SUMMER BREEZE 2019 – Starke Wacken-Konkurrenz im Süden

Am dritten Augustwochenende verwandelt sich die beschauliche, mittelfränkische Kreisstadt Dinkelsbühl analog zum Dörfchen Wacken in Schleswig-Holstein in ein überdimensionales Metal-Camp. Mit rund 45.000 Besuchern auch bei der diesjährigen Ausgabe ist das Summer Breeze Festival das größte Metalfestival in Süddeutschland – und begeistert Jahr um Jahr als ausgelassene, friedliche Metallerparty.

Bereits ab Dienstag war die Anreise auf das Campinggelände möglich, am Abend finden traditionell erste, kleine Warm-Up-Konzerte statt. Wesentlich lebendiger wurde es dann am Mittwoch, sowohl bei den in Scharen anreisenden Metalheads als auch weiteren kleineren Auftritten. Ab Donnerstag beginnt das Schwermetall-Spektakel ganz offiziell, an dem dann auch endlich die riesige Hauptbühne bespielt wird. Über 120 Metalbands aller Stilrichtungen waren heuer am Start und darunter auch zahlreiche „neue“ Perlen zu entdecken. Apropos Neuigkeiten: Das VIP-Camping war dieses Jahr an einem neuen, jenseits der Mainstage Ort zu finden, mit teilweise längeren Wegen zum eigentlichen Festivalgelände. Dort war die Camel-Stage der Wera Tool Rebel Stage gewichen. Der neue Sponsor steht auch für eine neue, ansprechende Doppelüberdachung im Stile fliegender Untertassen.

Das Programm für den Mittwoch war üppig. Unter traten die immer populärer werdenden Schwedenmetaller Soilwork und ihre Landsmänner von Hypocrisy um Frontmann Peter Tägtren auf. Der war zuletzt vor allem mit seiner Kooperation mit Rammstein-Sänger Lindemann in den Musikgazetten zu finden. Für die Whiskey-Soda-Delegation war am Abend das erste Highlight die Show der Südbadener von Thron auf der Ficken-Stage. Die ist nach dem für seinen „Party-Likör“ bekannten Sponsor benannt, und nicht nach unmusikalischen Aktivitäten. Zunächst als reines Studioprojekt ins Leben gerufen, entwickelte sich Thron nach ermutigenden Worten aus dem Umfeld zu einer „richtigen“ Band. Inzwischen hat man zwei bemerkenswerte Alben zur Welt gebracht. Mit dem Charme ihrer sehr gelungenen Hommage an melodische Black-Metal-Bands der Neunziger Jahre haben diese im Metal-Untergrund durchaus Wellen geschlagen. Das Gleiche gilt auch für die Live-Qualitäten der vermummten Herren. Eisige Melodien, derbe Vocals irgendwo zwischen Growls und Screams und messerscharfe, sehr kompakte Gitarrenriffs sind das Markenzeichen. Das Publikum war nicht nur zahlreich vertreten, sondern jubelte den Jungs 45 Minuten lang begeistert zu. Damit dürfte sich die mit augenzwinkernder Geheimniskrämerei um die Identiät der Musiker umgebene Combo für die nächste Einladung nach Dinkelsbühl das Privileg einer größeren Bühne erspielt haben.

Am Donnerstag ging es dann auch endlich auch auf der Mainstage mit Bands los. Avantasia begeisterten als einer der Headliner auf der Mainstage ein breit aufgestelltes Publikum. Die zahlreichen Begleitmusiker wie Jorn Lande und die eingängigen Melodien funktionieren natürlich – die Chartplatzierungen von Tobias Sammet sprechen für sich. Trotzdem wirkte der Hamburger bemüht, redete sehr viel und verhinderte dadurch, daß die Show so richtig in Fahrt kam. Zuvor hatten am frühen Nachmittag die polnischen Death-Metaller Decapitated auf der „T-Stage“ für Atemlosigkeit bei den Headbangern gesorgt. Die Progressive-Extreme-Metaller Meshuggah im direkten Anschluss nach Sammet und Co waren dann ein krasser stilistischer Bruch. Dennoch machte es bei einem Blick in die Runde den Eindruck, als wären nicht weniger Metalheads anwesend als bei Avantasia. Dem anspruchsvollen Musikfreund dürften die vertrackten Rhythmen und beeindruckenden musikalischen Fähigkeiten ein Trost für den Schlager-Metal von Avantasia gewesen sein. Wunderbar, wenn für jeden Geschmack etwas dabei ist. Eines der Erfolgsrezepte der Veranstalter, warum die Fans immer wieder gerne nach Dinkelsbühl reisen.

Der Freitag begann mit einer thüringischen Sympathie-Welle: Deserted Fear sind nach wie vor die leicht selbstironischen Kumpels von Nebenan. Die Aufsteiger der letzten Jahre führen fast jedes grimmige Klischee über Death Metal ad absurdum. Bis auf auf den knallharten, melodischen Sound natürlich. Sonst wurde charmant und unverkrampft gewitzelt. Frontmann Mahne hatte sich am Tag zuvor bei der Arbeit seine Hand verletzt und kann „nur“ singen. Natürlich musste er zärtlichen Spott seiner Buddies über sich ergehen lassen. Basser Seppl wurde für die Show zum Gitarristen auf Zeit befördert und machte seine Sache gut. Gemeinsam führte die Band ihre Fangemeinde rumpelnd an die „Dead Shores“ des letzten Albums. Die Hyperspeed-Powermetaller Dragonforce liefen sich für die Veröffentlichung ihre neuen Albums „Extreme Power Metal“ (VÖ 27.09.19) warm. Inklusive grellem Neon-Bühnenbild im 80er-Jahre-Videospiel-Look. Die Band gefällt nach wie vor, auch wenn man den Jungs aus London Abnutzungserscheinung bei ihrem Konzept „Hochgeschwindigkeits-Shredding“ unterstellen mag.

Nach Skindred und Airbourne stand ein potentielles Highlight mit Kultfaktor an: King Diamond. Und der Herr Kim Bedix Petersen liefert natürlich auf höchstem Niveau das, was von ihm erwartet wird. Eine perfekt inszenierte Grusel-Show mit Statisten und aufwändigem Bühnenbild, echtem Retro-Metal-Feeling und natürlich der unverkennbaren Falsett-Stimme. Parkway Drive bewiesen im Anschluss, daß ihnen keine Bühne zu groß ist. Kein Wunder, die Metalcore-Riesen aus Down Under sind selbst groß. Der Sound war fett, der Gesang mal melodisch, mal brachial und der gesamte Auftritt hatte einen wunderbaren Flow. Wenn die kompakte Festivalshow einer Band wie im Fluge vergeht, ist das ein deutliches Zeichen für eine runde, unterhaltsame Sache. Das attestieren wir den Australiern hiermit amtlich.

Wo letztes Jahr Heilung für elektrisiertes Staunen sorgten, nahmen in diesem Jahr die Schweizer Zeal & Ardor diese Rolle ein. Sie nahmen sie nicht nur ein, nein, sie füllten sie aus. Viel wurde über die Innovationskraft von Frontmann Manuel Gagneux geschrieben, sogar im Feuilleton großer Tageszeitungen. Dennoch können Worte den ungeheuer intensiven Mix aus Gospel und Black-Metal nicht wirklich beschreiben. Wenn der rohe, mehrstimmige, vom Schweiß der Südstaaten getränkte Gesang auf bestialisch-metallische Soundexplosionen trifft, bleibt ein seltenes Gefühl zurück. Nämlich, etwas Einzigartiges abseits bisheriger musikalischer Erfahrungen erlebt zu haben. Grossartig!

Dieses Highlight stellte auch die überaus gelungene Show der Sci-Fi-Metaller Cypecore völlig in den Schatten, auch wenn der Vergleich stilistisch natürlich unfair ist. Die vier Jungs aus dem Raum Heidelberg sind eindeutig eine der interessanteren, neueren Metalbands aus Deutschland. Mit in Ermangelung eines Plattenvertrag recht bescheidenen Mitteln stellt das futuristische Metal-Kommando ein beeindruckendes, stimmiges Gesamterlebnis auf die Beine. Das futuristisch-industrielle Bühnenbild, die in Kostüme mit Leuchteffekten gesteckten, vermummten Cosplayer und natürlich der Dampfhammer-Melodic-Death mit Industrial-Einschlag liessen für eine „kleine“ DIY-Band aus Süddeutschland nur ein einziges, passendes Fazit zu: Spitzenklasse!

Der Samstag stand bereits im Zeichen des Ausklangs einer geilen Zeit mit entspannter Festival-Stimmung. Am Nachmittag fackelten die Burning Witches aus der Eidgenossenschaft einen Scheiterhaufen klassischen Metals auf der Wera-Stage ab. Die Stimme der neuen, niederländischen Frontfrau Laura Guldemond erschien nach der phänomenalen Album-Release-Party heimatlichen Brugg sehr ungewohnt. Dort hatte Anfang des Jahres noch ihre Vorgängerin Seraina Telli am Mikrofon gestanden. Nichtsdestotrotz stellten die fünf Hexen unter Beweis, daß sie die perfekte Hommage der übergroßen Metalbands der Glanzzeiten super beherrschen.

Als krönender Abschluss auf der Mainstage in Dinkelsbühl standen die Folk-Death-Metaller Eluveitie an. Die sind immer eine sichere Bank für ein tolles Konzerterlebnis. Die international tourende, neunköpfige Gruppe ist schon schlicht wegen der vielen Musiker auf der Bühne sehr reizvoll. Aber natürlich nicht nur deshalb. Vielmehr ist es das inzwischen perfektionierte Zusammenspiel der keltischen Folklore-Instrumente wie Flöten, Violine, Mandola und Dudelsack und der modernen Metal-Instrumente. Wenn die keltischen Harmonien auf Riffs und derbe Screams von Frontmann Christian Glanzmann treffen. Wenn Sängerin Fabienne Erni mit ihrer Engelsstimme ein Solo singt oder sie mit ihrer Harfe headbangend auf der Bühne steht und diese unglaubliche Klangexplosion noch mit meterhohen, aus der Bühne schießenden Stichflammen akzentuiert wird, muss man einfach den Metal mit jeder Faser seines Körpers spüren. Von den Crowdsurfer-Zahlen aus betrachtet dürften die Helvetier einen der begeisterndsten Auftritte des gesamten Festivals hingelegt haben.

Für den Ausklang auf den mittelfränkischen Schwermetall-Tagen sorgten am späten Samstagabend dann noch zwei Bands aus Norwegen. Die Symphonic-Black-Metaller von Dimmu Borgir natürlich stilecht mit brennenden Fackeln, Schminke und Kapuzen, dem sehr prominenten Keyboard und den bewährt gruselig-bösen Screams von Frontmann Shagrath. Leprous sind für aktive Whiskey-Soda-Leser ebenfalls keine Unbekannten. Die letzten fünf Jahre ist die Band stetig gewachsen und tritt mit ihrem melancholisch-modernen Prog-Art-Rock inzwischen also auf der Mainstage des Summer Breeze auf, wenn auch als letzte Band um 1 Uhr Nachts. Wir sind überzeugt, dass die Jungs die Chance genutzt haben und mit einem ruhigen Ausklang des Festivals ein paar neue Fans eingesammelt haben.

Nach dem Summer Breeze ist vor dem Summer Breeze. Der Veranstalter steht über Social-Media in engem Kontakt mit der Kundschaft und sammelt bereits Bandwünsche für 2020. Auch wenn dieses Jahr kein GANZ grosser Name dabei war, bildete das Lineup doch absolut den Anspruch der Festivalleitung ab, dass für jeden etwas dabei sein sollte. Wir sind sicher, dass das auch nächstes Jahr so sein wird und werden euch die Neuigkeiten in unserer News-Sektion präsentieren.

Fotos: Christian Appl, Mariana S Mayer
Text: Daniel Frick

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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