen – speziell, wenn man wie er im Genre des Progressive Rock zugange ist, deren Zielgruppe eher im erwachseneren Alter zu verorten sein dürfte.

Andereseits hat das fortgeschrittene Alter auch einen großen Vorteil: man weiß beispielsweise auch die dampfende Tasse Früchtetee mit dem Spatzi auf dem Sofa zu schätzen, wenn die Kinder bei ihren (potenziell mindestens kriminellen, aber sowieso mindestens unheimlichen) Freunden sind und draußen das Unwetter tobt. Und genau dieses wohlige Wintergefühl schafft es, „The Depths Of Winter“ von Tiger Moth Tales zu vermitteln. Falls man auf ruhigen, getragenen und höchst britischen Progressive Rock steht, versteht sich. Mal atmosphärisch-ruhig, mal mit Folk-Einschlag (‚The Ballad Of Longshanks John‘), mal subtil angejazzt, aber immer unaufgeregt und schön melodisch-eingängig kommt das Album daher. Klar, Genesis zu „Wind And Wuthering“-Zeiten und Steve Hackett sind mit Sicherheit eine Hauptinspiration von Peter Jones. Doch auch – und ganz besonders! – Big Big Train klingen immer wieder durch. Nicht nur, weil auf zwei Songs auch Jones Blechbläser einsetzt: auch die Songs mit ihren unaufgeregten, aber ausladenden Arrangements dürften jedem Fan der britischen Prog-Aufsteiger sofort gefallen – speziell denen, die auch auf ältere Alben wie „Gathering Speed“ und „The Difference Machine“ stehen. Apropos Maschine – deren Boss, The Tangent-Gitarrist Luke Machin absolviert im Quasi-Opener (nach einem 30-Sekunden-Intro) ‚Winter Maker‘ ebenfalls einen, wie üblich etwas „übermotivierten“ Gastauftritt. Dabei ist Jones selbst ein exzellenter Gitarrist, auch wenn die Keyboards klar im Zentrum des Sounds stehen. Wie bei Big Big Train bekommt man den Eindruck einer enorm organischen musikalischen Reise vermittelt, nichts wirkt gestückelt, und auch beim 13minütigen ‚Exposure‘ mit seinen patentierten Mike Rutherford-Gitarren (erinnert sich noch jemand an das göttliche „Smallcreep’s Day“?) fliest alles wunderbar. Apropos Mike Rutherford: das Peter Jones auch noch ein exzellenter Sänger ist, der gelegentlich an Paul Carrack und Ray Wilson (und David Longdon von Big Big Train) erinnert, schadet dem Album mit Sicherheit nicht. Die Stimme wirkt natürlich auch deshalb so mitreißend, weil, den progressiven Arrangements zum Trotz, hier ganz schlichte und bodenständige Songwriterkunst zugrunde liegt. Man kann sich jeden einzelnen Song auch solo am Piano vorgetragen vorstellen, ohne daß die Essenz verloren ginge.

Der einzige Grund, warum hier keine höhere Bewertung steht, ist ein leider in der Progszene immer öfter auftauchendes Problem. Vermutlich aus Budget-Gründen hat Peter Jones nämlich darauf verzichtet, einen Schlagzeuger zu engagieren und stattdessen die Drums selbst programmiert. Bei ‚Take The Memory‘, wo sie zu Beginn beispielsweise als ganz bewusstes elektronisches Element eingesetzt werden, ist das gar kein Problem, wenn aber bei ca. dreieinhalb Minuten die „Schlagzeug“-Spur einsetzt, zieht das die ganze Geschichte ein gutes Stück nach unten. Das ist besonders schade, weil „The Depths Of Winter“ ansonsten eigentlich alles richtig macht.

Trotz dieses Mankos ist „The Depths Of Winter“ aber eine wirklich schöne Scheibe geworden, die Fans der oben erwähnten Bands auf jeden Fall mindestens antesten sollten. Zu beziehen ist das Album bei den Undergrond-Spezis von Just For Kicks.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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