Eine bunte Reise in die 80er mit HAKEN

Sie werden oft bemüht und genau deshalb wirken Superlative oft recht abgedroschen. Grösste Band, lauteste Band, erfolgreichste Band, schnellste Band - das alles sind im Rock- und Metalzirkus oft gehörte Kategorien. Doch was ist mit Bands, die gelungen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen? Die frisch und gleichzeitig irgendwie Retro sind? Professionelle, hervorragende Musiker, aber total bodenständig? Deren Musik viele Assoziationen zu bekannten Bands hervorruft und trotzdem unverwechselbar eigenständig sind? Ja. Solche Bands sind eher selten. Eine davon sind die Progressive-Metaller Haken aus London, über die wir in den letzten Jahren öfter berichtet haben und die aktuell auf Europa-Tour sind.

1.jpgHaken haben auf ihrer aktuellen Tour zwei Supportbands dabei, von denen Arkentype aus Norwegen den Abend im Mini Z7 eröffneten. Zum Ärger mancher Besucher 20 Minuten vor dem offiziell bekannt gegebenen Beginn um 20 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings auch erst rund 40 Konzertbesucher eingetrudelt, die als Lohn für ihr frühes Eintreffen ein junges, talentiertes und enorm energiegeladenens Quartett aus Kristiansand in Norwegen erleben durften. Letzten Herbst haben die Jungs ihr Debütalbum „Disoriented“ veröffentlicht, das für den „neuen Progressive Metal“ der 2010er Jahre steht. Der Einfluss vom Hardcore bzw. Metalcore ist eindeutig da, aber auch die sehr ruhigen, zarten Passagen, die von Streicher-Samples vom Keyboard akzentuiert werden. Alle Musiker sind talentiert und haben Biss, beim Sänger Kevin Augestad kommt die Klasse der Band aber besonders zum tragen. Die Stimme des bärtigen Blondschopfs hat eine beeindruckende Bandbreite von lieblichem Tenor-Gesäusel bis zu ultra-derben Deathcore-Screams – und all das setzt der Mann auch ein. Währenddessen machen sich Bassist Simen und Gitarrist Simen eine Riesengaudi daraus, von der Bühne zu hüpfen und Ihre Instrumente spielend zwischen den in lockeren Gruppen zusammenstehenden Zuschauern wie von der Tarantel gestochen umherzulaufen. Sehr zum allgemeinen Amüsement der Besucher. Gut 30 Minuten dauert das Spektakel, mit dem die jungen Skandinavier eine hervorragende Visitenkarte abliefern. Wer Leprous und Bands wie Animals As Leaders oder Between the Buried and Me mag, der liegt bei den durchaus vielversprechenden Arkentype goldrichtig.

2.jpg „Special Providence aus Ungarn dürften vor allem den Jazz-Fusion-Fans aus der Progressive-Rock-Fangemeinde ein Begriff sein. Anders als die Neulinge von Arkentype sind die Musiker ein paar Jahre älter und haben bereits vier Alben im Gepäck. Im letzten Jahr traten die Mannen aus Budapest unter anderem auf dem bekannten „Night of the Prog Festival“ auf der Loreley auf, das heutige Konzert ist der erste zweite Auftritt bei den Eidgenossen. Die Musik der Herren aus dem Land des Gulasch ist das, was man landläufig als „anspruchsvoll“ bezeichnet. Eine sehr jazzlastige Variante des Progressive-Metal, rein instrumental, dafür mit exzellenten Musikern und ebenfalls ordentlich Power unter der Haube. Vor allem der sehr klare Keyboard-Sound erinnert an Prog-Bands der 80er, aber auch die wunderbaren Gitarrensoli begeistern. Das Publikum ist inzwischen auf rund 100 Mann angewachsen, das fast andächtig-staunend den „Verrenkungen“ der Band lauscht. Der grosszügige Applaus nach rund 45 Minuten beweist, dass das heutige Publikum mit extravaganten Klängen nicht überfordert ist.

3.jpg „Ende April 2016 war das vierte Haken-Album „Affinity“ veröffentlicht worden, das auf dieser Tour präsentiert werden sollte. Bereits der Vorgänger „The Mountain“ von 2013 war exzellent, so dass man sich im Vorfeld fragen konnte, wie das neue Album werden würde. Nicht, dass die bisher erschienenen Alben nicht schon sehr gut gewesen wären, aber mit „The Mountain“ hatten die Briten ihren eigenen Sound gefunden. Und nun? „Affinity“ geht in eine andere Richtung und schlägt so allen, die ein „The Mountain II“ erwarteten, ein Schnippchen. „Affinity“ flirtet unverschämt mit Sound und Optik der 80er Jahre. Unverschämt gut, nämlich im wundervollen „Haken-Style“! Die grossen Dream Theater zehren vom Erfolg der früheren Jahre, Innovation ist anders. Haken sind innovativ und man muss sich unweigerlich fragen, warum diese Band nicht grösser ist. Wobei unverkannbar ist, dass die Band auch in der Schweiz einiges an Fans gewonnen hat seit ihrem letzten Auftritt vor 2,5 Jahren. Das bemerkt auch Sänger Ross Jennings höchsterfreut bei seiner Begrüssung nach dem Auftakt mit ‚Initiate‘ vom neuen Album. Schätzungsweise 150 Besucher stehen ungefähr 30 beim letzten Mal gegenüber. Eine satte Steigerung zum Fünffachen!5.jpg „Doch zurück zum Konzert: Spielfreude und technische Versiertheit an den Instrumenten war schon immer eine Eigenschaft von Haken – doch 2016 klingt Haken live NOCH besser als auf dem Album. Auch die 80er sind eingefangen. Nicht nur mit dem typischen Synthie-Sound von Keyboarder Diego Tejeda bei ‚1985‘, der mit seiner Keytar an den Bühenrand kommt um das Solo zu bringen. Dazu dreistimmiger Gesang und Ober-Haken Richard Henshall liefert eine zweite Keyboard-Spur! Auch bei der Optik ist die Sache stimmig. Die Lichtshow geizt nicht mit Pink, Orange oder dem Türkisgrün der leuchtenden Brille, die Jennings zu dem Song trägt und die die typischen Neon-Farben der 80er als Vorbild hat. Auch ‚Earthrise‘ trägt diesen gewissen Touch in der Musik, die man mit Soundtracks von TV-Serien und Filmen aus jenem Jahrzehnt verbindet. Nach den zwei Highlights und Publikumslieblingen ‚Pareidolia‘ (traumhafte Melodien) und ‚Cockroach King‘ (traumhafter Satzgesang) von „The Mountain“ folgt das Kernstück des neuen Albums. ‚The Architect‘ dauert knappe 16 Minuten und wandert vom Electro-Overflow über bedrückende groove-metal-artige Riffs, ausschweifende Gitarren- und Tastenstrecken und vielseitige Gesangslinien inklusive Growls. Sechs Songs in einer Stunde, jeder einzigartig, jeder anders, jeder grossartig! Hier ist Prog. Hier gibt es keine Grenzen.

4.jpg „Nach einem Keyboard-Solo von Tejeda folgt das die achtminütige Pop-Ballade ‚Deathless‘ von „Visions“ und ‚Celestial Elixir‘, bei dem es einem Besucher „zu bunt“ wird. „Ist ja schon geil, aber Zirkus-und-Karussell-Klänge sind mir jetzt zu viel…“. Selbst schuld, die Halle zu verlassen, denn es folgt noch ‚Endless Knot‘ vom neuen Album und erst dann gehen die fünf Musiker erschöpft von der Bühne. Nach anhaltendem Applaus und Zugabe-Rufen folgt als Zugabe noch der bombastische 20-Minuten-Brocken ‚Crystallized‘ von der 2014er-EP „Restauration“, eine Klangreise, die eigentlich genug Musik für mehrere Songs enthält. Was für ein Konzertabend wieder mit Haken. Ein erneut lebendiger Beweis, dass die Jungs eine DER Bands der Stunde sind im Prog-Bereich.

7.jpg „Der weitere Weg nach oben ist nur eine Frage der Zeit. Auf dieser Tour haben Haken erstmals „VIP“ Tickets für ein Meet & Greet mit der Band angeboten, die für 40 englische Pfund für den Riesenfan eine faire Sache sind. Erinnerungsfoto, ein exklusives T-Shirt und das Dabeisein beim Soundcheck. Nach dem Konzert hatte sich die Band beim letzten Auftritt am Merchstand eingefunden und Fotos und Autogramme gegegeben. Doch wer Haken den beginnenden Ausverkauf vorwerfen mag (zumal die fünf den Erfolg verdient haben): Auf ihrer Webseite beteuern die Jungs, auch in Zukunft so oft wie möglich die Fannähe nach den Auftritten zu suchen. Die Jungs sind also noch immer britisch-sympathisch-bodenständig. Auch wenn es mit dem inoffiziellen „Hallo“ in Pratteln wohl nicht geklappt hat.

Setliste (Pratteln, Z7, 30.05.2016):

Affinity.exe

Initiate

Falling Back to Earth

1985

Earthrise

Pareidolia

Cockroach King

The Architect

Deathless

Celestial Elixir

Crystallised

Zugabe:

The Endless Knot

(Alle Fotos mit freundlicher Unterstützung von Daniel Strub)

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