CULT OF LILITH – Über Zelda, Island und die Faszination des Okkulten

Im September brachte das isländische Metal-Quintett Cult of Lilith nach nur einer EP beim weltbekannten Label Metal Blade Records ihr Debütalbum heraus. Vom Label als eine "hektische Kollision von Death Metal, Prog, komplexen klassischen Strukturen und mehr" beworben, ist "Mara" ein gänzlich eigenständiges und sehr emotionales Extreme-Metal-Album geworden. Grund genug für uns, mit Bandgründer und Gitarrist Daniel Þór Hannesson über die Band, ihre Entstehung, die Faszination am Okkulten, progressive Rockmusik, Videospiele und vieles mehr zu Plaudern. Viel Spaß beim Lesen!

Whiskey-Soda: Euer Bandname hat einen irgendwie okkulten Touch. Die dämonische Figur “Lilith” aus eurem Bandnamen findet sich unter anderem in Sumerischen, Babylonischen und Hebräischen Quellen. Sie kommt in Goethes Faust ebenso vor wie im Talmud, im Feminismus symbolisiert sie als Gegenstück zu Eva den Dualismus weiblicher Sexualität. Da geht einiges! Welche dieser Geschichten hattet ihr im Kopf, als ihr euch für diesen Bandnamen entschieden habt?

Cult of Lilith: Genau das ist ja das Schöne an der Mythologie um Lilith. Diese vielen Facetten und Interpretationsmöglichkeiten sind doch der perfekte Rahmen für einen Kult! Ich wollte schon immer eine Band mit dem Namen “Cult of …” irgendwas gründen. Als ich dann über Lilith gestolpert bin und mich mit dem ganzen Hintergrund beschäftigt habe, wurde mir klar, daß das perfekt passte. Ich möchte gar nicht darauf eingehen, welchen Versionen von Lilith unser Kult jetzt genau gewidmet ist. Das soll durchaus etwas zwiespältig sein, damit der Hörer etwas zu entdecken hat. Mir persönlich haben die Geschichten sehr in ihren Bann gezogen, in denen Lilith als Dämonin der Nacht Männer in ihren Träumen besucht. Sie wird von ihnen mit Nephilimkindern schwanger, die sie in einer anderen Dimension zur Welt bringt.

Was bedeuten der Begriff “Okkultismus” oder okkulte Themen allgemein für dich?

Okkultismus als eine Art düstere Fantasy-Spielart macht großen Spaß! Geheimes Wissen und mystische, übernatürliche Kräfte zu erforschen und sich diese durch Rituale nutzbar zu machen oder mit uralten Wesenheiten in Kontakt zu treten ist einfach faszinierend. Und als solches ist es natürlich eine großartige Quelle für visuelle oder lyrische Kunst.

Ihr bewerbt eure Musik damit, daß sie nicht einfach mit einem einzelnen Metal-Genre beschrieben werden kann. Manch einer würde sagen, daß euch das als eine “progressive” Band kategorisiert. Wie geht es dir mit diesem Etikett beziehungsweise das bedeutet euch der Begriff “Progressive Musik” ganz grundsätzlich?

Mit dem Etikett haben wir absolut kein Problem und es beschreibt unsere Musik auch definitive zu einem gewissen Grad. Trotzdem wollen wir es unseren Hörern überlassen, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Oft verlaufen Genre-Debatten unerfreulich und letztlich bedeutungslos. Als Band ist es uns jedenfalls sehr wichtig, nicht in eine feste Form zu passen. Wir geben uns Mühe, immer wieder Neues in unsere Musik einzubinden und nicht zu formelhaft zu werden. Und das könnte man natürlich auch als “progressiv” bezeichnen. Jedenfalls sind wir von jeder Menge progressive Musik geprägt.

Anfang September habt ihr bei Metal Blade euer Debüt “Mara” veröffentlicht. Ein auf jeden Fall aufregendes, extremes und emotionales Album, Glückwunsch! Gibt es etwas, was du besonders herausstellen möchtest, was dir besonders wichtig ist?

Vielen Dank, es freut mich wirklich sehr, daß ihr “Mara” auf diese Art und Weise aufgenommen habt. Der Aufnahmeprozess war sehr aufreibend und herausfordernd. Wir sind alle Perfektionisten und haben ewig an den winzigsten Details herumgeschraubt. Letztlich bin ich aber überzeugt, daß sich das gelohnt hat. Ich bin überglücklich mit dem Ergebnis und daß ich so offene und talentierte Mitstreiter gefunden habe, die meine Vision für die Band teilen.

In den Presse-Informationen zum Album wird erwähnt, daß das Album auf “gewisse Ereignisse anspielt, die sich in den letzten zwei Jahren im Leben des Sängers ergeben haben, in denen er die intensivsten Seelenqualen erfahren hat”. Möchtest du in diesem Kontext etwas zu den beiden Begriffen “psychische Gesundheit” und “Rockmusik machen” sagen?

Eine herausfordernde Frage! Es ist auf jeden Fall etwas sehr Wichtiges, psychisch gesund zu bleiben. Jeder Mensch hat seine Lebensthemen und muß seinen Weg finden, mit Frustrationen umzugehen. Es gilt immer noch häufig als “unmännlich” über die eigenen Gefühle zu sprechen. Für Menschen, die mit Ängsten oder Depressionen umgehen müssen, ist das eine geradezu toxische Art, zu denken. Es hilft immer, über seine Sorgen zu sprechen und es sollte allgemein viel mehr dazu ermutigt werden. Das Schöne an Musik ist, daß sie eine andere Möglichkeit des emotionalen Ausdrucks ist. Das Texten und Komponieren hilft einem, mit seinen Gefühlen umzugehen. Selbst das “einfache” Hören von Musik kann dabei sehr hilfreich sein und bei manchen Menschen einen fast therapeutischen Effekt haben.

Ihr seid aus Island, einem sehr kleinen Land, aus dem aber viele Bekannte Bands und Musiker wie Solstafir, Skamöld, Björk oder Sigur Ros stammen. Was ist es, was den Boden für Kunst so fruchtbar macht? Fördert die Regierung die Kulturszene besonders stark oder was ist der Grund?

Es gibt bestimmte Förderprogramme der Regierung, aber davon profitiert längst nicht Jeder. Es ist schwer zu sagen, woher das kommt. Ich selbst habe einen großen Teil meiner musikalischen Erziehung und Prägung in den USA erhalten, als ich dort in die High-School ging. Es gibt weltweit viele großartige Künstler und wir ziehen unsere Inspirationen auch aus vielen Quellen außerhalb von Island.

Was ist ein Vor- und was ein Nachteil, als Band aus Island zu sein?

Ein Vorteil ist vermutlich der beschissene Winter. Der zwingt dich dazu, drinnen zu bleiben und das gibt einem mehr Zeit, kreativ zu sein und Musik zu machen. Nachteile gibt es so viele, alleine schon isoliert auf einer Insel zu leben und alles, was damit zusammenhängt. Es macht es schwierig und teuer, außerhalb des Landes auf Tour zu gehen. Es ist teuer, von hier aus Merchandise zu verschicken und so weiter. Glücklicherweise ist die Welt durch das Netz inzwischen so vernetzt, daß es viel einfacher geworden ist, seine Musik einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Früher war das enorm schwer, besonders für ein solches Nischengenre wie Metal.

Gibt es ein Klischee über die Isländer, das deiner Meinung nach nicht wahr ist? Oder etwas Interessantes, das die Welt noch nicht über Island weiß?

Viele denken, wir Isländer würden tatsächlich an Elfen und Trolle glauben. Vielleicht mag es einige rare Ausnahmen geben, aber für die meisten ist es einfach ein verspielter Umgang mit unseren Legenden. Wirklich daran glauben tut niemand. Außerdem hat Island das älteste Parlament der Welt.

Das Cover-Artwork eures Debütalbums unterscheidet sich stark von demjenigen eurer EP. Was kannst du unseren Lesern ganz allgemein darüber oder ganz speziell über den darin enthaltenen Symbolismus erzählen?

Wir wollten für unser Debütalbum den Look eines Ölgemäldes aus dem Barock oder der Renaissance. Eliran Kantor war die perfekte Wahl für diesen Job. Man sieht Lilith, wie sie in einer Waldlichtung in der Luft schwebt. Sie ist schwanger mit einem Nephilim-Kind. Im Vordergrund ragt die skelettierte Hand eines Riesen, eines gefallenen Nephilim, aus der Erde. Liliths Anhänger beten die Hand an.

Ihr Jungs seid eine noch junge Band, aber bestimmt habt ihr vorher alle schon in anderen Bands Musik gemacht. Möchtest du ein wenig über eure musikalischen Prägungen sprechen? Wenn man einige Elemente eurer Musik sieht, könnte man davon ausgehen, dass ihr professionell ausgebildete Musiker seid?

Nein, ich habe keine klassische Ausbildung genossen, ich bin absoluter Autodidakt. Als ich ein Kinder war, fand ich Instrumente allgemein toll und klimperte bei meiner Oma auf dem Klavier und bei meinem Onkel auf dessen Gitarre herum. Als ich so 13 war, bekam ich meine erste Gitarre und begann Lieder von Bands nachzuspielen, die ich mochte. Von da ab entwickelte es sich weiter, dass ich anspruchsvollere Lieder nachzuspielen begann und schliesslich mit meinen eigenen Kompositionen experimentierte. Die meisten der anderen Bandmitglieder haben sich ihre Instrumente ebenfalls selbst beigebracht, teilweise hatten sie Unterricht in einem bestimmten Bereich.

Ich habe auch gelesen, dass Videospiele einen Einfluss auf eure Musik haben. Wie stehst du zu der Frage, ob Videospiele eine eigene Kunstform darstellen?

Meiner Meinung nach sind sie das absolut! Es geht nicht nur um Unterhaltung, sondern sie fordern auch dein Denken heraus und ermöglichen unterschiedliche Sichtweisen auf die Dinge. Manche erzählen grossartige Geschichten als eine Art “visuelle Literatur oder Dichtung”, so wie es auch manche Filme tun. Und was die Animation betrifft, gibt es eine grosse und faszinierende Bandbreite an Stilen.

Möchtest du ein wenig über deine Lieblingsspiele plaudern, oder was ein ambitionierter Musiker sonst so in seiner Freizeit treibt?

Als Heranwachsender habe ich Spiele und Figuren wie Super Mario, Zelda, Final Fantasy, Metal Gear Solid oder God of War geliebt. Ich spiele heute noch ab und an Videospiele und bin fasziniert, in welche interessanten Richtungen sie sich entwickeln. Ich sehe auch sehr gerne Filme und liebe im Besonderen das Horror Genre.

Zum Abschluss darfst du die Interviewfrage beantworten, die dir bisher niemand gestellt hat!

Hmm, vielleicht jene, mit welchen Musikern ich sehr gerne einmal zusammenarbeiten würde? Da gibt es etliche, vor allem aus der elektronischen Musik. Gautier Serre von Igorrr, Richard D. James von Aphex Twin, Liam von Prodigy oder Trent Reznor von den Nine Inch Nails beispielsweise. Außerdem mit dem Sänger von Igorrr, Laure Le Prunenec, den finde ich fantastisch!

Cult of Lilith sind:

Mario Infantes Ávalos – Gesang
Daniel Þór Hannesson – Gitarre, Komposition und Arrangements
Kristján Jóhann Júlíusson – Gitarre, Komposition und Arrangements
Samúel Örn Böðvarsson – Bass
Kjartan Harðarson – Schlagzeug

Cult of Lilith online:

http://www.cultoflilith.com
https://www.facebook.com/cultoflilithband
https://www.instagram.com/cultoflilith
https://cultoflilith.bandcamp.com
https://twitter.com/CultofLilith

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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