SELIG – Rheuma-Decken statt Gras

Ist 1993 wirklich schon 30 Jahre her? Mit dieser Frage muss man sich ernsthaft befassen, wenn man auf das aktuelle Tour-Motto der selbstbenannten Hippie-Metaller Selig schaut, die in diesen Tagen eben jenen runden Geburtstag mit einer ausführlichen Konzertreise feiern. Tatsächlich finden sich heute zum Tourstart im rappelvollen Rosenhof in Osnabrück hauptsächlich Menschen, die ganz offensichtlich genauso lange dabei sind, wie zahlreiche T-Shirts (und auch ein paar graue Haare) aus den verschiedenen Band-Epochen eindrücklich unter Beweis stellen.

Mit den gewohnten 15 akademischen Minuten Verspätung geht es mit „Unsterblich“ aus der „Kashmir Karma“-Phase los, mit dem die Jungs sich warmspielen. Beim zweiten Song wird klar, dass heute wirklich tief in die Mottenkiste gelangt wird, und lange nicht gespielte Klassiker zum Vorschein gebracht werden. „Kleine Schwester“, mit der Sänger Jan unmittelbar zum obligatorischen Mitklatschen auffordert, war mehr als zehn Jahre nicht im Gepäck, ebenso wie das etwas später gespielte „Hey Ho“. Für ganz treue Begleiter der Truppe ist „Garten“ das Highlight, das, wie in der dazugehörigen Ansage erklärt wird, seit dem letzten Konzert 1996 vor der Trennung nicht mehr live aufgeführt wurde, dabei aber nichts von seinem wilden und lauten Charakter von damals verloren hat. Die Anwesenden in der Halle sind durchgehend dabei, sie tanzen und singen extrem textsicher mit, selbst bei jüngeren Titeln wie „Myriaden“ oder „Alles ist nichts“. Insgesamt gibt es einen ziemlich wilden Ritt durch alle drei Dekaden, wobei der Schwerpunkt auf dem ersten Karriere-Kapitel liegt. Alle Alben werden im Set abgebildet, einzig die Trennungs-Platte von 1997 „Blender“ bleibt außen vor. Warum das wenig überrascht (und viele andere Hintergründe zur langen Historie), haben uns die beiden Gründungsväter Christian Neander und Jan Plewka übrigens in einem ausführlichen Interview vor der Show erzählt, das Ihr hier lesen könnt.

Von der allerersten Single „Sie hat geschrien“, über „Die Besten“, „Schau Schau“, Bruderlos“ und „Arsch einer Göttin“ sind alle wesentlichen Hits dabei. Man merkt den vier Herren die Aufregung der ersten Show nicht an – im Gegenteil, sie sprühen vor Spiel-Freude. Musikalisch brauchen sie ohnehin niemandem mehr beweisen, was sie draufhaben. Stoppel ist der taktgenaue Herzschlag, der mit Leos Bassspiel das rhythmische Fundament legt, auf dem Christian wie gewohnt seine Soli zaubert, während Jan den Einpeitscher am Mikro gibt. Hier feiert „eine Band“, wie sie zwischendrin betonen, sich und ihre eigene Geschichte mit langjährigen Weggefährt*innen vor der Bühne und alle haben Spaß. Leo legt zwischendrin für ein paar Takte gar sein Instrument zur Seite, um mit seinem Frontmann ein Tänzchen zu wagen. Als Neander ein Plektrum in die erste Reihe verschenkt, witzelt Plewka: „Früher hat unser Backliner die benutzten Pleks in einer Kneipe gegen Gras getauscht, heute würden wir Rheumadecken kriegen!“, was für einen Riesen-Lacher sorgt. Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden geht es mit „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ wie meist auf die Zielgerade. Selig sind Profis genug, um zu wissen, dass der Chor aus dem Publikum so lange weitergesungen wird, bis sie zu den Zugaben zurückkommen. Abgesehen vom vorletzten Titel des Abends „Wir werden uns wiedersehen“ sind jetzt ausschließlich die ersten beiden Scheiben dran, und nach „Wenn ich wollte“ und dem betrunkenen Liebeslied „Ohne Dich“ kommt die Truppe noch ein allerletztes Mal zurück, um Osnabrück mit „Regenbogenleicht“ ein Schlaflied zu singen, wie Jan völlig durchgeschwitzt ankündigt, und alle nach 135 Minuten selig ins Bett schickt.

30 Jahre? Kann doch gar nicht, so frisch wie sich dieser Abend angefühlt hat!

SETLIST

Unsterblich
Kleine Schwester
Arsch einer Göttin
Alles auf einmal
Alles ist nix
Hey Ho
Neuanfang
Lass mich rein
High
Mädchen auf dem Dach
Garten
Bruderlos
Myriaden
Schau Schau
Sie hat geschrien
Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Wenn ich wollte
Die Besten

Ist es wichtig?
Ohne Dich
Wir werden uns wiedersehen

Regenbogenleicht

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Fotocredit: Wollo@Whiskey-Soda

Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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