JAN LÖCHEL – „Irgendwann konnte ich sagen: Stimmt, ich lebe ja davon!“

Der Singer/Songwriter Jan Löchel hat mit „The Last Song“ eine neue Single veröffentlicht. Der Musiker aus Münster ist neben seiner eigenen Karriere auch als Produzent, Texter und Komponist für zahlreiche andere Künstler*innen aktiv und war als Berater und Coach in der Sendung „The Voice of Germany“ zu sehen. Sein Name steht unter anderem in den Song-Credits von Fury in the Slaughterhouse, Christina Stürmer, Pohlmann und insbesondere den H-BlockX. Außerdem zierte seine Stimme schon mehrere weltweite Dance-Hits.

Ob die neue Single wirklich sein „Last Song“ ist, welche weiteren Projekte in Planung sind und warum Fury-Sänger Kai sich von einem Hardcore-Fan Anweisungen im Studio geben lässt, erzählt er uns heute im Interview.

 

Hallo Jan, guten Morgen!

Ebenfalls einen guten Morgen zurück!

Du hast eine neue Single – „The Last Song“. Vor zwei Jahren hast Du beim Weihnachtskonzert bereits mit Deinem Abschied kokettiert – müssen wir in Zukunft auf neue Musik von Dir verzichten, war das wirklich der „Last Song“?

Ich glaube nicht, dass es „The Last Song“ war. Ich werde immer weiter Musik machen. Ich werde auch mit Sicherheit weiter Songs schreiben, die ich gerne selber singen und interpretieren möchte. Es hat eher so ein bisschen damit zu tun, dass ich den Unterschied mache zwischen Musik, die ich mache, um eine Geschichte zu erzählen, und Musik, die ich vermarkten möchte

Du hast drei EPs rausgebracht und zuletzt nur noch einzelne Singles. Ist das Format Album tot?

Nein, um Gottes Willen! Ich hoffe nicht, dass es tot ist, weil ich sehr, sehr gerne Alben von Künstlerinnen und Künstlern höre und ich mich auch drauf freue. Ich glaube allerdings auch, dass ein Album Zeit braucht. Es muss geschrieben, technisch aufgenommen und vermarktet werden. Für mich hat ein Album auch immer etwas damit zu tun, zu sagen: Ich mache dieses Album, ziehe dann los und spiele das live.

So war es bei meinen drei Platten auch. Die erste EP war ein Lebenszeichen und ich sagte: „Hallo hier bin ich und ich würde gerne bei euch spielen – habt ihr nicht eine Bühne für mich?“

Das war doch zeitgleich zu Deiner Arbeit bei der Casting-Show?

Genau, damals habe ich zeitgleich dort gearbeitet und wollte einen künstlerischen Aspekt bei mir selber aktivieren. Die zweite EP war dann schon mit Wingenfelder verbunden (Anm. d. Red.: Projekt der Wingenfelder-Brüder von Fury in the Slaughterhouse) und ich habe 30 Konzerte mit denen gespielt. Die dritte EP kam raus zur Open-Air-Tour mit Fury. Für ein ganzes Album hat es jeweils nicht gereicht. Ich hatte zu wenig Zeit und zu wenig Fokus, weil ich das ja alles selber gemacht habe, also keine Plattenfirma hatte. Dann bin ich mit diesen – für mich nenne ich sie trotzdem Alben – unterwegs gewesen. Das hat irgendwann aufgehört, es gab für mich keine zusammenhängenden Touren mehr und somit war irgendwie für mich dieses Konzept Album nicht mehr präsent.

Aber trotzdem einzelne Songs?

Ja, um mich selber auszuprobieren, wo geht es jetzt stilistisch hin. Da habe ich erst mal wirklich so Momentaufnahmen gemacht – wo steh ich gerade? Aber um es noch einmal zusammenzufassen: Ich glaube und ich hoffe nicht, dass das Format Album tot ist. Ich freue mich auf großartige Alben von wunderbaren Künstlern!

Vor allen Dingen auch in greifbarer Form, sprich auf CD oder Vinyl!

Es ist ja leider so, dass sich das auch radikal geändert hat. Viele Leute, die sogar echte Musikliebhaber sind, sagen mittlerweile: Ich muss mal ganz ehrlich zugeben, ich habe gar keinen CD-Player mehr. Das ist in der in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hat natürlich auch Auswirkungen auf Verkäufe.

Wir waren gerade bei Deinen EPs – vor knapp acht Jahren hast Du den Sprung aus der zweiten Reihe nach vorne gewagt. Gab es einen Auslöser, dass Du Dich auf einmal als Solo-Künstler auf den Weg gemacht hast?

Es sind Songs entstanden, die auf einmal so ein bisschen wieder mehr wie ich klangen, z.B. „Brand New Day“. Der war auf einmal da und ich hatte das Gefühl, dass das jetzt nicht nur so ein Geklimper ist, sondern dass ich mir selber mal wieder – seit langer Zeit – gerne beim Musikmachen und Singen zuhöre. Dann habe ich angefangen, diesen Gedanken weiterzuspinnen. Ich muss aber auch sagen, ich hatte in den Jahren davor sehr intensiv für „The Voice of Germany“ gearbeitet, als Berater und Produzent im Team BossHoss. Da habe gemerkt, dass mich das auch wieder selber zu meiner eigenen Stimme gebracht hat. Als ich mit den jungen Künstlerinnen und Künstlern gearbeitet habe, habe ich mich sehr daran erinnert, wie es bei mir angefangen hat. Das kann man fast so ein bisschen als Initialzündung sehen, und das war ein schöner Kontrast zu der etwas schillernden TV-Welt.

Wenn Du jetzt was schreibst, woran merkst Du, das ist ein Song für mich oder für irgendwen anders?

Ganz einfach! Wenn ich den Song die ganze Zeit singen möchte, wenn ich den die ganze Zeit in der Schleife spiele und nicht das Gefühl habe, ich muss jetzt auf jeden Fall noch irgendein Element einbauen, damit es vielleicht breitenwirksamer oder radiotauglicher wird. Wenn ich also nicht das Gefühl habe, ich brauche noch irgendwas, sondern, wenn das alleine mit Akustik-Klampfe funktioniert, dann habe ich erstmal große Lust, das für mich selber auszuprobieren.

Du bist vor 30 Jahren bei einem Nachwuchswettbewerb mit Steffi Stephan (Panikorchester und Betreiber der Jovel Music Hall in Münster) in Kontakt gekommen und bist dann von einem typischen Schüler-Gitarristen in den Neunzigern zum Profi-Produzenten mutiert – so ganz ohne Ausbildung, wie Du immer gerne anmerkst. Wie kam es dazu?

Das ist eine gute Frage! Das Rock-Schulprojekt, dass Steffi damals maßgeblich ins Leben gerufen hatte, das hat mir natürlich mit 17 Jahren als Schüler zum ersten Mal die Möglichkeiten gegeben, in einem professionellen Tonstudio mit professionellen Produzenten etwas aufzunehmen und meine eigenen Songs auf einer CD zu hören. Das war 1991 nicht unbedingt selbstverständlich und die totale Initialzündung zu sagen, das will ich machen. Das hat mich fast noch mehr fasziniert als die Bühne. Dann habe ich einfach auch das Glück gehabt, mich immer mal ausprobieren zu können, habe dann meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben, weil ich das Glück hatte, Leute zu treffen, die mich ein bisschen gefördert haben.

Kannst Du einige nennen?

Michael Voss (Anm. d. Red.: Produzent von u.a. Michael Schenker) zum Beispiel als absoluter Mentor. Von dem habe ich wahnsinnig viel gelernt, und dann kam ich irgendwann zum Prinzipal Studio und den H-BlockX, die ich schon so entfernt von der Schule kannte. Da hatte ich auch wieder das Glück, dass die mich mit ins Team reingenommen haben und ich durfte einfach ganz viel lernen. Irgendwann konnte ich sagen: Stimmt, ich lebe ja davon!

Du bist Produzent, Solo-Künstler, Casting-Coach, Songschreiber für andere Leute – wie teilt sich bei Dir die Arbeit grundsätzlich ein?

Das ist eine sehr gute Frage! Es ist in jedem Fall projektgebunden und es muss natürlich – und das ist die größte Herausforderung – eine Balance bestehen. Ich würde sogar eher noch aufteilen zwischen Herzblut-Projekt und kreative Dienstleistung, das meine ich gar nicht negativ! Zwischen diesen beiden Polen kann ich alle Projekte einsortieren. Da gilt es, die Balance zu halten, zwischen einer Arbeit, die eher kreativ getrieben ist und einer Arbeit, die natürlich auch wirtschaftliche Grundlage für mich ist. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

Das heißt aber, Du lehnst Sachen auch ab, weil Du jetzt künstlerisch keinen Bock drauf hast?

Das klingt immer so negativ! Ich lehne Sachen ab, wenn ich das Gefühl habe, da keine Idee zu haben. Wem ist damit geholfen, wenn ich es nur irgendwie durchziehe? Aber es ist natürlich auch immer eine Kalkulation: Wie viele Absagen kann man sich erlauben, ohne sich dadurch vielleicht auch eine Tür zu versperren.

Du hast ganz viele verschiedene Sachen gemacht. Am bekanntesten ist wahrscheinlich deine Zusammenarbeit mit den H-BlockX in den 90ern, zuletzt natürlich Fury und Pohlmann zu Beginn der Nullerjahre – also alles weitestgehend Gitarrenmusik mit unterschiedlichem Härtegrad. Dann hast Du aber auch Dance-Projekten wie ATB und Guru Josh Deine Stimme geliehen. Wie kam es dazu?

Das war eigentlich ganz lustig. Das war auch so Anfang der Zweitausender, als ich in Berührung kam mit der Dance-Szene durch Anfragen von Plattenfirmen und DJs, die einfach Gesang für ihre Tracks brauchten.

Die hatten dann die Idee zu sagen: Lass doch mal Leute aus einem ganz anderen Genre fragen, ob die Lust haben, zu dem Instrumental einen Gesang zu schreiben und aufzunehmen. Dann bin ich so reingeschlittert in diese Szene. Ich hatte mit der Musik gar nichts zu tun und nur die Texte geschrieben. Ich habe aber gemerkt, es unterscheidet sich im reinen Song-Writing gar nicht groß von dem, was ich sonst mache, nur dass die Instrumental-Musik anders ist. Das hat für mich total den Horizont erweitert. Und natürlich auch die Möglichkeit gegeben, mal international Luft zu schnuppern, weil viele von den Tracks dann auch weltweit in den Charts waren.

Du erzählst gerne die Geschichte, dass Du in den 90ern in fast schon Stalker-Manier den Jungs von Fury in the Slaughterhouse nachgereist bist. Mittlerweile bist Du Songwriter und teilweise Produzent bei denen. Wie hat die Band reagiert, als sie ihren Hardcore-Fan das erste Mal auf der anderen Seite gesehen hat – als Kollegen? Haben sie Dich erkannt?

(Lacht) Ne, erkannt nicht, ich war aber auch nie der Fan aus der 1. Reihe und es lagen auch etwa 20 Jahre dazwischen. Sie hatten schon mal irgendwo von mir gehört, bevor wir dann gearbeitet haben. Durch meine Arbeit mit den H-BlockX und Pohlmann ist mein Name hier und da schon mal gefallen. Dann hat Sönke Reich, der auf meiner EP und bei Wingenfelder das Schlagzeug gespielt hat, Kai und Thorsten [Wingenfelder] die Scheibe in die Hand gedrückt. Dann haben sie mich mit auf Tour genommen und wir haben uns beschnuppert und zusammen Gitarre gespielt. Und dann suchten sie einen „Musical Director“ für ihre Unplugged-Platte. So kam ich dann ins Spiel.

Nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber vom Fan zum Produzenten!

Ich erzähle die Geschichte natürlich immer wieder gerne, weil mit 18 wollte ich so sein wie die und 25 Jahre später darf ich dem Sänger meiner großen Vorbilder sagen: „Ähm, Kai…Du an der Stelle vielleicht mit der Stimme…versuch´s doch nochmal ein bisschen so!“ Das ist schon eine lustige Geschichte.

Wenn man mir das vor 30 Jahren gesagt hätte, hätte ich das so nicht geglaubt!

Bleiben wir noch bei Deiner Produzenten-Tätigkeit. Schon vor Corona gab es für Bands kaum die Möglichkeit, in kleinen Clubs zu spielen. Platten verkaufen sich auch nicht mehr und mit Spotify verdient man faktisch nichts. Man hat den Eindruck, es geht fast immer nur um Casting-Sendungen, an denen Du auch schon mitgewirkt hast. Wie schätzt Du die Chance als Produzent ein, dass junge Nachwuchskünstler*innen noch wirklich auf den Markt kommen können?

Ich glaube, man muss da so ein bisschen unterscheiden. Vielleicht fangen wir ein bisschen klassischer an: Es ist in der Tat so, dass in den letzten Jahren so ein Geschäftsmodell funktioniert hat als Band zu sagen, wir nehmen ein Album auf, arbeiten sehr eng mit unserer Fan-Community zusammen, wir wissen, wenn wir mit diesem Album dann auf Tour gehen und so und so viele Konzerte spielen, dann haben wir das auch irgendwo auf gesunden Beinen stehen und können davon leben. Die spielen in diesem Club mit 300 – 1000 Leuten, und das ist einfach ein tolles Konzept. Dann ist natürlich der Cut gekommen und das funktioniert jetzt nicht mehr. Darum mache ich mir Sorgen, dass dieser Kulturzweig dauerhaft wegfällt, weil die Leute ihr Geld woanders verdienen.

Ich höre ein Aber heraus!

Auf der anderen Seite hast du natürlich heute die Möglichkeit, über die sozialen Netzwerke und über die Streaming-Dienste quasi jetzt einen Song zu schreiben, den heute Abend zu veröffentlichen und morgen damit in der ganzen Welt präsent zu sein. Ich weiß, dass es nicht ganz so einfach ist, wie es klingt, aber es geht theoretisch. Es ist allerdings immer sehr abhängig vom Zeitgeist. Das heißt, man muss das komplette Feld der digitalen Vermarktung und Promotion in irgendeiner Weise abdecken – wieviel Zeit bleibt dann eigentlich noch für das Musik machen? Die Musiker, die jetzt 23 sind, sind so aufgewachsen und die kennen nichts anderes. Ich hoffe einfach, dass diese kulturelle Vielfalt erhalten bleibt und nicht zu viele sagen, das rechnet sich für mich nicht mehr.

Ich habe noch eine letzte Frage: Wie sieht‘s bei Dir konkret in der kommenden Zeit aus? Single ist draußen, sind irgendwann Konzerte geplant oder was steht an?

Ich mache tatsächlich jetzt erst mal für mich so eine kleine Winterpause, um zu schauen, wo es für mich hingeht. Ich werde weiterhin mit Sicherheit an meinem eigenen Programm arbeiten, gut zuhören, wenn mal wieder ein Song angeflogen kommt. Ich werde aber auch versuchen, ein paar neue Felder für mich zu entwickeln. Ich finde es zum Beispiel einfach sehr spannend, auch junge Künstler zu begleiten bei den ersten Schritten, da unterstützend tätig zu sein, so als Ratgeber und Mentor im Hintergrund. Da haben sich gerade schon ein paar ganz spannende Connections ergeben.

Natürlich hoffe ich, dass ich im Sommer irgendwo schön auf einer Wiese, z.B. im Kulturquartier Münster, sitze und mit Publikum ein bisschen Musik mache.

Lieber Jan, ich danke für das Gespräch und bis hoffentlich demnächst bei einem Konzert!

Ich danke und viele Grüße!

 

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Fotocredits: Ingo Stahl (Foto 1,4 Farbe), Christoph Steinweg (Foto 2 Portrait s/w), Wollo@Whiskey-Soda (Foto 3 Konzert)

Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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