Knifeworld – Gitarren sind überbewertet …

Vor nicht einmal zwei Jahren hat der britische Tausendsassa Kavus Torabi mit seiner neuen Band Knifeworld bei Inside Out das erste Album veröffentlicht. An der Grundrezeptur des immens ungewöhnlichen Sounds irgendwo zwischen Progressive Rock und Psychedlic Pop inklusive Bläsern hat sich nichts geändert. Im Detail schon. Denn in der relativ kurzen Zeit ist viel passiert. Wir haben mit dem im Iran geborenen Workaholic über Verlust, Erfolg und den Stellenwert von Gitarren auf dem neuen Album "Bottled Out Of Eden" gesprochen.

Whiskey-Soda (WS): Hallo Kavus, wir haben dich im Juli 2014 schon einmal interviewt zur Veröffentlichung eures damaligen Albums. Ihr habt für „The Unraveling“ einiges an positiven Rückmeldungen bekommen, aber die Charts habt ihr damit sicher nicht gestürmt. Wie hat sich dein persönliches und künstlerisches Leben denn seit dem letzten Album verändert?

kavus_torabi_2016.jpg „Kavus Torabi (KT): Hallo. Ja, ich kann mich erinnern, schön wieder mit dir zu sprechen. Also persönlich hat sich kaum was verändert, seit dem letzten Album haben wir ein neues Bandmitglied. Olly Sellwood spielt Bariton-Saxophon und ersetzt Nicki Maher. Künstlerisch gesehen sind wir in dieser neuen Besetzung jetzt seit etwas einem Jahr auf Tour und seither ist die Band deutlich fokussierter und geradliniger geworden. Wir haben uns gegenseitig an die Charakteristika der anderen gewöhnt und das macht es dann natürlich auch leichter, gezielt zu komponieren. Die Charts zu stürmen hätte ich übrigens nie erwartet. Ich mache diese Art von Musik jetzt seit ungefähr 25 Jahren und habe mich da ständig entwickelt und verbessert. In der Zeit habe ich nicht eine Minuten mit dem Gedanken verschwendet, dass das ein grösserer kommerzieller Erfolg werden könnte. Allerdings denke ich, dass das neue Knifeworld Album „Bottled Out Of Eden“ das Zugänglichste ist, was ich in diesen ganzen Jahren gemacht habe.

WS: Ich wette, die knapp zwei Jahre seit dem Erscheinen von „The Unraveling“ war ganz schön was los. Ihr habt unter anderem ne Tour mit Amplifier gemacht, eine Single-Sammlung über dein eigenes Label Believers Roast herausgebracht und natürlich das neue Album aufgenommen und produziert. Hast du denn bei deinen anderen Projekten ein bisschen kürzer getreten oder hast etwas aufgegeben? Ein Tag hat schliesslich nur 24 Stunden, egal wie psychedelisch man drauf ist.

KT: Seit „The Unraveling“ habe ich ein Album mit Guapo und eines mit meiner anderen Band Gong aufgenommen und herausgebracht. Als ich mit dem neuen Knifeworld Album fertig war habe ich ein Album meines Folk-Projektes Admirals Hard abgemischt und aktuell bekommt ein neues Gong-Album von mir gerade den letzten Schliff. Dass ich zwischendrin auch noch mit all diesen Bands auf Tour war, klammere ich jetzt mal aus. Irgendwie schaffe ich es sogar noch Zeit für meine Pflichten als Vater und Ehemann zu finden und ein bisschen Geld ausserhalb der Musik zu verdienen. Die Art von Musik, die ich mache, ist leider nicht so gut bezahlt.

knifeworld1.jpg „Du hast also schon recht, dass ich wahnsinnig beschäftigt bin, aber ich mag das. Ich versuche die verschiedenen Dinge voneinander getrennt zu halten, damit ich mich auf das jeweilige zu 100% konzentrieren kann. Ich muss ehrlich sagen, dass die Musik aus mir herausfliesst. Von daher bin ich sehr dankbar, so viele Möglichkeiten haben, meine Kreativität zu kanalisieren. Bisher sind mir die Ideen jedenfalls nicht ausgegangen. Natürlich ist es ein herausfordernder Lernprozess. Ich entwickle mich auf ganz unterschiedlichen Ebenen als Komponist, Instrumentalist und Live-Künstler weiter. So gesehen hoffe ich, dass ich nicht eines Tages eines davon aufgeben muss, auch wenn das nicht so weit hergeholt ist. Meine Hauptsorge ist, dass ich mich eines Tages wiederhole und aus diesem Grund verändere ich ständig die Variablen bei all meinen Projekten. Letztendlich sind die alle ein gemeinsames, grosses Ganzes, das mich als Künstler widerspiegelt. Was nicht bedeutet, dass manchen Leuten eines meiner Projekte gut gefallen kann und ein anderes überhaupt nicht. Mir steht jedes einzelne sehr nahe und ich schätze sehr, so viele Leute um mich herum zu haben, die mir das ermöglichen.

WS: In der Presseinformation zu „Bottled Out Of Eden“ ist die Rede davon, dass das Album ein Konzept-Zyklus aus elf Liedern ist, die um die Themen Verlust und Hoffnung kreisen. Das klingt so, als wärst du mit persönlichen Verlusten konfrontiert gewesen. Sieht der Prozess des Trauerns bei einem Komponisten anders aus als bei „normalen Leuten“?

KT: Ich hab im letzten Jahr vier sehr gute Freunde verloren. Vier! Ich kann es manchmal immer noch nicht glauben. Der erste war mein Bandkollege Daevid Allen, dem Bandleader von Gong. Kurz danach folgte Nick Marsh von Flesh For Lulu. Beide hatten Krebs. Danach starb ein lieber alter Freund von mir an MS. Er war jünger als ich und Soundingenieur und wir hatten in der Vergangenheit nicht nur zusammen gearbeitet sondern auch gewohnt. Der letzte Fall war nur wenige Tage nach dem letzten Verlust hat mich am stärksten beschäftigt. Es war der Suizid eines unglaublich begabten Musiker und absolut einzigartigen Menschen, dem ich seit meinen Teenager-Jahren nahe stand. Ich erwähne das alles, weil Knifeworld für mich schon immer das intimste meiner verschiedenen Projekte war und ich habe mich immer bemüht, die Texte schonungslos ehrlich zu halten.

knifeworld2.jpg „Nach „The Unraveling“ wollte ich wirklich ein freudiges, peppiges Album machen. Obwohl dann diesen ganzen Todesfälle von Freunden passierten war es mir nach wie vor wichtig, dass es optimistisch klingt. Also habe ich ganz bewusst versucht, aus dieser Erfahrung auch etwas positives herauszunehmen. Im Fall von Daevid war es nicht so schwer das positive zu sehen, weil er auf den Tod vorbereitet war und ohnehin so viel erlebt und getan hatte, dass es für zwanzig Menschenleben gereicht hätte. Für ihn habe ich „High/Aflame“ geschrieben, für die anderen drei weniger. Nick hat eine sehr junge Familie hinterlassen, der ich sehr nahe stehe. Es hat mir das Herz gebrochen. Und weil Knifeworld eben sehr persönlich ist, konnte ich natürlich nicht vermeiden, dass das auch spürbar ist. Ich habe das Album allen vieren gewidmet und hoffe, dass es sich als mein Tribut an ihr Leben und unsere wertvollen Freundschaften als würdig erweist.

WS: Ihr seid ja ein Oktett – das ist in der Rockmusik sehr ungewöhnlich und wahrscheinlich in der einen oder anderen Hinsicht eine ganz schöne Herausforderung. Was hast du als Bandleader diesbezüglich denn bisher Neues gelernt?

KT: Nur, dass ich die Herausforderung liebe. Vor „The Unraveling“ hatte ich noch nie für ein Oktett komponiert. Als jetzt „Bottled Out Of Eden“ anstand, konnte ich ganz spezifisch für diese Gruppe von Musikern schreiben. Jeder ist auf seine Weise ein wundervoll eigenständiger Musiker, was es mir wohl ermöglicht hat, auf eine Art und Weise zu komponieren wie ich es ansonsten nicht gekonnt hätte. Ich fühle mich privilegiert meine Musik mit ihnen zusammen zu machen, es ist eine Freude und Ehre.

WS: Was sagst du zu folgendem Zitat aus einer fiktiven Albumkritik: „Wenn anstelle der Blasinstrumente mehr Gitarren zu hören wären, wäre das Album noch besser geworden. Schliesslich ist Rockmusik Gitarrenmusik.“

knifeworld4.jpg “ KT: Ha! Na gut, für den einen oder anderen mag das eine berechtigte Kritik sein. Aber es gibt da draussen schliesslich genug Alben mit Gitarren bis zum Erbrechen. Als ich mir das letzte Mal die Mühe gemacht hatte das zu beobachten, hatte ich jedenfalls nicht den Eindruck, dass der Welt in nächster Zeit die Gitarristen ausgehen! Ausserdem finde ich Gitarristen in den meisten Fällen total angweilig, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen. Ich höre sehr selten was, dass in den letzten 30 Jahren nicht immer und immer wieder gehört habe. Und das sage ich, obwohl ich selbst Gitarrist bin. Das Interessanteste am neuen Album sind die Bläser, die spielen eine viel wichtigere Rolle als die Gitarren. Ich hab mich als Gitarrist also ganz bewusst zurückgenommen. Ich wollte auch nicht, dass die Scheibe wie ein normales Rockalbum klingt, dem ein paar Blasinstrumente ein paar zusätzliche Klangfarben verleihen sollten. Ich wollte, dass die Bläser eine viel prominentere Rolle einnehmen. Sie geben viel öfter als die Gitarren die Richtung vor. Es ist eine ungewöhnliche Kombination: Ein Fagott, ein Bariton-Saxophon und ein Alt-Saxophon. Diesen Mix habe ich vorher noch nie gehört, aber zusammen klingen die drei richtig magisch! Es gibt ein kurzes Stück auf dem Album mit dem Titel „Vision Of The Bent Path“, das nur von der Bläser-Sektion gespielt wird und es klingt wunderschön. Wir haben sie auch live zusammen aufgenommen. Jetzt, wo ich das einmal gemacht habe, gibt’s kein zurück. Ich habe den Eindruck, dass wir gerade erst an der Oberfläche dessen gekratzt haben, was mit diesem Line-Up möglich sein wird.

WS: Eine letzte Frage, nochmal ein hypothetisches Zitat: „Bestimmte Kunstformen sind ohne den Gebrauch psychedelischer Drogen gar nicht möglich.“ Eine provokative Frage vielleicht, aber wie würdest du antworten?

KT: Ich würde nicht unbedingt zustimmen. Frank Zappa und David Lynch haben es geschafft, absolut psychedelische Kunst ohne den Gebrauch solcher Drogen zu erschaffen. Für mich selbst waren sie in einer bestimmten Phase meines Lebens unverzichtbar. Ich würde das nicht jedem empfehlen, aber auf meine Psyche haben Psychedelika ehrlich einen positiven Einfluss gehabt! Sie haben mir absolut neue Wege und ein neues Verständnis für Kunst eröffnet, von denen ich noch heute zehre. Sie hatten einen tiefgreifenden Effekt auf meine Weltsicht, die Art und Weise wie ich Musik erschaffe und meine Innenwelt. Zudem haben sie mir geholfen, meinen Frieden mit dem Gedanken an die eigene Sterblichkeit und unschönen Erlebnissen in meiner Kindheit zu machen.

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