MUFF POTTER – „Man kann ein Album auch mit Lovesongs füllen, wenn man die entsprechend guten Texte dazu hat.“

Muff Potter feiern nach 9 Jahren vollkommener Abstinenz ihr Comeback. Warum sie mit einem Paukenschlag beim antifaschistischen Jamel Rockt Den Förster-Festival zurückgekehrt sind und wie es dazu kam, dass die Flamme in ihnen wieder lodert - darüber haben wir mit Schlagzeuger Brami und Bassist Shredder gesprochen. Aber auch, warum es junge Bands heutzutage viel schwerer haben, als das Quartett aus Rheine in ihren Anfangstagen.

Wie anstrengend ist die Fragerei danach, warum ihr euch wieder zusammengetan habt?

Brami: „Eigentlich wird mehr danach gefragt, wie es zustande gekommen ist. 2018 hatte Nagel seine Buchpremiere in Berlin und hat eine Band für drei, vier Songs gesucht. Es sollten Songs aus dem Kontext des Buches gespielt werden, darunter waren zwei Muff Potter-Songs. Da hat er dann Shredder und mich gefragt. Inwieweit es da schon Hintergedanken eines wieder aufleben Lassens gab, weiß nicht.“

Shredder: „Was sich bei uns allen die letzten Jahre herauskristallisiert hat, ist dass wir – so stumpf es auch klingt – extrem Bock hatten, wieder miteinander Musik zu machen. Das war der Grund und nicht weil wir denken, man könnte mit einer Reunion noch mal richtig geil Geld verdienen.“

Brami: „Mit Musik Geld zu verdienen ist momentan gar nicht so leicht. „

Was hatte es mit dem Auftritt bei dem Jamel Rockt Den Förster-Festival auf sich?

Shredder: „Im Nachhinein betrachtet war das der perfekte Ort. Die Bands werden dort ja nie angekündigt, es gibt einen Vorhang, der beim ersten Ton fällt – man war auf Knopfdruck nach neun Jahren wieder da.“

Brami: „Es gibt so etwas wie „Muscle-Memory“: Wir konnten die Songs nach der Zeit tatsächlich noch spielen.“

Shredder: „Das war sehr kurzfristig, wir haben zwei oder dreimal vorher geprobt.“

Ihr habt viel herumprobiert, auch mit dem Song „Was Willst Du“. Wie lange stand das Vorhaben noch auf der Kippe?

Brami: „Zuerst gab es nur die Entscheidung, 2019 die Tour zu spielen. Wir haben uns gegenseitig immer gesagt, da fahren wir einfach eine Woche zusammen weg, ganz unverbindlich, alles Weitere entscheiden wir danach … weit danach. Zuerst war es wirklich nur der Plan, die Tour zu spielen. Natürlich hatte jeder im Hinterkopf, wie es danach weitergeht.“

Shredder: „Es ist auch ein Riesenunterschied, ob man mit den alten Liedern auf die Bühne geht oder neues Material hat. Man kann mit dem alten Material auf die Bühne gehen, ohne sich Gedanken um Inspiration zu machen, das funktioniert einfach.“

Ab wann habt ihr euch wieder als Band gefühlt?

Shredder: „Für mich war klar, dass wir weitermachen müssen, als die ersten neuen Songs geschrieben wurden. In dem Moment, wo die vier Leute im Raum stehen und das Feuer wieder an war, war es allen klar. Wenn man sich zum Musikmachen verabredet und es kommt nach vier Tagen nichts bei raus – da braucht man nicht mehr nach einer Antwort zu suchen.“

Muff Potter hat es immer schon ausgezeichnet, textlich Finger in Wunden der Gesellschaft zu legen. Aktuell wirkt es, als toppt ihr das gerade mit Songs wie „Nottbeck City Limits“ um eine Stufe. Wie kam das?

Brami: „Es ist nicht so, dass wir uns bestimmte Themenkomplexe vornehmen und die abarbeiten. Es sind immer Sachen, auf die wir gestoßen wurden, welche uns persönlich tangieren. In Westfalen, wo wir geprobt haben, fuhren die Transporter mit den Arbeiter*innen von Tönnies die Straße auf und ab – das konnte man nicht ignorieren. Nagel ist dem dann nachgegangen und hat richtig recherchiert für den Text, sogar mit dem Pressesprecher von Tönnies hat er gesprochen.“

Shredder: „Es ist kein Konzeptalbum, auch wenn man es im Nachhinein vielleicht denken könnte – das geht sogar uns so. Aber es ist so entstanden und war nicht geplant.“

Mit 6-8 Minuten langen Stücken wie z. B. „Nottbeck City Limits“ oder „Ein gestohlener Tag“ habt ihr ziemlich untypische Stücke für die aktuelle Zeit. Habt ihr keine Sorge, dadurch das Publikum zu verschrecken?

Brami: „Klar haben wir ein Interesse daran, dass die Leute uns hören. Aber gerade „Nottbeck City Limits“ braucht diese Zeit, um sich zu entwickeln. Den Song kann man nicht in drei Minuten quetschen. Wir haben da sogar die Musik dem Text angepasst.“

Shredder: „Der hat die Länge wegen des Textes, nicht wegen der Musik. Als wir den Song geschrieben haben mussten wir – was wir sonst nie tun – den Ablauf mit 30x Strophe, 2x Refrain usw. auf einem Flipchart aufschreiben. „

Fühlt ihr euch freier als junge Bands heutzutage, weil man nicht mehr krampfhaft alles mitmachen muss?

Brami: „Ich glaube, ja. Das ist schon alles echt komplizierter als früher. Wir haben früher Kassetten oder CDs an Jugendzentren geschickt – heute muss man pausenlos Social-Media-Kanäle bespielen. Das ist eine ganz andere Herausforderung.“

… weil man mindestens Marketing-Profi sein muss?

Brami: „Es war früher auch netter: Viele Jugendzentren gibt es nicht mehr, Mitte der 90er gab es eine funktionierende Punkrock-Infrastruktur, wir hatten ganz am Anfang z. B. die Möglichkeit, mit der Band drei Wochen auf Tour zu fahren. Natürlich oft vor zwölf Leuten, aber es gab die Chance, sich auszuprobieren und das ist heute viel schwieriger. Ich finde das nicht beneidenswert.“

Shredder: „Junge Bands jetzt sind auch gezwungen, viel mehr Kompromisse einzugehen, als wir das früher mussten.“

Eure Reunion-Tour wurde mehr als frenetisch abgefeiert. Wart ihr darauf vorbereitet?

Brami: „Nein, gar nicht. Ich weiß noch, dass ich auf der Arbeit war und meine Freundin anrief und meinte, eine Bekannte wollte Tickets für Köln bestellen, aber es gibt keine Tickets mehr. Da lief der Vorverkauf gerade eine halbe Stunde. Ich meinte dann: Ja, da funktioniert bestimmt irgendwas nicht, ich kümmere mich drum. Wir gingen von einem technischen Fehler aus.“

Shredder: „Wir waren da auch nicht vorbereitet, weil am Anfang nur kleinere Läden gebucht wurden, und nach diesem Vorverkauf haben wir, wo es möglich war, noch in größere Läden hoch verlegt. Das mussten wir vorher noch nie machen. Heute hat man ja beim Booking oft schon die Option auf einen größeren Laden dabei – an diese Option haben wir damals nicht mal ansatzweise gedacht.“

Brami: „Ich weiß noch, dass ich unserem Booker, als er die Tour plante, gesagt habe, ich finde diese Größe ganz schön ambitioniert.“

Shredder: „Das ist ja ein gutes Gefühl und eine Bestätigung. Mit dem alten Kram wiederzukommen und es interessiert niemanden ist auch bitter.“

Gleichzeitig waren aber auch viele Leute dort, die euch vermutlich das erste Mal live gesehen haben.

Brami: „Das ist eine weitere Erstaunlichkeit dieser Tour gewesen. Da waren Leute, die waren höchstens zwölf Jahre alt, als wir uns aufgelöst haben.“

Was glaubst Du, woran das liegt?

Shredder: „Man versucht das auch für sich selbst zu analysieren: Wo kommen denn diese Leute her, die früher nicht da waren? In den neun Jahren gab es wirklich gar nichts von uns. Dann ist man wieder da und mehr als die Hälfte sind neue Konzertbesucher. Scheinbar tut es ganz gut, neun Jahre nicht da zu sein.“

Wie sehr möchtet ihr euer Album live präsentieren?

Brami: „Da nehmen wir uns die Freiheit, so viele neue Sachen zu spielen, wie wir das möchten“

Shredder: „Wenn man neue Sachen geschrieben hat, ist das immer am interessantesten, weil da die frische Arbeit drinsteckt. Außerdem bekommt man da auch Reaktionen, welche man noch nicht gewohnt ist. Bei „Take A Run At The Sun“ – da weiß man ungefähr, was passiert und wie reagiert wird. Bei den neuen Liedern wissen wir das nicht.“

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