Billy Talent – Das ist unser Krieg

Nordamerika hat im letzten Jahr auf politischer Ebene besonders brisante Momente erlebt. Nicht nur das CETA-Abkommen zwischen Kanada und Europa bereitet in den Gesichtern vieler EU-Bürger Sorgenfalten. Auch der kontroverse, frisch vereidigte 45. Präsident der USA Donald Trump wird auf der ganzen Welt sowohl mit Spannung als auch Skepsis beobachtet. Dies alles geht auch an Billy Talent nicht spurlos vorbei. Was die Kanadier von diesen Veränderungen halten und wie sehr es sich in ihrem neusten Album widerspiegelt, verrät uns Gitarrist und Songwriter Ian D'Sa.


‚Afraid Of Heights‘ – das fünfte Album der Band – kümmert sich um die Ängste der Musiker selbst.

Welche Ursachen stecken dahinter? Ist es, weil die Medien oder die Gesellschaft uns diese Ängste beigebracht haben, oder ist es unser wahres Empfinden? Und welchen Prüfungen müssen wir uns dadurch stellen?

Genau diese Fragen sollen sich auch die Hörer stellen. Der Appell von Billy Talent richtet sich gegen das Hände-in-die-Hose-stecken, gegen das bequeme Akzeptieren von politischer Intoleranz und sozialen Ungleichheiten. Sie fordern die Bevölkerung auf, den Schritt zu einem Wandel zu wagen. Bereits in den ersten Zeilen des Albums ‚Brothers in arms that share my fears, Time to protect what you hold dear, There’s been a rise in new ideas, Threatening to change the way we live‘ im Opener ‚Big Red Gun‘ wird deutlich, dass diese Sorgen ihrer Meinung nach von zahlreichen Menschen geteilt werden. billytalent_ian.jpg
Zu den besungenen neuen, bedrohlichen Ideen gehört sicherlich auch die Vorstellung, einen Donald Trump im Weißen Haus zu sehen. Einen Republikaner, welcher die Klischees seiner Partei in neue Dimensionen hochgeschraubt hat. Auch auf ‚Afraid Of Heights‘ wird der künftige US-Präsident thematisiert:

der einzige Song, bei dem wir während des Songwritings Donald Trump vor Augen hatten, noch bevor er die Präsidentschaftswahl für sich entschieden hat, ist ‚This Is Our War‘. Er hat während seiner Wahlkampagne immer wieder rassistische, homophobe, misogyne Äußerungen in der Presse von sich gegeben und hat trotzdem die Wahl gewonnen. Das ist es, was mir am meisten Angst macht vor Amerika. Es ist ein großer Verlust an Gleichheit und Moral und ein Rückschritt in der Zeit.

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Bestes Beispiel für Trumps mehrfache Fauxpas ist die Beleidigung eines behinderten Journalisten der ‚New York Times‘. Diesen hat Trump auf offener Bühne nachgeäfft und lächerlich gemacht hat. Das dürfte besonders den Billy Talent-Jungs gehörig gegen den Strich gehen: Drummer Aaron Solowoniuk leidet an MS und muss seit letztem Jahr live vertreten werden. Nach einem Konzert vor einem Monat in Berlin kam Aaron aber auf die Bühne und bedankte sich bei den Fans. Damit setzen sie ein Zeichen für die Beachtung und das Respektieren von schwerwiegend erkrankten Personen in unserer Gesellschaft.

Ein weiterer Effekt, den ein Präsident Trump mit sich zieht, ist laut Ian ein engerer Zusammenhalt zwischen Kanada und EU. Dem Prinzip von Frankfort Moore folgend, dass das stärkste Band der Freundschaft ein gemeinsamer Feind sei, würde die Beziehung freundschaftlicher werden. Ein erstes Anzeichen dafür ist das CETA-Abkommen, welches zwischen den beiden Staaten nach großem Hin und Her beschlossen wurde. Von dem hierzulande eher umstrittenen Handelsabkommen erhofft sich die Band positive Auswirkungen für alle:

es wird Jobs schaffen und eine Konjunktur auf beiden Seiten bewirken. Das NAFTA-Abkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko funktionierte sehr gut, deshalb sehe ich nicht den Nachteil, welchen die EU von CETA haben soll.

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Das Album behandelt aber auch positive, hoffnungsvollere Themen. Im Track ‚Afraid Of Heights‘ – Ians Lieblingssong der Platte – wird die Höhe zur Metapher für Liebe. Und die damit verbundenen Ängste zur Prüfung, die man nur mit dem richtigen Menschen an seiner Seite überwinden kann. Er selbst habe wohl keine Höhenangst.

Tatsächlich mag ich es sehr, Dinge hochzuklettern und so eine neue Perspektive von weiter oben zu bekommen.

Wie wörtlich oder bildlich er das meint, bleibt offen.

Für 2017 erhofft er sich ein schlichtweg besseres Jahr als 2016:

zu viele talentierte und bahnbrechende Musiker sind dieses Jahr von uns gegangen… ganz zu Schweigen vom Brexit und Trump.

BartekJC

- aus Hannover - studiere auf Lehramt Musik und Erdkunde - bei Whiskey-Soda seit 2013 - Rubrik: Indie, Pop, Folk, Rock - Lieblingsmusiker 1950-2000: The Beatles, David Bowie, INXS, Die Ärzte, Queen, U2, Stevie Wonder, Elvis Presley, Michael Jackson, Jefferson Airplane, Nico & The Velvet Underground, Beach Boys, Sting 2000-heute: Bon Iver, The 1975, alt-J, Arcade Fire, Mumford And Sons, Florence + The Machine, KAKKMADDAFAKKA, Gorillaz, Ben Howard, AnnenMayKantereit, Imagine Dragons, Ed Sheeran - Festivals: Hurricane seit 2012 

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