RAINFORCE – Live-Debüt mit vier Jahren Vorlauf

Eines der spannendsten und erfüllendsten Dinge für jeden Rockmusik-Fan ist es, bei kleinen Underground-Festivals sympathische neue Bands kennenzulernen. Beim schweizerischen Elements of Rock Festival ging es Whiskey-Soda-Redakteur Daniel mit Rainforce so. Die Schweizerisch-deutsch-maltesische Hardrock-Band rockte so überzeugend und mit so viel Spass den Konzertsaal in Uster, dass wir Gitarrist und Bandgründer Andy La Morte definitiv einige Fragen zu seiner Band stellen mussten.

Whiskey-Soda: Hallo Andy, danke, dass du dir ein bisschen Zeit nimmst für unsere Leser. Eine Besonderheit von euch ist ja, dass ihr keine „normale Band“ seid, die sich alle zwei Wochen im Proberaum trifft und dann zusammen abrockt. Auch in eurer Presseinfo steht an einer Stelle „Projekt“, an einer anderen Stelle „Band“. Erzähl doch mal ein bisschen. Woher kommt ihr Jungs, wie habt ihr zusammen gefunden?

Andy La Morte: Ich habe Rainforce als Hard-Rock-Projekt gestartet mit dem Ziel, zusammen mit ein paar tollen Musikern und Freunden meine Songideen aufzunehmen und zu veröffentlichen. So ab 2015 wurde es dann konkreter, als sich die Stammband langsam formierte.

Matt Brand kannte ich schon einige Zeit bevor er mich für die „Harrowing Of Hell“-Sessions für Pÿlon (Doom Metal, Schweiz, muss man kennen) rekrutierte. Für mich war von Anfang an klar, dass ich meine Songs mit ihm zusammen umsetzen möchte. Ich weiss noch genau, dass es für mich die erste Hürde war, ihm meine Songdemos vorzustellen. Matt wäre definitiv so ehrlich gewesen und hätte es mir gesagt, wenn meine Ideen unbrauchbar gewesen wären. Aber zum Glück war er ebenfalls angetan von meinem Konzept und so konnte es dann losgehen.

Benjamin Mann ist unser Drummer aus Bad Säckingen und musikalisch hauptsächlich in progressiveren Gefilden (Power Of God) tätig. Jordan Cutajar wurde mir von Matt empfohlen. Ich kannte seine Stimme von Pÿlon und vor allem Nomad Son aus Malta. Als mir Matt dann eine CD von Jordans zweiter Band Frenzy Mono (klassischer 70er-Hardrock) in die Hand drückte, war mir ziemlich schnell klar, dass ich genau diese Stimme für meine Songs haben wollte.

Mit dem Release von unserem Debüt-Album „Lion’s Den“ war ein persönlicher Meilenstein erreicht. Während dem Aufnahmeprozess haben wir aber schon über die Option einer möglichen Live-Umsetzung gesprochen. Da Matt das Tonstudio der Bühne vorzieht wusste ich, dass Rainforce live ohne ihn stattfinden würde. Ich wollte aber unbedingt Benjamin und Jordan dabei haben. Zum Glcük bekundeten beide ihr Interesse an Live-Auftritten. Da war für mich klar, dass es mit Rainforce auf die Bühne geht.

Mit Jan konnten wir einen Bassisten gewinnen, der es liebt, auf der Bühne abzurocken. Ihn kenne ich, seit ich Matt kenne. Für die Leadgitarre musste jemand her, der das Niveau der Gastbeiträge auf dem „Lion’s Den“-Album halten und auf der Bühne umsetzen konnte. Benjamin hat Michael Piranio vorgeschlagen, mit dem er bereits vorher zusammengespielt hatte. „Ano“ ist nicht nur ein begnadeter Gitarrist, er bringt auch 30 Jahren Erfahrung als Musiker in zahlreichen Bands mit. In den Neunzigern hat er bei Destruction gespielt und ist gerade mit seiner neuen Band WHYS|MAN|SA!D in den Startlöchern.

Whiskey-Soda: Ohne euch andere abzuwerten: Euer Sänger hat mich beim Live-Auftritt besonders beeindruckt. Eine echte Power-Stimme! Er hat ja an dem Tag noch mit einer anderen Band gespielt. Erzähl doch noch ein wenig von ihm.

Andy La Morte: Ganz ehrlich: Mich hat er an diesem Abend auch ziemlich beeindruckt! Er hat sich stimmlich definitiv nicht zurückgehalten und sowohl bei Rainforce als auch später bei Nomad Son auf der Bühne so richtig Vollgas gegeben.

Andy La Morte, Jordan Cutajar, Michael Piranio, Jan Thomas (von links) – live am Elements of Rock 2019

Jordan stammt aus Malta. Er singt dort hauptsächlich bei Nomad Son und ist noch in andere Projekte involviert. Nomad Son spielen eine Mischung aus Doom und klassischem Heavy Metal. Diese Band hat sich in den vergangenen Jahren verdientermassen einen ganz ordentlichen Ruf in der europäischen Doom-Szene erspielt. Insbesondere ihr Zweitwerk „The Eternal Return“ halte ich persönlich für ein Meisterwerk. Wer Nomad Son noch nicht kennt, soll diese Band unbedingt mal antesten. Wir haben uns im Rahmen von Pÿlon vor etlichen Jahren kennengelernt, wo er einige Songs als Gastsänger beisteuerte. Der Rest ist Geschichte.

WS: Ich habe euch ja bei eurem ERSTEN (!!) Auftritt überhaupt auf dem Elements of Rock gesehen. Glückwunsch noch mal zur gelungenen Premiere! Für einen allerersten Auftritt war das wirklich sehr überzeugend. Möchtest du kurz zurückblicken, wie du es erlebt hast?

ALM: Vielen Dank! Ja es war für uns alle in vielerlei Hinsicht ein spezielles Erlebnis. Wir sind total überwältigt von den vielen positiven Reaktionen auf unsere Live-Premiere. Wir wussten zwar im Vorfeld, dass es nicht total schief gehen würde. Aber dass uns ein solch guter Einstand im Live-Sektor gelungen ist und die Reaktionen in dieser Art ausgefallen sind, das hat uns echt auch überrascht. Darauf lässt sich definitiv aufbauen!

Als gesamte Band, also gemeinsam mit unserem Sänger Jordan, haben wir vor dem EoR lediglich zwei Mal geprobt. Bevor wir im vergangenen Herbst zu viert mit den Bandproben gestartet haben, war ich der einzige, der sämtliche Bandmitglieder vorher schon persönlich getroffen hatte. Obwohl es in der Metalszene mittlerweile einige Bands mit ähnlicher Vorgehensweise gibt, hat sich das doch sehr gut entwickelt. Ich staune selber noch über unsere Entwicklung in so kurzer Zeit.

Als wir dann am EoR die Bühne betraten, hatte ich das Gefühl, dass wir dies als gefestigte Einheit taten, musikalisch wie auch zwischenmenschlich!

WS: Musikalisch geht ihr ja als klassischer Melodic Rock oder Hard Rock Act durch. Ich höre da auf euren beiden Veröffentlichungen Alice Cooper raus, AC/DC, aber auch Petra und Bride? Möchtest du ein wenig über Vorbilder sprechen?

ALM: Musikalisch triffst du da sicher den Nagel auf den Kopf. Bands wie Krokus, Alice Cooper, Petra oder Nazareth haben mich auf jeden Fall beim Songwriting, den Gesangsmelodien und den Riffs inspiriert. Aufgrund meiner klar christlichen Lyrics werden wir von der Szene oft als White-Metal-Band wahrgenommen und da liegt natürlich der Vergleich zu Bands wie Petra, Bride, Stryper oder Whitecross auf der Hand. Auch weil Szenegrössen wie Rex Carroll (Whitecross), Jim La Verde (Barren Cross) oder Rex Scott (X-Sinner) auf unserem Debütalbum Gastbeiträge beigesteuert haben.

Für mich persönlich ist das White-Metal-Etikett aber letztlich nebensächlich. Ich spiele die Musik, die am meisten Spass macht und mit der ich aufgewachsen bin. Lyrics sind bei den meisten Bands etwas sehr persönliches. Ich schreibe nun mal über die Dinge, die mir wichtig erscheinen! Da kann, will und werde ich mich nicht verstellen. Wenn sich aufgrund der Lyrics interessante Gespräche ergeben oder sich Menschen davon in irgend einer Weise angesprochen fühlen, dann finde ich das eine richtig grossartige Sache!

Alice Cooper ist in verschiedener Hinsicht ein Vorbild für mich. Nicht nur sein immenses und facettenreiches musikalisches Schaffen, sondern vor allem auch der Mensch abseits der Bühne mit seinen Überzeugungen und sozialen Engagements. Ich halte ihn für eine authentische, gereifte Persönlichkeit. Dafür verdient er höchsten Respekt.

WS: Was hat es mit eurem Bandnamen auf sich?

ALM: Vorauszuschicken ist, dass es in der heutigen Zeit gar nicht mal so einfach ist, einen griffigen Bandnamen zu finden, der nicht schon irgendwo verwendet wird. Eine der ersten Ideen war REINFORCE (von „to reinforce“ = verstärken, stützen, befestigen). Das fand ich ganz passend, fand dann aber heraus, dass es in den USA schon Bands in ähnlichen Genres gibt mit demselben Namen. Weil wir aber unser Album bei einem amerikanischen Label herausbringen wollten, entschied ich mich, einen anderen Namen zu suchen. Ich glaube, es war in einer der ersten Recording-Sessions zusammen mit Matt Brand, als wir auf „Rainforce“ kamen. Dieses Wortspiel lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu. Regen ist so vielseitig. Wasserspender, Durstlöscher, Lebensretter, Zerstörer. Die Menschheit hat vieles im Griff, nur die Elemente zu kontrollieren, das liegt nicht in unseren Händen. Allerdings glaube ich an einen Schöpfer, der über allem steht und der genau dann die Kontrolle übernimmt, wenn uns alles zu entgleiten droht. Das sind ein paar meiner persönlichen Gedanken zum Bandnamen.
Gleichzeitig finde ich, ist RAINFORCE auch „nur“ ein cool und rockig klingender Name, der im Gedächtnis bleibt.

Benjamin Mann, Andy La Morte, Jordan Cutajar, Michael Piranio, Jan Thomas (von links) – Am Elements of Rock 2019

WS: Was ist ein Vor- und was ein Nachteil davon, eine international zusammengewürfelte Band zu sein?

ALM: Eigentlich kann ich gar nicht von Vor- oder Nachteilen sprechen. Es gibt einfach gewisse Dinge, über die man sich von Beginn weg im Klaren sein muss. Die sind quasi „Part of the deal“ und über die muss man untereinander offen kommunizieren.

So muss man, neben der geographischen Distanz, akzeptieren, dass jeder Einzelne noch seine anderen musikalischen und privaten Prioritäten hat. Proben, aber vor allem die Auftritte muss man diesem Aspekt unterordnen. Das hat zur Folge, dass wir nur eine beschränkte Anzahl Gigs pro Jahr spielen können. Und das Ganze funktioniert nur mit Musikern, denen Verbindlichkeit kein Fremdwort ist.

Dazu braucht es noch eine Person, die das Ganze Drumherum organisiert, den Motor am Laufen halt, Ziele vorgibt und Entscheidungen fällt. Das ist meine Aufgabe. Und für diese gebe ich gerne ein Teil meiner Freizeit hin.

….und last but not least muss man, denke ich, auch irgendwo in einer positive Art und Weise verrückt sein, um bei einem solchen Projekt mitzumachen.

Rainforce sind:

Andy La Morte – Gitarren
Benjamin Mann – Schlagzeug
Matt Brand – Bass
Jordan Cutajar – Gesang
Michael Piranio – Gitarre (Live)
Jan Thomas – Bass (Live)

Veröffentlichungen:
Lion’s Den (Album, 2017)
Rock and Roll (EP, 2019)

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DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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