Sweden Rock Festival 2015 – On With The Show (Tag 3)

Am dritten Festivaltag kommen AOR-Fans genauso auf ihrer Kosten wie Southern-Rock-Liebhaber. Eine schwedische Kultband feiert ihr Comeback, bevor eine amerikanische ihren Abschied zelebriert. Zu den positiven Überraschungen zählt der Sänger einer US-Hardrockband. Tageshöhepunkt ist eine Gruppe aus Hamburg, die seit mehr als 30 Jahren nicht zusammen aufgetreten ist.


srf2015_t3_01dare2.jpg „AOR-Fans müssen beim Sweden Rock Festival meistens früh wach sein, um die so geschätzten Bands zu sehen, die man eher selten live erlebt. So war es in den vergangenen Jahren mit Treat, Hardline, Robin Beck und Danger Danger. Und so ist es in diesem Jahr mit Dare. Aber es lohnt sich früh aufzustehen, denn die Band um den ehemaligen Thin Lizzy-Keyboarder Darren Wharton spielt zu strahlendem Sonnenschein ein in jeder Hinsicht makelloses Set, dessen zweite Hälfte nur aus Songs vom Kultalbum „Out Of The Silence“ besteht. Dafür werden Dare mit Recht gefeiert.

srf2015_t3_02mollyhatchet.jpg „Den Weg von Jacksonville, Florida nach Sölvesborg, Schweden haben Molly Hatchet schon mehrfach angetreten. Wie gewohnt spielen die überwiegend gewichtigen Southern-Rock-Veteranen einen Klassiker nach dem anderen und erzählen ohne viele Zwischenworte ihre beliebten Geschichten vom „Whiskey Man“, dem „Gator Country“ und dem „Devil’s Canyon“, bevor sie mit ihrer Hymne „Flirtin‘ With Disaster“ das trockene Festivalgelände erschüttern. „Hell yeah!“

srf2015_t3_03alestorm.jpg „Wenn auf der Bühne junge Männer gekleidet sind wie Behelfs-Piraten, dazu ein Umhänge-Keyboard tragen und Marken-Rum aus der Flasche trinken, dann kann es sich nur um die Schotten von Alestorm handeln. Und die liefern eine unterhaltsame Show mit Trashfaktor. Ihre Songs heißen „Walk The Plank“, „Keelhauled“ und „Captain Morgan’s Revenge“. Achja, und die Rückwand der Bühne zeigt ein Bild von einer Banane mit Entenkopf. Da muss man erstmal drauf kommen.

srf2015_t3_04dokkensml.jpg „Eine positive Überraschung sind Dokken. Als 80er-Hardrock-Band in Schweden mit Vorschuss-Lorbeeren bedacht, liefert die Band auch ab. Insbesondere Frontmann Don Dokken, der nach schweren Stimmproblemen zu kämpfen hatte, zeigt wieder eine amtliche Leistung. „Es ist schwer so zu tun, als wär es noch 1987“, stellt er fest. Aber in Sölvesborg klappt es ganz gut. Mit „Kiss Of Death“, „Breaking The Chains“, „Paris Is Burning“ und einer rundum grandiosen Setlist lassen es Dokken krachen. Das funktioniert stimmlich auch ohne die hohen Töne, dafür mit viel Energie. Diese Performance verdient Respekt und wird so bejubelt, dass es Don selbst kaum glauben kann. „Ihr seid so nett hier in Schweden. Das ist großartig!“ Eins stellt er zum Abschied aber sicherheitshalber klar: „Ich bin nicht Jon Bon Jovi.“

srf2015_t3_05opeth.jpg „Während seines Auftritts hatte Don Dokken verraten, welche Band er unbedingt selbst sehen will: Opeth, diese Band ist der Hammer!“ Vom Zeitplan dürfte es gepasst haben, denn Opeth spielen direkt nach Dokken, starten ihr Set mit „Eternal Rains Will Come“. Aber auch wenn sie Don begeistern – das Publikum ist angesichts der anspruchsvollen, progressiven Musik gespalten. Fans und Kenner sind natürlich begeistert. Wer sich aber vorher nicht mit Mikael Åkerfeldt und Co. befasst hat, findet auf dem Festival keinen Zugang zu komplexem Material wie „Cusp Of Eternity“ oder „Deliverance“.

srf2015_t3_06backyard.jpg „Nach fünf Jahren Abstinenz feiern die Backyard Babies auf dem Sweden Rock ein umjubeltes Comeback, das offensichtlich auch professionell gefilmt wird. Zumindest sind viele Kameras in Aktion und halten das wilde Treiben von Dregen und Co. fest. Und das begeisterte Publikum, das bei Songs wie „Brand New Hate“, „Star War“ oder „Minus Celsius“ nur allzu gern mitsingt.

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(Fotos: Philip Dethlefs)


srf2015_t3_07tonycarey.jpg „Während Tony Carey den internationelen Hardrock-Fans besonders als Keyboarder von Rainbow in Erinnerung geblieben ist, kennt man den Amerikaner in Deutschland vor allem für seine Top-3-Single „Room With A View“, die Titelmelodie eines TV-Dreiteilers. Die spielt er in Schweden nicht, dafür reihenweise hochklassige Blues-Rock-Nummern aus seiner umfangreichen Diskographie. Als Tony Carey den norwegischen Gastsänger Age Sten Nielsen auf die Bühne holt, der die Rainbow-Kracher „Tarot Woman“ und „Run With The Wolf“ schmettert, wird es eng im sogenannten „Rockklassiker-Zelt“. Dieser gut einstündige Gig gehört zu den fast geheimen Höhepunkten des Festivals.

srf2015_t3_08lucifer.jpg „Dass die deutsche Rocklegende Lucifer’s Friend ihr Comeback ausgerechnet parallel zum Tagesheadliner Mötley Crüe feiern muss, ist eigentlich nicht fair. Sonst hätten sicherlich noch viel mehr Leute den Weg zur Bühne gefunden. Die Band aus Hamburg ist seit 32 Jahren nicht in dieser Besetzung aufgetreten, präsentiert sich aber in bestechender Form, allen voran ihr legendärer englischer Frontmann John Lawton, bekannt auch von Uriah Heep und … ja … den Les Humphries Singers. Was der 68-Jährige stimmlich leistet, ist nicht von dieser Welt. Grandios! „Moonshine Rider“ hat einen sensationellen Groove. Und „Ride The Sky“ ist immer noch ein Monster von einem Song. Mehr davon bitte!

Das dritte Gastspiel von Mötley Crüe beim Sweden Rock Festival wird voraussichtlich ihr letztes sein. Schließlich ist es die „Final Tour“. Die Setlist mit „Wild Side“, „Looks That Kill“, „Dr. Feelgood“ und unzähligen Hits ist praktisch lückenlos und hat sogar noch Platz für Unerwartetes: „On With The Show“ oder die neueren Songs „Saints Of Los Angeles“ und „Motherfucker Of The Year“. Das zweistündige Konzert mit viel Pyrotechnik und Feuer ist in dieser Hinsicht zwar perfekt, aber für ein Abschiedskonzert spielen Vince, Nikki, Tommy und Mick das viel zu routiniert runter. Zum Finale hätte es gern noch mal das ganze Spektakel mit Schlagzeug-Looping oder ähnlichen Gimmicks sein dürfen. So ist es ein Ende ohne den ganz großen Knall.

Nach dem Crüe-Abschied müssten H.e.a.t eigentlich einen schweren Stand haben. Doch die seit dem letzten Sweden-Rock-Auftritt auf fünf Mann verkleinerte Truppe zieht nach Mitternacht ein großes Publikum an. Was aber ist mit Sänger Erik Grönwall los, der wie von der Tarantel gestochen über die Bühne springt und sich absichtlich selbst ins Gesicht spuckt? Das ist vielleicht etwas extrem für frisches AOR-Material der Marke „A Shot At Redemption“, „Mannequin Show“ oder „The Wreckoning“. Nach ihrem durchwachsenen Festival-Auftritt von 2012 können H.e.a.t auch dieses Mal trotz des guten aktuellen Albums nicht voll überzeugen.

Und sonst? Am dritten Tag spielten auch: M.O.B., Dark Tranquillity, Scott H. Biram, Hatebreed, Evergrey mit einem Akustik-Set, Rock Goddess, Manfred Mann’s Earth Band, Kaipa Da Capo, Blackberry Smoke, Gloryhammer, Wolf, Mad Max, die Pat Travers Band, Marduk und Meshuggah.

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(Fotos: Philip Dethlefs)

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