Spock's Beard

Snow Live

  • Artist: Spock's Beard
  • Album: Snow Live
  • Label: Metal Blade / Sony
  • Release: 2017-11-10
  • Medium:
  • Bewertung:1+

Als Neal Morse 2002 Spock’s Beard verließ, bedeutete das das Ende einer auch kommerziell äußerst vielversprechenden Geschichte. Die Band hatte gerade das von Kritik wie Fans hochgelobte Doppelalbum „Snow“ veröffentlicht, das in Deutschland sogar bis auf Platz 27 in den Albumcharts kriechen konnte – obwohl der Term „Progressive Rock“ damals noch eher Schimpfwort war. Selbst Steven Wilson reagierte 2002 noch generell eher pissig, wenn man seine Band Porcupine Tree mit Prog in Verbindung brachte. In Kurzfassung: weder Spock’s Beard noch Neal Morse sollten sich von der Trennung allzu schnell erholen, und der Durchbruch in den Mainstream, der 2002 noch durchaus greifbar erschien, erfolgte für keine der beiden Parteien.

Vierzehn Jahre und unzählige Alben später fanden sich nun die Originalbesetzung von Spock’s Beard mit der aktuellen Formation, die auf dem „The Oblivion Particle“-Album gespielt hatte, zusammen, um im Rahmen des Morsefest besagtes Konzeptalbum „Snow“ erstmals live zu performen. Und da jeder von denen auch noch alle möglichen Instrumente spielt und singen kann, ist das Ganze natürlich eine außerordentlich fette Angelegenheit geworden. Neal Morse singt, spielt Gitarre und Keys, Ted Leonard (Enchant) singt und spielt Gitarre, Nick D’Virgilio (Big Big Train) singt und spielt Schlagzeug, dazu kommen Ryo Okumoto (Keys), Dave Meros (Bass), Jim Keegan (Drums) und Neals Bruder Alan Morse an der Leadgitarre. Die Songs profitieren davon allesamt: ob die unfassbaren Harmony-Vocals, die zusätzliche Rhythmusgitarre oder die perfekt arrangierten Doppel-Drum-Parts, es scheint, als ob das alles schon immer hätte so sein müssen. Keine schlechte Leistung bei einem Album, daß seit vierzehn Jahren zu den Lieblingsscheiben des Verfassers zählt. Das Ganze mag in einer Kirche stattfinden, von andächtiger Stille ist auf der Bühne aber nur wenig zu spüren. Im Gegenteil, wenn zum Beispiel bei ‚I’m Sick‘ zusätzlich zu den drei Gitarren noch Saxophon und Trompete dazukommen, rockt und groovt das Ganze wie kaum eine andere Progband. Lediglich das Publikum sitzt brav in den Bänken und bestaunt das Dargebotene. Von vierzehn Jahren Pause merkt man dabei übrigens überhaupt nichts – die Maschine läuft, da greift jedes Rädchen ins Nächste, das groovt, rollt und rockt, wie man das im Prog live immer noch viel zu selten hört.

Über die Songs muss man kein Wort mehr verlieren: „Snow“ ist eines der großartigsten Alben der jüngeren Prog-Geschichte und verbindet in perfekter Weise hochkomplexe Abfahrten und atmosphärische Gänsehautparts mit knackig-rockender Attitude und unwiderstehlichen Ohrwurmmelodien. Ja, es ist leider so: Spock’s Beard sind einfach die besten Musiker für Neals Kompositionen und die Band braucht Neal als Songschreiber. Da ändern auch Namen wie Mike Portnoy oder Paul Gilbert nichts. Keegan (der die Band leider seitdem verlassen hat) und Leonard passen sich dabei ins Original-Lineup perfekt ein. Für gewöhnlich bin ich keineswegs ein Freund von Wiedervereinigungen und Nostalgietouren, aber „Snow Live“ macht eines deutlich: sowohl Spock’s Beard als auch Neal Morse sind trotz nach wie vor hochklassiger Veröffentlichungen eben nur gemeinsam wirklich magisch. Dies beweist auch die Performance des für die 2015 erschienen Best-Of-Scheibe in gleicher Besetzung aufgenommenen ‚Falling For Forever‘, das mit ‚June‘ (immer noch zum Heulen schön!) den Zugabenblock bildet.

„Snow Live“ ist ein großartiges Livealbum, das (ganz ungeachtet der Songs) an Intensität, Spielwitz und Chemie alles schlägt, was die Beteiligten seit ihrer Trennung so fabriziert haben. Beiden Parteien wäre anzuraten, sofort über eine weitere gemeinsame Zukunft nachzudenken – man wäre aus dem Stand wieder diskussionsfrei die beste Progband des Planeten.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.