Rage

The Early Years

  • Artist: Rage
  • Album: The Early Years
  • Label: Soulfood
  • Release: 2017-06-30
  • Medium:
  • Bewertung:0

Etwas verspätet möchten wir noch allen Fans deutscher Metal-History eine Reihe von Re-Issues ans Herz legen. Die stammen zwar größtenteils auch aus dem Bestand des kultigen Noise-Labels, haben aber mit deren „Noise lebt!“-Re-Issue-Kampagne nichts am Hut: die Kollegen von Rage haben nämlich die Rechte an ihrem Noise-Backkatalog mittlerweile zurückerworben und zeichnen für sämtliche Reissues selbst verantwortlich. Unter Regie von Gitarrist Marcos Rodriguesz wurden noch dazu die Archive durchkämmt und jedem Album eine proppevolle Bonus Disc mit unveröffentlichtem Material spendiert.

Den Start macht das „inoffiziell“ Debüt „Prayers Of Steel“, das die Band noch unter dem Namen Avenger veröffentlichte. Die Scheibe ist somit erstmals als eigenständiger CD-Release erhältlich: bislang gab’s „Prayers Of Steel“ nur in den frühen Achtzigern auf LP oder als limitierte Bonus Disc der Erstauflage von „Black In Mind“ – beide mittlerweile ziemlich rar. Wer nun die Frage aufwirft, ob „Prayers Of Steel“ überhaupt als „richtiges“ Rage-Album zählen sollte, den kann man beruhigen: „Prayers Of Steel“ gehört zur Rage-History genauso wie „Perfect Man“, „Black In Mind“ oder „Soundchaser“. Songs wie ‚Battlefield‘ (das in den 1990ern vom „Perfect Man“-Line-Up wieder aufgegriffen wurde), ‚South Cross Union‘ und ‚Assorted By Satan‘ (uiuiui…) sind der typische frühe Rage-Mix aus Speed- und Thrash Metal, und auch besetzungstechnisch ist hier das frühe Standard-Trio Peavy, Jochen Schröder (gtr) und Jörg Michael (dr, später u.a. bei Saxon und Stratovarius) aktiv, diesmal mit Rhythmusgitarrist Alf Meyerratken. Die Lyrics sind allesamt exakt so doof, wie man sich das bei einer jugendlichen deutschen Underground-Metal-Band so vorstellt, irgendwo zwischen Venom, Grave Digger und frühen Celtic Frost, und das Cover fängt den Zeitgeist ebenfalls perfekt ein. Apropos Cover: Im Falle dieser Reissues sind die Artworks tatsächlich qualitativ genauso hochwertig ausgefallen wie die Originale. Hier gibt’s keine rotstichigen, pixelig eingescannten 72dpi-JPGs, sondern tatsächlich perfekte Replikas der originalen Artworks. Etwas Kontrastverbesserung wurde angewendet, aber ansonsten bleiben die Dinger absolut originalgetreu.

Das Wichtigste ist natürlich für den harten Fan das Bonusmaterial. Auf CD 1 wurde die dem Album folgende „Depraved To Black“-EP angehängt, und die Bonus Disc versammelt die ersten beiden Demo-Tapes von Avenger aufgenommen im Februar respektive Juli 1984 plus acht Studio-Rehearsals. Natürlich sind die Teile soundtechnisch ein Fall für harte Achtziger-Demo-Sammler, aber hier wurde sich offensichtlich weit mehr Mühe mit der soundtechnischen Restaurierung gegeben als beispielsweise bei den – weitaus teureren – Boxsets der Kollegen von Metallica. Mit ‚Seven Gates Of Hell‘ und ‚Victim Of Rock‘ finden sich darunter sogar noch zwei komplett unveröffentlichte Songs. Eine schöne Reise in die früheste Entwicklungsstufe der Band – amüsant zum Beispiel, daß die ursprüngliche Demofassung von ‚Prayers Of Steel‘ eigentlich mehr mit dem 1994er Remake von der „Ten Years In Rage“ zu tun hat als mit der ersten Albumversion. Apropos „Ten Years In Rage„: hier findet sich auch die Originalfassung von ‚Destination Day‘, die im Prinzip ein komplett anderer Song ist als die spätere Studioaufnahme.

Das Noise-Debüt „Reign Of Fear“ brachte neben dem Namens- auch den ersten Besetzungswechsel: Alf Meyerratken wurde durch Thomas „Guinness“ Grüning ersetzt. Musikalisch ging es aber weiter in die Kerbe von „Prayers Of Steel“, vielleicht sogar noch einen Ticken Thrash-lastiger. Mit ‚Suicide‘ gab’s auch den ersten „Mini-Hit“, der sich die nächsten zehn Jahre unweigerlich in den Setlisten festbeißen sollte. Die Tracklist gleicht der originalen Noise-CD-Version, also mit dem Outtake ‚Scaffold‘ als Bonustrack, aber ohne die später in anderer Besetzung aufgenommenen Livetracks des Spätneunziger-Remasters (die allesamt in der „Refuge Years“-Box enthalten sind). Die Bonus-CD enthält das dritte, direkt vor „Reign Of Fear“ aufgenommene Avenger-Demo und im Studio aufgenommene Vorproduktions-Demos. Die Soundqualität ist auch hier der Quelle angemessen ordentlich, und mit ‚Stay Wild‘ und ‚Tough Like Leather‘ sind auch wieder zwei komplett unveröffentlichte Tracks enthalten.

Das Folgealbum „Execution Guaranteed“ entstand wieder mit neuem Rhythmusgitarristen – diesmal Rudy Graf, der zuvor bei Warlock gespielt hatte. Im Vergleich zu den beiden Vorgängern nähert sich „Execution Guaranteed“ schon über weite Strecken dem Sound der nachfolgenden Trio-Phase an, sprich, weniger thrashig, dafür melodisch deutlich variabler und eingängiger. Dennoch knallen Songs wie das für die letzte Tour wieder ausgegrabene ‚Down By Law‚ oder ‚Deadly Error‘ (auf dem Cover als ‚Deadly Energy‘ angegeben) noch mehr als ordentlich durch die Walachei – mit dem offen gesagt nervtötenden ‚Streetwolf‘ findet sich aber auch der bis in die Smolski-Jahre unangefochten schlechteste Rage-Song überhaupt. Die Produktion war damals ein großes Thema: gegen den Willen der Band hatte Noise-Labelboss Karl Walterbach angeordnet, daß Tommy Hansen das von der Band selbst produzierte Album noch einmal remixen sollte – und dabei gleich ein paar Synthie-Spuren hinzufügen, die das Album klanglich ein wenig in die Nähe des sich exzellent verkaufenden Helloween-Albums „Keeper Of The Seven Keys Part 1“ rücken sollten. Auf der Bonus-CD ist nun der komplette, von der Band bis heute bevorzugte Originalmix der Scheibe erstmals zu hören, plus eine zwanzigminütige Instrumentaljam. Und, was soll ich sagen: es tut mir Leid, aber ich stehe in diesem Fall eindeutig auf der Seite des Labels, denn der Tommy-Hansen-Remix hat dem Album auf jeden Fall gutgetan. Der Originalmix ist zwar eine historisch interessante Angelegenheit, aber tatsächlich ist jede einzelne Version deutlich schwächer als die schließlich offiziell veröffentlichte Variante.

So oder so, für Rage-Fans – oder generell Freunde altehrwürdigen Teutonen-Metals – sind die drei Alben auch aufgrund der zahlreichen interessanten Bonusstücke unumgänglich. Da auch das Remaster durchaus hörenswert ausgefallen ist, sollte man auch über eine Anschaffung nachdenken, wenn man die Originale bereits besitzt. Eine vorbildliche Arbeit, die definitiv value for money bietet.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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