DEINE COUSINE – Es macht „Bang Bang“ in Bochum

Nur wenige Tage nach Veröffentlichung ihrer zweiten Platte „Ich bleib nicht hier“ musste Ina Bredehorn aka Deine Cousine eine kleine Hiobsbotschaft verkünden: Beim letzten Support-Konzert für Die Toten Hosen, verletzte sich die Musikerin am Bein, und darf auf der unmittelbar im Anschluss beginnenden eigenen Tour keine wilden Bewegungen auf der Bühne machen. Wer Ina schon einmal live erlebt hat, weiß, was das für sie und ihre Performance bedeutet. Am heutigen Abend macht sie mit ihrer Band Halt in Bochum. Von den verhaltenen Ticketverkäufen, die allgemein ein Problem sind, und von denen Deine Cousine Whiskey-Soda im Interview erzählt hat, ist im Club Rotunde nichts zu merken – die Hütte ist rappelvoll, was sich allerdings auch an der extrem stickigen Luft bemerkbar macht. Das soll aber auch das einzige Manko des Abends bleiben.

Leise und düstere Keyboard-Klänge eröffnen „Ich bleib nicht hier“, und die Stimme klingt aus den Boxen – aber wo bleibt die Sängerin? Aus dem Backstage werden die ersten Strophen gesungen, erst zum Finale humpelt Frau Bredehorn an einer Krücke auf die Bühne, auf der ihre Kollegen schon voll im Einsatz sind. Nahtlos geht mit „Träume findet man im Dreck“ und „Kiez oder Kinder“ weiter. Nach den ersten drei Liedern wird das Publikum begrüßt, und die Künstlerin erklärt ihre Verletzungsmisere. Die vorbereitete fahrbare Sitzgelegenheit (bestehend aus einem Rollbrett und zwei leeren Kisten Bier) hält der Statik-Prüfung jedoch nicht stand, und so entscheidet sich die Patientin, den Abend doch komplett im Stehen zu verbringen, was ihr einen tosenden Applaus beschert. Das Programm besteht aus dem gesamten neuen Album, einem Großteil vom Erstling „Attacke“ und einigen Cover-Songs. Die Combo spielt u.a. eine teilweise eingedeutschte Version von Springsteens „Dancing In The Dark“.

Ursprünglich wollte Deine Cousine alle Balladen aus dem Programm streichen, wie sie zwischendrin erzählt, da ihr aufgrund mangelnder Bewegungsfähigkeit ohnehin alle Nummern wie Schnulzen vorkommen. Glücklicherweise konnten ihre Mitmusiker sie überzeugen, die „Sollbruchstelle“ zur Halbzeit im Set zu belassen. Nur von Gitarrist Flo begleitet erzählt sie die bewegende Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die ihren Körper auf dem Straßenstrich in Hamburg verkaufen muss. Aber die ruhigen Momente bilden die absolute Ausnahme, ansonsten gibt es das volle Brett mit Punk-Klatschen wie „Bang Bang“ und „Bielefeld, Paris oder Madrid“, zu denen sich fleißig bewegt und mitgeklatscht wird. Textsicher werden alle Tracks mitgesungen, sogar die, die vor gerade einmal einer Woche veröffentlicht wurden. Das Publikum ist dabei auffallend bunt gemischt, vom Grundschul-Alter bis weit in die 50er ist jedes Lebensjahrzehnt vertreten.

Mit der Aufforderung „Einen noch“ zu heben verabschiedet sich die Truppe nach knapp 80 Minuten – doch natürlich war es das noch nicht. Bei der ersten Zugabe „St. Pauli“ schickt die Frontfrau ihren Bassisten Daniel als Anführer einer Polonaise, an der sich alle Zuschauer*innen beteiligen, einmal quer durch den Saal. Ganz zum Schluss wird es dann doch noch einmal ruhig, und Ina bittet zum Abschied leise „Bitte bring mich nach Hause“.

Fröhlich strahlend und verschwitzt verlassen die etwa 300 Gäste den Saal. Der vermutlich jüngste Zuschauer hat das Ende der Show allerdings nicht miterlebt, und liegt friedlich schlafend im Foyer auf einem Sessel. Er wird sich am nächsten Morgen bestimmt ärgern, wenn der Rest der Familie begeistert vom Vorabend erzählt.

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Fotos: Wollo@Whiskey-Soda

Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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