Phideaux

Infernal

Die letzte Phideaux-Scheibe „Snowtorch“ ist nun bereits satte sieben Jahre her – kein Wunder, dass sich der einst für seinen Bonamassa-Preis-verdächtigen Massenoutput bekannte Phideaux Xavier gleich mit einem Doppelalbum zurückmeldet. Obwohl: die 88 Minuten Spielzeit reizen den Doppeldecker nicht unbedingt bis ins Letzte aus. Aber, „Infernal“ ist eben ein Konzeptalbum, und „einfach mal“ was Weglassen geht da meist nicht. Andererseits hätte man auch fanfreundlicherweise die Songs der „We Only Have Eyes For You“-Singleauskoppelung als Bonustracks anhängen können, statt sie separat zu veröffentlichen.

Veröffentlichungspolitik hin oder her, hier soll’s ja um die Musik gehen. Für Phideaux-Verhältnisse wurde die diesmal von einem relativ überschaubaren Ensemble eingespielt. Mark Sherkus (keys) und Gabriel Moffat (gtr) sind ja bereits seit „Ghost Stories“ involviert, aber auch der Rest des Teams – Matthew Kennedy (bs), Johan Unicorn (sax, keys), und die wunderbare Ariel Farber (voc, violin) – ist mittlerweile seit über zehn Jahren dabei. Ja, und Drummer Rich Hutchins steht natürlich bereits seit dem Debütalbum an Xaviers Seite. Somit ist zwar Phideaux Xavier einmal mehr klar der Star der Scheibe, aber das Ganze klingt im Vergleich zu manch älterem Phideaux-Werk angenehm nach Mannschaftsleistung. Musikalisch gibt es urtypische Phideaux-Kost, „Infernal“ soll schließlich die mit „The Great Leap“ und „Doomsday Afternoon“ begonnene Trilogie abschließen. Und so gibt es wieder höchst abwechslungsreiche Songs, die von klassischem Siebziger-Prog über Folkiges und Poppiges bis zur spacigen Psychedelia gehen und ohne viel Ballast oder gar Selbstverliebtheit in höchster Melodieseligkeit schwelgen. Dass die ganze Geschichte nicht aus dem Ruder läuft oder gar im Kitsch ersäuft, ist durchaus auch der Verdienst der Sänger. Ariel Farber gibt die traditionelle Elfe mit leichter Kate Bush-Note, dem setzt der Chef höchst selbst seinen unverwechselbaren, unkonventionellen Gesangsstil entgegen, der wie immer irgendwo zwischen Ian Anderson, Marc Almond und dem britischen Exzentriker Matt Berry angesiedelt ist und somit – auch wie immer – die üblichen Klischees entweder gekonnt umgeht oder clever in ungewohnte Zusammenhänge einbettet. Für Uneingeweihte lässt sich der Sound durchaus mit den spacigeren Momenten von Ayreon oder Arjen Lucassens „Lost In The New Real“-Album vergleichen, wenngleich Phideaux freilich in keinster Weise eine musikalische Kopie von irgendjemand darstellen. Was Arjen und Phideaux auf jeden Fall verbindet, ist der ungezwungene, ja, verspielte Umgang mit jeder Art musikalischer Ausdrucksform und das Talent, alles vollkommen bruchstellenfrei in den ureigenen Sound zu adaptieren – und eine gewisse Lockerheit, die man im Prog eben viel zu selten hört.

Richtige Anspieltipps sind natürlich hier schwer zu geben – „Infernal“ funktioniert, auch aufgrund der zahlreichen ein- bis zweiminütigen Zwischenspiele, eigentlich nur am Stück so wirklich. Für Progfans sollte es ja aber keine ungewohnte Praxis sein, sich einem Album einfach mal für knapp 90 Minuten hinzugeben. Für alle, die Phideaux schon immer mochten, ein absoluter Pflichttermin, aber auch für Neulinge, die traditionelle und trotzdem originelle Progsounds mögen, bietet „Infernal“ einen exzellenten Einstieg in die Welt von Phideaux. Und wer weiß, da derzeit ja gleich mehreren Underground-Progbands endlich die verdiente Aufmerksamkeit zuteil wird, vielleicht schaffen es auch Phideux endlich an die Spitze der US-Progbands. Musikalisch gehören sie da sowieso schon länger hin… die Wartezeit sei deshalb hiermit eindeutig entschuldigt. Zu beziehen bei Just For Kicks!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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