THE ROLLING STONES – Hackney Diamonds

Lästermäuler stänkern gerne: Braucht man eine Band aus alten Männern noch, deren (selbstbetitelter) Herzschlag Charlie Watts vor zwei, und Gründungs-Chef Brian Jones vor mehr als 50 Jahren gestorben sind, sowie Langzeit-Bassist Bill Wyman vor mehr als drei Dekaden ausgestiegen ist? Außerdem: Was war die letzte wirklich gute Platte der Rolling Stones? Some Girls (1978), oder kann man Steel Wheels (1989), das zumindest ein paar starke Nummern parat hatte, noch zählen? Aber, die Stones wären nicht die Stones, wenn ihnen das nicht wirklich alles egal wäre. Sie haben sich trotz aller Schicksalsschläge und +/- 80 Lenzen aufgemacht, und einen neuen Longplayer eingespielt, der nun mit „Hackney Diamonds“ vorliegt.

„Bitte nicht böse sein“ sind die ersten Worte in „Angry“, die Jagger zu einem klassischen Richards-Riff den Hörenden entgegenschleudert. Meint er etwa die 18 Jahre Wartezeit seit „A Bigger Bang“? Erste Single, ein zunächst durchschnittlicher Rocksong, bis Keith nach zwei Minuten zu einem Solo ansetzt, wie nur er es kann. Frei nach seinem Motto: „Auch zwischen den Tönen ist Musik“ schießt er wohl dosierte und pointierte Salven ab. „Close To You“ ist ein Mid-Tempo-Rocker, der im Refrain schnell zum Mitsingen einlädt. „Depending On You“ dagegen ist eine lupenreine Ballade, von denen es zwar jede Menge im Portfolio der Stones gibt, diese aber definitiv zu den besseren zählt. „Bite My Head Off“ ist dagegen fast schon Punk! Um endlich jegliche Beatles/Stones-Rivalitäten zu beenden (die schon immer albern waren), zupft hier Sir Paul McCartney den Bass – Dreams Come True! Bei „Dreamy Skies“ ist man unweigerlich soundtechnisch wieder beim legendären Doppelwerk „Exile“ von 1972, eine von Ronnies Slide-Klampfe getragene Country-Nummer, in die Keith immer wieder den Background einbringt, wie schon lange nicht mehr.

„Mess It Up“ und „Live By The Sword“ lassen ein letztes Mal den verstorbenen Watts hören, letzteres gar ergänzt von Ex-Basser Bill Wyman, und -man höre und staune- Elton John an den Tasten, den mit Keith Richards eigentlich eine tiefe Abneigung verbindet, haben sich doch beide in den 90ern mit gegenseitigen Boshaftigkeiten nichts geschenkt („Affe mit Arthritis“ vs. „Kann nur Lieder für tote Blondinen schreiben“). Sei es drum. Auch wenn sich beide vielleicht immer noch nicht mögen: Es klingt fantastisch! Natürlich darf auch der Riff-Master ans Mikro, wenn auch nur ein Mal. „Tell Me Straight“ läutet den Endspurt ein und zeigt einmal mehr, dass Mr. Richards nicht nur krächzen, sondern richtig singen kann.

Als vorletztes Lied kommt dann das absolute Highlight: „Sweet Sounds Of Heaven“ (feat. Lady Gaga und Stevie Wonder) ist ein siebenminütiger Soul-Hammer, der sich langsam entwickelt und immer mehr Fahrt aufnimmt, und mit zu dem besten zählt, was die Männer jemals (!) aufgenommen haben. Ein bisschen wie eine Zugabe ist dann der Rausschmeißer „Rolling Stone Blues“. Ausgerechnet der Song, nach dem Brian Jones 1962 den Namen der Truppe wählte. Ganz rudimentär – sowohl im Arrangement als auch im Klang – spielen es nur die beiden letzten verbliebenen Gründungsmitglieder, und man kann sich die beiden bildlich vorstellen, wie sie damals von Manager Loog Oldham in der Küche eingeschlossen wurden, nur mit einer Gitarre bewaffnet, um endlich einen eigenen Song zu schreiben.

Was bleibt nach etwa einer dreiviertel Stunde Spielzeit? „Hackney Diamonds“ ist zwar kein „Exile on Mainstreet“, „Beggars Banquet“ und auch kein „Sticky Fingers“, aber tatsächlich besser als alles, was sie sonst in den letzten 45 Jahren (seit „Some Girls“) gemacht haben. Hey Mick, Keef und Ronnie: Danke, dass Ihr nicht auf irgendwelche Lästermäuler hört! Thank you for your music and keep on rolling!

Note: 1-

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