Gary Moore – Die offizielle Biographie

Im April 2022 wäre Gary Moore 70 Jahre alt geworden. Der in einfachen Verhältnissen im nordirischen Belfast aufgewachsene Musiker starb jedoch bereits im Februar 2011 mit nur 58 Jahren. Seine vielseitige und nicht immer einfache Karriere dauerte mehr als 4 Jahrzehnte und führte ihn über diesen Zeitraum durch zahlreiche Bands und Musikstile. Der für Bücher über Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jack Bruce und Bob Dylan bekannte Rock-Biograf Harry Shapiro widmete dem begnadeten Gitarristen, «der sich im Rampenlicht versteckte» eine umfassende und mit viel Aufwand recherchierte Biographie. Sein Ziel war, «den wahren Gary Moore» hinter dem «berühmtesten unbekannten Gitarristen der Welt zu suchen». Neben 420 Seiten Biographie beinhaltet das Buch auch einen über 70-seitigen Anhang mit einem Kompendium aller Live- und Studioaktivitäten sowie seiner Gitarren, Verstärker und Effektgeräte anhand von Interviewauszügen. Letzteres ist ein wahrer Schatz für alle Gitarren-Technik-Geeks. Für Leser, die sich eher für die Person Gary Moore interessieren, können die detaillierten Schilderungen zu den Albumproduktionen oder dem Finden neuer Bandmitglieder allerdings durchaus ihre Längen haben.

Shapiro geht chronologisch und minutiös anhand der Produktion und Veröffentlichung Moores musikalischer Werke vor, beginnend noch vor der Aktivität in seiner ersten Band «The Beat Boys» im Jahr 1964. Bereits mit 16 Jahren hatte Moore sein problematisches Elternhaus verlassen und war nach Dublin gezogen, wo er gemeinsam mit Phil Lynott während drei Jahren bei Skid Row aktiv war, der «Vorgängerband» der berühmten Thin Lizzy. Mit 21 Jahren erfolgte mit «Grinding Stone» die erste Veröffentlichung unter eigenem Namen. Für die enge musikalische und auch persönliche Freundschaft mit Lynott war Moore früh bekannt und einige seiner größten musikalischen Erfolge entstanden im Rahmen dieser Partnerschaft. Obwohl Moore nur mehrere kurze Phasen zwischen 1971 und 1979 bei Thin Lizzy mitwirkte (u.a. auf dem berühmten Album «Black Rose» von 1979), widmet das Buch der komplizierten, aber innigen Beziehung zwischen Lynott und Moore viel Raum. Das Ergebnis ist ein ungeschöntes Bild der Beziehung zweier eigenwilliger Künstler, die sich in einem Spannungsfeld großer Ähnlichkeiten aber auch großer Gegensätze in ihrer Persönlichkeitsstruktur zeigte. Welche Bedeutung Lynott für Moore hatte, zeigt sich auch in dem Abschnitt über seine intensive Mitwirkung beim Lynott-Tribute-Konzert 2005 im Rahmen der Enthüllung einer Bronze-Skulptur Lynotts in Dublin. (Der Konzertfilm wurde 2006 unter dem Titel «Gary Moore & Friends: One Night in Dublin – A Tribute to Phil Lynott» als DVD veröffentlicht.)

Der Mensch Gary Moore war ein sensibler, unsicherer Mann. Unsicherheit, die von außen vor allem bei Unbekannten oft mit Schroffheit oder Arroganz verwechselt wurde. Dem gegenüber stehen Schilderungen enger Freunde oder seiner jüngsten Tochter, die ihn als liebevollen und lustigen Vater beschreibt. Vermutlich in seiner eigenen Kindheit begründet, war Partnerschaft und Familie einerseits von großer Bedeutung für Moore. Andererseits sorgten die Schattenseiten seiner Persönlichkeit und das unstete Leben als professioneller Musiker dafür, daß sein privates Glück nie lange anhielt.

Ganz anders wird der begnadete Musiker Moore beschrieben. Zielstrebig und professionell, ein disziplinierter Perfektionist, der seine Angestellten fair behandelte, aber auch viel verlangte. Schlagzeuger hat Moore mehr als alles andere «zerschlissen». Er sah sich als (und war auch) der Chef, der ganz klare Vorstellungen zu den kleinsten musikalischen Details hatte. Künstlerische Freiheiten hatten da keinen Platz. Und wenn, dann wenn er mit «ebenbürtigen» oder gar verehrten Musikern zusammenarbeitete. Sehr interessant und unterhaltsam sind die Anekdoten zu seiner Zusammenarbeit mit Ginger Baker und Jack Bruce (Cream), Peter Green (Fleetwood Mac), Greg Lake (Emerson, Lake & Palmer), George Harrison (Beatles) oder den Blues-Legenden B.B. King und Albert King. Zu seinen Fans und Journalisten war Moore freundlich und bescheiden, er hielt nichts von «Rock-Star-Allüren». In künstlerischer Hinsicht war er höchst eigensinnig und machte immer das, was ihn gerade musikalisch interessierte und herausforderte. Kommerziellen Erfolg oder die Meinung von (Musik)kritikern ordnete er dieser künstlerischen Integrität stets unter. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum er es nie zum «ganz großen Star» brachte, obwohl die Liste seiner Verehrer gerade unter Gitarristen lang und prominent besetzt ist.

Auch mit zahlreichen Gerüchten und Fehlinformationen zu den Todesumständen von Gary Moore im Februar 2011 räumt der Autor in seiner Biographie endgültig auf. Weder ein Herzinfarkt, noch eine Alkoholvergiftung waren der Grund für den frühen Tod des nordirischen Gitarristen. Vielmehr starb Moore eines natürlichen Todes auf dem Hintergrund eines allgemein verschlechterten Gesundheitszustands, unter anderem einem nicht diagnostizierten Herzleiden. Wie auch anderen Dingen hatte Moore dem jedoch keine Aufmerksamkeit geschenkt und sich auch von den engsten Angehörigen nicht überreden lassen, sich in medizinische Behandlung zu geben. So war Moore. Geradlinig, eigenwillig und integer. In einem Interview im Belfast Telegraph aus dem Jahr 2004, antwortete er auf die Frage, wie er nach seinem Tod in Erinnerung bleiben möchte:

«Oh fuck, I don’t know. However they want! As somebody that didn’t bullshit. Whatever I did, at least I meant it. That’s all I can say really cos I usually do mean it. I’m not full of shit like a lot of people. Whatever I do, whether it sells or not, at least I mean it at the time and I’m honest about it. Which I think is the only way to be. »

Belfast Telegraph, 2011

Was für ein Mann. Was für ein Gitarrist. Was für ein Künstler. Er fehlt.

Harry Shapiro, «Gary Moore – Die offizielle Biografie», Hannibal Verlag, 1. Auflage, 7. Juli 2022

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.