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Deep Purple – Die Geschichte einer Band

Deep Purple sind nach wie vor eine der bekanntesten und beliebtesten Bands des kompletten Classic-Rock-Zirkus und verfügen über eine höchst bunte und (personell) wechselhafte Bandhistory. Eigentlich verwunderlich, dass es bislang nur eine einzige Bandbiografie in deutscher Sprache gibt, die die komplette History der Britenrocker aufrollt. Diese nennt sich „Deep Purple – Die Geschichte einer Band“ und stammt von Michael Sailer und Jürgen Roth. Die Autoren haben mit dem fünfhundertsechsundsiebzigseitigen Wälzer, der mit Ausnahme von zehn Seiten Schwarzweißfotos in der Mitte und den Albumcovern komplett ohne Bilder auskommt, die komplette Story bis 2007 (als die erste Auflage des Buches erschien) behandelt. Von den ganz frühen Tagen als Roundabout über die Spät-Beat-Phase, die Mark II-Erfolge, die Coverdale/Hughes-Ära, die Reunions, selbst der Spätphase wird fast ebenso viel Raum eingeräumt wie den Hitjahren. Jedes Bandmitglied wird auch zumindest kurz biografisch vorgestellt, so dass man auch einen knappen Einblick in deren Leben außerhalb der Band bekommt.

Alles top also? Leider muss diese Frage mit einem ausdrücklichen „Nein“ beantwortet werden. Der Informationsvielfalt, die allerdings viel der 2004er Biografie von Dave Thompson schuldet, steht nämlich gut zur Hälfte (!) wenig sinnvolles Füllmaterial entgegen, in dem die Autoren sich selbst mit privaten Anekdoten, höchst subjektiven Albumrezensionen und „Essays“ mit fragwürdigem Unterhaltungs- und Nutzwert abfeiern. Dabei agieren die Autoren auf dem sprachlichen und intellektuellen Niveau eines Online-Fanforums. Natürlich, man erwartet bei einer Bandbiografie nicht unbedingt literarisches Niveau, doch in diesem Fall könnte man aus den 570 Seiten problemlos ein 250seitiges Buch destillieren, ohne dabei eine einzige relevante Information auszulassen. Als Beispiele seien hier die „virtuelle Unterhaltung“ der Mark II-Besetzung, die die Autoren aus diversen Interviewschnipseln „zusammengesetzt“ haben, eine Abhandlung über Deep Purple und Fußball, eine über Deep Purple und das Essen sowie die „Fragen eines musikhörenden Arbeiters der Stirn“ genannt (kein Witz!). Der pathetische Tiel des Letzteren verrät dann auch gleich das große Problem mit diesen Parts: Sailer und Roth halten sich – wie die meisten Internettrolls – für enorm witzig und dem „gemeinen“ Fan weit überlegen, beweisen aber im Laufe des Buches regelmäßig, dass es mit ihrer musikalischen Expertise nicht allzu weit her ist.

Denn natürlich wird verbal ordentlich auf den Rest der Siebziger-Hardrock-Blase wie Led Zeppelin, Black Sabbath oder ganz besonders Uriah Heep eingedroschen. Speziell Heep werden so oft mit rüden Worten abgewatscht, dass anzunehmen ist, dass Mick Box mindestens einem der Autoren höchstpersönlich mal die Frau geklaut haben muss. Auch wer einen Tony Iommi als Nichtskönner (Zitat!) abtut, diskreditiert damit vornehmlich sich selbst. Und da die Schreiberlinge zu der Sorte Deep Purple-Fans gehören, die außer der Mark II-Besetzung nichts Anderes akzeptieren, finden sie auch jede Menge harte Worte für alle, die nicht Blackmore (vor allem!), Lord, Gillan, Glover oder Paice heißen. Ob David Coverdale, Joe Lynn Turner oder Glenn Hughes – laut Sailer und Roth allesamt bestenfalls talentlose Fabrikarbeiter, gelegentlich gar Dilettanten oder fiese Trittbrettfahrer auf dem Genie-Zug der Band. Auch diverse Alben von Deep Purple selbst werden oftmals mit markigen Worten abgestraft – so gibt es beispielsweise eine mehrseitige Abhandlung, warum man ‚Smoke On The Water‘ eigentlich als ernsthafter (gähn!) Deep-Purple-Fan verabscheuen sollte, nein, muss. „Come Taste The Band“ war natürlich auch purer Mist, „Machine Head“ nur mitteltoll, die MK I-Besetzung generell für’n Popo. Blackmore-Gattin Candice Night wird bisweilen mit so unfassbar tief unter der Gürtellinie angesetzten Beleidigungen traktiert, dass zu befürchten ist, das hier ein komplexes psychosexuelles Drama verarbeitet wird. Rod Evans war nur ein verhinderter Schlagersänger, genau wie Joe Lynn Turner, und Whitesnake, Captain Beyond und Glenn Hughes‘ komplettes Solowerk sind auch verabscheuungswürdig bis strafbar, mindestens aber komplett peinlich. Und so weiter und so fort. Natürlich, all das ist luftleeres Geschwätz auf dümmlichem Stammtischniveau, argumentieren wollen oder vielmehr können die Schreiber diese Provokationen – natürlich – nicht. So bleiben hohle Phrasen, die auch nicht automatisch dadurch haltbarer werden, dass man sie auf Papier druckt.

Kurz: die Autoren haben hier keine Biografie, sondern ein ziemlich uninteressantes „Wie ich Deep Purple sehe“-Buch geschrieben. Und da Meinungen bekanntlich wie Arschlöcher sind (jeder hat eins), ist der Unterhaltungswert des Buches somit für alle, die nicht selbst daran mitgeschrieben haben, ziemlich gering. Wer über entsprechende Englischkenntnisse verfügt, dem sei Dave Thompsons Biografie „Smoke On The Water“ ans Herz gelegt, das vorliegende Machwerk wird seinem Thema aber nicht im Geringsten gerecht.

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