Kategorie: reviewbook

Gary Moore – Die offizielle Biographie

Im April 2022 wäre Gary Moore 70 Jahre alt geworden. Der in einfachen Verhältnissen im nordirischen Belfast aufgewachsene Musiker starb jedoch bereits im Februar 2011 mit nur 58 Jahren. Seine vielseitige und nicht immer einfache Karriere dauerte mehr als 4 Jahrzehnte und führte ihn über diesen Zeitraum durch zahlreiche Bands und Musikstile. Der für Bücher…

Rainbow in the Dark – Die Autobiografie

Im Mai 2010 erlag Sänger und Metal-Kultfigur Ronnie James Dio seinem Krebsleiden. Die Karriere des Italo-Amerikaners umspannte an die 50 Jahre Bühnenpräsenz und die Mitgliedschaft in genredefinierenden Bands wie Rainbow, Black Sabbath und Dio. Nun erschien posthum die zu großen Teilen noch zu seinen Lebenszeiten vom Sänger selbst verfasste und vom Musikjournalisten Mick Wall und Dios Ehefrau Wendy vervollständigte Autobiografie.
Das Buch umfasst die Lebensgeschichte von Dio von seiner Kindheit in einer Kleinstadt im Staat New York bis zum absoluten Höhepunkt seiner Karriere: Dem Auftritt mit seiner Band Dio im berühmten Madison Square Garden im Juni 1986. Damit bleiben zwar mehr als 30 Jahre in der zweiten Lebenshälfte des Musikers offen, im Vorwort deutet seine Witwe jedoch eine mögliche Fortsetzung an.

Von seinen Anfängen als Musiker (Trompetenunterricht unter den strengen Augen des italienischen Vaters) in der ersten Klasse führt Dio den Leser über die ersten Bands in Jugendtagen bis zu seiner kreativen Zusammenarbeit mit zwei der größten Gitarristen der Rockgeschichte: Mit Richie Blackmore von Deep Purple gründete er Rainbow. Mit Tony Iommi wirkte er von 1979 bis 1982 bei Black Sabbath mit, unter anderem auf dem Genre-Meilenstein „Heaven and Hell“. In den 90er Jahren und am Ende seiner Karriere war Dio nochmals für einige Jahre Sänger von Black Sabbath und spielte mit Iommi auch bei der Supergroup Heaven and Hell.

Neben amüsanten und emotionalen Anekdoten aus Kindheit und Jugend, vom jahrzehntelangen Tourleben als aufstrebender Musiker und den geschäftlichen Aspekten des Musikgeschäfts stellen die Jahre der Zusammenarbeit mit Blackmore und Iommi den interessantesten Teil des Buches dar. Offen und ehrlich erzählt Dio von den komplizierten Beziehungskonstellationen und Konflikten zwischen eigenwilligen Rock-Star-Alpha-Tieren, zu denen der Künstler selbst zweifelsohne gehörte. Die Erfahrungen, „nur als Sänger“ stets künstlerische Zugeständnisse machen zu müssen, mündete schließlich in das unbändige Verlagen, seine eigene Band zu gründen. Dio veröffentlichte sein erstes Album, den Genre-Meilenstein „Holy Diver“ mit seiner eigenen Band schließlich im Jahr 1982. Seine Entscheidung, die absolute und alleinige Kontrolle über seine Musik zu haben, stellte sich als richtig heraus. Von da an ging es steil bergauf und auch kommerziell schaffte der schmächtige Italo-Amerikaner damit den lange und hart erarbeiteten Durchbruch: In seiner Karriere verkaufte er alleine mit Dio über 20 Millionen Platten.

Die bewegte und bewegende Lebensgeschichte portätiert einen authentischen, tiefgründigen und humorvollen Künstler, der aber auch Getriebener und Perfektionist war. Mit großer Leidenschaft und unermüdlichem Ehrgeiz arbeitete und lebte Dio letzlich nur für Eines: Für seine musikalische Vision und für seine Fans.

Im Pantheon der größten und prägendsten Musiker in der Geschichte der Rockmusik und des Heavy Metal nimmt Ronald James Padavona an der Seite von anderen Größen wie John Lennon, Lemmy Kilmister oder Kurt Cobain seinen wohlverdienten Platz ein.

„Jemand erzählte mir einmal, dass Haie immer weiterschwimmen müssen, weil sie sonst sterben. Genau dieses Gefühl trieb mich an.“ (Ronnie James Dio; 1942-2010)

20 Years Down The Road – How To Survive As A Rock Band II

„Wie kommt man bloß auf so ein´ bescheuerten Bandnamen?“, fragten Cucumbermen in den 90´ern in einem ihrer Songs. Wenige Jahre später gründeten sich Itchy Poopzkid. Geschichte wiederholt sich halt. Im Gegensatz zu den Erstgenannten gibt es Itchy immer noch. Allerdings haben sie ihren Namen auf ein deutlich erträglicheres Maß eingedampft, und haben nun mit „20 Years Down The Road – How To Survive As A Rock Band II“ die Geschichte ihrer Gruppe und noch viel mehr in Buchform veröffentlicht.

Sehr wohltuend gehen sie dabei nicht – wie in den meisten Bandbiografien üblich – Jahr für Jahr und Album für Album durch, sondern packen ihre Geschichte in 16 geclusterte Themenbereiche. Dabei geht unter anderem um Freundschaft innerhalb der Truppe und zu Kolleg*innen, Umgang mit den Medien, besondere Auftritte, Plattenfirmen, politisches Engagement und sogar ein Kapitel lang über das Wetter (!). Die Jungs schildern in einer Mischung aus Erzählung und Kommentierung ihren Werdegang. Dass sie sich selbst nicht (zu) ernst nehmen und über sich selbst lachen können, wird dabei immer wieder deutlich. Neben Fakten werden peinliche Aussetzer (meist war Alkohol im Spiel) ebenso erzählt, wie Skurrilitäten: ob ein mehrfach gesprengter Wal, ein Voll-Playback-Auftritt in der Kulisse der Schlagersendung „Immer wieder Sonntags“, gefakte Blink-182-Merchandise-Artikel mit dem Konterfei von Itchy oder stur abgelehnte Karriereschritte aus Credibility-Gründen, es bleibt stets unterhaltsam und interessant.

Dazwischen kommen immer befreundete Künstler*innen zu Wort. So berichten Ingo Donot, Montreal, Jennifer Rostock oder Madsen von ihren Gemeinsamkeiten mit den Herren – sowohl musikalisch als auch abseits des Geschäftes. Immer wieder eingestreut werden Einträge aus Tour-Tagebüchern oder echte Bewertungen aus Ticket-Portalen. Jede Menge Bilder aus 20 Jahren runden die Geschichten ab. Neben offiziellen Promo-Fotos gibt es zahlreiche Schnappschüsse und Zeitungsausschnitte zu sehen.

Wer eine klassische chronologische Historie erwartet, wird von diesem Buch vermutlich enttäuscht sein. Das war auch nicht das Ziel von Sibbi, Panzer und Max, und genau deshalb macht dieses Buch auf 250 Seiten einen Riesenspaß. Man muss dazu nicht unbedingt Fan sein oder zwingend ihre Musik kennen. Es reicht, wenn man grundsätzlich Interesse an kurzweiligen musikalischen Storys, Geschichten hinter den Kulissen und dem Rock ’n‘ Roll-Lifestyle hat.

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Heute Pläne, morgen Konfetti (Buch)

„HU-HA!“

Der langjährige Konzert-Schlachtruf der Donots aus Ibbenbüren findet in ihrer Biografie „Heute Pläne, morgen Konfetti“ seltsamerweise keinerlei Berücksichtigung. Ansonsten beleuchtet der langjährige Visions-Chefredakteur Ingo Neumayer – in enger Zusammenarbeit mit der Band – auf 360 Seiten so ziemlich jeden Blickwinkel der mittlerweile 27-jährigen Karriere der sympathischen Punkrocker aus dem Münsterland. Von den ersten Schritten im Knollmannschen Kinderzimmer, bis zu den großen Jubiläums-Shows zur „Silverhochzeit“, alle Karriereabschnitte werden erzählt.

Mit sehr viel Liebe zum Detail werden die typischen Gehversuche einer rumpeligen Schülerband mit begrenzter Instrumenten-Kompetenz beschrieben, die sich nach und nach zu Profi-Punkern entwickelt.

Besonders interessant in der Darstellung ist, dass Neumayer nicht nur die offensichtlichen Meilensteine in Form von Alben und Tourneen aneinanderreiht, sondern immer ein Ohr für das Innenleben der Band hat. Natürlich werden die Höhepunkte und Erfolge aufgezeigt, spannend sind aber insbesondere all die Schwierigkeiten, die die Truppe über die Jahre begleitet haben: Künstlerische Differenzen mit der Plattenfirma, musikalische Blockaden, gesundheitliche Probleme, massives Nachlassen in der Fan-Gunst und sogar heftigste finanzielle Probleme – nichts wird ausgelassen oder beschönigt.

Dabei wird wohltuend auf ein boulevard-journalistisches Ausleuchten des Privatlebens verzichtet. Es gibt zwar ein paar Hinweise auf die Familien der Bandmitglieder, aber immer nur, um verschiedene interne Entscheidungen zu erklären. Um ein möglichst umfassendes Bild der Donots zu zeichnen, kommen neben den Mitgliedern der Gruppe zahlreiche Weggefährten zu Wort, die sich zur Geschichte äußern. Ob Frank Turner, Campino, Thees Uhlmann oder die Beatsteaks, alle finden lobende Worte.

Ergänzt wird die Erzählung durch unzählige Fotos, die auf fast jeder Seite zu finden sind. Auch hier achtet der Autor weniger auf reine Hochglanz-Optik, sondern setzt auf Authentizität. Neben offiziellen Promo-Bildern gibt es zahlreiche Schnappschüsse aus dem Tour- oder Studioleben.

Vor 20 Jahren waren die Donots erstmalig mit „Pocketrock“ in den Charts zu finden, das letzte Werk „Lauter als Bomben“ stieg sogar in die Top-Five ein. Trotz der Erfolge bleibt – auch coronabedingt – am Ende des Buches ausdrücklich offen, wie es mit der Band konkret weitergeht. Nach der Lektüre dürfte den Lesern aber klar sein, dass die Herren noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte sind und dieses Buch nur der erste Teil der Bandhistorie ist. Auf die Fortsetzung darf man jetzt schon gespannt sein!

Wie Sänger Ingo das Buch findet, könnt ihr bei uns im Interview lesen!

 

Das Buch ist ab dem 16.04.2021 in jedem gut sortierten Buchhandel erhältlich und kann signiert im Bandshop vorbestellt werden.

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Fotocredit: Tobias Sutter

Leather Rebel – Mein Leben mit Judas Priest

Judas Priest sind in der Metalwelt Legenden. Die Leder-und-Nieten-Outfits, Sänger Rob Halford, der mit dem Motorrad auf die Bühne fährt und Alltime-Klassiker wie ‚Living After Midnight‘, ‚Breaking the Law‘ oder ‚Painkiller‘ kennt jeder noch so grüne Metalhead. Ihr Sound mit zwei E-Gitarren war stilbildend und wurde nach dem gleichnamigen Album als „British Steel“ bekannt, Halford als „Metal God“. 2019 feiert die Band den 50. Geburtstag seit ihrer Gründung als Bluesrock-Band im später als Heavy-Metal-Wiege bekannt gewordenen, mittelenglischen Birmingham. Nach der Band-Biographie „Der stählerne Weg von Judas Priest“ von 2007 legt nun der 2011 ausgestiegene Gitarrist Kenneth „K.K.“ Downing als erster Musiker der Gruppe seine sehr persönliche, ungeschönte Sicht auf die Bandgeschichte vor.

In den ersten Kapiteln beschreibt Downing sehr berührend seine Kindheit in ärmlichen Verhältnissen. Die ganze Familie leidet neben den harten Lebensverhältnissen der Nachkriegsjahre unter dem psychisch kranken Vater. Der junge Kenneth wird so für sein ganzes späteres Leben in seiner Persönlichkeit geprägt und verlässt die Familie mit bereits 15 Jahren. Die Rolling Stones beeindrucken ihn, und vor allem Jimi Hendrix, den er mehrfach live erlebt und der in ihm den Wunsch weckt, Gitarrist in einer Band zu werden. Die mühseligen und langen Lehrjahre als Band werden mit dem Ziel vor Augen erträglicher. Downing beschreibt unterhaltsam seine in diesen Jahren begründete, zielstrebige Arbeitseinstellung, das gänzlich unspektakuläre Kennenlernen von Rob Halford, den ersten Plattenvertrag 1974 und die Geburtsstunde des Looks als „Rebellen in Leder“ als seine Idee. Danach nehmen vor allem die Beschreibungen der Produktion der ersten Alben einen grossen Raum ein.

Gemeinsame Auftritte mit Led Zeppelin, Teetrinken mit AC/DC, die Rivalität zu den aufstrebenden, aufmümpfigen Iron Maiden, lange Partynächte mit Groupies nach Aufnahmesessions auf Ibiza, Golfspielen mit Def Leppard, die kurzweiligen Anekdoten sind zahlreich und geben einen interessanten Einblick in die Band- und Persönlichkeitsstrukturen. Vor allem natürlich diejenige von Downing, die sich zumindest sehr stark mit den Erfahrungen aus der Kindheit erklären lassen. Die letzten Kapitel sind dann nochmals besonders interessant. Downing legt sehr persönlich seine Gründe für den Ausstieg aus der Band dar, reflektiert darüber, warum er ledig geblieben ist und schliesst mit einem dankbaren, bodenständigen und dennoch selbstbewussten Fazit das Buch ab. Klare Empfehlung nicht nur für Priest-Fans.

Deep Purple – Die Geschichte einer Band

Deep Purple sind nach wie vor eine der bekanntesten und beliebtesten Bands des kompletten Classic-Rock-Zirkus und verfügen über eine höchst bunte und (personell) wechselhafte Bandhistory. Eigentlich verwunderlich, dass es bislang nur eine einzige Bandbiografie in deutscher Sprache gibt, die die komplette History der Britenrocker aufrollt. Diese nennt sich „Deep Purple – Die Geschichte einer Band“ und stammt von Michael Sailer und Jürgen Roth. Die Autoren haben mit dem fünfhundertsechsundsiebzigseitigen Wälzer, der mit Ausnahme von zehn Seiten Schwarzweißfotos in der Mitte und den Albumcovern komplett ohne Bilder auskommt, die komplette Story bis 2007 (als die erste Auflage des Buches erschien) behandelt. Von den ganz frühen Tagen als Roundabout über die Spät-Beat-Phase, die Mark II-Erfolge, die Coverdale/Hughes-Ära, die Reunions, selbst der Spätphase wird fast ebenso viel Raum eingeräumt wie den Hitjahren. Jedes Bandmitglied wird auch zumindest kurz biografisch vorgestellt, so dass man auch einen knappen Einblick in deren Leben außerhalb der Band bekommt.

Alles top also? Leider muss diese Frage mit einem ausdrücklichen „Nein“ beantwortet werden. Der Informationsvielfalt, die allerdings viel der 2004er Biografie von Dave Thompson schuldet, steht nämlich gut zur Hälfte (!) wenig sinnvolles Füllmaterial entgegen, in dem die Autoren sich selbst mit privaten Anekdoten, höchst subjektiven Albumrezensionen und „Essays“ mit fragwürdigem Unterhaltungs- und Nutzwert abfeiern. Dabei agieren die Autoren auf dem sprachlichen und intellektuellen Niveau eines Online-Fanforums. Natürlich, man erwartet bei einer Bandbiografie nicht unbedingt literarisches Niveau, doch in diesem Fall könnte man aus den 570 Seiten problemlos ein 250seitiges Buch destillieren, ohne dabei eine einzige relevante Information auszulassen. Als Beispiele seien hier die „virtuelle Unterhaltung“ der Mark II-Besetzung, die die Autoren aus diversen Interviewschnipseln „zusammengesetzt“ haben, eine Abhandlung über Deep Purple und Fußball, eine über Deep Purple und das Essen sowie die „Fragen eines musikhörenden Arbeiters der Stirn“ genannt (kein Witz!). Der pathetische Tiel des Letzteren verrät dann auch gleich das große Problem mit diesen Parts: Sailer und Roth halten sich – wie die meisten Internettrolls – für enorm witzig und dem „gemeinen“ Fan weit überlegen, beweisen aber im Laufe des Buches regelmäßig, dass es mit ihrer musikalischen Expertise nicht allzu weit her ist.

Denn natürlich wird verbal ordentlich auf den Rest der Siebziger-Hardrock-Blase wie Led Zeppelin, Black Sabbath oder ganz besonders Uriah Heep eingedroschen. Speziell Heep werden so oft mit rüden Worten abgewatscht, dass anzunehmen ist, dass Mick Box mindestens einem der Autoren höchstpersönlich mal die Frau geklaut haben muss. Auch wer einen Tony Iommi als Nichtskönner (Zitat!) abtut, diskreditiert damit vornehmlich sich selbst. Und da die Schreiberlinge zu der Sorte Deep Purple-Fans gehören, die außer der Mark II-Besetzung nichts Anderes akzeptieren, finden sie auch jede Menge harte Worte für alle, die nicht Blackmore (vor allem!), Lord, Gillan, Glover oder Paice heißen. Ob David Coverdale, Joe Lynn Turner oder Glenn Hughes – laut Sailer und Roth allesamt bestenfalls talentlose Fabrikarbeiter, gelegentlich gar Dilettanten oder fiese Trittbrettfahrer auf dem Genie-Zug der Band. Auch diverse Alben von Deep Purple selbst werden oftmals mit markigen Worten abgestraft – so gibt es beispielsweise eine mehrseitige Abhandlung, warum man ‚Smoke On The Water‘ eigentlich als ernsthafter (gähn!) Deep-Purple-Fan verabscheuen sollte, nein, muss. „Come Taste The Band“ war natürlich auch purer Mist, „Machine Head“ nur mitteltoll, die MK I-Besetzung generell für’n Popo. Blackmore-Gattin Candice Night wird bisweilen mit so unfassbar tief unter der Gürtellinie angesetzten Beleidigungen traktiert, dass zu befürchten ist, das hier ein komplexes psychosexuelles Drama verarbeitet wird. Rod Evans war nur ein verhinderter Schlagersänger, genau wie Joe Lynn Turner, und Whitesnake, Captain Beyond und Glenn Hughes‘ komplettes Solowerk sind auch verabscheuungswürdig bis strafbar, mindestens aber komplett peinlich. Und so weiter und so fort. Natürlich, all das ist luftleeres Geschwätz auf dümmlichem Stammtischniveau, argumentieren wollen oder vielmehr können die Schreiber diese Provokationen – natürlich – nicht. So bleiben hohle Phrasen, die auch nicht automatisch dadurch haltbarer werden, dass man sie auf Papier druckt.

Kurz: die Autoren haben hier keine Biografie, sondern ein ziemlich uninteressantes „Wie ich Deep Purple sehe“-Buch geschrieben. Und da Meinungen bekanntlich wie Arschlöcher sind (jeder hat eins), ist der Unterhaltungswert des Buches somit für alle, die nicht selbst daran mitgeschrieben haben, ziemlich gering. Wer über entsprechende Englischkenntnisse verfügt, dem sei Dave Thompsons Biografie „Smoke On The Water“ ans Herz gelegt, das vorliegende Machwerk wird seinem Thema aber nicht im Geringsten gerecht.

Roger Miret: Wie man elegant auf Messers Schneide balanciert

Manch eine Musiker-Biografie liest sich wie ein Märchen: Es war einmal ein talentierter junger Songwriter, der mit viel Engagement und Herzblut für seinen Traum kämpfte, die richtigen Leute traf und schließlich den großen Wurf landete. Der Rest ist Geschichte, der Musiker berühmt bis ans Ende seiner Tage. Amen. Die Karriere von Agnostic Front-Sänger Roger Miret…

Progressive Rock – Pomp, Bombast und tausend Takte

David Weigels journalistisches Hauptbetätigungsfeld ist eigentlich die Politik. Der Amerikaner ist aber darüber hinaus noch ein eingefleischter Musikfan. Genauer gesagt, ein echter Progger. Mit seinem in den USA schon im letzten Jahr erschienenen, schlicht „Progressive Rock“ betitelten Werk hat er sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des in den letzten Jahren durchaus wieder populären Genres…

Van Halen – Teufelspakt

Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Oder zumindest überwindet sie alle Verschwiegenheitsklauseln. So kann nun Noel Monk, der Van Halen in der ersten David Lee Roth-Ära als Manager betreut hat, heuer endlich seine Erinnerungen an den Aufstieg (und Fall) der Band zu Papier und unters Volk bringen. Der daraus entstandene Schmöker, der im Deutschen den Titel „Teufelspakt“ (OT: „Running With The Devil“) trägt, ist nicht nur Pflichtprogramm für Fans von Eddie und Co, sondern ein höchst unterhaltsames Zeitzeugnis einer Ära, in der der Rock’n’Roll langsam, aber endgültig seine Unschuld nicht nur verlor, sondern sie mit beiden Händen und höchst freiwillig von sich warf, um im nie endenden Exzess zu baden.

Groupies, Drogen, Orgien, verwüstete Hotelzimmer, Ego-Kapriolen – alles hier. Was „Teufelspakt“ aber von ähnlichen „Kiss & Tell“-Büchern unterscheidet, ist die Sympathie für die Band, die auf jeder Seite durchscheint – trotz der Beschreibung definitiv skandalöser Aktionen hat man nie das Gefühl, hier wolle sich jemand unbedingt auf Kosten der Band wichtig machen. Die musikalische Seite wird dabei nur knapp angerissen. Monk erzählt die Geschichte nämlich konsequent aus seiner Sicht, basierend auf seinen ureigenen persönlichen Verhältnissen zu den Bandmitgliedern und deren Umfeld. Dadurch vermittelt er perfekt das Gefühl, auf der Erfolgsachterbahn mitzufahren und – schlussendlich – die Kontrolle zu verlieren. An diesem Punkt hören dann natürlich auch die Lacher auf, und die Rechnung wird serviert, für die Band, ihren ausscheidenden Sänger und für Noel Monk selbst. Doch Monk erzählt alle Anekdoten mit viel Humor, Selbstironie und Begeisterung für „die Sache“. Auch betont er immer wieder die sympathischen und höchst menschlichen Seiten der Bandmitglieder, die damit zu kämpfen hatten, im noch jugendlichen Alter aus dem Stand zu einer der größten und bis innovativsten Hardrockbands zu werden. Gedanken an ein Morgen zählten nicht, nur das Hier und Jetzt wurde bis zum Letzten gelebt – ein Plan B existierte, wie bei fast allen Menschen Anfang Zwanzig, nicht einmal in der Theorie.

Was aum Auffälligsten bei „Teufelspakt“ ist: die Charakterisierung der Musiker, speziell der beiden Van Halen-Brüder Eddie und Alex, deckt sich hundertprozentig mit der aus der – ebenfalls höchst empfehlenswerten – Autobiografie von Sammy Hagar. Ein weiterer Punkt, der dem Buch Glaubwürdigkeit verleiht. Doch auch für sich stehend vergehen die fast 400 Seiten des Buches wie im Flug. Noel Monk und sein Co-Autor Joe Layden bedienen sich eines lockeren und höchst unterhaltsamen Schreibstils, die fast das Gefühl vermittelt, Monk gäbe dem Leser höchst persönlich und intim einfach ein paar Schwänke aus seinen wilden Jahren mit „diesen Jungs aus Kalifornien“ zum Besten, egal, ob manches vielleicht etwas geschönt oder Anderes möglicherweise der Pointe wegen sogar ein wenig überspitzt wird.

Keine Band verkörpert den ursprünglichen larger-than-life-Spirit des amerikanischen Arena-Hardrock Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger so allumfassend wie Van Halen, und so passt es auch, dass kein mir bekanntes Buch besagtes Flair so plastisch und nachvollziehbar darstellt wie dieses Buch über eben diese Band. Absolute Kaufempfehlung!

Peter Gabriel – Die exklusive Biografie

Peter Gabriel ist ohne Frage eine der faszinierenden Persönlichkeiten unserer Zeit. Vom Miterfinder des Progressive Rock als Frontmann von Genesis über die Phase als MTV-Star der Mittachtziger und seinem Einsatz für Menschenrechte bis hin zum Technik-Guru, der immer wieder neue Wege sucht (und findet!), Musik und ihre Randbezirke weiterzuentwickeln, Gabriels Leben war mit Sicherheit nie langweilig. Eine Biografie des Ausnahmekünstlers ist deshalb in jedem Fall ein willkommenes Werk.

Der Biograf Daryl Easlea hat sich also dem Leben und Wirken Gabriels angenommen, und das Ergebnis dieser Arbeit ist im österreichischen Hannibal-Verlag erschienen. Nun hat Easlea bereits ein ganze Menge Künstlerbiografien verfasst, unter anderem über R&B-Acts und Mainstream-Künstler wie Beyoncé , Black Eyed Peas, Michael Jackson, Chic und Madonna, aber auch über abseitigere Acts wie die Art-Pop-Genies Sparks hat Easlea bereits Bücher geschrieben. Im Falle Gabriel unterteilt er das Ganze in drei Teile: einmal die Genesis-Ära, danach die Solojahre bis „So“ und abschließend die Phase von 1987 bis (fast) heute. Viele Zitate – unter Anderem von den ehemaligen Genesis-Kollegen – machen die Sache durchaus unterhaltsam und interessant. Andererseits wird das Privatleben Gabriels, das ja bekanntlich starken Einfluss auf sein musikalisches Schaffen hat, gerade einmal gestreift. Klar, ein „Kiss & Tell“-Buch will man natürlich auch nicht, doch wie viele unauthorisierte Biographien leidet auch „Without Frontiers“ (so der schönere Originaltitel) darunter, kaum etwas wirklich Neues über den Künstler zutage zu fördern. Im letzten Drittel wird auch seine Vorreiterrolle in Sachen Menschenrechte und Technik kurz angerissen, allerdings geht Easlea auch hier nur wenig ins Detail. Dafür enthält das Buch ausführliche und subjektive Rezensionen der einzelnen Genesis– und Gabriel-Alben. Hier könnte man sich allerdings streiten, ob diese für eine Biografie nicht etwas zuviel Raum einnehmen – schließlich wird man sich als Fan (und an die ist ja so ein Buch für gewöhnlich gerichtet) bereits ein eigenes Bild über die Musik des Künstlers gemacht haben.

Das wäre aber alles durchaus verschmerzbar, doch was das Buch wirklich ein gutes Stück abwertet, ist die unverhältnismäßig große Menge an sachlichen Fehlern, die sich hier eingeschlichen haben. So wird bespielsweise der ehemalige XTC- und jetzige Big Big Train-Gitarrist Dave Gregory ein paar Mal seiner richtigen Band zugeordnet, an einer anderen Stelle aber fälschlicherweise als „späterer Genesis-Gitarrist“ bezeichnet. Auch Jahreszahlen werden öfter durcheinandergebracht, Namen und Songtitel falsch geschrieben und sogar eine offenbar bislang unentdeckte King Crimson-Besetzung von 1985 mit Jerry Marotta an den Drums erfunden. Die Menge an Fehlern nimmt tatsächlich zum Ende des Buches hin zu, als habe den Autor die Lust verlassen – und im letzten Fünftel des Buches entdeckt man selbst als Nicht-Gabriel-Profi alle drei, vier Seiten einen offensichtlichen Fehler. Auch ansonsten nimmt es Easlea mit der Sachlichkeit nicht so genau. So wird auch ausgiebig und ohne Nennung von unterstützenden Fakten spekuliert. Beispielsweise stellt Easlea die höchst wacklige Theorie auf, Phil Collins habe seine Solokarriere musikalisch direkt nach dem Vorbild seines Ex-Sängers konzipiert (wenn es doch nur so wäre, hüstel), auch der Rest der Genesis-Kollegen kommt meist nicht gut weg. Die Behauptung, Genesis hätten den Rest ihrer Karriere im Schatten des Ex-Sängers verbracht, ist auch sehr waghalsig – ist doch generell die häufigste Kritik unter Fans, daß Genesis eben ab 1978 nicht mehr viel mit der Gabriel-Ära zu tun hatten. Auch bleiben viele interessante Fragen zu Gabriels Leben und Arbeit unbeantwortet oder werden, wie beispielsweise der mysteriöse „Mozo“-Songzyklus, nur mit Allgemeinem kurz angerissen.

Trotz des deutschen Titels ist „Peter Gabriel – Die exklusive Biografie“ also eher eine Bewertung Gabriels musikalischen Outputs mit einer durchaus beachtlichen Fülle an Anekdoten als eine echte Biografie, die auf die prägenden Stationen seines Lebens eingeht. Da es ansonsten so gut wie keinen Lesestoff zum Thema gibt, kann man als Interessierter hier durchaus zugreifen, sollte sich aber bewusst sein, dass es hier fast ausschließlich um die Musik geht – der Mensch Peter Gabriel und sein Leben werden hier nicht wirklich greifbarer gemacht.