Bei Aller Liebe

Was sich zuerst noch als zaghaftes Raunen durch sämtliche Fan-, Musik- und Pressekreise zog wurde im Jahr 2022 nun zur Tatsache: Muff Potter sind zurück. Wenn es jetzt mit „Bei Aller Liebe“ (Hucks Plattenksite) das erste musikalische Lebenszeichen seit 2009 von Muff Potter gibt, ist das in etwa so, als ob das Quartett die Zeilen aus dem Song „Das Halbvolle Glas Des Kulturpessimismus“ (aus „Steady Fremdkörper“, 2007) auf sich selbst bezogen hätte:

Ich schrei in Mikrophone, ich tippe um mein Leben. Und manchmal bin ich sicher: Ich hab mein bestes schon gegeben.“

Muff Potter funktioniert einfach nicht ohne musikalisches Finger in Wunden legen, ohne drängende Sozialkritik, ohne für Dinge zu brennen. Keine Sorge, ist zum Glück alles da. Vielmehr ist es so, dass man eigentlich gar nicht weiß, was an den gerade aktuellen Fragen unserer Zeit nicht thematisiert wird: Es geht um nicht weniger als die Frage, in welcher Gesellschaft wir künftig leben wollen. Daran arbeitet sich – textlich von unterschiedlichen Blickwinkeln aus – sowohl „Privat“ als auch „Ich Will Nicht Mehr Mein Sklave Sein“ ab.

Musikalisch sperrig, wütend und anklagend kommt „Wie Kamelle Raus“ daher. Ein Schlagzeugbeat der dem Song die Richtung fast im Alleingang vorgibt, bis sich erst spät die Gitarren hinzugesellen. „Der Einzige Grund Aus Dem Haus Zu Gehen“ hingegen bekommt eine Extraportion nach Versöhnung klingendem Pop verpasst. Ein wenig Hoffnung braucht eben auch eine Muff Potter-Platte, damit die Anpranger-Keule im nächsten Moment umso schwungvoller geschmettert werden kann.

Der Glaube daran, dass die Menschheit es schafft umzudenken, bevor es vollkommen zu spät ist, ist das zentrale Thema auf „Nottbeck City Limits“, natürlich nicht ohne in einer Mischung aus Spoken Word-Performance und wavigem Post-Punk das System Tönnies anzuklagen. Mit 6:54 Spieldauer schimmert hier ganz eindeutig mehr der Autor denn der Musiker Thorsten Nagelschmidt durch. „Schöne Tage“ entlässt die Hörerschaft mit fluffig-verspielten Synthie-Klängen in ein vertontes und aus tiefster Seele geseufztes Eigentlich … Ein Eigentlich, welches die Vergänglichkeit des Moments thematisiert.

Überraschendes hat „Bei Aller Liebe“ nicht zu bieten. Die Band hat sich mit ihrem neuen Werk darauf besonnen, was sie eben am besten kann und bietet ihre Essenz in Reinform. Sich auf musikalische Ausflugspfade zu begeben – dafür war die sieben Alben davor Zeit. Waren Muff Potter von je her eine sehr textaffine Band, hat sich das durch das Autorenleben von Sänger Thorsten Nagelschmidt noch gesteigert: Die Texte kommen oftmals mit so vielen nachhallenden Pointen daher, dass diese sich gar nicht alle auf das erste Hören erfassen lassen. Muff Potter gelingt mit ihrer Comeback-Platte ein richtig gutes Stück wütender Post-Punk, doch nichts anderes haben all jene erwartet, deren Sehnsucht mit den ersten Shows, welche 2019 gespielt wurden, angeheizt wurde. Um noch mal auf „Das Halbvolle Glas Des Kulturpessimismus“ zurückzukommen: Manchmal haben Songtexte einfach doch nicht recht – noch nicht einmal die eigenen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.