ATTACK:NOW – STALLION, THRON und VIRVUM überzeugen bei Regional-Festival in der Schweiz

Die Live-Landschaft liegt seit eineinhalb Jahren Corona sei „Dank“ mehr oder weniger am Boden. Und selbst nach der Zunahme der Impfquote gibt es nach wie vor viel Unsicherheiten und Touren werden verschoben oder abgesagt. Deprimierte Rockmusik-Fans und unter Druck geratene Veranstalter gleichermaßen hungern nach schwermetallischer Live-Action. Da hat ein kleines, regionales Festival diverse Vorzüge – so wie das zweitägige ATTACK:NOW FESTIVAL im schweizerischen Frauenfeld, unweit von Konstanz am Bodensee. In der ehemaligen Schraubenfabrik Eisenwerk mit metallischem Industrie-Flair versammelten sich am Wochenende rund 300 ausgehungerte Metalheads zum für viele ersten Live-Konzert seit langem. Endlich, endlich, endlich wieder die eingerosteten Nackenmuskeln auf Hochtouren bringen und die langen Mähnen kreisen lassen!

Zeitreise in die 80er mit Megaton Sword und Stallion

Los ging es mit Schweizer Pünktlichkeit nach Kontrolle der Covid-Zertifikate (3G) mit den gefeierten Newcomern Megaton Sword aus Zürich. Die junge Epic-True-Metal-Truppe hat Ende 2020 ihr vielbeachtetes Debüt „Blood Hails Steel – Steel Hails Fire“ veröffentlicht. Nach der Plattentaufe im Eisenwerk ist man zurück mit der Aufgabe, in der kleinen Halle das Festival zu eröffnen. Bei den Jungs stimmt alles: Der Look mit Leder und Nieten, die Attitüde und Gesten und vor allem die Musik. Mit viel Leidenschaft und Ehrerbietung den großen Vorbildern wie Manilla Road gegenüber erwecken die Herren die 80er Jahre zum Leben. Links und rechts der Bühne stehen überlebensgroße Zweihänder-Schwerter, die den lockigen Frontmann Uzzy Unchained locker überragen. Das macht aber nichts, denn beim Sound macht die Truppe keine Gefangenen. Und sorgt mit komplett in Englisch augenzwinkernd durchgezogenen Ansagen von Titeln wie „Songs of Victory“ für begeistertes Schmunzeln.

Die Metaller von Stallion sollten an diesem Abend definitiv für den höchsten Spaßfaktor sorgen. Ursprünglich aus dem oberschwäbischen Ravensburg, setzt sich der Speedmetal-Fünfer inzwischen aus Mitgliedern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Entgegen der Vorband ist die Garderobe hier von hellem Denim, weissen Turnschuhen, Haarbändern und Eyeliner geprägt. Ein bisschen Mötley Crüe geht immer! Frontmann Pauly ist ein wirklich charmanter Zeitgenosse, der mit seinem sympathisch-authentischen Ansagen jede Menge gute Stimmung verbreitet. Musikalisch sind die Jungs Top und es gibt absolut nichts auszusetzen! Launige Hochgeschwindgkeits-Dual-Lead-Duelle zwischen den Gitarristen Claudio und Alex begeistern die Anwesenden. Dazu jede Menge Groove und denkwürdige High-Pitches vom Sänger Pauly; das alles sorgt für maximalen Spaßfaktor im Publikum!

Super eingängig und schnörkellos bringt die stromgeladene Truppe die Langhaarigen im Publikum zum Headbangen. Am Ende ihres Sets werden Stallion absolut berechtigt von einer verschwitzen Menge von der Bühne gejubelt. Wem Namen wie Enforcer, Striker oder Sign of the Jackal etwas sagen, aber Stallion nichts, sollte das unbedingt ändern! In den nächsten Wochen gibt es dazu noch einige wenige Möglichkeiten im Live-Setting.

Potenter Todesmetall aus der Region am Samstag

Nach einer zügigen Umbaupause steht das erste Heimspiel an. Haile Selacid (schriller Bandname, Respekt!) stammen aus Frauenfeld und rumpeln seit einigen Jahren durch den regionalen Untergrund. Roher Metal mit einem rotzigen Schuss Punk-Attitüde und stark vom Black-Metal inspirierten Gesang ist das Geschäft der Jungs. Die rohe Leidenschaft und gewaltige Rythmus-Sektion wird mit viel Schweiß und Bier von den einheimischen Rockfans gefeiert. Und damit ist der erste Abend mit drei Bands und jeder Menge sehnlich vermisster E-Gitarren leider auch schon zu Ende.

Während der erste Tag des ATTACK:NOW ganz im Zeichen des klassischen Metals stand, sind für Samstag Extreme-Metal-Bands angekündigt. Wie für den Abschluß am Vorabend ist für den Auftakt am Samstag eine Gruppe aus der Kantonshauptstadt Frauenfeld zuständig. Und wie Haile Selacid am Vorabend haben auch die Old-School-Death-Metaller Vomitheist einen äußerst sympathischen, rohen Garagen-Charme. Die drei Mann gehen mit jeder Menge Eifer und sichtbar guter Laune daran, die Temperatur in der Halle zu erhöhen. Mal stürmischer, mal beinahe doomig geben sie dabei eine gute Figur ab. Auch wenn das Trio seine eigene kleine Fangemeinde mitgebracht hat, trudeln nach und nach noch Neuankömmlinge ein. Daß sowohl Anzahl als auch Outfits der Besucher sich vom Vortag unterscheiden, liegt sicher auch an der anderen Genre-Mischung. Extreme Metal ist eben tiefster Underground und Frauenfeld tiefste Provinz. Daß unweit auf dem Bodensee zeitgleich noch eine „konkurrierende“ Metal-Cruise auf einem Schiff stattfindet, ist auch nicht gerade förderlich. Nichts destotrotz reicht die Zahl der Besucher beinahe an die des Vortages heran.

Eisiger Blackened-Death-Metal mit Thron

Und das ist auch gut so. Denn mit Thron aus dem Südbadischen steht als nächstes ein hochkarätiger Aufsteiger der letzten Jahre an. Angelehnt an der zweiten Welle des Black Metal der 90er Jahre sind Thron inspiriert von Bands wie Dissection oder Necrophobic. Anfang des Jahres erschien das vielfach gelobte, dritte Album „Pilgrim“. Ein sehr druckvoller Spitzensound, Blastbeats bis zum Abwinken und „sägend-eisige“ Riff-Duelle – das sind die Markenzeichen von Thron. Der Gesang, der das Beste aus Black- und Death-Metal verbindet, ist richtig schön fies und schaurig kalt. Bei aller Aggression sind Thron aber geschickt und eigenständig genug, mit gelegentlichen akustischen Intros oder ähnlichem ruhige Akzente zu setzen. Ihre hervorragenden Live-Qualitäten haben die Black-/Death-Metaller in den letzten Jahren schon häufig unter Beweis gestellt. Unter anderem beim Summer Breeze 2019, wo wir die Band auch interviewt haben. Das schwarze Publikum des ATTACK:NOW spendet großzügig johlenden Applaus.

Impalement sind wie Megaton Sword vom Vortag eine neue Schweizer Band. Im letzten Jahr hat man das selbstproduzierte Debüt „The Impalement“ veröffentlicht. Offensichtliche Vorbilder sind die österreichischen Black-/Death-Metaller Belphegor – damit gehören die Herren stilistisch in eine ähnliche Schublade wie ihre Vorgänger Thron. Im direkten Vergleich unterliegen die düstereren, groovigen Impalement zwar dem druckvollen Sound, dem Variantenreichtum und der Melodik der Deutschen Kollegen. Allerdings haben jene auch mehr Erfahrung auf dem Buckel und einen waschechten Musikproduzenten in ihren Reihen. Dafür, daß Impalement echte Newcomer sind, liefern sie mit blutverschmierten, nackten Oberkörpern einen mehr als gelungenen Vollgas-Gig ab.

Ausrufezeichen zum Festivalhöhepunkt mit Virvum

Samstag 23 Uhr, Festivalabschluss mit den hochgelobten Technical-Death-Metallern von Virvum aus Zürich. Fünf Jahre ist der Release des spektakulären Debüts „Illuminum“ her. Eine kleine, aber eingefleischte internationale Fangemeinde wartet seither sehnsüchtig auf den Nachfolger. Im letzten Jahr fiel die geplante Europa-Tour Corona zum Opfer. Erst vor zwei Monaten dann der erste Auftritt seit langem im Zürcher Dynamo Club. Technisch ist die Band brillant und die Kompositionen und Arrangements sind es auch. Eine stimmige Lightshow in den Farben des Album-Covers in Grün, Blau und Violett sorgt neben den heftigen Klängen für eine Klasse Atmosphäre. Fasziniert beobachtend stehen die Headbanger vor der Bühne. Wegen der vertrackten Rhythmen und dem hohen Tempo sind Virvum anspruchsvoll und sicher nicht jedermanns Geschmack. Weniger begeistert ist die inzwischen geschrumpfte Fangemeinde deshalb aber nicht. Und das ist auch kein Wunder. Virvum sind nicht nur progressiv, sondern auch stimmungsvoll und ultra-hart.

Zwei Tage, sieben Bands! So schnell kann die Zeit vergehen, wenn E-Gitarren, Bier und Vollgas-Spaß Regieren! Und das nervige Corona-Virus endlich mal in den Hintergrund rückt. Das Team vom ATTACK:NOW hat mit viel Herzblut ein familiäres, regionales Hallen-Metal-Festival mit tollen Bands auf die Beine gestellt. Trotz Corona. Respekt, Danke Schön und bis zum Nächsten Mal!

Text: Daniel Frick // Fotos: André Schnittker

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DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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