The Jeremy Days – „Man sollte versuchen, tolle Popmusik zu machen und sie nicht den ganzen Schwachmaten zu überlassen!“

The Jeremy Days sind wieder da! In den 1990-er Jahren war die Band auf allen Kanälen omnipräsent und insbesondere ihr Mega-Hit „Brand New Toy“ dürfte damals an niemanden vorbei gegangen sein. 1987 gegründet, war acht Jahre und fünf Studio-Alben später plötzlich Schluss. Nach einer kurzen Comeback-Tour 2019 gibt es nun mit „Beauty In Broken“ die erste neue Platte seit 27 (!) Jahren. Elf neue Songs, alle entstanden in der Pandemie, liegen nun vor. Wie uns die Platte gefallen hat, könnt Ihr hier lesen.

Wir treffen die extrem gut gelaunten und auskunftsfreudigen Bandmitglieder Dirk Darmstaedter (Gesang), Stefan Rager (Schlagzeug) und Jörn Heilbutt (Gitarre) zum Online-Interview, während Keyboarder Louis C. Oberlander die amerikanische Sonne auf seinem Motorrad genießt, wie die Band lachend ihre Arbeitsteilung am heutigen Promo-Tag beschreibt. (Ex-) Bassist Christoph M. Kaiser hatte von vornherein seine Teilnahme an der Wiedervereinigung aus persönlichen Gründen abgesagt.

 

Hallo und erst einmal Glückwunsch zum gelungenen neuen Album!

Jeremy Days: Dankeschön!

 

Über 25 Jahre kein neues Album – es gab zwar einen kurzen One-Night-Stand für und auf St. Pauli 2003 und vor drei Jahren die Tour, aber eben keine neuen Songs. Wie fühlt sich die Neuauflage der alten Liebe an?

Dirk: Erstmal muss man sagen, dieses erste Konzert im Januar 2019, da war es schon mal irre, dass es überhaupt dazu kam. Danach haben wir nochmal eine ganze Tour gemacht, kurz bevor diese ganze Corona-Scheiße anfing. Dann war eigentlich der Plan: Lass uns was Neues machen, und lass uns alle treffen, so wie wir es früher gemacht haben.

Tja, dann kam Corona und alle Pläne waren dahin. Dann haben wir – so wie wir es jetzt auch gerade über Zoom machen – angefangen, über das Leben im Allgemeinen zu sprechen, was man so macht und wie es so geht. Das war auch super, dass man sich überhaupt wieder als Freunde begegnet. Man muss festhalten, wir haben 27 Jahre Pause gemacht, elf Jahre länger als die Eagles gebraucht haben! Daher gab es einiges zu besprechen.

 

Also Zoom als Beschäftigungs- und Arbeitstherapie?

Dirk: In diesen Konferenzen haben wir dann auch angefangen, uns Musik vorzuspielen. Als dann klar wurde, dass Corona vielleicht nicht nur ein paar Monate dauert, haben wir gesagt: Jetzt machen wir einfach das Beste draus und wir versuchen, auf diese Art irgendwie miteinander zu arbeiten. Das Tolle für mich an der Geschichte war eben, dass das, durch diese zugegebenermaßen ziemliche Scheißzeit der letzten zweieinhalb Jahre, mein Weg war. Mir hat dieser wöchentliche Zoom-Call mit den Jungs und die Arbeit an den Songs einfach super weitergeholfen und mich gerettet!

 

Ihr habt gerade die Eagles angesprochen, deren Comeback-Motto war ja „Hell Freezes Over“ – wie war bei euch in den 27 Jahren der Kontakt: Komplette Funkstille, eine Höflichkeits-SMS zum Geburtstag oder wurde auch mal ein Bier zusammen getrunken?

Stefan: Noch viel weniger tatsächlich! Also man lief sich vielleicht mal zufälligerweise über den Weg, und das war dann eigentlich immer nett, aber grundsätzlich war es schon so: Wir hatten diese unglaublich intensiven Jahre in unserem jungen Erwachsenenalter, so ab Anfang 20, wo wir die Welt erobern wollten. Danach musste jeder sich auf die Suche nach sich selbst aufmachen. Das war so eine intensive Zeit, und die war dann einfach vorbei. Es hatte niemand auf dem Zettel, dass wir das vielleicht nochmal aufleben lassen. Da musste dann schon jemand von außen kommen, so wie dann eben unser früherer Booker, der sagte: „Jetzt sind 30 Jahre Jubiläum der Veröffentlichung Eures ersten Albums – ich würde Euch gerne eine kleine Tour buchen, habt Ihr nicht Lust?“

Dirk hat die E-Mail bekommen und weitergeschickt, und irgendwie haben wir uns dann gesagt: Ja, lass doch mal treffen und quatschen. Irgendwie hat es eben gepasst, aber diese Zeit dazwischen hat es einfach gebraucht.

 

Wie haben Eure Familien reagiert, als Ihr gesagt habt: „Der Papa will wieder Popstar werden!“?

(großes Gelächter)

Jörn: Also so wurde das gar nicht wahrgenommen. Ich bin der Musik ja sowieso nicht weggelaufen in meinem Leben, die kennen das eigentlich gar nicht anders. Sie haben natürlich schon gemerkt, dass da plötzlich mehr Enthusiasmus, mehr Herzblut darin steckte. Das wurde, glaub ich, von der Familie und dem Umfeld sehr gut wahrgenommen. Persönlich war das auch toll! Wenn man fast ausschließlich Fremdarbeit gemacht hat in den letzten Jahrzehnten, ist das schon was anderes, ob man sich dann selber hinstellt und sagt: Das ist jetzt unser Baby!

 

Es gab also keine Ablehnung nach dem Motto: „Oh Gott, Presse, Zeitung und Öffentlichkeit“?

Dirk: Wir machen uns da einfach nicht so einen Stress wie früher. Es war schon relativ toll, aber auch relativ anstrengend damals. Es war klar, und wurde auch so besprochen am Anfang, dass wir das auch anders machen als früher, also in dem Sinne, dass wir auch nur das machen, worauf wir Bock haben. Ich bin jetzt 57 und muss nicht mit irgendjemandem sprechen, wo ich keinen Bock drauf hab. Wir haben unser eigenes Label, wir nehmen unsere eigenen Platten auf und alles ist so unter unseren Vorzeichen – und solange es Spaß bringt, dann machen wir das.  Man fragt sich, warum haben wir das nicht schon 1992 so gemacht?

 

Ihr habt gerade gesagt, was andere Leute sagen, interessiert nicht so richtig. Euer ehemaliger Bassist Christoph, der zu den ersten Comeback-Gesprächen noch kurz involviert war, konnte sich dann aber nicht durchringen, bei der Reunion teilzunehmen. Durfte er als Ehemaliger das Album schon vorab hören und wenn ja, wie war seine Meinung, als nun Außenstehender?

Stefan:  Also… ich bin ab und zu mit Christoph in Kontakt, aber jetzt bereits länger nicht, hat sich nicht ergeben. Ich glaube aber nicht, dass er schon was gehört hat. Ich ruf ihn mal an!

Dirk: Was ich total super fand, dass er beim ersten Konzert im Docks da war. Er war dann Backstage nach der Show und hat mich umarmt. Von daher ist alles im grünen Bereich.

 

„Till The Money’s Gone, I Won´t Ask“ eine Zeile aus Eurer Comeback-Single „Beauty In Broken“ – böse Zungen würden „The Money´s Gone“ als treibende Kraft für das Comeback ansehen. Ihr habt Euch in den goldenen Neunzigern getrennt, heute sieht die Musikwelt komplett anders aus, insbesondere wenn keine Konzerte stattfinden können. Kann man heute noch ernsthaft aus monetären Gründen ein Comeback starten?

Dirk: NEIN! (lacht) Ich habe 14 Jahre Tapete Records gemacht. Das hätte ich auch nicht durchgehalten, wenn es mir um Geld gegangen wäre. Ich glaube das einzig Positive am Niedergang der Musikbranche, angefangen durch Napster und so, war eigentlich, dass die ganzen Pappnasen sich verabschiedet haben. Wer jetzt noch in der Musikbranche entweder als Musiker, Journalist oder kleines Label, also in einem bestimmten Genre arbeitet, der muss das schon tun, weil er für die Sache brennt. Ich freue mich natürlich, wenn ich mit meiner Musik Geld verdienen kann. Ich würde mich auch freuen, wenn wir wieder Konzerte spielen können und ein paar Tickets verkaufen. Der Ansatz ist für mich aber immer, ich muss das machen, weil ich einfach Musik liebe!

 

Wie sieht Euer grundsätzliches Songwriting jetzt aus – und wie hat es sich vielleicht zu den früheren Zeiten geändert?

Stefan: Das hat sich auf jeden Fall geändert, in dem Sinne, wie Dirk das gerade schon gesagt hat. Wir sind wieder angetreten und haben gesagt: Komm lass uns einfach Spaß dran haben! Die Arbeit an der Platte hat unheimlich schön begonnen. Wir haben von jedem von uns vieren einen Song ausgesucht. Dann haben wir überlegt, wie könnte eine Platte aussehen, und dann hat jeder den Kollegen seine Sachen vorgespielt, so haben wir das immer einmal die Woche gemacht – eigentlich die komplette Corona-Zeit. Das war eine tolle Art.

Dirk: Dazu muss aber gesagt werden, früher war es so, dass Christoph und ich die Songs geschrieben haben. Dann, im Laufe der Jahre, kamen eben auch Songs von den anderen, es war so eine andere Dynamik drin. Vielleicht so ein bisschen Lennon/McCartney und irgendwann hat George [Harrison] gesagt: „Hallo, ich hätte auch noch einen geilen Song!“ Das bringt immer Stress. Wir wollten einfach mal gucken, was überhaupt so entsteht, wenn wir wirklich sagen: Jeder schreibt hier Songs. Das war super spannend und hat es auch echt gebracht! Manchmal war es mehr ausformuliert, manchmal nur Fragmente, aber es wurde immer gemeinsam daran gearbeitet, daraus JDay-Songs zu machen.

 

Ich glaube, Stefan will noch was ergänzen!

Stefan: Was ich so toll empfunden habe war, dass man wirklich einfach alte Freunde wiedergetroffen hat. Wir haben damals zusammengelebt, kennen uns und waren eigentlich wie Brüder. Letztlich ist für mich jetzt auch die ganze Arbeit, die wir jetzt machen, immer ein Wahrnehmen der anderen. Deswegen ist es auch so spannend, dann einfach zu sagen: Ok, das Stück ist jetzt von Jörn – was machen wir jetzt damit? Das kann man vielleicht nicht, wenn man 20 ist, aber in unserem Alter nimmt man Beziehungen anders wahr.

 

Zeigt sich dieses neue Bandgefüge auch in diesem Interview? Dass man nahezu die komplette Band im Gespräch hat, passiert ja relativ selten.

Jörn: Das haben wir früher auch gemacht, waren also auch viel als Band unterwegs und haben auch versucht, immer unsere Nasen zu zeigen. Wir haben alle unser ganzes Leben da rein gesteckt damals, und waren deshalb relativ präsent als Band.

Ich finde, es macht die Sache nicht einfacher, wenn man zu voller Bandstärke Interviews gibt, aber klar, bei so einem ersten Lebenszeichen ist das eine schöne und sinnvolle Sache, es auch wirklich nach außen hin begreiflich zu machen, dass wir als komplette Band wieder da sind.

 

Ich vermute, dass Ihr auch wieder auf Tour gehen werdet, wenn Corona es zulässt. Wie wird die Setlist aussehen – alle elf neuen Songs, oder gibt die so ganz homöopathisch verteilt und sonst nur die Klassiker?

Jörn: Fürs Erste sind wir froh darüber, in Zeiten wie diesen, dass es – Stand heute – tatsächlich eine Tour Ende August geben wird. Ich hoffe die Menschen, die sich sowas gerne angucken, freuen sich ebenfalls darüber, denn das ist ja wirklich so, dass Tickets immer weniger gekauft werden, weil die Leute sagen, was sollen wir jetzt wieder eins kaufen, das ich dann retournieren muss. Ich hoffe, dass sich eine gewisse Stabilität einstellen wird.

Wie dann unser Set aussehen wird…also, wir sind ja eine Band, die ungerne immer die ausgetretenen Pfade geht. Das hat sich auch nicht verändert. Wenn ich mir überlege, wie viele Versionen von „Brand New Toy“ wir geschaffen haben, um nicht immer das Gleiche spielen zu müssen…wir werden auf jeden Fall – auch als Herausforderung für uns selber – das neue Album präsentieren. Wir wollen aber natürlich auch das alte Material spielen, das auch für uns immer noch an Frische nichts eingebüßt hat.

 

Dirk, Du hast schon Dein Tapete-Label kurz angesprochen, dass Du hauptsächlich begründet hast, um Niels Frevert eine Plattform zu geben, wie Du bei Jan Löchel im Podcast erzählt hast. Einen der, wie ich finde, schönsten deutschen Poeten. War Deutsch als Sprache für Dich oder Euch als Band nie Thema?

Dirk: Nee, eigentlich nicht. Man muss dazu sagen, meine Muttersprache ist Deutsch und Englisch. Ich bin in Amerika aufgewachsen und mit zwölf Jahren dann eben hier rübergekommen. Ich hatte natürlich vorher schon ein bisschen Deutsch gesprochen, aber so die Sprache meiner Kindheit, auch meine persönliche Geheimsprache als Heranwachsender in Hamburg Wellingsbüttel, war immer Englisch. Ich habe auch englische Musik gehört, und von daher war es eigentlich immer klar, dass ich auf Englisch singe. Einer meiner ältesten Freunde ist Bernd Begemann, mit dem ich auch schon zwei Platten gemacht habe. Ich bin also der deutschen Sprache auch in der Musik immer nah gewesen, aber für mich persönlich muss ich einen anderen Weg gehen.

 

Ihr seid in den späten Achtzigern gestartet, als gerade wieder die Gitarren-Musik deutlich überhandgenommen hat. Ihr habt euch dennoch immer ganz gezielt als Pop-Band bezeichnet. Ein durchaus umstrittenes und oft hart kritisiertes Genre. Hat Euch das nie interessiert?

Stefan: Wie du dich selbst betitelst, ist eine Sache. Letztlich machen wir die Musik, die wir machen. Ich kann jetzt mal von meinem Freundeskreis ausgehen, was ich so zurückhöre von Leuten, deren Musikgeschmack ich schätze. Bei denen ist es eigentlich so, dass wir als Live-Band schon recht rockig wahrgenommen werden. Und für mich ist es so, wenn wir eine Platte machen und mehr ins Detail gehen, dann würde ich das auch mehr als Pop kategorisieren. Aber letztlich ist die Kategorisierung total egal!

Dirk: Ich glaube, dass ist auch ein bisschen meine Schuld, weil ich seit 30 Jahren einfach nicht aufhöre rumzulaufen und zu sagen: Nein, Pop ist gut! (lacht)

Stefan: Ich finde grundsätzlich, was sich schon durch unsere Geschichte zieht ist, dass wir einfach tolle Lieder schreiben wollen. Das macht, glaube ich, Popmusik auch aus.

Dirk: Die Definition…darüber kann man sich ja tagelang unterhalten – was ist Popmusik? Wenn ich meine Tochter danach frage, hat sie ein völlig anderes Verständnis davon als ich. Ich komme aus einer Welt, wo Pop „Pet Sounds“ (Beach Boys) oder „Anarchy In The UK“ (Sex Pistols) bedeutete. „Popular Music“ liebe ich so, und ich finde es so langweilig, wenn einer sagt: „Öahhh…Popmusik…“

Nein, Popmusik ist geil! Und man sollte den Gedanken daran festhalten und sollte versuchen, tolle Popmusik zu machen und sie nicht den ganzen Schwachmaten zu überlassen!

 

Kommen wir zur letzten Frage – wie sieht es aus mit Jeremy Days: Ist das jetzt kurzzeitig angedacht, oder seid Ihr auf Dauer wieder als Band zusammen?

Jörn: Das ist nicht als Eintagsfliege gedacht! Es ist eigentlich eine Geschichte, die überhaupt nicht zu Ende gedacht ist, die einfach in den Moment passen muss. Als wir vor drei Jahren festgelegt haben, wieder was zusammen zu machen, da haben wir einfach gesagt: Ja, wir wollen das machen aus verschiedenen Gründen – Spaß, eine Freundschaft wiederbeleben und irgendwie wieder zusammenzufinden – so ´ne Art von Familiengedanke. Daher würde mich das sehr wundern, wenn es jetzt bei diesem Album bleiben würde. Also, wir haben jetzt nicht darüber gesprochen, aber ich habe das Gefühl, dass es allen von uns sehr viel gegeben hat, es sieht auch so aus, als wenn es sehr vielen Leuten gut gefällt, was wir da gemacht haben. Die Triebfeder Spaß dran zu haben, die ist absolut gegeben, und da sehe ich jetzt nicht den Punkt, dass wir sagen: Das war es jetzt!

 

Liebe Jeremy Days, ich wünsche Euch viel Erfolg mit der Platte und ich hoffe, dass wir uns im August dann wirklich auf einer Show sehen können! Viele Grüße!

Jeremy Days: Danke für Dein Interesse und bis hoffentlich bald!

 

 

Pünktlich zur Veröffentlichung sind auch die Tourdaten da! Tickets gibt es hier.

 

Beauty In Broken Tour 2022

18.08.2022 Remscheid – Schützenplatz

23.08.2022 Berlin – Frannz

24.08.2022 Dresden – Beatpol

25.08.2022 Hannover – Musikzentrum

26.08.2022 Hamburg – Mojo Club

27.08.2022 Nürnberg – Club Stereo

29.08.2022 München – Strom

30.08.2022 Stuttgart – Im Wizemann

 

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Fotocredit: Dirk Darmstaedter/Louis C. Oberlander

Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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