NOISEHAUSEN NEW YEAR’S BASH – Mit Vollgas in 2020

Während manch eineR aktuell noch plätzchenschwanger auf dem Sofa herumkugelt, ist die Crew des Noisehausen Festivals schon wieder im Arbeitsbienchen-Modus: Zum Jahresauftakt gab es gleich zwei Mini-Festivalabende mit je drei Bands – nicht ohne Grund, denn das Noisehausen darf in diesem Sommer seinen fünften Geburtstag feiern. Keine Selbstverständlichkeit für ein regionales Event, dessen Veranstalter sich immer wieder mit mächtig Gegenwind seitens Stadt und Bürgern konfrontiert sehen und trotzdem umso motivierter weitermachen. Whiskey-Soda.de schaute beim Noisehausen New Year’s Bash am 5. Januar vorbei. Erste Bilanz: schwitzen macht glücklich.

Den Startschuss gaben an diesem Abend die Lokalmatadore der Emocore-Combo Anyville. Bei der ersten Live-Begegnung vor einigen Wochen fiel das postkonzertale Urteil noch so lala aus, was unter anderem dem mäßigen Sound in der Location geschuldet war. Im Schrobenhausener JuZe GreenHaus bewiesen Anyville nun, was sie wirklich drauf haben: satte Riffs, starke Melodien und Texte, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern teils sehr persönlich sind – das war Sänger Martin Böhner bei der Performance deutlich anzusehen. Die Gratwanderung zwischen Tragik, Melancholie, Wut und Leichtfüßigkeit klappte zwar noch nicht ganz perfekt. Trotzdem gelang es Anyville, das gut gefüllte Venue für die nun folgende Band aufzuwärmen: YOUTH OKAY.

Anyville live beim Noisehausen New Year’s Bash.

Das Sextett aus München beschreibt seinen Sound selbst als Alternative Rock BrassFX. Heißt: der klassischen Band-Besetzung wurden noch ein Trompeter nebst Posaunist hinzugefügt, die mit Hilfe von Effektgeräten die erstaunlichsten Klänge aus ihren Instrumenten locken. Die Posaune fungiert mal als Synthesizer, die Trompete könnte als Keyboard durchgehen. Trotz der noch sehr kurzen Bandgeschichte konnten YOUTH OKAY die ersten Reihen mit frenetischen, textsicheren Fans füllen und lieferten ab dem ersten Song eine energiegeladene, mitreißende Show. Dem Publikum gar nicht erst die Zeit zu lassen sich in schüchterner Zurückhaltung zu üben und sofort alle mitzunehmen, muss man erst einmal schaffen – etwas, das YOUTH OKAY auf beeindruckende Weise beherrschen. Dennoch stand die Performance in einem krassen, aber doch irgendwie logischen Gegensatz zum Kernthema ihrer Lieder: Depression. Sänger Daniel schrie seine Erfahrungen aus dem Verlust seiner Mutter durch Suizid in Titeln wie „Just For A Momet“ oder „Get Up“ ins Mikro, fand bei sehr emotionalen Nummern wie „Supposed to Do“ aber den richtigen, leiseren Ton. Bei manch eineR ZuhörerIn dürfte der Auftritt ein Wechselbad der Gefühle ausgelöst haben. Doch die Message von YOUTH OKAY ist zu wichtig, um sie im stillen Kämmerlein zu belassen: Daniel appellierte an Betroffene, sich zu öffnen und an Angehörige, auf ihre Liebsten zuzugehen, wenn sie sich nicht gut fühlen – denn reden hilft. Und mit fünf, die ihm geholfen haben, steht er schließlich regelmäßig auf der Bühne.

YOUTH OKAY trieben das Energielevel nach oben.

Man könnte meinen, dass der Abend nach einer derartigen Ansage eigentlich gelaufen war. Fehlanzeige! Wer dachte, dass die Stimmung bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte, irrte gewaltig, denn mit den Headlinern Blackout Problems ging die Luzie erst so richtig ab. Stroboskop- und Synthie-Gewitter läuteten den Auftritt der bereits nach zwei Albumveröffentlichungen recht erfolgreichen Münchner Indie / Alternative Rock-Band ein, der Einstieg in die wilde Sause erfolgte dementsprechend kopfüber, ohne Netz und doppelten Boden. Inzwischen sangen nicht mehr nur die ersten drei Reihen bei Tracks wie „Difference“, „Limit“, „How Are You Doing“, „Sheep in the Dark“ oder „Queen“ lauthals mit. Das gesamte JuZe war in Bewegung, einer dieser besonderen Konzertmomente der totalen Einheit und Zusammengehörgkeit bahnte sich an. Das lag so deutlich in der Luft wie der heimelige Geruch der schwitzenden Leiber. Besonders bemerkenswert daran: Blackout Problems hatten es nicht nötig, die ZuhörerInnenschaft mit launigen Ansprachen oder Mitklatsch-Spielchen in Stimmung zu bringen. Die Band zog ihr Set bis auf zwei ebenso späte wie knappe Wortmeldungen quasi naht- und pausenlos durch, die Performance glich in ihrer Schlichtheit sowie Intensität einer lebendigen Kunst-Installation. Das hätte je nach Auditorium in die Hose gehen können, in Schrobenhausen führte es nach einer herzlichen Einladung zum Sprung seitens der Combo zu einem Stagediver-Stau auf den Händen der Menge. Nach einer ausgedehnten Zugabe regnete es aus der ersten Reihe wie einst in Dieter Thomas Hecks „Hitparade“ Rosen auf die Bühne. Hach.

Blackout Problems waren der Höhepunkt des Abends.

Es darf wohl behauptet werden, dass am Ende dieses Abends jedeR glücklich, ausgepowert, aber trotzdem bis unter die Beanie-Krempe vollgepumpt mit positiver Energie das GreenHaus verlassen hat. Das muss dieser mysteriöse Noisehausen-Spirit sein, der bei allen Veranstaltungen unter der Ägide von Andi Baierl mitschwingt. Danke für diesen geilen musikalischen Jahresauftakt!

 

Falls Du selbst von Depressionen betroffen bist oder jemanden kennst, der depressiv ist, hilft die Telefonseelsorge kostenlos unter 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 bzw. unter https://www.telefonseelsorge.de. Angehörige finden nach einem Suizid bundesweit Hilfe bei den AGUS-Selbsthilfegruppen https://www.agus-selbsthilfe.de.

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Blackout Problems Home

Text: Christina Freko & Melanie Sauter / Bilder: Melanie Sauter

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