Nazareth

Loud & Proud

  • Artist: Nazareth
  • Album: Loud & Proud
  • Label:
  • Release: 2018-09-27
  • Medium:
  • Bewertung:1+

Über Sinn und Unsinn des „Deluxe Box Set“ kann man vortrefflich streiten. Wo die Einen bemängeln, dass dem Fan oftmals für bereits bekanntes oder ursprünglich als nicht albumtauglich abgelehntes Material eine ganze Menge Geld abgenommen wird, argumentieren die Anderen, dass es sich hierbei um zeitgeschichtliche Dokumente handelt, die besagtem Fan oftmals erst so richtig den Zugang zur Materie erlauben.
Über was man hingegen nicht streiten kann ist, das die schottischen Hardrocker Nazareth sich bei ihrem aktuellen Box Set „Loud & Proud“ (nicht mit dem fast gleichnamigen Studioalbum zu verwechseln) richtig tief ins Zeug gelegt. Die Band, die in etwa das fehlende Glied zwischen AC/DC und Led Zeppelin darstellt, hat nämlich zu ihrem fünfzigsten Bandjubiläum ein ziemliches Rundum-Glücklich-Paket zusammengestellt. In der fetten und lobenswert stabilen Box befinden sich nämlich für einen Preis von knapp 130€ so viele Schätze, dass es den Käufer fast erschlägt – das satte fünf Kilogramm (!) schwere Teil darf, soviel vorab, als Mutter aller „career-spanning box sets“ bezeichnet werden.
Fangen wir mit dem Vinyl-Inhalt der Box an. Auf hochwertigen schwarzen 180g-Scheiben finden sich zwei Gatefold-Doppel-LPs mit Aufnahmen der BBC, einmal die Bob Harris-Sessions aus den Jahren 1972 und 1973 und zum Anderen ein 1980er Livekonzert aus dem Hammersmith Odeon. Wie bei BBC-Sessions üblich, ist der Sound exzellent und die Performances sowieso. Dazu gibt’s den ebenfalls bislang auf Vinyl unveröffentlichten Originalmix von „Expect No Mercy“ als Einzel-LP und das „Rampant“-Album als schnieke Picture Disc. Drei exklusive 7“ Singles mit den größten Hits der Band als Doppel-A-Seiten runden den Erdöl-basierten Part der Sammlung ab.
Aber es gibt ja noch eine Menge an netten „Zugaben“. Der metallene Anstecker mit dem Skull’n’Wings-Design des Covers (erstmals zu sehen auf dem „No Mean City“-Cover) ist dabei noch eher verzichtbar, spätestens bei dem im Hardcover gebundenen Buch im 12“-Format geht dem Fan aber das Herz auf. Eine umfassende Bandbiografie, die auch die jüngere History der Band ausführlich abhandelt und jede Menge teilweise unveröffentlichter Fotos aus dem Naz-Archiv versprechen für sich schon einige Stunden Unterhaltung. Dazu gibt’s noch Reprints dreier Tourprogramme (eines davon als Riesenposter ausfaltbar), Nachdrucke der Original-Noten zu ‚Broken Down Angel‘ und ‚Bad Bad Boy‘ und den berühmten „Rampant“-Dollarschein, der dem Original in der Erstpressung beilag.
Den Preis von 129 € wäre „Loud & Proud“ im Vergleich zu Konkurrenzprodukten von, sagen wir, King Crimson oder Pink Floyd schon mit dem Vinyl- und Memorabilia-Anteil wert. Was das Ganze aber zur wirklichen Pflichtveranstaltung macht, ist die Tatsache, dass die Band zusätzlich dazu noch ihre komplette offizielle Discografie von „Nazareth“ (1971) bis „Rock & Roll Telephone“ (2014) auf CD beigelegt hat – 23 Alben plus sechs Bonus-CDs mit Non-Album-Singles, B-Seiten, Soundtracks und komplett Unveröffentlichtem wie Demos, Outtakes und Rough-Mixes. Das bedeutet insgesamt also satte 39 (!) Tonträger plus „Spielsachen“ und setzt in Sachen Value For Money neue Maßstäbe. Bei diesem Preis sieht man auch gerne darüber weg, dass die Covers der „Move Me“- und „Boogaloo“-CDs nicht ganz farbecht geraten sind – das ist auch das Einzige, was man hier mit viel Fantasie kritisieren kann.
Ja, und natürlich ist die Box auch musikalisch ohne Vorbehalt zu empfehlen. Die ersten sechs Alben gehören sowieso in jede ernstzunehmende Hardrocksammlung, finden sich dort doch unter Anderem Klassiker wie ‚This Flight Tonight‘, ‚Hair Of The Dog‘, ‚Not Fakin‘ It‘, ‚Razamanaz‘, ‚Silver Dollar Forger‘, ‚Morning Dew‘, ‚Shanghai’d In Shanghai‘, ‚Broken Down Angel‘ und ‚Beggar’s Day‘. Spätere Alben klangen oft etwas kommerzieller, aber noch lange nicht schlechter: ob auf „Close Enough For Rock’n’Roll“ mit Westcoast-Klängen experimentiert, auf „The Fool Circle“ Reggae-Grooves Einzug hielten oder mit „2XS“ ein lupenreines AOR-Album mit den Hits ‚Dream On‘ und ‚Love Leads To Madness‘ aufgenommen wurde, bis 1982 waren Nazareth schlicht unaufhaltsam. Auch wenn die Alben ab den Mittachtzigern ein wenig zu schwächeln begannen und durchaus so manchen Füller enthielten, warfen auch die immer noch genug feinen Stoff wie ‚Hit The Fan‘ und ‚This Month’s Messiah‘ ab. Mit „Snakes And Ladders“, „No Jive“ und „Move Me“ lieferten Nazareth Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger aber nochmal großartige Spätwerke ab, speziell die Rückkehr zu purem, bluesigem Hardrock auf letzteren beiden Alben verhalf der Band noch einmal zu Hochform. Nach dem guten „Boogaloo“ folgten zwar mit „The Newz“, „Big Dogz“ und „Rock And Roll Telephone“ noch drei weniger essenzielle Alben – die nimmt man aber für diesen Preis natürlich dennoch gerne mit. Die beiden Livescheiben „‚Snaz“ (einer DER Liveklassiker) und „Homecoming“ und die Bonus-Discs (mit Non-Album-Perlen wie ‚Love Hurts‘ oder dem als Demo enthaltenen ABBA-Cover ‚S.O.S.‘) runden die Sache perfekt ab.
Für Fans lohnt sich die Box bereits wegen der unveröffentlichten Vinyl-Scheiben und den CDs mit den Outtakes. Und gerade für die, die bislang vielleicht noch nichts oder nicht viel von Nazareth im Regal stehen haben, sollte diese Investition ebenfalls ein Non-Brainer sein – wann bekommt man schon die komplette Geschichte einer fünfzig Jahre aktiven Band für knapp 130€ zu erstehen? Hoher Nutzwert, hohe Qualität und mit wenigen Ausreißern durchweg klasse Musik – wer als Fan bluesgetränkten Hardrocks hier nicht zuschlägt, ist selbst schuld!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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